Die Vielfalt lebt
Amartya Sen:
Die Identitätsfalle.
Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt.
Verlag C.H. Beck, München 2007,
208 Seiten, 19,90 Euro.
ISBN 978-3-406-55812-2
Von Winfried Kretschmer
Ein elfjähriger Junge wird Zeuge eines Mordes: Eines Tages taumelt plötzlich blutüberströmt ein Mann durch die Toreinfahrt in den elterlichen Garten und bittet um Wasser; der Junge ruft seine Eltern; sein Vater fährt den Mann ins Krankenhaus, wo er aber seinen Verletzungen erliegt - wie sich herausstellt, ein muslimischer Tagelöhner, den aufgebrachte Hindus auf offener Straße niedergestochen hatten. Das war 1944, als es in Indien am Ende der britischen Herrschaft zu blutigen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslimen kam. Zu Hunderten brachten sich Angehörige der beiden Religionsgruppen allein in Dhaka, der Heimatstadt des Jungen, gegenseitig um - für ihn ein wahrer Albtraum, rätselhaft, unerklärlich und unvergesslich. Heute ist aus dem Jungen ein hoch anerkannter Ökonom geworden, der für seine Forschungsarbeiten im Jahr 1998 den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, Lehrstühle in Delhi, an der London School of Economics und im Trinity College innehatte und heute an der Harvard University lehrt: Amartya Sen. Die albtraumartige Szene aus seiner Jugend hat Sen nie vergessen. Sie ist der biographische Angelpunkt seines neuen Buches, das um die Frage der Identität kreist. Es handelt von der gefährlichen Sprengkraft, die Identität entwickeln kann, wenn Menschen sich gegenseitig unverrückbar in enge Schubladen stecken und einander nur noch über einzelne, singuläre Merkmale wahrnehmen. Wie damals in Dhaka, als Hindus und Moslems sich gegenseitig auf offener Straße abschlachteten: "Menschen, die viele Seiten hatten, wurden durch die unscharfe Optik fanatischer Singularität auf eine einzige Identität reduziert, und die hing zusammen mit der ... religiösen Zugehörigkeit."
Brutal in Frage gestellt
Was Sen erlebt hat, könnte als Beleg dafür taugen, dass Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit nicht wirklich miteinander leben können, dass hinter der Fassade der Toleranz immer noch der Brandfunke einer einzigen, bestimmenden Identität schlummert, der jederzeit das friedliche Miteinander zerstören kann, ja dass ein Kampf der Kulturen vielleicht unvermeidlich ist. Beispiele dafür ließen sich viele finden. Und wegen dieser Plausibilität hat Samuel Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen" eine derartige Wirkung entfalten können. Niemand hätte es Sen verdenken können, wenn er sein Jugenderlebnis als weiteren Beleg herangezogen hätte. Aber er hält dagegen, geißelt Huntingtons These als gefährliche Irrlehre, die den Brandfunken ebenso in sich trägt wie der "Heilige Krieg", von dem muslimische Fanatiker träumen. Für Sen liegt die Gefahr in der Verkürzung unserer "unausweichlich pluralen Identität" auf ein maßgebliches, bestimmendes Merkmal. "Unser gemeinsames Menschsein wird brutal in Frage gestellt, wenn man die vielfältigen Teilungen in der Welt auf ein einziges, angeblich dominierendes Klassifikationsschema reduziert, sei es der Religion, der Gemeinschaft, der Kultur, der Nation oder der Zivilisation." Diese Verkürzung, sagt Sen, stiftet weit mehr Unfrieden als die mannigfaltige Vielfalt von Kulturen und Identitäten auf dieser Welt.
Auf mannigfaltige Weise verschieden
Es ist Vielfalt, die zählt. Der eindimensionale Mensch ist eine gefährliche Verkürzung. Jeder Mensch ist eine individuelle Konfiguration unterschiedlicher Identitäten, die sich aus spezifischen Zugehörigkeiten speisen. Zum Beispiel der Autor selbst: "Was mich betrifft, so kann man mich zur gleichen Zeit bezeichnen als Asiaten, Bürger Indiens, Bengalen mit bangladeschischen Vorfahren, Einwohner der Vereinigten Staaten oder Englands, Ökonomen, Dilettanten auf philosophischem Gebiet, Autor, Sanskritisten, entschiedenen Anhänger des Laizismus und der Demokratie, Mann, Feministen, Heterosexuellen, Verfechter der Rechte von Schwulen und Lesben, Menschen mit einem areligiösen Lebensstil und hinduistischer Vorgeschichte, Nicht-Bramahnen und Ungläubigen, was das Leben nach dem Tode (und, falls es jemanden interessiert, auch ein 'Leben vor der Geburt') angeht." Aber keine dieser unterschiedlichen Identitäten ist bestimmend. Nur in der Summe aller seiner Identitäten ist Amartya Sen Amartya Sen. Die Annahme einer singulären Identität ist eine Illusion.
Man hat Sen vorgeworfen, er habe damit nur eine grundlegende und mittlerweile ziemlich banale Erkenntnis der modernen Soziologie nachgebetet. Entscheidend ist aber die normative Wendung, die er dieser Vielfaltigkeitstheorie gibt. Er sagt nämlich: Die Vielfalt ist das Entscheidende. Sie ist so bestimmend, dass es nicht mehr möglich ist, ein einziges Merkmal herauszugreifen und zu dem zentralen, vorrangig identitätsstiftenden zu erklären. Ein Mensch ist so vielfältig in seinen Eigenschaften, Orientierungen und Zugehörigkeiten, dass keine seiner Identitäten als seine einzige Identität oder Zugehörigkeit verstanden werden darf. Es gilt anzuerkennen, dass wir "auf mannigfaltige Weise verschieden" sind. Es geht um die "grundsätzliche Anerkennung der Vielfalt von Identitäten".
Curry, Chili und Tandoori
Diese Einsicht mag für einen Kenner moderner Soziologie wenig originell sein, leider nur haben sich deren Erkenntnisse längst nicht so weit herumgesprochen, dass es überflüssig wäre, darauf zu verweisen. Längst nicht ist die Vielfalt in den Köpfen der Menschen angekommen. Immer wieder werden Menschen mit Haut und Haar einer bestimmten Gruppe zugeordnet, werden Kulturen als Kollektive von Menschen mit einer bestimmten Identität verstanden. Nichts anderes tut Samuel Huntington mit seiner These vom "Kampf der Kulturen". Eine grobe, ja fahrlässige Vereinfachung, schimpft Sen. Und kritisiert deren "außergewöhnliche deskriptive Grobschlächtigkeit" und "mangelnde Geschichtskenntnis".
Eine grobe Vereinfachung ist nicht nur die Verkürzung der Menschen auf eine bestimmte, singuläre Identität, sondern auch die Aufteilung der Welt in homogene, in sich geschlossene Kulturen. Kulturen sind keineswegs so homogen, wie Huntington und die Vertreter der kulturtheoretischen Schule behaupten: "Viele der bedeutsamen Verschiedenheiten innerhalb der Kulturen werden praktisch ignoriert, und die Wechselbeziehungen zwischen ihnen werden größtenteils übersehen." So ist die westliche Wissenschaft keineswegs nur auf dem Mist der alten Welt gewachsen, sondern stützt sich auf das Erbe der ganzen Menschheit. So bezieht die Demokratie zwar ihren Namen als dem alten Griechenland, als öffentliche Diskussion hat sie in der ganzen Welt eine lange Geschichte - an ihr hat der Westen ebenso wenig ein Eigentumsrecht wie an den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Menschheit. Und die landestypische Küche als ein Kernstück von Kultur spiegelt bei näherem Hinsehen nichts weiter als den Austausch von Gewürzen und Garmethoden im Jahrtausende währenden Prozess der Globalisierung. So brachten erst die Portugiesen die Chilischote von Amerika nach Indien, die Tandoori-Zubereitung wurde zwar in Indien perfektioniert, stammt aber ursprünglich aus Kleinasien, und der Curry wiederum ist eine britische Erfindung.
Wie einfach manche Theorien doch gestrickt sind, macht Sen in seinem kenntnisreichen Buch wiederum am Beispiel seines eigenen Landes deutlich. In Indien nämlich, das von Huntington als "hinduistische Kultur" bezeichnet wird, leben 145 Millionen Muslime - mehr als in fast jedem Land der "muslimischen Welt". Es wäre auch völlig vergeblich, so Sen, wollte man Wesen und Vielfalt der indischen Kultur verstehen wollen, "ohne die vielfältigen Beiträge zu berücksichtigen, die von Hindus und Muslimen beigesteuert wurden und sich gründlich miteinander vermischt haben".
Das Leben ist nicht bloß Schicksal
Kultur ist nicht Festes, Homogenes, Vorgegebenes. Kultur ist heterogen. Sie steht nicht still, sondern verändert sich ständig und steht in einer vielfältigen Wechselbeziehung mit anderen gesellschaftlichen Bereichen. Und sie ist längst nicht die einzige Bestimmungsgröße unseres Lebens. Kultur zählt, zweifellos, aber nicht im Sinne von Kausalität und Determinierung. Das sind die Denkmuster von gestern. Heute ist Vielfalt.
Und so wenig Kultur etwas Festes und Unveränderliches ist, so fluid ist auch das Konglomerat personaler Identitäten. Jedes Individuum ist ständig dabei, seine Identität auszutarieren, muss permanent entscheiden, welche Bedeutung es seinen unterschiedlichen Zugehörigkeiten beimisst. In dieser Möglichkeit, seine persönliche Identität selbst zu bestimmen und Entscheidungen über das Patchwork seiner individuellen Identität zu treffen, liegt nicht zuletzt auch die individuelle Freiheit des Menschen. "Das Leben ist nicht bloß Schicksal."
Winfried Kretschmer ist leitender Redakteur und Geschäftsführer bei changeX.








