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Say Global, Say What You Want!

Thomas L. Friedman:
Die Welt ist flach.
Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts,

Suhrkamp Verlag,
Frankfurt am Main 2006,
712 Seiten, 26.80 Euro,
ISBN 978-3-518-41837-6


Von Peter Felixberger

Mehr Menschen als je zuvor sind heute weltweit miteinander vernetzt und kooperieren. Australier helfen amerikanischen Bergbauunternehmen, Deutsche unterstützen russische Free Software-Projekte und indische Programmierer wickeln die Arbeit deutscher Steuerberater ab. Was noch in Zeiten des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs als illusionäre Schwärmerei bezeichnet wurde, ist längst Wirklichkeit geworden. In einer flachen Welt ist jeder nur einen Klick vom anderen entfernt. Die Folge: Zahlreiche Koop-Geschäftsmodelle entstehen quer über den Erdball. Was aber nur funktioniert, wenn alle mitspielen dürfen.

In diesem Zusammenhang ist es äußerst aufschlussreich, dass in den letzten Jahren der Verkauf von Sport-Videospielen in den USA um 34 Prozent auf fast 1,2 Milliarden Dollar angestiegen ist? Das wäre an sich noch keine weltbewegende Nachricht. Wird sie aber, wenn man berücksichtigt, dass gleichzeitig die TV-Sport-Einschaltquoten männlicher Amerikaner zwischen zwölf und 34 stark zurückgingen. Was lernen wir daraus? Junge amerikanische Männer haben immer weniger Lust, realen Sport im Fernsehen anzuschauen. Oder wie zitierte die New York Times einen jungen Videospieler so treffend: "Mein Lieblingsspieler ist Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers. Aber nur, wenn ich sein Spiel kontrolliere. Wenn ich ihn im Fernsehen sehe, habe ich das Gefühl, er kriegt keinen vernünftigen Pass zustande."

Dieser Trend zum Videogaming ist übrigens nicht nur in den USA zu beobachten. Es macht offenbar immer mehr Menschen Spaß, selbst im Spiel zu sein, als diesem Spiel nur von außen zusehen zu können. Der weltweite Boom der Videospiele passt sich diesem Bedürfnis geschickt an. Denn er lässt seine Nutzer aktiv teilnehmen. Für Thomas L. Friedman, den berühmten New York Times-Kolumnisten und mehrfachen Pulitzer-Preisträger, ist die Partizipation der Menschen die größte Triebkraft in der Globalisierung. Sich selbst ins Spiel bringen dürfen ist gefragter, als wie früher nur passiv Zuschauer zu spielen.

Friedman weiß, wovon er spricht. Er reist permanent durch die ganze Welt und befragt Experten, wie sich die Welt im 21. Jahrhundert verändern wird. Wo immer er einen Trend vermutet, hat er sich vor Ort überzeugt, was dahinter steht. Es gibt derzeit keinen zweiten Journalisten, der so intensiv zum Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft recherchiert und geschrieben hat. Friedmans Bandbreite ist enorm. Er trifft die großen Wirtschaftsbosse ebenso wie die unbekannten Betreiber kleiner Websites, die in Deutschland so gut wie keiner kennt. So zum Beispiel "RateMyTeachers.com", einer Website mit Beurteilungen von mehr als 1,3 Millionen Lehrern durch Schüler aus aktuell 54.000 amerikanischen und kanadischen Schulen. Hintergrund: Nicht nur Schüler werden zensiert, sondern auch umgekehrt. Das führt zu einer Veränderung der Machtverhältnisse. Schüler entscheiden mit, welche Schulen und Lehrer empfehlenswert sind. Sie mischen sich ein, wenn es um die Qualität ihrer Schulerziehung geht.

Friedman beschreibt ausführlich diese "selbstorganisierte kulturelle Praxis von unten". Ob Weblogs, Wikipedia oder auch die wunderbare Geschichte der Red Lake-Goldsuche. Rob McEwen, der Vorstandsvorsitzende des US-Bergbauunternehmens Goldcorp, machte im Jahr 2000 alle Daten einer seiner Minen im Internet öffentlich. Er wollte wissen, wo die Experten die größten Chancen sehen, auf eine Goldader zu stoßen. Als Preisgeld lobte er insgesamt 575.000 Dollar aus. Hintergrund: Die Betriebskosten von Goldcorp waren damals viel zu hoch, der Goldmarkt lag überdies am Boden. McEwens Plan war klar: "Wenn er es schaffte, die weltbesten Experten für die Goldsuche in Red Lake zu interessieren, so, wie Linux die weltbesten Programmierer zur Verbesserung seiner Software einband, könnte er sich die Ideen Tausender kluger Köpfe zunutze machen, die sich sonst nie für seine Zwecke einspannen lassen würden." Die Folge dieses Aufrufs überraschte alle Akteure: Mehr als 1.400 Wissenschaftler, Ingenieure und Geologen aus 50 Ländern begaben sich auf die virtuelle Goldsuche. Gewinner wurde eine Arbeitsgemeinschaft zweier australischer Unternehmen. Sie legte virtuell die Schürfgebiete fest, ohne je einen Fuß auf das Gelände gesetzt zu haben. Der Erfolg war verblüffend: Im Jahr 2001 konnte Goldcorp seine Goldfunde in der Red Lake-Mine verzehnfachen. Und die Australier wurden ihrerseits über Nacht in der internationalen Bergbauszene berühmt.

20 Jahre, dann war die Welt flach.

Es ist kein Wunder, dass Friedman durch diese und viele andere Beispiele zu der Einsicht gelangt, die Welt sei flach. "Mehr Menschen als je zuvor sind jetzt nicht nur miteinander vernetzt, sondern auch in der Lage, digitale Inhalte in Kooperation zu bearbeiten." Australier helfen amerikanischen Bergbauunternehmen, Deutsche unterstützen russische Free Software-Projekte und indische Programmierer wickeln die Arbeit deutscher Steuerberater ab. Was noch in Zeiten des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs als illusionäre Schwärmerei bezeichnet wurde, ist längst Wirklichkeit geworden. Sagt Friedman: "Dies ist ein Wendepunkt von ähnlicher Bedeutung wie die Erfindung der Druckerpresse oder die Nutzbarmachung der Elektrizität."

Nicht einmal 20 Jahre habe die Welt gebraucht, um flach zu werden. "Zuerst fielen die Mauern, der PC trat seinen Siegeszug an, Windows öffnete die Fenster zu Welt, und so konnten mehr Menschen als je zuvor ihre eigenen Inhalte erstellen und digitalisieren. Dann breitete sich das Internet aus den Akademien in die Haushalte aus, mit Netscapes Browser konnte jeder durchs Web surfen, und große Mengen verlegter Glasfaserkabel leiteten Daten schnell und preiswert überallhin. Mehr Menschen als je zuvor konnten jetzt miteinander in Kontakt treten und ihre digitalen Inhalte anderen zur Verfügung stellen. Und schließlich entstanden die standardisierten Übertragungswege und Protokolle, sorgten für reibungsfreie Kompatibilität aller Computer und Softwareanwendungen und beförderten die Entwicklung von Standards für die digitale Ausführung von Arbeitsprozessen."

Und heute? Mehr Menschen als je zuvor sind in der Lage, digitale Inhalte in Kooperation zu bearbeiten. In einer flachen Welt, in der jeder nur einen Klick vom anderen entfernt ist. Friedman beschreibt in seinem Buch ausführlich die Kräfte, die durch diese Einebnung wirksam wurden. Wir kennen sie mittlerweile alle: das Outsourcing von Arbeitsabläufen, Offshoring von Produktionsfabriken oder die Wertschöpfungsketten großer Computerhersteller. Dahinter steht nicht nur brutalkapitalistischer Arbeitsplatzabbau, sondern auch der Umstand, dass man seine Geschäftsmodelle künftig nicht mehr alleine realisiert, sondern Teile in Kooperation andernorts abwickeln lässt.

Zum Beispiel bei UPS und seinen Insourcing-Aktivitäten. Wenn ein Toshiba-Laptop eines US-Kunden innerhalb der Garantiefrist kaputtgeht, wird dieser in der Toshiba-Hotline aufgefordert, das Gerät bei UPS abzugeben. Dort wird es aber nicht zu Toshiba zurückgeschickt, sondern in der Computerreparatur-Werkstatt im Luftfracht-Drehkreuz von UPS in Louisiana repariert. Die Folge: Man erhält sein Laptop bereits am übernächsten Tag zurück. Und die Anzahl der Beschwerden bei Toshiba über zu lange Reparaturzeiten ist drastisch zurückgegangen.

Doch nicht nur die großen Konzerne profitieren von der flachen Welt. Ein originelles kleines Beispiel ist jenes Einmann-Start-up an der Westküste der USA, das organische Vitamine verkauft. Der Inhaber zahlt Yahoo! jeden Monat eine Gebühr, damit seine Firma jedes Mal bei dem Suchbegriff "organische Vitamine" unter den Werbelinks auftaucht. Hergestellt werden die Vitamine dann in einem ganz anderen Unternehmen. Das Start-up liefert den Markennamen, das gesamte Bestell- und Rechnungswesen sowie die Buchhaltung lässt es über Salesforce.com, einer darauf spezialisierten Business-Plattform, laufen. Was lernen wir daraus? Praktisch ohne Startkapital, mit Hilfe von Yahoo! und Salesforce.com, betreibt ein einzelner Mensch eine Firma von seinem Wohnzimmer aus, die mittlerweile sogar großen Drogerieketten Konkurrenz macht.

Hier lässt übrigens Red Bull grüßen, das seinen Drink auch nicht selbst herstellt und nur als reine Marketingplattform agiert.

Kulturelle Vielfalt von unten.

Friedman spricht diesbezüglich bereits von der Globalisierung 3.0. Die Menschen begreifen sich nicht mehr als Wölfe unter Wölfen, die um einen Platz im Rudel kämpfen müssen. Nein, sie unterstützen sich gegenseitig und betrachten Wirtschaft als beiderseitige Gewinnbeziehung. Ein Glück, sagt Friedman, dass die Welt flach geworden ist. "Wohin man auch blickt, überall werden Hierarchien von unten her in Frage gestellt oder wandeln sich selbst in horizontalere, kooperativere, flachere Strukturen." Die neue Arbeitswelt ist bunter als je zuvor. Menschen kooperieren mit anderen in verschiedenen Winkeln der Welt. Das wirft natürlich wichtige Fragen auf, die größtenteils noch unbeantwortet sind: Wer reguliert diese Arbeit, wer besteuert sie und wer bekommt die Steuererlöse? Wie definiert sich ein Land, wenn seine Unternehmen die größten Profite im Ausland erzielen, wenn Jobs in den Cyberspace abwandern oder nationale Klammeraffen Abschottungs- statt Willkommenspolitik begreifen?

Man hat Friedman in vielen Rezensionen vorgeworfen, er nivelliere die Welt, rechtfertige die Ausbeutung der Entwicklungsländer durch große Weltkonzerne und sei ein Gegner der Vielfalt. Wer sein Buch genau und vor allem ganz liest, merkt schnell, dass der US-Publizist ein großes Plädoyer für die kulturelle Vielfalt geschrieben hat. Vor allem ein Plädoyer, welches das Prinzip der Wirtschaftlichkeit nicht als des Teufels Dreizack zu verdammen sucht. "Die Plattform der flachen Welt ermöglicht es jedem, der Welt seine eigene Kultur zu präsentieren - man ist also keineswegs dazu gezwungen, sich mit einem amerikanisch-globalen Einheitsbrei aus Mickey Mouse und McDonald's zufriedenzustellen."

Und selbst Menschen in aufstrebenden Ländern wie Indien dürfen jetzt innovativ sein, auch wenn westliche Länder sich noch dagegen sträuben. Ein Beispiel: Im Jahr 2003 schrieb der US-Bundesstaat Indiana einen Auftrag zur technischen Überholung seiner Computersysteme aus. Die Ausschreibung gewann die US-Niederlassung der indischen Tata-Beratung. Diese entschied, 65 Mitarbeiter in das Indiana Government Center zu entsenden, wo sie zusammen mit 18 Angestellten der Behörden die Arbeiten durchführen sollten. Geplant war überdies, lokale Subunternehmer zu engagieren. Als die Sache öffentlich wurde, kam es zum Sturm der Gefühle. Am Ende musste der demokratische Gouverneur den Vertrag stornieren, obwohl die Inder mit über acht Millionen Dollar billiger waren als amerikanische Anbieter. Stellt sich die Frage: Wer beutet hier wen aus? Warum dürfen indische Ingenieure und Programmierer ihre Kenntnisse nicht global anbieten, während umgekehrt amerikanische und europäische Kollegen dieses Recht für sich beanspruchen? Warum dürfen Inder nicht billiger ihre Dienstleistungen anbieten?

Hand aufs Herz! Dieser Vorgang wird sich in den nächsten Jahren in der westlichen Welt tausendfach wiederholen. Fachkräfte aus Indien, China & Co. bieten wichtige Dienstleistungen billiger an als ihre Kollegen in Europa und den USA. Die Inder brauchen nicht mehr nach Deutschland zu kommen. Sie erledigen ihre Jobs in Bangalore über Nacht. Schnell und preisgünstig. Junge indische Ingenieure müssen nicht mehr gleich auswandern, um arbeiten zu können. Das trägt zweifellos auch zum Erhalt der kulturellen Vielfalt in der Heimat bei.

Eines aber ist sicher: Nationalstaat und Nationalpolitik haben hier keinen Platz mehr. In einer flachen Welt verschwinden Grenzen aller Art. Im Klartext: "Wenn ich mir die Arbeitskraft von fünf brillanten Forschern in China und/oder Indien für dasselbe Geld sichern kann, das ich einem einzigen europäischen Forscher zahle, werde ich diese fünf anheuern; und wenn das langfristig bedeutet, dass meine eigene Gesellschaft einen Teil ihrer Wissensbasis einbüßt, dann werde ich das eben in Kauf nehmen. Die Interessen beider Seiten - der Firma und ihres Heimatlandes - lassen sich nur dann unter einen Hut bringen, wenn man es mit einer wirklich aufgeklärten und klugen Bevölkerung zu tun hat, die sich nicht nur ein größeres Stück vom globalen Kuchen abschneiden will, sondern gewissermaßen auch neue Kuchenstücke erfinden kann."

Man könnte auch sagen: Wir müssen uns in Deutschland unsere hohen Gehälter wieder verdienen. Und nicht die günstigeren Anbieter aus anderen Teilen der Welt wegbeißen. Deshalb lautet Friedmans erste Regel, wie Unternehmen in der flachen Welt zurechtkommen: "Suchen Sie die Lösungen bei sich selber, aber bauen Sie keine Mauern." Gegenseitige Hilfe ist ein Grundmerkmal der Globalisierung 3.0. Diesen Punkt haben in deutschen Landen bisher nur wenige verstanden. Es ist ein Verdienst von Thomas L. Friedman, uns in seinem wegweisenden Buch den Pfad in die Zukunft gewiesen zu haben.

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