Wir sind mehr
Richard Layard:
Die glückliche Gesellschaft.
Kurswechsel für Politik und Wirtschaft,
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005,
324 Seiten, 19.90 Euro,
ISBN 3-593-37663-6
Von Peter Felixberger
Glück hat weniger mit Geldreichtum zu tun. Das Gemeinwohl ist das größte Glück auf Erden. Ein Londoner Wirtschaftsprofessor mit dem Standardwerk über die weltweite Glücksforschung!
Im Vergleich mit Amerikanern und Briten sind die Deutschen eher unglücklich. 20 Prozent geben an, nicht sehr glücklich zu sein. Was nur sieben Prozent in Großbritannien und neun Prozent in den USA von sich behaupten. Vormittags und nachmittags ist übrigens das durchschnittliche Glücksempfinden am wenigsten ausgeprägt. Mittags und abends hingegen sind wir am glücklichsten. Richard Layard hat eine Menge dieser statistischen Untersuchungsergebnisse verschlungen, bevor er sein Grundlagenwerk zu Papier brachte.
Dabei hat er herausgefunden, dass Geld allein nicht unbedingt glücklicher macht. Nur in ärmeren Ländern bedeute mehr Einkommen auch mehr Glück. "Aber je reicher man ist, desto weniger trägt zusätzliches Einkommen zum Glück bei." Ab einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 20.000 Dollar spielt das Einkommen offenbar keine Rolle mehr für das Glück der Menschen. Die Top 5 in der weltweiten Länderstatistik sind: Niederlande, Irland, Dänemark, Kanada und die Schweiz. Dann aber kommen bereits Länder wie beispielsweise Neuseeland, Mexiko oder Kolumbien. Am schlimmsten dran sind die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion und in Zimbabwe.
Layard bezeichnet die Lage der "Ersten Welt" als zutiefst paradox: "Das durchschnittliche Einkommen nimmt zu, doch die Menschen werden nicht glücklicher. Dagegen bleiben in der Dritten Welt, wo wenig Geld bereits viel bewirken könnte, die Einkommen extrem niedrig. Und die Erste Welt leidet mehr unter Depression, Alkoholismus und Verbrechen als noch vor 50 Jahren."
Mehr fernsehen als arbeiten
Was aber beeinflusst unser Glücksempfinden am nachhaltigsten? Interessanterweise nicht das Alter oder Aussehen, die Intelligenz oder Bildung und ob Mann oder Frau. Beide sind ungefähr gleich glücklich. Entscheidend sind vielmehr familiäre Beziehungen, finanzielle Lage, Arbeit, Umgebung und Freunde sowie Gesundheit, persönliche Freiheit und unsere Lebensphilosophie. Am stärksten beeinträchtigen Veränderungen im familiären Bereich unser Glück. Trennung und Scheidung belasten dabei am stärksten. Danach kommen Arbeitslosigkeit und abnehmende Gesundheit.
Die Zahl der Scheidungen sowie die Kriminalitätsrate sind übrigens in den letzten 50 Jahren stärker gestiegen als das Wirtschaftswachstum. Der Grund, so Layard: Das Sozialleben verkümmere auf breiter Front. Eine der wichtigsten Ursachen: Wir sehen zu viel fern. In Deutschland, USA und Großbritannien mittlerweile rund 3,5 Stunden täglich. "Umgerechnet auf ein gesamtes Leben bedeutet dies, dass man mehr Zeit mit Fernsehen verbringt als mit bezahlter Arbeit." Im TV, so Layard, werden wir mit Bildern von Körpern und Reichtümern bombardiert, die wir nicht besitzen. Zum Beispiel mit Millionären, die über die Hälfte aller Serienhelden im US-Soap-Fernsehen ausmachen. "Zwar sind zwei Drittel aller US-Bürger Arbeiter und kleine Angestellte, aber in den US-Serien ist diese Bevölkerungsschicht mit gerade einmal zehn Prozent vertreten." Die Folge: Je mehr wir fernsehen, desto mehr überschätzen wir den Wohlstand der Anderen und umso ärmer halten wir uns selbst. "Wir sind dann weniger zufrieden mit dem, was wir haben." Da sich Menschen, was den Wohlstand betrifft, immer mit ihren Mitmenschen vergleichen, wiegt diese Schmach umso größer.
Das größtmögliche Glück aller Menschen
Was aber macht die Menschen insgesamt glücklicher? Ganz einfach: Alle Gesetze und Handlungen sollen darauf abzielen, das größtmögliche Glück für alle zu schaffen. Eine Gesellschaft ist dann gut, wenn ihre Bürger glücklich sind. Es geht also in erster Linie nicht darum, das eigene Glück in egoistischer Weise zu mehren, sondern das Glück aller, sprich das Gemeinwohl zu erhöhen. "Jede Entscheidung, sei sie öffentlich oder privat, sollte danach beurteilt werden, inwieweit sie das Glück aller Beteiligten beeinflusst, wobei alle Beteiligten gleich viel gelten."
Das Glück jedes Einzelnen ist demnach gleich viel wert. Ein glücklicher Mensch, so Layard, freut sich am Wohlergehen des Anderen mit, weil er dadurch selbst glücklicher wird. "Wir helfen denen, die es nötig haben, und gewinnen, indem wir uns an ihrem Erfolg mitfreuen." Geben und Nehmen macht gleichermaßen selig. Dahinter steht natürlich die Forderung nach einer neuen Vorstellung von Gemeinwohl. Definiert als das größtmögliche Glück aller. Auf dieses Ziel müssen sich die westlichen Gesellschaften wieder hinbewegen, sagt Layard.
Wie sehr einem dafür das Geld im Weg stehen kann, zeigt beispielsweise die Einführung leistungsabhängiger Bezahlung in den westlichen Ländern. Das Spiel ist allseits bekannt: Die Arbeitnehmer sollen durch finanzielle Anreize stärker motiviert werden. Diese sollen zusätzliche Leistung herauskitzeln. Leider aber Unsinn, antwortet Layard, so ist der Mensch nicht gestrickt: "Je stärker Geld in den Vordergrund tritt, desto mehr treten die anderen Anreize in den Hintergrund. Wenn wir Geld für eine bestimmte Leistung erhalten, dann erbringen wir sie nicht mehr ohne Bezahlung. Die Folge ist, dass wir nicht mehr, sondern weniger arbeiten."
Am Ende des Buches versucht Layard, eine Art Agenda des Glücks anzutippen. Weniger Statuswettlauf, mehr Armutsbekämpfung. Weniger Arbeitslosigkeit, mehr gemeinschaftliches Sozialleben. Weniger Werbung und Fernsehen, mehr moralische Bildung und familienfreundlichere Arbeitswelt. Fazit: Selten hat man ein Buch eines Wirtschaftswissenschaftlers gelesen, das mit überwiegender Hilfe von Psychologie und Philosophie eine Vision einer glücklichen Gesellschaft entwirft. Von Konsum und Kaufkraft, mit der wir derzeit das höchste Glück unserer Gesellschaft gleichzusetzen versuchen, ist erfreulicherweise im gesamten Buch nichts zu lesen. Der Mensch mit seinen Gefühlen steht im Mittelpunkt.








