A kiss is not a kiss ...
Robert Aldrich (Hrsg.):
Gleich und anders. Eine globale Geschichte der Homosexualität,
aus dem Englischen von Benjamin Schwarz.
Murmann Verlag, Hamburg 2007,
384 Seiten, 36 Euro.
ISBN: 978-3-938017-81-4
Von Michael Gleich
Der da ist ein Mann. Diese hier ist eine Frau. Jener steht auf Frauen, ist also ein Hetero. Auch die Dame dort bevorzugt Frauen, ist also eine Lesbe. Mancher liebt Menschen mal dieses, mal jenes Geschlechts, den bezeichnen wir als "Bi". Und tolerant nennen wir es, wenn jeder hetero, schwul, lesbisch oder bisexuell sein darf, so wie er/sie mag. So einfach ist das. Oder? Nach der Lektüre von Gleich und anders weiß ich: Alles viel komplizierter! Und unendlich viel interessanter.
Nicht mal biologisch ist die Sache eindeutig. Wir Mitteleuropäer haben unser Verständnis eingeengt auf die Dichotomie von Männern und Frauen. Doch in seiner Geschichte der Homosexualität stellt uns Robert Aldrich jede Menge Typen vor, die jenes Terrain zwischen diesen Polen besiedeln, das lediglich unsere kulturell bedingte Blindheit als Niemandsland erscheinen lässt. Drittes Geschlecht, viertes Geschlecht und noch viele mehr.
Etwa der Berdache, eine Figur, die in vielen amerikanischen Stammeskulturen anzutreffen war. Von den so genannten "Entdeckern" aus Europa wurde er völlig verkannt. Weil Berdachen den Analverkehr durch andere Männer erlaubten, hielten die Kolonialherren sie für die unterste Schicht. Sie kannten es von zu Hause nicht anders: Wer penetriert, herrscht, wer penetriert wird, unterwirft sich. Doch die Berdachen waren mutige Krieger, teilweise muskulöser als ihre Stammesgenossen, vielfach geachtet als Seher und Heiler. Ein Berdache der Zuni-Indianer, We'Wha, wurde 1886 dem Präsidenten der Vereinigten Staaten als "indianische Prinzessin" vorgestellt. Weil We'Wha die Interessen seines Volkes geschickt vertrat, wurde er/sie in die höchste Ratsversammlung der Zuni berufen.
Solche Grenzgänger zwischen den Geschlechtern zeigen, dass die Geburt zwar eine Richtung vorgibt, aber die eigentlichen Geschlechterrollen durch die jeweilige Kultur geformt werden. Die englische Sprache formuliert differenzierter, wenn sie zwischen Sex und Gender unterscheidet. Bei den Mohave-Indianern gab es als Gender das "Two-Spirit"-Wesen, mit männlichen Geschlechtsorganen und weiblichem Verhalten. Um die Menstruation zu imitieren, kratzte sich Mann/Frau die Oberschenkel blutig. Von Zeit zu Zeit ahmte er/sie Geburtsvorgänge nach, indem mit Kräutern eine schwere Verstopfung erst herbeigeführt und dann gelöst wurde.
Aldrichs Sammelband ist jedoch kein Kuriositätenkabinett. Die Kapitel arbeiten die gleichgeschlechtliche Liebe systematisch und wissenschaftlich abgesichert durch. Die Autoren sind renommierte Historiker, Soziologen und Kunstgeschichtler, die sich bemühen, allgemeinverständlich und anschaulich zu schreiben. Unter dem treffenden Titel Gleich und anders breiten sie eine faszinierende Vielfalt von Varianten und Spielarten aus, geordnet nach Epochen und Kontinenten.
Da sind die Philosophen der Antike, die ein öffentliches Leben mit Ehefrau führen, sich sexuell aber vor allem für Knaben interessieren. Oder die von Männern vernachlässigten Frauen der Zande im Kongo, die aus Maniokwurzeln Dildos schnitzen und sich zur gegenseitigen Befriedigung um den Bauch binden. Oder die Sträflinge, hartgesottene Kerle, die nach Australien deportiert wurden und aus reinem Frauenmangel schwule Praktiken annahmen - das Entsetzen des pietistischen englischen Establishments führte schließlich zur Schließung der Strafkolonien.
Genauso vielfältig wie die Akteure und ihre sexuellen Einfälle sind die Abstoßungsreaktionen in vielen Kulturen. Im vor allem christlich-jüdisch geprägten Westen wurde gleichgeschlechtliche Liebe von Männern fast durchgehend geächtet, verfolgt, verteufelt; bei den Frauen gab es zwar keine größere Toleranz, aber manchmal ein augenzwinkerndes Wegsehen, weil ihnen eh das eigene Lustempfinden abgesprochen wurde. Das Konzept der "fleischlichen Sünde" terrorisierte jahrtausendelang das abendländische Denken. Bis heute. Deshalb fällt uns die Vorstellung schwer, dass viele Weltgegenden diese moralische Bürde gar nicht kennen.
So waren Schuld und Sühne keine moralischen Kategorien zwischen dem Samurai und seinem jungen, ihm auch körperlich ergebenen Schüler, dem Chigo. Auch nicht in Sambia, wo jungen Knaben beigebracht wurde, ältere unverheiratete Jugendliche zu befriedigen; in der Vorstellung half deren Samen, um selbst zu einem starken Mann heranzuwachsen. Oder in Tahiti, wo die Mahus, eher weiblich aussehende Männer, Penis und Genitalien nach hinten wegklemmten und so andere Männer zwischen den Schenkeln befriedigten. Dass es in Ozeanien, Afrika und Asien schuldfreie Zonen gab, in denen sich sexuelle Vielfalt nicht verstecken musste, hat reisende Europäer immer wieder magisch angezogen und gleichzeitig befremdet. Mit der Erfindung des Etiketts "Primitive" versuchten sie, ihr Seelenheil zu retten.
In westlichen Gesellschaften musste Homosexualität stets um ihren Platz kämpfen. Ihre Geschichte war in der Neuzeit eng verbunden mit dem Kampf für Menschenrechte. Mittlerweile haben die meisten Staaten Gesetze und Strafen gegen Schwule und Lesben abgeschafft. Als die Revolutionäre von 1968 für sexuelle Freiheit auf die Straße gingen und "Love-ins" abhielten, profitierte davon auch die Gay-Bewegung. Eine Zeit lang schien alles möglich, und Schwule konnten sich in ihren Nischen - Bars, Discos, Saunen - sexuell voll austoben. Dann kam Aids und alles war anders. Zunächst wurde die Epidemie von den altbekannten Sittenwächtern benutzt, vor allem von Kirchen und anderen Konservativen, um zum Kreuzzug gegen sexuelle Andersartigkeit aufzurufen.
Doch die Entdeckung der Immunschwächekrankheit hatte auch ihr Gutes. In vielen Ländern wurde den politisch Verantwortlichen klar, dass man eine solche Krankheit nur gemeinsam mit schwulen Organisationen bekämpfen kann. So wurde die Gay-Bewegung öffentlich besser sichtbar und akzeptiert. In den Global Citys sind heute ausdifferenzierte Szenen selbstverständlich, ganze schwul-dominierte Wohnviertel, bei spektakulären Paraden wie am Christopher Street Day feiern Schwule und Lesben ihr neues Selbstbewusstsein. Allerdings stehen die Bastionen der Intoleranz noch: islamisch geprägte Länder, das heutige China und Indien sowie die Hochburgen christlicher Fundamentalisten in Amerika.
Von einer einheitlichen politischen Schwulenbewegung, das macht Aldrichs Schlusskapitel deutlich, kann nicht mehr die Rede sein. Zu unterschiedlich sind die Vorlieben und Interessen der Subkulturen: Lederkerle und Lesben, Dragqueens und Transsexuelle, S&M-Gruppen und Gummi-Fans; die Fragmentierung geht viel weiter. Einigend wirkt allein die in vielen Ländern vorgebrachte Forderung nach der Anerkennung von Homo-Ehen.
Ein Wort noch zu den Worten. Jeder, der über Vielfalt schreibt, hat ein Problem mit den Begriffen. Jeder, der über sexuelle Vielfalt schreibt, hat ein besonders heikles Problem. Jedes Wort reduziert. Seine sprachliche Einengung dient der schnellen Verständigung, gibt aber die viel komplexere Wirklichkeit nur unzureichend wieder. In diesem Dilemma finden sich auch Robert Aldrich und seine Co-Autoren wieder. Nehmen wir das Wort "Homosexueller". Es betont das sexuelle Verhalten eines Menschen. Aber ein Schwuler denkt und praktiziert genauso wenig wie ein Hetero den ganzen Tag über Sex. Das Label reduziert einen differenzierten Lebensentwurf auf ein einziges Merkmal. Doch solche Festlegungen auf eindimensionale Identitäten tragen immer schon den Keim von Stigmatisierung und Ausgrenzung in sich. Patentrezepte habe ich für dieses Problem auch nicht. Es muss uns aber bewusst sein, dass ein reifer Umgang mit jeglicher Form von Vielfalt eine skrupulöse Sprache braucht.
Das Buch führt weg vom Terrain der festen Gewissheiten und auf das spannendere Parkett der Vieldeutigkeit und der Zwischentöne. Das ist ein freieres Land. Denn hier ist Kuss nicht gleich Kuss, Geschlechter sind nicht von Geburt gegeben, sondern werden modelliert, Liebe und Sex suchen sich immer neue Wege und Umwege. Robert Aldrich zerstört viele Vorurteile. Eines davon lautet: Schwule sind anders als Heteros, aber in der Andersartigkeit verhalten sie sich gleich. In Wirklichkeit, so belehrt dieser Streifzug durch die Jahrhunderte und Regionen, hat die schwul-lesbische Andersartigkeit unendlich viele Facetten. Das erinnert an die Anpreisungen asiatischer Straßenhändler: "Same, same - but different."
Michael Gleich ist Koordinator bei Culture Counts.








