Cross over
Aihwa Ong:
Flexible Staatsbürgerschaften.
Die kulturelle Logik von Transnationalität.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005,
(Edition Zweite Moderne),
415 Seiten, 18 Euro,
ISBN 3-518-41679-0
Von Winfried Kretschmer
Seit Karl Marx und Friedrich Engels im Kommunistischen Manifest beschrieben haben, wie die "große Industrie" alle nationalen Besonderheiten hinweg reißt, gilt es als ausgemacht, dass der Kapitalismus als gewaltige Vereinheitlichungsmaschine wirkt. Vor einigen Jahren hat der amerikanische Soziologe George Ritzer mit seiner These von der "McDonaldisierung" der Welt diesem Theorie-Konstrukt ein geliftetes Outfit verpasst. Unsere Gesellschaft, so behauptet er, sei immer durchrationalisierter und auf schnelles, effizientes Funktionieren getrimmt. Unterschiedlichkeit habe da keinen Platz, sondern werde eingeschliffen, normiert, standardisiert. Fastfood und Mc-Jobs erscheinen als Ikonen einer vereinheitlichten, konditionierten Warenwelt. Klingt plausibel, wo doch von New York über Moskau bis Peking die immergleiche Fastfood-Ware in den immergleichen Läden liegt und die Vertriebswege von Coca-Cola bis in die letzten Winkel der Welt reichen. Gleichen sich nicht die Business-Leute aller Länder wie ein Ei dem anderen? Setzt sich nicht in den Metropolen dieser Welt ein globaler Einheitsstil durch?
Die Chinesen und die Globalisierung
Nein. Aihwa Ong räumt mit solchen Theorien kultureller Vereinheitlichung und Verarmung gehörig auf. Sie ist eine Grenzgängerin zwischen den Kulturen. Auslandschinesin, aufgewachsen in Malaysia, studiert hat sie in den USA. Heute ist sie Professorin für Anthropologie an der Berkeley University in Kalifornien. In englischer Sprache ist ihr Buch bereits 1999 erschienen. Die Themen sind dennoch brennend aktuell: Es geht um die Chinesen und die Globalisierung. Die Soziologin und Kulturanthropologin hat sich mit ihren Landsleuten beschäftigt: im Ausland lebenden Chinesen, die über den Pazifik hinweg ein transnationales ökonomisches Netzwerk geknüpft haben, das bei dem wirtschaftlichen Aufschwung der asiatischen Länder eine entscheidende Rolle spielt. Ihre ethnologischen Untersuchungen wenden sich gegen die These vom globalen Einheitsbrei.
Aihwa Ong sagt: Trotz der Globalisierung in Form von Weltmärkten, Massenmedien, Reisemöglichkeiten und modernen Kommunikationsmöglichkeiten wurden die kulturellen Ausdrucksformen keineswegs weltweit vereinheitlicht. Im Gegenteil, die Vielfalt ist gewachsen: "Die Ausbreitung von Coca-Cola, McDonald's-Restaurants und amerikanischen Seifenopern bis zu Dörfern in Westafrika oder bis Kairo, Beijing und Sydney führt nicht zu einer globalen Uniformität; diese Produkte hatten vielmehr den Effekt, die kulturelle Vielfalt zu vergrößern." Zum Beispiel, weil sie jeweils unterschiedlich interpretiert wurden und neue Bedeutungen erlangten. Ong macht deutlich, dass es die westlichen Interpretationsscheuklappen sind, die zur stillschweigenden Annahme führen, mit dem Import von Produkten würde auch deren kulturelle Bedeutung übernommen.
Karaoke-Kapitalismus und Feng-Shui - Modernisierung ohne Entwurzelung
Beispiel 1: Karaoke boomt in China. Selbst in kleinen Dörfern und sogar an Universitäten haben Karaoke-Bars und Diskotheken eröffnet, doch sind dies keineswegs "nur Unterhaltungsformen, die die Chinesen gedankenlos vom Ausland übernommen haben", betont Ong. Für die Menschen auf dem chinesischen Festland sind ihre im Ausland lebenden Landsleute vielmehr eine Art Brücke zur globalisierten Welt. Sie sind Vorbild in Sachen Modernität, und Karaoke ist eine Möglichkeit, an dieser Modernität teilzuhaben. Wenn traditionelle Lieder zu importierter Musik gesungen werden, dann drückt dies die individuelle Suche nach Reichtum und Erfolg aus und unterstreicht zugleich, dass dieses Ziel von der Pflege guter Beziehungen über den Ozean hinweg abhängt. Es ist Ausdruck einer Modernisierung ohne Entwurzelung.
Dieses Muster zeigt sich auch am zweiten Beispiel, den Auslandschinesen, von denen sich viele im sonnigen Kalifornien niedergelassen haben. Sie sind meist gebildet und bestens qualifiziert, leben in gehobenen Wohnverhältnissen und schicken ihre Kinder auf gute amerikanische Schulen. Perfekt angepasst? Jein. Oder eher: nur äußerlich und höchst flexibel. Wie Ong zeigt, findet eine "bewusste Aneignung kulturellen Kapitals statt": Die Einwanderer wählen selbstbewusst und erfolgsorientiert aus - auf die "richtige" Schule, die "richtige" Fremdsprache, das "richtige" Sozialverhalten kommt es an. Andere Bereiche des Lebens bewegen sich hingegen in den traditionellen Bahnen chinesischer Kultur: Selbst die zweite Generation kauft am liebsten in asiatischen Läden ein, isst in chinesischen Restaurants und gestaltet ihre teuren Immobilien nach Feng-Shui-Richtlinien um. All das schafft eine eigene Lebenswelt, die mit den klassischen Chinatowns in den amerikanischen Großstädten nichts mehr gemein hat.
Leben in transnationalen Räumen
Anders gesagt: "Es gibt eine neue Form der Konstruktion von Identität und neue Formen der Subjektbildung, die die politischen Grenzen überschreiten." Globale Vorreiter dieses neuen Lebensstils sind die Auslandschinesen, die ihr Leben im transnationalen Raum organisieren, ohne aber den kulturellen Bezug zu ihrem Heimatland aufzugeben. Mobile Manager, Technokraten und Fachkräfte nutzen flexible Staatsbürgerschaften, um nationalstaatliche Regelungen zu umgehen, indem sie für Investitionen, für ihre laufende Arbeit und für ihre Familien verschiedene Standorte wählen. Viele von ihnen haben ihre Familien in Kalifornien untergebracht, verfügen selbst über mehrere Pässe und entfalten ihre wirtschaftlichen Aktivitäten im globalen Raum.
"Flexible staatsbürgerliche Positionierung" nennt Ong diese Strategie, die den ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Lebensmittelpunkt eines Menschen auseinander treten lässt. "Transnationale Öffentlichkeiten stellen ein neues kulturelles Phänomen dar, das nicht mehr an bestimmte Orte gebunden ist und das ethnische Bewusstsein in weiten Teilen der Welt artikuliert und problematisiert." Die Folge: Globalisierung wirft die globale moralische Hierarchie über den Haufen. Die sah bislang so aus, dass der Westen den Osten zivilisierte. Weil sich der Kapitalismus aber nicht mehr im Westen konzentriert, sondern über die ganze Welt ausgebreitet hat, bekommt das westliche Modernitätsmodell Konkurrenz. Mit der Umlenkung von Waren und Kapitalströmen, die mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Asiens, und insbesondere Chinas, verbunden ist, verschieben sich die Gewichte, es kommt zum Paradigmenwechsel.
Die Lehre: Die meisten Standardtheorien sind einfacher, als die Welt erlaubt. Denn die erweist sich stets als vielschichtiger und komplexer, als der ordnende menschliche Geist wahrhaben will. Zumeist fällt das zuerst den Menschen auf, die sich als Grenzgänger zwischen Kulturen und Disziplinen bewegen. Sie sind am ehesten in der Lage, den Mantel des Plausiblen zu zerreißen. Darunter erscheint dann Neues - oder zeigt sich Verunsicherung. Darüber, dass die gewohnten Kategorien nicht mehr passen und die vertrauten Modelle nicht mehr greifen wollen.
Winfried Kretschmer ist leitender Redakteur des Online-Magazins changeX.








