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Dialog der Kulturen

Harald Müller:
Das Zusammenleben der Kulturen.
Ein Gegenentwurf zu Huntington.

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1998,
256 Seiten, 12,90 Euro.
ISBN 3-596-13915-5


Von Heiner Wember

Dieses Buch ist nicht neu. Aber aktuell. Denn so sehr die These des US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel Huntington vom "Clash of Civilizations", vom "Kampf der Kulturen" inzwischen Geschichte ist, so hat sie doch die Geschichte beeinflusst. In der Weltsicht eines George W. Bush oder Helmut Schmidt ist sie nach wie vor zu finden. 1996 ärgerte sich der Frankfurter Politikwissenschaftler Harald Müller über die noch frischen Thesen Huntingtons - und zog im Frankfurter Amerika-Haus in ein Rededuell mit seinem Kollegen von der Harvard-Universität. Anschließend fixierte Müller seine Gedanken in Buchform. Mit Erfolg: Der Band ist heute in der fünften Auflage.

Huntington definierte in seinem Buch einen Kulturkampf, in dem große Kulturkreise in Konkurrenz zueinander treten. Jeweils angeführt durch große Kernstaaten wie die USA, China, Indien, Russland. Für die vermeintlich größte Herausforderung, den Islam, konnte Huntington allerdings keinen eindeutigen Kernstaat ausmachen. Afrika galt bei ihm nicht als eigener Kulturkreis, bei Lateinamerika blieb er vage. Bereits darin zeigt sich, so Müller, wie konstruiert Huntingtons Einteilung ist. Er schaffe eine einfache Welttheorie. Nach den Konflikten zwischen Nationalstaaten und Ideologien seien nun die Kulturen dran.

Kooperation statt Kampf

Müller zitiert ausführlich Studien, die Kultur als Konfliktursache als nachrangig betrachten und ethnische und innergesellschaftliche Spannungen für moderne Konflikte als wesentlich wichtiger ansehen. In Kurzform: Herrschaft und Unterdrückung sind wesentlich konfliktrelevanter als die Religion. Anschließend beschäftigt Müller sich mit den einzelnen "Kulturen" Huntingtons, welche angeblich den Westen bedrohen. Müller benennt sie dabei mit Klischees, die in Deutschland wesentlich älter sind als die Thesen Huntingtons. Im Kapitel "Die Türken vor Wien" beschreibt Müller den Zustand des Islams und seines Bedrohungspotenzials. Er führt aus, dass es "den Islam" nicht gebe, sondern die islamische Welt viele Gesichter habe und behalten werde - von vergleichsweise liberalen Staaten bis hin zum Fundamentalismus.

Eine "gelbe Gefahr" sieht Müller ebenfalls nicht. Im Gegenteil, er ist davon überzeugt, dass der Anpassungsdruck auf China, wenn es weiterhin an der globalen Welt partizipieren will, steigen wird. Russland ist für Müller eine Atommacht auf tönernen Füßen.

Müllers Zielrichtung ist nicht, alle Gefahren kleinzureden, sondern für ihn gibt es keine starren homogenen kulturellen Blöcke, wie Huntington sie holzschnittartig definiert. Müller schreibt, dass in der globalisierten Welt genau das Gegenteil gelte. Durch die komplexen Wirtschaftsbeziehungen und die globale Kommunikation vermischen sich die "Kulturen" viel stärker, als sie es jemals zuvor getan hätten. Entsprechend schnell nähern sie sich an und bilden neue Kulturformen aus.

"Was tun?" So lautet Müllers letztes Kapitel. Er beschränkt sich nicht darauf, Huntington zu widerlegen, sondern macht eigene Vorschläge. Vertrauen bilden statt Abschreckung. Die Integration Russlands und Chinas in die Weltgemeinschaft. Hilfe für die Randregionen. Dialog mit der islamischen Welt. Unilaterale Abkommen, parallel die Vernetzung der Welt durch Nichtregierungsorganisationen. Stärkung der Frauen. All das zusammengefasst in der These: Nicht Kampf, sondern Dialog der Kulturen.

Nach den Jahren der Unterscheidung unserer Welt in Gut und Böse bricht sich dieses Denken mehr und mehr Bahn. Egal, wer die Wahlen in den USA gewinnt: Alle Kandidaten stehen für mehr Kooperation, mehr internationale Zusammenarbeit, weniger Kanonenboot-Politik. Indien spielt eine ausgleichende Rolle in Asien, in China spricht niemand mehr von Klassenkampf, sondern nur noch von Harmonie. In der Klimapolitik gelingt es der Weltgemeinschaft offenbar, zumindest kleine gemeinsame Schritte zu gehen. Nichts läuft perfekt, aber vieles deutet darauf hin, dass Müllers Gegenthese zu Huntington stimmt. Dass der Dialog der Kulturen für uns die einzige Chance ist, die globalen Probleme zu lösen. Entscheidend ist dabei auch, was wir denken. Gehen wir von einem Kampf der Kulturen aus, dann handeln wir anders, als wenn wir an die Dialogfähigkeit der Kulturen glauben. Die Geschichte ist offen.

Dr. Heiner Wember ist Historiker und der Hörfunk-Koordinator von Culture Counts. Er produziert im Rahmen des Projekts unter anderem eine sechsteilige Reihe "Jede Kultur zählt" mit dem Westdeutschen Rundfunk (WDR).

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