Das Lächeln der fremden Schwestern
Von Eva Wolfangel (Text) und Barbara von Woellwarth (Fotos)
Immer mehr ausländische Schwestern arbeiten in deutschen Krankenhäusern. Und setzen dem deutschen Ernst ein Lächeln auf.
Einmal mehr steht Türkan Getim ein schweres Sterben bevor. Die Krankenschwester der Station 3b des Robert-Bosch-Krankenhauses steht im Patientenzimmer vier vor einem Rollwagen voller Spritzen, Arzneipackungen und Verbandsmaterial. Sie hat die Ellbogen auf den Wagen und den Kopf in die Hände gestützt, blättert in den Akten, liest die krakelige Schrift verschiedener Ärzte, den Bericht der Nachtschwester, die bunten Merkzettel des Oberarztes, die halb durchsichtigen Kopien der Laborergebnisse. Sie schaut auf und mustert den Patienten, dessen Haut gelb ist wie die Fingerspitzen eines starken Rauchers. Am ganzen Körper. "Ihnen geht es nicht gut heute, oder?", fragt sie laut. Trotz der Sorgen, die sich in ihren großen braunen Augen spiegeln, lächelt sie ein wenig. Der Mann dreht sich schwer atmend um. Die Augen hinter den Brillengläsern liegen in tiefen gelben Höhlen. "Nein." Sein Oberkörper bebt. Er schließt die Augen und sinkt zurück. Türkan Getim weiß, dass der Patient nicht mehr lange leben wird. Er hat Metastasen in der Leber. Draußen stehen zwei Schwestern der vorigen Schicht. Sie schauen ernst. "Weiß er schon Bescheid?", fragt Türkan in die Runde. Schweigen. Sie bleibt beharrlich: "Wissen die Angehörigen Bescheid?"
Türkan Getim, 28
Die richtigen Worte zu finden, das fällt in manchen Situationen keiner Krankenschwester leicht. Türkan Getim hat darin besondere Übung. Sie ist 28 Jahre alt und arbeitet seit fünf Jahren im Robert-Bosch-Krankenhaus. Unter ihren deutschen Kolleginnen fällt sie auf, weil sie einen dunkleren Teint und große braune Augen hat. Jeder Zehnte, der hier arbeitet, kommt nicht aus Deutschland.
Türkan ist eine von 200 ausländischen Mitarbeitern der Klinik auf dem Stuttgarter Burgholzhof. Die L-förmigen Neubauten thronen hoch über den Weinbergen oberhalb des Stuttgarter Pragsattels. 870 Betten, 16 Fachabteilungen und neun Operationssäle finden sich hinter der gläsernen Fassade. 1.800 Schwestern, Pfleger und Ärzte sollen laut Leitbild dafür sorgen, dass sich die Patienten dennoch individuell betreut fühlen. Die ausländischen Mitarbeiter helfen dabei. Denn sie haben gelernt, sich in eine fremde Kultur einzudenken, und damit gezeigt, dass sie flexibel sind. Sie gelten als einfühlsam und freundlich. Vor allem sind sie vielseitige Dolmetscher. Türkisch-Deutsch ist Türkan Getims leichteste Übung. Aber sie kennt auch das andere Wörterbuch. Oft übersetzt sie Arzt-Deutsch in Patienten-Deutsch, nüchterne Untersuchungsergebnisse in mitfühlende Worte, lateinische Anatomiebegriffe in allgemein verständliche Namen für Körperteile.
Der Stumpf ist das Erste, was Schwester Türkan sieht, wenn sie Zimmer sechs betritt. Der stechende Geruch von Kot und Urin das Erste, was sie riecht. Das schwere Atmen des Patienten am Fenster ist das Erste, was sie hört. Der Stumpf gehört zum Patienten an der Tür. Wenn er sein linkes Bein anwinkelt, ragt der Stumpf des rechten in die Höhe wie ein abgebrochener Ast. "Schwester, ich habe Scheinschmerzen", sagt der gekrümmte Mann. Er fixiert sie mit stechendem Blick. Er schimpft über seine Zimmernachbarn. Türkan begutachtet die Operationswunde. "Das sind Phantomschmerzen", übersetzt sie. Der Mann lacht laut und gequält. "Meinetwegen auch das."
Nicht alle Patienten lassen sich etwas sagen. Türkan Getims Lächeln bekommt in solchen Fällen eine Spur von Strenge. Wie eine Mutter, der die Kinder für einen Moment zu sehr auf der Nase herumtanzen. Sie hat eine Methode entwickelt, mit der sie immer offen sein kann, selbst gegenüber anstrengenden Patienten. Sie stellt sich vor, sie selbst würde da liegen, oder ihre Eltern. In der Türkei, sagt sie, werden die Patienten von ihren Angehörigen versorgt. Wenn sie an das Gesundheitssystem ihrer Heimat denkt, bekommt ihr Gesicht bittere Züge. Wer kein Geld hat, werde gar nicht behandelt. Sie hat in Deutschland viele Landsleute kennengelernt, die allein wegen des Gesundheitssystems nicht zurück wollen.
Türkan klopft an die Tür von Zimmer fünf, drückt die Klinke und atmet durch. Kein Gestank, kein Geschrei, kein Geschimpfe. Eine Oase. Neben dem Bett am Fenster steht ein Infusionsständer. Der Schlauch führt zur Hand einer Frau. Als sich Türkan nähert, stöhnt die Patientin leicht auf. Sie hat hohes Fieber. Die Schwester nimmt ihre Hand. "Ich habe gehört, Sie hatten viel Besuch gestern?" Die Frau öffnet die Augen. Sie antwortet auf Türkisch.
Als Türkan Getim das Zimmer wieder verlässt, haben sie über vieles gesprochen. Über Türkans griechischen Mann, ihren einjährigen Sohn und über die vier bereits erwachsenen Kinder der Patientin. Über den Zusammenhalt der Familien und darüber, dass türkische Patienten oft viel Besuch kriegen und sich deutsche Zimmernachbarn bisweilen beschweren. Ohne Türkan Getim wäre die Patientin zum Schweigen verdammt. Sie kann kaum Deutsch. Nun soll sie auf eine andere Station verlegt werden. Sie hat Angst. Wer wird sie dort verstehen?
Rosalina Santos, 34
Drei Etagen tiefer, auf der Dialysestation, träumt sich Lothar Uhrig nach Sri Lanka. "Wenn ich dort wäre, könnte ich mich nicht so einfach verständigen", sagt er, als würde er laut nachdenken. Er ist 76 und war noch nie in Asien. Er weiß, dass die Schwester Rosalina Santos "nicht von hier" ist. Sie kommt von den Philippinen und nicht aus Sri Lanka. Aber über diese kleine Ungenauigkeit sieht die 34-Jährige hinweg und lacht. Deutsch spricht sie seit 17 Jahren, seit sie ihrer Mutter nach Deutschland folgte und erst einen Sprachkurs und dann die Ausbildung zur Krankenschwester machte.
Lothar Uhrig hält sich die Augen zu. Nicht, weil er Schwester Rosalina nicht sehen will - eine zierliche Frau mit braunen Augen und dunklen langen Haaren, die hinter ihr herhüpfen, wenn sie forsch von einer Liege zu anderen geht. Lothar Uhrig will die große Nadel nicht sehen, die gleich in seinem Oberarm stecken wird. Er verzieht das Gesicht und dreht den Kopf auf die andere Seite. Als die Nadel steckt und sein Blut durch die Schläuche in die Maschine neben der Liege gluckert, öffnet er die Augen und schaut die Schwester prüfend an. "Ich kenne Sie jetzt so lange", sagt er dann langsam. "Sie sind ja schon praktisch eine Schwäbin."
Die meisten Dialysepatienten kennen Rosalina Santos schon lange. Sie müssen jeden zweiten Tag auf die Station kommen, egal ob sie Zahnschmerzen, Depressionen oder einen verstauchten Fuß haben. Ohne die Maschine kann kein Dialysepatient leben. Viele von ihnen sind länger hier als Rosalina Santos. Während der vierstündigen Dialyse haben die Patienten Zeit zum Nachdenken. Einige haben beobachtet, wie die Krankenschwester vor sechs Jahren im Robert-Bosch-Krankenhaus angefangen hat. Sie haben verfolgt, wie sich das ehrgeizige Mädchen zur stellvertretenden Stationsleiterin hochgearbeitet hat. Das hat Eindruck geschunden bei den fleißigen Schwaben.
Mahmoud Tawfik hat in diesem Moment nur den Rostbraten im Kopf. Schwester Rosalina steht an seiner Liege und misst seinen Blutdruck. "Nur wenn Sie mir Falafel machen", sagt sie lachend, als Tawfik sie zum Essen einladen möchte. "Ich koche so gerne", sagt der Ägypter. Dann planen sie den Abend. Er wird kochen, sie wird zum Essen kommen. Vielleicht wird er vorher noch ein wenig im Garten arbeiten, und sie wird ihm dabei zusehen. Vielleicht wird sie einen Zweig seiner selbst gepflanzten Pfefferminze mitnehmen. "Dann könnt ihr hier immer Tee trinken." Aber zum Essen wird es ein Glas Wein geben. Schwester Rosalina verdreht die Augen wie ein französischer Koch beim Verkosten einer besonders leckeren Spezialität. Sie überprüft den Sitz der Nadeln. "Alles okay?", fragt sie. Und wirft einen letzten prüfenden Blick auf das summende Gerät. "Angenehme Dialyse", sagt sie lächelnd, "bis später."
Das geplante Essen wird nicht stattfinden. Das wissen beide. Es ist ein Spiel. Wer sich seit Jahren kennt, benimmt sich auch so. Der Umgangston ist vertraut. Den einen oder anderen Patienten kennen die Schwestern länger als ihren Lebenspartner. Man hat gemeinsam Höhen und Tiefen durchschritten. So entsteht eine Herzlichkeit, deren räumliche Grenze die Stationstür ist. Eine Herzlichkeit, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass es sich um ein Arbeitsverhältnis handelt.
Das muss sich auch Rosalina Santos immer wieder vor Augen halten. Das Arbeiten auf der Dialysestation ist ein Spagat zwischen Emotion und Distanz. Wenn die Schwester allen Einladungen der Patienten folgen würde, käme sie aus dem Feiern nicht mehr heraus. In der Küche der Station stapeln sich die Mitbringsel - Kuchen, Kekse und Pralinen. Wenn es zu viel wird, gibt Rosalina Santos denen etwas ab, die oft zu kurz kommen: den Technikern, Fahrern und Putzfrauen.
Soon-Jung Ha-Beurer, 54
Ein paar Schritte weiter ist das Leben noch ganz frisch. Luis hat gerade seine ersten Atemzüge getan, schon liegt er unter kaltem Licht auf einem harten Untersuchungstisch in der Mutter-Kind-Station. "Heul doch net", sagt Schwester Ha zu dem Winzling. Aber Luis liegt rot und schreiend auf einem Handtuch. "Wir gehen gleich zur Mama", sagt Schwester Ha tröstend. Drei Köpfe beugen sich über das Neugeborene: der Oberarzt, die Kinderärztin und die Krankenschwester. Sie rätseln über einen Bluterguss an seinem Kopf. "Was hast du da nur gemacht?", fragt Schwester Ha kopfschüttelnd.
Soon-Jung Ha-Beurer hat täglich mit roten schreienden Bündeln zu tun. Luis ist das erste Baby, das an diesem Tag geboren worden ist. Schwester Ha hat seine erschöpfte Mutter kurz zuvor ins Zimmer sechs geschoben. Was für Schwester Ha Alltag ist, ist für jede Mutter eine Sensation.
Luis Händchen ist voller winziger Adern. Die Ärztin sucht eine, die groß genug ist, um Blut abzunehmen. Sie sticht vorsichtig in den kleinen Handrücken. Erfolglos. Kein Tropfen Blut. Sie überdehnt die Hand, drückt mit zwei Fingern auf den kleinen Arm, die Hand wird blau. Kein Tropfen. Luis schreit. Schwester Ha tröpfelt ihm aus einer Spritze ohne Nadel eine Flüssigkeit in den Mund. "Ein bisschen Glucose zum Trost", sagt sie, "etwas Süßes hilft immer."
Die Welt wollte sie sehen, als sie sich nach Deutschland aufmachte. Damals, als aus der jungen Soon-Jung Schwester Ha wurde. Deutschland warb in Korea um Krankenschwestern. Gutes Geld könne man hier verdienen, hatte man versprochen. Ihrer Mutter musste sie versprechen, nach drei Jahren zurückzukommen. Daraus sind mehr als 30 Jahre geworden. Sie hat sich verliebt, einen Deutschen geheiratet und zwei Kinder bekommen. Mit 54 gehört sie zu den erfahrenen Schwestern des Krankenhauses.
Die Praktikantin hat starken Kaffee gekocht. Zwischen dem morgendlichen Rundgang durch die Zimmer und der Visite des Arztes ist Zeit für eine kurze Verschnaufpause in der Küche. Und für eine Lehreinheit zum Thema Verhalten im Krankenhaus. "Wir rennen nie im Krankenhaus", sagt Schwester Ha den beiden Praktikantinnen. Es soll keine Atmosphäre von Hektik aufkommen. Gerannt wird nur, wenn es um Leben und Tod geht. Das ist in Südkorea so, wo sie es gelernt hat - und das gilt auch hier.
Allerdings gibt es auch Unterschiede zwischen Asien und Europa. Das wird deutlich, wenn sich Schwester Ha recken muss, um über den Rollwagen mit den Medikamenten zu langen. Wenn sie auf Zehenspitzen nach der Vorratspackung für Spritzen angelt und die Betten der Neugeborenen eine Etage tiefer einstellt, um sie wickeln zu können. "Das ist alles für Europäer standardisiert", sagt sie schulterzuckend. Alles ist eine Spur zu groß und hoch. Ihre langbeinigen Kolleginnen holt sie dennoch ein. Manchmal rennt Schwester Ha eben doch ein bisschen.
Dabei geht es nicht um den Tod, sondern um den täglichen Wahnsinn des sogenannten Durchgangs. Vier bis sechs Zimmer muss sie in jeder Schicht betreuen, je zwei frischgebackene oder werdende Mütter warten darin auf sie, jede hat dringende Fragen. Der Durchgang hat seinen eigenen Rhythmus, der Griff zur Desinfektionsflasche nach jeder Patientin und jedem Zimmer kehrt so regelmäßig wieder wie die Schläge eines Metronoms.
Kompetenz und Menschlichkeit
Ums Sterben geht es anderswo. Deshalb spielen die Worte "psychische Hygiene" in Türkan Getims Welt eine große Rolle. Türkan empfindet diesen Ausdruck als Teil einer typisch deutschen Begrifflichkeit. Sie sagt, die Deutschen planen alles sehr genau. Auch was mit der Psyche passiert, wenn man nicht ab und zu aufräumt. Sie hat das Wort in ihrer Ausbildung gelernt und es für sich übersetzt: Es geht darum, sich nicht immer alles so zu Herzen zu nehmen. Sie hat viel gelernt in der Ausbildung. Mit der Glanznote eins hat sie im Klinikum Ludwigsburg abgeschlossen. Das war vor fünf Jahren. Ihr Ziel war das Robert-Bosch-Krankenhaus, dessen Leitlinien unter dem Motto "Kompetenz und Menschlichkeit" ihr gefielen. Die Note öffnete ihr die erste Tür.
Aber nicht alle. "Scher dich doch dahin, wo du herkommst!", hat ihr einmal eine Patientin hinterhergerufen. "Du nimmst den Leuten hier nur die Arbeit weg!" Die Patientin galt als schwieriger Fall. Doch Türkan war tief getroffen. Wohin soll ich gehen?, hatte sie gefragt. Ihre Eltern sind Türken, doch sie ist in Deutschland geboren. "Ich bin aus dem Zimmer raus und hab geweint." Die Stationsleitung hat der Patientin ein Hausverbot angedroht, falls so etwas noch einmal passiert. "Trotzdem - manche Dinge gehen einem nicht aus dem Kopf", sagt Türkan.
Nicht aus dem Kopf gegangen ist ihr ein junger Familienvater, der seinen letzten Kampf gegen den Krebs auf ihrer Station verlor. Auch nicht die alte Frau, die sie eines Nachts wiederbelebt hat und die kurz darauf gestorben ist. Seit der Geburt ihres Sohnes hat sie Angst, dass während ihres Dienstes jemand stirbt. Es geht ihr einfach zu nah.
Mit 28 Jahren gehört sie schon zu den Älteren auf der Station. Dass man den Job nicht lange machen könne, ist fast ein geflügeltes Wort. Viele ihrer Kolleginnen sind jahrelang krankgeschrieben, weil bei ihnen das Prinzip der psychischen Hygiene nicht funktioniert. Auf der inneren Station liegt das Durchschnittsalter der Patienten bei 70 Jahren. Viele haben Krebs. In der Ausbildung vermittelte man Türkan Getim, dass Patienten die Klinik möglichst gesund verlassen. Die Innere verlassen trotzdem viele im Leichenwagen.
Rosalina Santos hat es da einfacher. Niemand verlässt ihre Station gesund. Die Patienten der Dialyse sind todkrank. "Frau Müller und Herr Fischer sind verstorben, Frau Hansen hat eine Teilamputation gehabt und ist in einem depressiven Zustand, Frau Virchow und Herrn Neumann geht es gut." Der Stationsleiter steht im Kreis der sieben Schwestern der Früh- und der Spätschicht. Übergabe. Manche Schwestern schreiben eifrig mit. 20 Patienten stehen auf ihren Listen, zwei von ihnen sind gestorben, vier haben amputierte Beine, eine hat einen Tumor im Bauch. Alle Namen stehen auf der weißen Magnettafel, viele schon so lange, dass die Schrift langsam verblasst.
Schwester Rosalina behandelt ihre Patienten nach Plan. Jeder muss vor der Dialyse auf die Waage, bei jedem zählt sie die Pulsschläge und mit jedem scherzt sie ein wenig, während sie die beiden Nadeln in den Oberarm sticht. Danach misst sie den Blutdruck und fragt, wie das Wochenende oder der vorige Abend war, reinigt das Dialysegerät mit Desinfektionsmittel, prüft die Einstellungen und klebt die Nadeln mit Pflaster an den Armen fest. Sie wünscht eine "angenehme Dialyse". Die Patienten vertiefen sich in ihre Zeitungen, hören Musik oder schauen fern - und ab und zu dringt durch ihre Kopfhörer ein lautes Lachen Rosalinas aus den anderen Gesprächen.
"Einfach anderen Leuten helfen" - das wollte sie schon mit sechs Jahren. Damals bewunderte sie die Krankenschwestern in ihrer Heimat, die eine Haube tragen. So eine wollte sie später auch mal tragen. Mit 34 hat sie alles erreicht - bis auf die Haube. Die ist in Deutschland nicht üblich. Wenn ihr die Patienten nachsagen, sie sei die Schwester mit dem schönsten Lachen, freut sie sich. Sie hat kein Problem mit dem Klischee, dass Asiaten immer nur lächeln.
Soon-Jung Ha-Beurer hingegen hat sich das Lächeln mühsam abgewöhnt. In ihrer koreanischen Heimat hatte sie jeden zu grüßen, dem sie begegnete. Hier erntete sie dafür irritierte Blicke. Es wurde ihr oft als Heuchelei oder mangelndes Selbstbewusstsein ausgelegt. Sie wollte nicht als schüchtern gelten. Sie wollte sich anpassen und eine kompetente Krankenschwester werden.
Eine echte Schwäbin
Ungeduldiges Klingeln reißt Schwester Ha aus der Dokumentation. Sie hebt den Blick aus den Akten: "Das will ich jetzt noch kurz fertig machen, sonst vergess ich?s." Aber das Klingeln hört nicht auf. Die Praktikantin verschwindet und kommt mit einem genervten Blick zurück. Die schwangere Patientin in Zimmer 51 habe Schmerzen und wolle sich nicht trösten lassen. Außerdem sei die Infusionsflasche leer und müsse abgehängt werden. Schwester Ha seufzt. Sie gibt die Akten der Praktikantin. "Na dann retten wir den sterbenden Schwan." Vor dem Zimmer der kroatischen Patientin bremst sie ihre eiligen Schritte und hält kurz inne. Dann öffnet sie die Tür und setzt einen mitleidigen Blick auf. Sie kniet sich ans Bett der Patientin, hält ihre Hand und schaut sie aufmerksam an. Als hätte sie alle Zeit der Welt. "Es geht schon besser", sagt die Patientin schließlich.
Es gibt Patientinnen, die anstrengend sind. Aber es gibt für jede den richtigen Tonfall, da ist sich Schwester Ha sicher. Die kroatische Frau bekommt ihr viertes Kind, ungewollt und ohne Mann. Sie hatte einen Unfall und hat Schmerzen. Sie hat es nicht leicht, vermutet Ha, sie soll sich im Krankenhaus ein wenig erholen.
Auch Adam bekommt Glucose. "Unser neuestes Baby", sagt sie im Vorbeigehen zu ihren Kolleginnen. "Süß", antworten die Praktikantinnen wie auf Kommando. Soon-Jung Ha-Beurer hat über die Jahre ein nüchterneres Verhältnis zu Säuglingen entwickelt. "Das wird schon", sagt sie tröstend zu dem schreienden Wesen. Sie wickelt den Winzling aus dem grünen Handtuch, legt ihn bäuchlings auf ihre Hand und hält ihn unter den Wasserhahn, trocknet ihn ab, zieht ein weißes Hemdchen über seinen Kopf, einen Strampelanzug darüber und einen Schlafsack, wie ihn alle Säuglinge der Station tragen. Adam ist ein kompaktes Päckchen geworden mit der Aufschrift "Bambini". Darunter steht "Klinikeigentum". Schwester Ha klappt die überstehenden Ecken des Schlafsacks um, legt die Hand auf Adams Körper und betrachtet ihn zufrieden. "Klein", sagt sie, "klein und gattig."
Mit dem Schwäbischen hat es die Koreanerin anfangs nicht leicht gehabt. Manchmal denkt sie noch an die ersten Jahre, als sie der Kollegin, die nach "Gsälz" verlangte, Salz anstatt der gewünschten Marmelade brachte. Das war ihr peinlich. Sie wollte sich doch anpassen. Heute kann sie Wörter übersetzen, die selbst manch eingeborener Schwabe nicht kennt. Wörter wie gattig. Sie weiß, dass es ansehnlich bedeutet. Zu loben ist etwas Seltenes in dem Land, das zu ihrer Heimat geworden ist. Deshalb hat sie sich vorgenommen, solche Wörter sparsam einzusetzen. Sie ist eine echte Schwäbin geworden.







