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Nah und fern

Richard Sennett:
Respekt im Zeitalter der Ungleichheit,
Berlin Verlag, Berlin 2002,
344 Seiten, 19 Euro,
ISBN 3-8270-0032-7


Von Peter Felixberger

Der ungelenke Titel schreckt im ersten Moment etwas ab, ist aber nur wortwörtlich aus dem Englischen übertragen. Nur keine Angst vor der politischen Soziologie! Der Leser muss nämlich nicht durch riesige Begriffspaläste und verdrehte Diskursschleifen irren. Nein: Sennett ist kein Cordhosen-Funktionär mit geschliffenem Soziologenlatein. Er ist ein umtriebiger Erzähler und Moderator, ein Fährtensucher jener Abdrucke, die Menschen in Folge der neuen ökonomischen Weltordnung hinterlassen. Inklusive seiner eigenen, deren Beschreibung er immer wieder in den Mittelpunkt seiner Erörterungen rückt. Sennett sucht auch in diesem Buch jene Orte auf, an denen sich die Verwerfungen des "New Capitalism" turmhoch aufbauen. Diese trägt er dann Schicht für Schicht ab und lässt den Berg im Innern sichtbar werden.

Knappes Gut: Respekt und Anerkennung

Im vorliegenden Fall widmet sich der amerikanische Soziologe der Frage, warum so vielen Menschen in der modernen Gesellschaft Respekt und Anerkennung verwehrt bleibt, obwohl wir doch vertragstheoretisch vereinbart haben, einander als gleich behandeln zu wollen. Mangelnder Respekt wird vielerorts besonders gegenüber den Schwachen, Langsamen und Erfolglosen sichtbar - mit Folgen. Denn Respekt ist ein knappes Gut geworden, und es verletzt bisweilen und tut weh, wo es abhanden kommt. "Man wird nicht als ein Mensch angesehen, dessen Anwesenheit etwas zählt", sagt Sennett. Er weiß, wovon er spricht. Denn Sennett ist in Cabrini Green in Chicago aufgewachsen, einer Sozialsiedlung, in der Schwarze und Weiße wie in einer Enklave zusammenlebten. Cabrini war der Versuch, den Rassenunruhen in den 1930ern zu begegnen. "1942 machten die Behörden armen Weißen ein Angebot: Wenn ihr mit den Schwarzen zusammenlebt, übernehmen wir die Miete." Rassenintegration am Reißbrett städtischer Sozialplanung. Ein Jahr später zogen die Sennetts ein, Richard war gerade einmal drei Jahre alt.

Die Bewohner von Cabrini gehörten zu den Verlierern der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs. Sennett erinnert sich an Bandenscharmützel zwischen schwarzen und weißen Jugendlichen. Und an die behördlichen Versuche, Ordnung von oben zu verordnen. Was aber misslang. Mittels Sozialhilfe wurde Abhängigkeit geschaffen, sie war, so Sennett, sogar ein Synonym für Demütigung. Überdies raubte man den Bewohnern der Cabrini-Siedlung ihre Selbstbestimmung. Die Bewohner "erlebten jenen eigentümlichen Mangel an Respekt, der darin besteht, nicht wahrgenommen und nicht als vollwertige Menschen angesehen zu werden". Leider aber schafften nur wenige die Flucht aus diesem Dilemma. Wie fast überall in amerikanischen Großstädten.

Der Brückenschlag misslingt

Sennett gehörte jedoch dazu. Die Mutter, eine Sozialarbeiterin, schaffte rechtzeitig den Absprung, und der Junge begann langsam seine Talente zu entdecken. In neuen Möglichkeitsräumen. Mit mehr Selbstachtung. Die bildungsbürgerliche Biografie war bald programmiert. Richard wird ein guter Cellospieler, erfährt Beachtung und Anerkennung und schwenkt ein in die gutbürgerliche Stube gegenseitigen Respekts. Er gewinnt die Freiheit, sich selbst verwirklichen zu können. Gleichzeitig aber ist es die autobiographische Geburtsstunde sozialer Ungleichheit, denn während Sennett auf dem linearen Erfolgspfad ein international renommierter Soziologe wird, bleiben die anderen in ihrem Milieu kleben. Strampeln vergeblich. Irgendwann übernimmt die Sozialstaatsbürokratie dann die Entfaltung und Lenkung des Einzelnen. Ein Punkt, der Sennett das ganze Buch über nicht mehr loslässt.

Das Entstehen von Ungleichheit hat Folgen - biografisch und gesellschaftlich. Die Aufstrebenden und die Zurückgelassenen verstehen einander nicht mehr oder nur noch mit großer Anstrengung. Obwohl wie gesagt Heerscharen von Beamten und Sozialarbeitern tagtäglich Brücken zu schlagen versuchen. Es fehle, so Sennett, am wechselseitigen Respekt über die Grenzen der Ungleichheit hinaus. Überdies würden sich überall Netzwerke bilden, auf die sich die jeweiligen Mitglieder stützen könnten. Schutzräume der jeweiligen Schicht, in denen nie etwas Schlimmes passiert. Man kümmert sich um seinesgleichen. Beispiele gibt es zuhauf. Studenten in den Eliteuniversitäten, die in einem Sicherheitsnetz leben und arbeiten. Und später als Topmanager wie in einem Herrenklub für gegenseitige Solidarität und Anerkennung sorgen. Die aber unten sind, die sieht man nicht: "Netzwerke auf den unteren Ebenen sind zu schwach, um den Menschen sonderlich viel Halt zu geben."

Akzeptieren, was man im anderen nicht versteht

Sennett beschreibt ausführlich seine Begegnungen mit diesen "Zurückgelassenen". Beispielsweise bei Mentorentreffen von Bürgervereinen oder Kirchengemeinden. Er deutet aber auch mit dem Finger auf die andere Seite. Interviews mit der Bostoner Oberschicht lassen erahnen, wie resistent man dort ist, die Andersheit des Anderen, wie der deutsche Soziologe Ulrich Beck das nennt, anzuerkennen. Ein Leben hinter der glänzenden Fassade kommerzieller Kultur, doch auch mit ersten Rissen. Und in der Wohnstube dröhnen die üblichen Verbalattacken gegenüber Schwarzen. Es sei deshalb, so Sennett, eine irrige Vorstellung, dass die sozialen Beziehungen zu anderen aus einer Gleichheit resultieren. Jenseits von Klassen- und Rassenungleichheit ist Respekt verschwunden oder zumindest verschwommen.

Sennett indes gibt nicht auf. Er will sich nicht abfinden mit den trüben Wirklichkeiten. Er sucht die Bande, mit denen man ein starkes Respektseil knüpfen könnte. Gegenseitige Anerkennung wird bei ihm zu einem der zentralen Begriffsfäden, sowohl im Sinne von John Rawls als "Achtung der Bedürfnisse von Menschen, die einem nicht gleichgestellt sind", als auch wie Jürgen Habermas es formuliert als "Achtung der Bedürfnisse, die einem nicht gleichgestellt sind". Doch wie formt die Gesellschaft den Charakter, der die Menschen befähigt, den Respekt der anderen zu gewinnen und deren Bedürfnisse zu achten?

Eine schwierige Frage für alle Gesellschaftsformationen. Sennett gibt drei Ausblicke für den Einzelnen: Jeder ist höchstmöglich bestrebt, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Blüte zu bringen. Jeder sorgt sich um sich selbst und ist gleichzeitig bestrebt, den anderen etwas zurückzugeben. Klingt wie aus dem Gebetsbuch, aber davon scheinen wir weit entfernt zu sein. Sennett liefert das Kontra nämlich mit und seziert fortan das Geflecht der Annahmen und Bedingungen, die jenen Dreisprung zu verhindern trachten. Mit dem Ergebnis: Zu viele Hindernisse versperren die freie, respektvolle Sicht auf den anderen. Dumm ist nur, dass wir offenbar sehr wenig daran interessiert sind, diese Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Ganz im Gegenteil. Wir schaffen mit der Ungleichheit den Respekt gleich mit ab. Wer heute die komplexen Zugangsroutinen zu Karriere und Erfolg betrachtet, weiß, wovon der Autor spricht. Keine breite Selbstverwirklichung in Sicht. Und Selbstbestimmung scheint ebenfalls in weite Ferne gerückt. Ob als Staatsbürger, der die immer gleichen, alternativlosen Parteikoalitionen bei Wahlen bestätigt, oder als Bürger, der zum bloßen Zuschauer seiner Bedürfnisse degradiert wird. Zu guter Letzt wird auch die Autonomie zum Treibgut in der modernen Gesellschaft. Autonomie verstanden als das Akzeptieren, was man im anderen nicht versteht.

Der Ausweg liegt in der Selbstbeschränkung

Genau hier aber scheint die klassische Sozialstaatsbürokratie, welche die Respektfrage im Zeitalter der Ungleichheit hauptsächlich zu schultern hat, an ihre Grenzen zu geraten. Denn Autonomie, so Sennett, verlange auch eine Beziehung, in der die eine Seite akzeptiert, dass sie die andere nicht vollkommen verstehen kann. Die Akteure sind sich also darüber bewusst, dass sie sich nah und fremd zugleich sind. Der Sozialstaat aber zäumt das Pferd von der anderen Seite auf. Er schafft zur Versorgung der Bedürftigen eine Institution, die bestimmt, was ihre Klienten brauchen. Die Bürokratie räumt keine Autonomie ein. "Man behandelt die obdachlosen Jugendlichen nicht als Fachleute in eigener Sache, die einiges von Obdachlosigkeit verstehen", schreibt Sennett. Man verweigert diesen Menschen sozusagen die Möglichkeit, "über die Bedingungen ihrer Abhängigkeit selbst mitzubestimmen". Wenngleich starre Bürokratien auch ihr Gutes haben, so Sennett. Sie geben dem Einzelnen Halt, ordnen einen festen Platz zu. Etwas, was dem flexiblen Menschen in den flachen Compact-Disc-Organisationen gänzlich fehle.

Sennett kritisiert jede Flexibilisierung oder Privatisierung des Sozialstaats, weil sie den Einzelnen in eine noch prekärere Lage bringt, andererseits nimmt man ihm aber vieles von der Autonomie, die zur Selbstachtung nötig ist. Was nun? Der Ausweg liegt für Sennett in der Selbstbeschränkung als Ausgangspunkt für ein Zusammenspiel der Kräfte. Sich ausdrücken und darstellen können, gleichzeitig aber auch neue Werte aufnehmen und erproben, ohne zu dominieren. Klingt wie die Quadratur des Kreises.

Dennoch hat Sennett mehr zu bieten als biedere Zahlenarithmetik von Sozialpolitikern: "Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben." Und dies beginnt bei jedem Einzelnen. In der Tat: Ein starkes Buch, hochbrisant und wegweisend, ohne jede Besserwisserei. Aber dafür mit viel Respekt vor dem Thema geschrieben. Ohne zu dominieren. Respekt!

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