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Meine wunderbare Mischmaschine


Joana Breidenbach / Ina Zukrigl-Schief:
Tanz der Kulturen,
Verlag Antje Kunstmann,
München 1998,
256 Seiten, 18 Euro,
ISBN 978-3-88897-208-9

 
Von Michael Gleich

Ein Kulturpessimist ist nicht besser oder schlechter als jeder andere Pessimist. Als Feld, auf dem er seine Befürchtungen austobt, alles gehe den Bach runter, hat er sich halt die Kultur ausgesucht. Also das, was über die Biologie hinausgeht und den Menschen ausmacht. Also fast alles. Wem die Zukunft ausschließlich als unheilvoll erscheint, neigt meist umgekehrt dazu, das Vergangene zu verklären. Früher stand alles besser. Und die Sonne der Kultur höher.

Ohne das empirisch belegen zu können, scheint mir, dass Kulturpessimismus eine Vorliebe Europas ist. Auf anderen Kontinenten ist die Spezies gebildeter, meist der Mittelschicht angehörender Miesmacher eher rar. Die Alte Welt und ihr Faible für die "gute alte Zeit". Doch selbst damals, in der griechischen und römischen Antike, die seitdem als Hochkultur verehrt wurde, gab es prominente Unkenrufer. So wird Sokrates, der im vierten Jahrhundert vor Christus lebte, das Diktum zugesprochen: "Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer." Unser Philosophielehrer stellte sich also in eine gute Tradition, als er jedem neuen Abitur-Jahrgang vorhielt, der vorige, ja der habe mehr Niveau gehabt. Nichts als Niedergang, und das seit Sokrates. Schon zu Schulzeiten arbeitete ich mich an der lästerlichen Frage ab, wie bei solch rasanter kultureller Talfahrt eigentlich moderne Höchstleistungen des Geistes erklärbar seien. Beethovens Symphonien, die Relativitätstheorie und das Innenleben meines Laptops: Aus welchen Niederungen gelangten die durch die Dunkelheit zu den Sternen?

McDonaldisierung oder Cocacolonialisierung?

Heute konzentrieren sich Kulturpessimisten auf einen neuen Feind: die Globalisierung. Hier glauben sie endgültige Beweise für Nivellierung und Niedermache zu finden. Der weltumspannende wirtschaftliche Austausch, dominiert von den Vereinigten Staaten von Amerika nebst einer Allianz von Willfährigen, werde der kulturellen Vielfalt auf dem Planeten den Garaus bereiten. Die Welt werde flach. So flach wie der Humor amerikanischer Sitcoms, in die man Kicher-Geräusche einblenden muss, damit überhaupt einer merkt, wann gelacht werden soll. So flach wie die Hackfleisch-Scheibe eines Hamburgers, weshalb auch gerne von McDonaldisierung die Rede ist. So flach wie eine Coladose nach der Begegnung mit einem Tanklastzug - was zu dem schönen Wort Cocacolonialisierung inspiriert haben mag. Eine Rückkehr ist zu beobachten, 500 Jahre, nachdem Christoph Kolumbus, ausgehend von der Erkenntnis, die Erde sei rund, gen Westen segelte, weil er den Osten erobern wollte: Zumindest kulturell zeigt sie sich mehr und mehr als flache Scheibe. Sagen Globalisierungskritiker und Kulturpessimisten.

Daran sei der allem voranfahrende Kolumbus nicht ganz unschuldig. Mit ihm begann eine Entwicklung, die sich über Jahrhunderte beschleunigte. Die Entfernungen, über die hinweg Handel getrieben wurde, nahmen in dem Maße zu, wie Schifffahrt, Eisenbahnwesen und schließlich der Luftverkehr die Voraussetzungen dafür schufen. Motor aller Wellen von Globalisierung ist seit einem halben Jahrtausend der Westen. Länder wie Spanien, Portugal, Großbritannien und dessen Kolonien Amerika und Australien. Wer antreibt, bestimmt auch die Richtung. Aber geht die wirklich dahin, dass westliche Kulturen alle anderen überlagern, verdrängen, plattmachen?

Eine Kultur der Kulturen entsteht.

Die beiden Ethnologinnen Joana Breidenbach und Ina Zukrigl-Schief haben in vielen Ländern geforscht. In ihren Studien zeichnen sie ein anderes Bild. Sie berichten nicht von der Planierung, sondern von einem Tanz der Kulturen, so der Titel ihres richtungweisenden Buches. Es erschien vor zehn Jahren, aber keiner ihrer Befunde hat an Kraft und Wichtigkeit verloren. Denn immer noch ist der Bedarf an Aufklärung und einer Portion Optimismus groß.
Sicher: Kulturelle Elemente verschwinden. So sterben jedes Jahr von den 6.000 Sprachen auf der Welt rund zehn aus. So kämpft der europäische Film vielfach auf verlorenem Posten gegen die überwältigende Marktmacht der US-Studios. So breiten sich Nabelpiercings wie das von Britney Spears, Coffee-to-go und schlabberige Schnellbuletten seuchenartig über die Erdteile aus.

Gleichzeitig, so das Duo Breidenbach/Zukrigl, entstehe aber etwas Neues. Die Welt schrumpft, Kulturen rücken näher, Begegnungen mit dem Anderen, dem Unbekannten, dem Fremden werden häufiger. Diese Erfahrung schaffe und schärfe das Bewusstsein für den Wert der eigenen Kultur, so die Autorinnen. Yanomami treffen Aborigines, vielleicht bei einer Konferenz indigener Völker, und wechselseitig erkennen sie, welchen Schatz an Liedern, Tänzen, Sprachen, ethnomedizinischen Kenntnissen und vielem mehr sie in Händen halten.
Heute ist in vielen Ländern die Stärkung von Traditionen zu beobachten, die man schon längst auf dem absteigenden Ast wähnte. Manchmal ist strategisches Kalkül im Spiel: Indem man seine kulturelle Eigenheit herausstellt, kann eine Minderheit besondere Rechte bis hin zu staatlicher Förderung beanspruchen. Die Renaissance der Maori-Kultur in Neuseeland etwa wird durchaus auch von politischen Motiven befeuert.

Neu war und bleibt der Gedanke von Breidenbach und Zukrigl, wonach eine Art Globalkultur entsteht. Damit bezeichnen sie ein Referenzsystem, auf das sich alle Kulturen der Welt beziehen. Es macht Kommunikation möglich, weil man sich auf bestimmte Regeln geeinigt hat. Vielleicht die wichtigste davon: Keine Kultur ist wertvoller als die andere. Analog zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte könnte man ein ungeschriebenes Gesetz der Globalkultur formulieren: "Alle Kulturen haben die gleichen, unveräußerlichen Rechte." Auf dieser Basis entstand in den vergangenen Jahrzehnten eine Art "Kultur der Kulturen". Ein Verständigungssystem, mittels dessen Menschen ihre Eigenheiten auf ähnliche Weise kommunizieren. Sauerländer genauso wie Samen und Lappen.

Globalisierung, eine gigantische Mischmaschine.

Neben Nivellierung (Stichwort Fast Food) und Akzentuierung (wie bei den Maori) beobachten die Autorinnen ein weiteres Phänomen. Sie nennen es Hybridisierung. Man könnte auch Mischmaschine sagen. Kultur ist eben kein Zustand, wie man manchmal glauben möchte, wenn man Diskussionen darüber verfolgt, eine bestimmte Tradition müsse geschützt werden. Nein, Kultur ist ein Prozess. Ständige Veränderung ist ihr Wesen. Sie entsteht durch Neukombination von Einflüssen unterschiedlichster Herkunft. Immer schon. So erneuert sie sich und bleibt vital. Oder wie es der Schriftsteller Salman Rushdie ausdrückte: "Melange, Mischmasch, ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem, auf diese Weise entsteht Neues in der Welt." Wissenschaftlich heißt das Kreolisierung, und der in Großbritannien lebende, durch die Welt wandernde, mehrfach geschiedene indische Autor verkörpert sie besonders prominent.

Globalisierung als gigantische Mischmaschine kultureller Einflüsse. Die Welt wird vielleicht an manchen Stellen flacher, gleichzeitig wird sie bunter. Durch Begegnung und Verschmelzung entsteht eine neue Vielfalt, deren Ausmaß uns noch gar nicht bewusst ist.

Sie sichtbar zu machen, ihren Wert darzustellen, eine offene Auseinandersetzung zu ermöglichen: Das sind die Ziele von Culture Counts. Das Buch Tanz der Kulturen hat unser Vorgehen dabei entscheidend geprägt. Nicht nur in den Thesen, sondern auch in seiner Grundstimmung: Unser Projekt ist ein entschieden post-pessimistisches.

Michael Gleich ist Koordinator bei Culture Counts.


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