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Der Bulle von Cannstatt

Von Philipp Kohlhöfer (Text) und Heinz Heiß (Fotos) 

Über ein Viertel aller Stuttgarter sind Ausländer. Auch Roberto Pelleriti. Er geht in Stuttgart-Bad Cannstatt mit deutschen Kollegen auf Streife.  

Warten, immer nur warten, geht denn hier gar nichts schneller. Die Kaffeemaschine röchelt und stöhnt wie ein alter Mann. "Die Schränke, ach ja, die Schränke und fragen Sie nicht nach der Technik." Im Vorraum spuckt ein Mann Fingernägel auf den grauen Boden, der verwaschen aussieht wie eine Nebelwand im Herbst, und Roberto Pelleriti steht in der Küche und klopft mit den Fingern auf die Spüle. Tack, tacktack, tack, tacktack, tack. Zeigefinger, Mittelfinger, Zeigefinger, Zeigefinger, Mittelfinger, Zeigefinger, Zeigefinger. Und dann läuft er endlich, der Kaffee, rotzt mehr in die Tasse, als dass er fließt. Schwarz, geht es schwärzer?

Es geht immer. Es gibt nur einen Löffel, um die Milch zu verrühren. "Abends wird er immer gespült, Seife muss gespart werden, stört Sie das?" Pelleriti lächelt. Baden-Württemberg ist ein reiches Land, Stuttgart eine reiche Stadt, aber das Polizeirevier in der Wiesbadener Straße, Bad Cannstatt, sieht so ganz anders aus. Er beißt sich auf die Unterlippe. Mag er seinen Job? "Schon, ja", sagt Pelleriti, sieht sich in der Küche um und zögert kurz. "Ich gebe Ihnen ein Beispiel, warum."

Er streckt sich, den Kaffee in der Hand, und erzählt eine Geschichte von der Verantwortung. 2005, im Februar. Der VfB Stuttgart spielt zu Hause gegen den AC Parma und verliert. Ein Teil der Gäste sind Hooligans, und als die Polizei ihre Personalien aufnehmen will, stehen sich zwei Blöcke gegenüber, etwa 40 Mann auf jeder Seite. Die Polizisten mit Schilden, Helmen und Schlagstöcken in der Hand, die anderen bei weitem nicht so gut ausgerüstet, aber aggressiver, im Straßenkampf erfahren. Beide wägen ab, vielköpfige Cowboys im Sonnenuntergang.

Und dann kommt er, Roberto Pelleriti. Er fängt an zu reden. Auf Italienisch. Redet, als hinge das Leben davon ab, macht Scherze und kleine Komplimente. Lacht laut, biegt sich nach hinten, fast tränen seine Augen, er gibt dem Witz mehr Aufmerksamkeit, als der eigentlich verdient, so gut war der gar nicht. Zuerst: Grinsen rundherum. Dann: Alle entspannen sich. Pelleriti redet. Von was? "Keine Ahnung, einfach reden." Vielleicht von italienischem Wein und dem Mittelmeer, von der Kultur, die so lange so überlegen war? "Kann sein, aber das ist es nicht." Es sind die Augen. Ich bin einer von euch, ihr könnt mir vertrauen. Und die Männer vertrauen. 80 Fäuste werden wieder zu Händen. Schlagringe rutschen in Hosentaschen zurück. Auf der anderen Seite werden Visiere hochgeklappt und Schilde sinken zu Boden. Italienische Hooligans lassen sich erkennungsdienstlich behandeln, wie das im Behördendeutsch heißt, steigen in den Reisebus und fahren gut gelaunt nach Süden.

Stuttgart - die sicherste Stadt Deutschlands

"So dicht davor war das", sagt Polizeihauptmeister Roberto Pelleriti, 34 Jahre alt, in Stuttgart geboren, Vorfahren aus einem Nest in Apulien, seit 13 Jahren bei der Polizei, seit sieben Jahren Streifendienst, zwei Kinder, und sein Daumen nähert sich seinem Zeigefinger auf wenige Millimeter.

Es hat ihm Spaß gemacht, damals, kein Zweifel. Es hatte mit seinem Alltag nichts zu tun. Roberto Pelleriti ist Streifenpolizist in Stuttgart-Bad Cannstatt. Zwar ist die Wache die zweitgrößte in der Stadt und neben dem Gottlieb- Daimler-Stadion liegt auch das Volksfestgelände Cannstatter Wasen im Einsatzbereich der Männer, aber Stuttgart ist die sicherste Großstadt Deutschlands. Während in Frankfurt knapp 19.000 Straftaten pro 100.000 Einwohner verübt werden, in Berlin und Hamburg immer noch 15.000, kommen in Stuttgart 8.500 Delikte auf 100.000 Einwohner.

Obwohl auch in Stuttgart ab und zu was passiert, überprüft Pelleriti meist nur, ob Autofahrer angeschnallt sind, Betrunkene ihren Personalausweis dabei haben, Mopedfahrer vielleicht nicht doch während der Fahrt telefonieren, oder er überbringt Behördenpapiere. Manchmal hat er Glück, und es gibt irgendwo Ärger, Abwechslung. Aber selbst dann spielt es keine Rolle, dass er aus Italien kommt. "Normalerweise", sagt er, "spielt meine Herkunft in meinem Beruf keine Rolle."

Probleme mit Straftätern nichtdeutscher Herkunft nehmen am Neckar allerdings zu. Schon jetzt sind sie fast für die Hälfte aller Straftaten in Stuttgart verantwortlich. Von den im Jahr 2005 ermittelten Tatverdächtigen waren knapp 40 Prozent Ausländer. Seit die Polizei versucht, im Konfliktfall abzuwiegeln, Kultur und Umfeld der Täter besser zu verstehen, werden händeringend Bewerber mit ausländischer Herkunft gesucht. Erst zwölf davon sind bei der Polizei in Stuttgart beschäftigt. "Es gibt noch ein paar, die zwar ausländische Vorfahren haben, mittlerweile aber deutsche Staatsbürger sind", sagt der Pressesprecher der Stuttgarter Polizei. "Die sind statistisch nicht erfasst, das wäre ja diskriminierend." Es sind gar nicht so wenige, soll das heißen, und die Situation ist besser, als sie klingt, immerhin gibt es 2.400 Polizisten in der Stadt am Neckar. Stuttgart hat knapp 600.000 Einwohner, darunter 140.000 Menschen, die keine deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Zählt man alle Menschen mit Migrationshintergrund dazu, liegt ihr Anteil bei einem Drittel der Bevölkerung. Die Polizei ist da nicht wirklich Spiegel der Gesellschaft. So kommen beispielsweise auf 14.400 Italiener in Stuttgart gerade mal zwei Polizisten aus Italien.

"Ich repräsentiere den deutschen Staat."

Beide können unmöglich die italienischstämmige Gemeinde Stuttgarts abdecken, aber so soll es ohnehin nicht sein. Schließlich ist eine Verständigung mit Nichtdeutschen zwar ausdrücklich erwünscht, die Distanz zwischen beiden Parteien soll allerdings nicht aufgehoben werden. So gebe es das Problem, sagt Pelleriti, dass Ausländer sofort ein kumpelhaftes Verhalten an den Tag legen, wenn sie merken, dass der Polizist kein Urschwabe ist. Bei der eigenen Bevölkerungsgruppe sei das noch extremer ausgeprägt. "Die Italiener erwarten dann, dass man mal ein Auge zudrückt." Was natürlich nicht Sinn der Sache sei. "Wir sind ja nicht auf dem Pferdemarkt. Ich habe zwar italienische Vorfahren, aber schließlich repräsentiere ich den deutschen Staat." Jegliche Verhandlung und Verbrüderung schwäche langfristig seine Position als Polizist, daher gehe man mit seinem Hintergrund nicht hausieren. Zudem sei ein Bekenntnis zu seinen Wurzeln im Dienst immer auch eine Gratwanderung. Neben der Verbrüderungsfraktion gibt es nämlich auch diejenigen, die kein Wort sagen, die keinen Respekt haben, weil man kein Deutscher ist. "Das Einzige, was ich von denen höre, ist ein Wort: Verräter."

Er zuckt die Schultern. "Das sind ja auch nicht automatisch sympathische Leute, nur weil sie zufällig Italiener sind." Mit Straftätern, sagt er, und das klingt ziemlich verächtlich, wolle er ohnehin nichts zu tun haben. "Egal, welche Nationalität sie haben."

Roberto Pelleriti trinkt den Kaffee aus. Er wiegt die Tasse in seiner Hand. Seine Blicke verlieren sich in den Ecken des Raums, rechts, links, wieder rechts. Er macht ein angeekeltes Gesicht. Er findet, dass die Putzfrau nicht genug putzt. Die Küche ist zu dreckig, die Einrichtung zu grau, Flickwerk überall. Jeder Beamte musste etwas aus seinem Privatbesitz mitbringen, um die Küche einzurichten. "Naja", sagt er und zuckt wieder mit den Schultern. "Auch in Italien wird man als Polizist schlecht bezahlt."

Er sieht an sich herunter. Er putzt seine Hände an der Hose ab, eine Jeanshose, das ist neu seit ein paar Jahren, Tuchhosen sind abgeschafft, damit die Polizeiuniform nicht mehr ganz so hässlich ist. "Italien hat mindestens einen Vorteil", sagt er unvermittelt. Und zwar? "Die Uniformen sind viel schöner, das sieht da alles sauber aus und modischer." Er kommt einen Schritt näher, senkt die Stimme und sagt: "Wir sehen aus, als kämen wir gerade vom Schweinehüten."

Das Gesetz des Schweigens

"Wie viel Italiener steckt eigentlich noch in Ihnen, Herr Pelleriti?" Die Frage trifft ihn unvorbereitet, er ist sekundenlang still, stellt die leere Kaffeetasse auf die Spüle, besinnt sich, hält sie unter laufendes Wasser und putzt sie aus, so gut das eben geht ohne Spülmittel. "Hmm." Er holt tief Luft, zählt auf, als ob er in einem Buch abliest: "Meine Frau ist Deutsche, ich lebe schon immer hier, ich bin gerne in Italien im Urlaub, ich würde in Norditalien auch gerne mal arbeiten, aber sonst ...", er bricht im Satz ab, zuckt mit den Schultern, überlegt, schließlich sagt er: "Es ist wohl weniger als ein Drittel von mir, das noch italienisch ist."

Roberto Pelleriti macht seinen Job gewissenhaft - als Deutscher mit italienischen Eltern. Wenn es Probleme mit Italienern gibt und er ist vor Ort - gut. Ist er nicht vor Ort - auch gut. Damals, bei Giuseppe war es ohnehin egal.

"Bei Giuseppe", Kneipe, Pizzeria, eine Institution in Bad Cannstatt, Treffpunkt vieler Italiener, ein Haus im Stil der 1950er Jahre, hässlich rosa gestrichen, eingeklemmt zwischen einem Bahnübergang und der Hauptstraße wie ein Rinderhacksteak zwischen zwei Burgerhälften. "Dürfte so zwei Jahre her sein, das mit der Massenschlägerei", sagt Pelleriti. Er hatte Dienst, er fuhr hin. Obwohl alle schwer mitgenommen aussahen, hatte keiner was gesehen oder gehört. Niemand wusste, warum es überhaupt zu der Schlägerei gekommen war, obwohl alle beteiligt waren.

Pelleriti grinst: "Omertà, das Gesetz des Schweigens." Er macht eine Pause, wartet, ob das Gegenüber versteht. "Typisch italienische Krankheit", sagt er. Er weiß noch, er hat an die Ehre der Leute appelliert, an ihren Verstand, zuerst ihren Glauben an das deutsche Rechtssystem beschworen, dann vom Mittelmeer geredet und vom Wein, von Italien, zusammenhalten heißt doch nicht zusammen kriminell werden, alles umsonst.

Sein Blick ist abschätzig. "Die können reden, was sie wollen, oder auch nicht, langfristig gewinnen wir ohnehin immer." Wie er da in der Küche steht, so betont fröhlich, klingt es nicht nur ein klein wenig frustriert, es klingt auch nach einer klaren Abgrenzung. Er hat seine Rolle gefunden - als italienischstämmiger Deutscher bei der Polizei in Stuttgart. Sein Job, sagt Pelleriti, damit das jetzt klar sei, habe mit dem Italiener in ihm nichts zu tun. "Ich bin nicht zur Polizei aufgrund eines Repräsentationsprogramms." Mit Italienern hat man es in Cannstatt ohnehin nicht so oft zu tun, wenn, dann sind da eher Türken oder Griechen beteiligt und da nützt ihm sein Hintergrund gar nichts.

Und dann knackt das Funkgerät, analog, obwohl digital schon lange möglich ist, und zwischen dem Knacken kämpfen sich Worte aus dem Gerät. Ein Einsatz, versuchter Diebstahl von vier Päckchen Zigaretten in einer Drogerie in der Fußgängerzone von Cannstatt. Der Ladendetektiv, ein Türke, hat den Täter, einen Georgier, selber gestellt. Pelleriti springt mit seinem Kollegen, ein Mann mit ungarischen Vorfahren, in das Einsatzfahrzeug und will losfahren, aber der Einsatz verzögert sich. Der Schlüssel zu einem länglichen Fach vorne im Auto ist im Büro liegen geblieben, und der Schlüssel muss immer mit, das ist Vorschrift. Kann ja sein, dass man den Inhalt des Fachs benötigt. Was da drin ist? "Nichts Besonderes", sagt Pelleriti. Er sagt es in breitestem Schwäbisch: "'s isch bloß e Maschinebischdol."

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