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Irgendwer ist anderswo

Von Peter Felixberger

Der indische Schriftsteller Pico Iyer ist seit Jahren als Fährtensucher in den Weltstädten unterwegs: In Toronto, Singapur und London sucht er nach dem, was Heimat in einer vernetzten Welt bedeutet.
Wer schon mal in Chinatown in San Francisco abseits der touristischen Trampelpfade eine der chinesischen Apotheken betreten hat, kann ein anderes Lied singen als das vom globalen Terror einer amerikanisch-imperialen Ökonomie. Auf den in Englisch vorgetragenen Wunsch, welche Kräuter welche Organe zur inneren Harmonie führen, erntet man in der Regel Kopfschütteln und ein Lächeln dazu. Zunächst vermutet man noch eine List des Verkäufers, aber bald merkt man: Keiner hier spricht ein Wort Englisch. Paradox: Man befindet sich mitten in China. Und gleichzeitig mitten in San Francisco. Die Orte verschwimmen. Es zählt die Situation vor Ort. Irgendwer ist immer anderswo. Und im Zuge der steigenden Mobilität sogar immer öfter.

Behauptet Pico Iyer. Er weiß, wovon er spricht. Auch Iyer ist ständig unterwegs und auf den ersten Blick heimatlos. Der Reiseschriftsteller und Journalist kennt es seit Kindesbeinen nicht anders. In England geboren, in Kalifornien aufgewachsen, zum Studium zurück nach Großbritannien und mittlerweile mit Wohnsitz in Kioto. Die Eltern stammen aus Bombay und wanderten schon früh nach London aus. "Die moderne Welt stellt globale Seelen wie mich - jeden, der in verschiedene Kulturen hinein geboren wurde - vor die Aufgabe, eine Stadt zu finden, in der man möglichst viele der eigenen Heimaten findet", schreibt Iyer. Man ist sozusagen auf der Suche nach Kontaktflächen für das zerrissene Selbst. Jene miteinander zusammengefügt ergeben die neue Heimat. Ein Sample aus biografischen Entwicklungslinien, die miteinander verknüpft werden.

Toronto, die ideale Global City.

Ein Fremder ist man dann nicht mehr. Man lebt vielmehr als komplexer Irgendwer in einem kongruenten Anderswo. Iyer ist das beste Beispiel. Hauptsächlich lebt er in Japan. Sein Traum ist jedoch Toronto, seiner Meinung nach die globalste aller Städte. Wiewohl er ganz Kanada als Wohlfühlumgebung für globale Seelen bezeichnet. "Toronto vereint in sich viele der mir vertrauten Vergangenheiten - aus Asien, Amerika und Europa." Es herrscht ein multikulturelles Nebeneinander, das die Andersheit des Anderen respektiert. Ohne irgendein Zentrum oder einer "Nullmarke, von der aus alles gemessen wird". Das Stadtzentrum definiert sich je nachdem, ob man beispielsweise Serbe, Ukrainer oder Taiwanese ist. Man befindet sich mitten in Toronto. Und gleichzeitig mitten in der, sagen wir, Ukraine. Irgendwer ist immer anderswo. Jedes Stadtzentrum mit spezifischen Heimatklängen wird ein Stück Niemandsland.

Das steht im krassen Gegensatz zu Richards Sennetts Abgesang auf den flexiblen, heimatlosen Menschen. Durch den ständigen Zwang zum Neuen wird der Rastlose deformiert, das eigene Leben wird zum ziellosen und undurchschaubaren Stückwerk. Sennetts Fazit: Eine Gesellschaftsordnung, die das Bedürfnis des Menschen nach stabiler Mitte so sehr vernachlässigt, kann nicht von Bestand sein.

Pico Iyer zieht hingegen aus dem ruhelosen Nomadentum seinen Nektar. Er berichtet in sieben Episoden über diese wichtigen Kristallisationspunkte der Globalisierung. Über Menschen, wie sie nicht jeder zu seinem Bekanntenkreis zählt. Über solche, die sich in diesen World Citys jeweils ein Zuhause geschafft haben. Und die gleichzeitig als Businessnomaden immer und überall anwesend sind. Immer wieder ausgespuckt werden aus den Lusttempeln der Beschleunigung, den Flughäfen. Immer wieder für kurze Zeit sanft gebettet werden in den Lusttempeln der Zwischenaufenthalte, den Hotelzimmern. Das Leben zieht in einer inszenierten Bilderflut vorbei. Es ist ein Leben ohne Geschichte. In virtuellen Städten ohne Authentizität. Oder wie es der Zukunftsprophet Douglas Coupland einmal bezeichnet hat: "Ich mag Hotels, weil du in einem Hotelzimmer keine Geschichte hast, sondern nur ein Wesen bist." Man bewegt sich in diesen Städten wie auf einer Internet-Homepage. Man klickt an, was man will.

Hongkong, die schnellste Global City.

Hongkong, so Iyer, ist derzeit die begehrteste Stadt für diese Nomaden. Es ist gleichzeitig das beste Kapitel im Buch, weil die Wahrnehmung sich nicht in handfesten Erklärungsmustern auflöst. "In der Mall, in der die Wohnung eines früheren Studienfreundes lag, gab es vier Kinos und zwanzig Esslokale, dazu siebenundzwanzig Boutiquen (unter anderem Gucci, Guess, Valentino, Vuitton, Boss, Hugo Boss, Armani Exchange etc.), einen besonderen Zugang zur U-Bahn, zum Far East Finance Center und zum Parkdeck. Alle großen Warenhäuser Englands, Hongkongs und Japans hatten hier ihre Filialen: Die ganze Welt der Freuden unter einem Dach, wie man lesen konnte." Wie Iyer jetlag-geschwächt durch diesen Themenpark wandelt, lässt ahnen, wie schnell man im Schlund der Freuden verschwinden kann. Nach dem Motto: Wer sich schnell bewegt, wird unsichtbar. Spuren hinterlässt man nur noch mit Kreditkartenbelegen und Telefonrechnungen.

Fragt sich nur, ob man trotz der gigantischen weltweiten Beschleunigung auch immer am richtigen Ort landet. Hier streut Iyer mächtig viel Sand ins Getriebe. Er vergleicht den Geschwindigkeitsrausch mit einem Kinderspiel, das jeder kennt: "Man musste sich immer schneller auf der Stelle drehen, bis man schwindelig umfiel und sich auf dem Boden wieder fand." Und siehe da. Die Globalisierung biete keineswegs eine Heimat für alle. Beispielsweise nicht für jene, die in den Ritzen der World Citys kleben bleiben. Wie etwa die 130.000 Filipinos, die in Hongkong als Kindermädchen oder Haushaltshilfen leben. Sie gehören nicht dazu und bilden jene Schattenökonomie, ohne die der mobile Jetset darnieder läge. Auch sie sind unterwegs in einer Welt ohne Grenzen. Formatieren Heimat in der Fremde. Modellieren Kontaktflächen für die eigenen Selbstentwicklungslinien. Aber ohne Kreditkartenbelege.

Die neue Kosmopolis.

Fazit: Pico Iyer hat ein ehrliches Buch zur Globalisierung vorgelegt. Er ist dort hingefahren, wo sich die alten Grenzen aufzulösen scheinen und zugleich neue Grenzen herausbilden. Und ist damit ein glänzender Chronist bizarrer Alltags- und Lebenswelten, ohne sie endgültig zu werten. Er seziert die Realität der neuen Kosmopolis, auch dort, wo es wehtut. Und gerade wenn er zum Schluss seine eigene skurrile Einbettung im japanischen Vorort beschreibt, kommt die Sehnsucht und die Hoffnung der globalen Seele zum Vorschein, dass die Summe der angehäuften Identitäten zu einem harmonischen Zusammenklang führe.

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