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Keine Macht für Niemand

Ulrich Beck:
Macht und Gegenmacht im globalen Zeitalter.
Neue weltpolitische Ökonomie.

Edition Zweite Moderne,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002,
478 Seiten, 15 Euro.
ISBN 978-3-518-41362-3

 

Von Peter Felixberger

Die Welt ist eine GmbH ohne Mehrheitseigner. Das sagt Ulrich Beck, der wichtigste deutsche Soziologe. Er lehrt in München wie in London, sein Thema ist der radikale Wandel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Im vorliegenden Buch hat er versucht, die aktuellen Verstrickungen der weltpolitischen Ökonomie begrifflich zu entwirren und sie in einer alten Denkfigur neu aufzurollen: der Idee des Kosmopolitismus.

Es geht zunächst um die intellektuelle Substanz, die Emphase, unsere Gegenwart auf den Punkt zu bringen. "Wir brauchen, um politisch angemessen handeln zu können, neue Begriffe, um die Welt zu verstehen", so Beck. Die etablierte Politik habe keine Antworten mehr auf die Fragen einer radikal veränderten Welt. Überdies seien die bisherigen Ideologiegebäude verbraucht. Der Nationalismus als Antwort auf vergangene Kriege ebenso wie der Neoliberalismus, der immer mehr Arbeitslose produziere und die Allmachtsfantasien der Wirtschaft nicht zu zügeln verstehe. Früher agierten Ökonomie, Politik und Gesellschaft innerhalb bestimmter Grenzziehungen, die im Verschwinden begriffen sind. Durch die heutige Entgrenzung beginne ein neuer Kampf um Macht und Gegenmacht. "Mehr noch: Die Regeln legitimer Herrschaft werden neu ausgehandelt."

Bedrohliche Verwerfung und vieldimensionaler Möglichkeitsraum

Wo stehen wir also? Alte Ideologien werden über Bord geworfen, neue undurchsichtige Gesellen tauchen in der Weltpolitik auf, die Ökonomie ist auf dem globalen Beutezug. Dazu ein soziales und wirtschaftliches Problemkorsett, das nationalstaatlich sowieso nicht mehr lösbar ist. Eine grenzenlose Unübersichtlichkeit ohne jede Kontrolle?

Für den Kosmopoliten ist dies eine Spielwiese. Der kosmopolitische Common Sense à la Beck geht von einer Welt aus, in der an allen Orten zwar die Widersprüche der Vielfalt herrschen, die man ernst nehmen muss. Gleichzeitig aber werden die positiven Möglichkeiten zu mehr Kreativität, zur Entfaltung von politischen Formen oder zur höheren Produktivität von Arbeit sichtbar. Das Sowohl-als-auch von bedrohlicher Verwerfung und vieldimensionalem Möglichkeitsraum ist der Ausgangspunkt für jene kosmopolitische Ökonomie und Politik, die das globale Zeitalter als historische Transformation versteht. Und eben nicht mehr stecken bleiben will. Beispielsweise im Nationalismus, "der ein politischer Raum ist, in dem eine Gleichheit der Identität herrscht, die dann zwangsläufig mit der Exklusion derjenigen verbunden ist, die nicht dazugehören". Eine Konzeption übrigens, mit der in Europa im 20. Jahrhundert Demokratie, Staatlichkeit und politische Parteien entwickelt wurden. Und die immer noch als staatstragend gilt. Dies aber sei Schnee von gestern. Deutschland ist längst viel stärker kosmopolitisiert und globalisiert als angenommen, sagt Beck, "sogar große Teile unserer alltäglichen Lebensräume sind nicht mehr identisch mit dem nationalen Erfahrungsraum, sondern überlappen und vernetzen sich via Internet und Fernsehen, Reisen, Liebe, Ehe, Elternschaft". Deutschland habe überdies keine Grenzen mehr, welche längst durch Europa definiert würden.

Deswegen ist der Bürger des 21. Jahrhunderts ein Kosmopolit im Sowohl-als-auch, ist gleichzeitig Weltbürger über alle Grenzen hinweg und Bürger der Polis, also Staatsbürger. "Im Ort verwurzelt sein und Flügel haben", so lautet Becks Konstruktion einer doppelten Heimat für alle. Alte, nationale Heimat verliert ihre Exklusivität und ermöglicht die Beteiligung des Fremden. Verlangt ihn geradezu. Während aber im Nationalismus Heimat nur als Anerkennung der Eigenheit des Eigenen verstanden wird, ist der Kerngedanke im Kosmopolitismus "die Anerkennung der Andersheit des Anderen".

Den nationalen Blick überwinden

Ein Ideal also, das die alten Griechen schon besungen haben. Man versöhnt sich mit der Geschichte des Anderen durch die gegenseitige Anerkennung. Oder andersherum: Man fühlt sich für das Unrecht der eigenen Nation schuldig und anerkennt die Geschichte des Anderen. "Es ist dieser Akt der Versöhnung, der zum zentralen Erinnerungserlebnis wird." Man ist folglich Teil eines globalen Ganzen und differenziert sich über verschiedene Identitäten. Eine Drinnen-Draußen-Logik gibt es demnach nicht mehr. Kurzum: Jeder ist ein Ausländer und genau dort zu Hause. Grenzen lösen sich auf. "Der kosmopolitische Blick verbindet folglich den Respekt vor der Würde der kulturell Anderen mit dem Interesse am Überleben jedes Individuums."
Becks Globalisierungsthese anerkennt die Rechte der Anderen und überwindet den nationalen Blick. Sie ist demzufolge eine Befreiungstheorie, will die Fesseln des Einzelnen von den übermächtigen alten Kräften in Politik und Wirtschaft lösen. Das Ziel ist klar: Weder die Konzerne mit ihren neoliberalen Einmarschbemühungen in den politischen Raum noch die Selbstherrlichkeit amerikanischer Präsidenten dürfen das globale Machtspiel gewinnen. "Globalisierung ist eine Niemandsherrschaft." Es setzt eine Beteiligung von vielen voraus.

Globale Balance der Mächte

Beck denkt die Welt letztlich als GmbH ohne Mehrheitseigner. Keiner bestimmt, wo es langgeht. Weder die Wirtschaft, die vielerorts glaubt, den Staat minimieren zu müssen, um die eigenen Interessen zu maximieren. Noch die Politik, die im nationalstaatlichen Korsett eingezwängt immer unfähiger wird, die drängenden Probleme zu lösen. Noch die zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich ebenso wie die Wirtschaft eine Rolle anmaßt, die demokratisch genauso wenig legitimiert ist. Die Bändigung dieser einzelnen Kraftströme passiere, und das ist Becks entscheidender Gedanke, mit der Vernetzung und Kooperation der unterschiedlichen Akteure. Eben durch die Anerkennung der Andersheit des Anderen als Voraussetzung. Allianzen und Bündnisse sind die politischen Werkzeuge des Kosmopoliten. Zum Beispiel könnten sich Staaten zivilgesellschaftlichen Gruppen nähern, die davon lernen können, oder die Wirtschaft akzeptiert endlich die positive Zügelung durch die Politik.

Becks Kosmopolitismus endet letztlich in einer globalen Balance der Mächte, in einer Balance of Powers. Die Akteure sind hier wie dort. In politischen Parteien ebenso wie in transnationalen Bündnissen zivilgesellschaftlicher Gruppen.

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