print 

Das Spiel des Lebens (1)

Von Peter Felixberger

Die globalisierte Welt wird immer unübersichtlicher. Wie kann man diese Komplexität managen? Mit Diversity, was sonst! Ein Essay in zwei Folgen.  

Kennen Sie das Tanaland-Experiment? Nein? Sollten Sie aber schleunigst nachholen, denn es beweist, wie beschränkt wir eigentlich sind. Oder etwas freundlicher formuliert: wie schlecht wir komplexe Systeme managen können. Der Gießener Psychologieprofessor Dietrich Dörner hat es durchgeführt. Er ließ seine Studenten in einer Computersimulation über ein fiktives Gebiet in Afrika herrschen. Die Entwicklungshelfer sollten Tanaland, so dessen Name, virtuell steuern - über zehn Jahre. Ein Computer wurde zu diesem Zweck vorab mit allen notwendigen Daten gefüttert - vom Klima über Bodenbeschaffenheit und Vegetationsdichte bis hin zu den Lebensgewohnheiten der Bevölkerung.

Das Ergebnis war ein Meilenstein in der Komplexitätsforschung. Die Studenten, voller zivilisatorischem Gutmensch-Eifer, ließen Dämme bauen, Bewässerungssysteme anlegen, Wälder abholzen und Felder düngen. Raubtiere und schädliche Insekten wurden ausgerottet, Ärzte im Land angesiedelt, zu guter Letzt wurden Familienplanung und Geburtenkontrolle eingeführt. Alle Inputs waren jeder für sich gesehen ein Segen für das virtuelle Entwicklungsland. In der Summe jedoch bedeuteten sie dessen Untergang. Tanaland war schnell abgebrannt. Das segensreiche Wirken der Studenten brachte Hungersnöte, Tiersterben und Umweltkatastrophen für die Bevölkerung. Den Einwohnern ging es im Endeffekt so schlecht wie nie zuvor.

Was waren die Gründe dafür? Nun, die selbst ernannten Strippenzieher konnten die langfristigen Folgen ihrer Maßnahmen nicht voraussehen. Sie unterschätzten, dass es für jede scheinbar "richtige" Entscheidung eine Reihe von unbekannten kurz-, mittel- und langfristigen Folgen gab. Und sie unterschätzten die netzwerkartige Verbundenheit aller Elemente in Tanaland. Denn alles war mit allem verbunden. Ein Beispiel: Um die Landwirtschaft zu schützen, beschlossen Dörners Studenten, kleine Parasiten wie Ratten und Mäuse mit Gift und Fallen zu dezimieren. Mit der Entscheidung: "Rottet Ratten und Mäuse aus", sollte das Problem eines möglichen landwirtschaftlichen Schadens gelöst werden. Doch die reale Welt ist kein lineares System. So kam es, wie es kommen musste. Weniger Ratten und Mäuse bedeuteten eine Zunahme jener schädlichen Insekten, die Ersteren zuvor als Nahrung dienten. Die Insektenbrut konnte sich nun unkontrolliert vermehren und fügte der Landwirtschaft am Ende des Tages einen deutlich höheren Schaden zu.

Der Biologe Alberto Gandolfi beschreibt dieses grundlegende Merkmal von Komplexität so: "Die Outputs des Systems haben keine lineare Beziehung zu den Inputs. Nur selten ist es möglich, den mittel- und langfristigen Zustand des Systems durch unser Einwirken auf eines oder mehrere Elemente global vorherzusehen." Anders ausgedrückt: Per Knopfdruck lässt sich ein komplexes System nicht steuern. Im Gegenteil: Es ist unvorhersehbar, nichtlinear und damit nicht kontrollierbar. In einem Wort: Es ist ein grandioser Wirrwarr. Tausende von Elementen sind durch Wechselwirkungen miteinander verbunden, behindern und verstärken einander, überlappen und heben sich auf. Neudeutsch nennt man das ein Netzwerk.

Hinzu kommt: Zahlreiche Rückkoppelungen erhöhen die Komplexität. Sie basieren auf dem Prinzip: Das Ergebnis beeinflusst den Anfang. Und zwar auf zweierlei Weise: negativ und positiv. Ein Thermostat beispielsweise funktioniert negativ rückgekoppelt: Je niedriger die Außentemperatur, desto mehr heißes Wasser strömt in den Heizkörper. Ganz anders verhält es sich auf einer leeren Tanzfläche in einer vollen Diskothek. Das Ereignis ist positiv rückgekoppelt. Niemand tanzt, weil die Tanzfläche leer ist. Und da niemand sie betritt, bleibt sie leer. Der Output des Systems "leere Tanzfläche" verstärkt sich selbst. Fazit: Jedes komplexe System wird von Rückkoppelungen entweder gepeinigt oder gefördert.

Systeme sind nicht beherrschbar

Bereits diese ersten Fahndungsbilder von Komplexität machen Menschen Angst. Deswegen rücken sie ihnen mit Planung und Kontrolle zu Leibe. Sie versuchen, prophylaktisch Fehler zu vermeiden, Probleme zu lösen und Rückkoppelungen zu vereinnahmen. Das System beherrschbar zu machen. Das Problem: Diese übertriebene Vorsicht produziert immer mehr Überwachung. Die Wachposten errichten immer höhere Zäune und Türme, um die wertvollen Inhalte nach außen abzusichern. Nichts darf mehr, nichts kann mehr passieren. Der Höhepunkt des linearen Herrschaftsdenkens! Aber zugleich auch ihr Ende, denn die Fehleranfälligkeit wird dadurch nicht gelindert. Als im Sommer 1990 das US-Telefonnetz plötzlich zusammenbrach, fand man sehr schnell den Grund: Von den zwei Millionen Programmzeilen der Software, die das Netz am Laufen hielt, waren drei falsch. Der kleine Fehlerteufel sitzt eben überall. Es gibt kein Entrinnen.

Womit wir mitten in der Petersilie stehen: Je mehr fehlerfreie Technologie produziert wird, umso komplizierter ist diese - und damit umso anfälliger für jeden noch so kleinen Planungs- und Konstruktionsfehler. Anders ausgedrückt: Je mehr Überblick wir anstreben, desto weniger Durchblick haben wir. Die Strukturen werden so kompliziert, dass ein einziger kleiner Fehler zum Chaos führen kann. Das macht Großtechnologien so verwundbar. Vor diesem Chaos fürchten sich technokratische, politische und ökonomische Allmachtsfantasten wie der Teufel vor dem Weihwasser. Chaos ist in dieser Lesart das Ergebnis jener vermeidbaren Fehler, die es systemisch nicht geben darf. Chaos ist die höchste Demütigung der herrschenden stabilen Verhältnisse. Die korrespondierende Null-Fehler-Kultur ist jedoch die Kehrseite des totalen Überblicks. Beide tragen den Keim der Selbstzerstörung in sich. Denn sie verwechseln Komplexität mit Kompliziertheit. Und fürchten sich vor allen Formen der Unruhe.

In der Chaostheorie hingegen wird der Tumult begrüßt. Niederlagen und Fehler werden willkommen geheißen. Warum? Ganz einfach. Ohne Chaos gäbe es keine Evolution, da zu wenige Bausteine für neue stabile Verhältnisse vorhanden sind. Der Kybernetiker Uri Merry schreibt dazu: "Das Chaos ist der fruchtbare Boden, auf dem die Kreativität entstanden ist. Das tiefe Chaos ist ein natürlicher, unvermeidlicher und wichtiger Übergang im Verwandlungsprozess jeder Lebensform."

Der amerikanische Philosoph Thomas S. Kuhn hat bereits in den 1960er Jahren nachgewiesen, dass jeder Wissensfortschritt von derlei Brüchen, Chaos und Revolutionen geprägt ist. In jeder Epoche herrscht seiner Auffassung nach ein bestimmtes Paradigma vor. Gespeist wird es von Werten, Überzeugungen und Dogmen. Beispiel: Die Erde steht im Mittelpunkt und alle anderen Planeten kreisen um sie herum. Im Laufe der Zeit entstehen dann so genannte Anomalien, sprich Ereignisse, die das herrschende Paradigma nicht erklären kann. In unserem Beispiel: Zwei Spinner namens Kopernikus und Galilei behaupten, die Sonne sei der Mittelpunkt des Universums. Nach vielen weiteren Kämpfen und Auseinandersetzungen wird das alte schließlich durch das neue Paradigma ersetzt.
Der Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend geht sogar noch ein Stück weiter. Für ihn ist grundsätzlich jede Form von Wissen im großen Fortschrittsspiel zugelassen. Egal, wer es oder wo es generiert wird. Im Reagenzglas oder auf einer Schamanenreise. Anything goes, lautet sein berühmter Aufruf. "Wissenschaft ist ein geistiges Abenteuer, das keine Grenzen kennt und keine Regeln gelten lässt." Die Erkenntnis freier Menschen basiert auf Vielfalt und dem Abschied vom totalen Überblick, so Feyerabend. In diesen globalen Erkenntnistumulten herrsche eine positive Fehlereinstellung. Fehler sind notwendig, um sich zu bewegen. Fehler sind notwendig, um kreativ zu sein.

Selbst ist der Mitarbeiter

Ein Prinzip übrigens, das die Evolution seit Jahrmillionen gehörig auf Trab hält. Den Grund erklärt der Biologe Alberto Gandolfi so: "Die Evolution und die Anpassung biologischer Systeme kann gerade deshalb erfolgen, weil in jeder neuen Generation Fehler beim Kopieren der in der DNA enthaltenen genetischen Informationen entstehen. Diese Fehler nennt man Mutationen. Sie produzieren die biologische Verschiedenheit, aus der die natürliche Selektion sich die Organismen herauspicken kann, die am geeignetsten sind, um zu überleben und sich zu reproduzieren."

Aus alledem folgt offenbar nur eines: Wir müssen radikal umdenken, wenn wir sozial, politisch und ökonomisch weiterkommen wollen. Wir benötigen erstens komplexe anstatt komplizierte Organisationen, insbesondere Unternehmen. Dass starre, hierarchisch gegliederte Gebilde wenig Chancen auf Erfolg haben, hat sich in den letzten Jahren auch bis in die kleinsten Winkel der Managementkultur herumgesprochen. Stattdessen sind dynamische Netzwerke mit beliebig vielen selbstorganisierten Untersystemen gefragt. Die einzelnen Mitarbeiter sind für Planung und Kontrolle ihrer Arbeit selbst verantwortlich. Sie besitzen große Handlungs- und Entscheidungsfreiheit. Diese Unternehmen entwickeln sich nichtlinear, oft mit plötzlichen Sprüngen und brüsken Veränderungen.

Doch diese rapiden Veränderungen werden durch eine höhere soziale Komponente abgefangen: Man hilft sich gegenseitig - auch in den Beziehungen zu Kunden, Lieferanten und sogar Konkurrenten. Management bedeutet, Raum für Vielfalt oder Diversity zu schaffen, damit das System sich von selbst entwickeln kann. Nicht mehr kurzfristige Gewinnmaximierung, sondern das langfristige Überleben steht im Mittelpunkt. Kontrollen sind auf das Mindestmaß reduziert. Vorübergehendes Chaos in Form von Krisen wird als Erweiterung der eigenen Lernwelt interpretiert.

Noch ist das theoretisches, nur selten in der Praxis umgesetztes Wissen. Denn uns fehlt noch etwas ganz Entscheidendes: ein neues Verständnis von Sicherheit, mit dem wir gleichzeitig Abschied nehmen von der totalen Plan- und Beherrschbarkeit der Welt. Stabilität und Nullrisiko sind sowieso Chimären. Sie sind, im Wortsinn, un-natürlich. S. A. Kauffman, einer der führenden Komplexitätsforscher, ist sich sogar sicher, dass die Evolution ganz absichtlich die komplexen Systeme an den Rand des Chaos stößt, weil sie eben nur da jene Bedingungen vorfinden, um sich kreativ weiterentwickeln zu können. Alles ist flüchtig, vage, wechselhaft. Unsere Chance besteht darin, dass wir uns in diesen Tumult einreihen, in dem die Karten immer neu gemischt werden. Das ist das Spiel des Lebens.


> Das Spiel des Lebens (2)
> Reporting