Generation Globo
Von Michael Gleich
Globos sind mobil, vernetzt. Und sie denken die Welt als Ganzes. Ein neuer Typ Weltbürger ist im Kommen.
Globales Bewusstsein ist keine ferne Vision. Seine Vorboten sind bereits unter uns. Einer davon ist ein Phänomen, das ich als Generation Globo bezeichne. Zu ihr zähle ich Menschen, die sich in ihren Handlungen und Gedanken auf die Erde als ein Ganzes beziehen. Ende der 1970er-Jahre schlug die Geburtsstunde der Globos. Weltläufige Menschen hatte es auch früher schon gegeben, allerdings nur als kleine Elite: Diplomaten, Reiche, Kaufleute, Bildungsbürger auf Sinnsuche. Das wirklich Neue an den Globos ist, dass zum ersten Mal in der Geschichte ein globales Bewusstsein zur mentalen Ausstattung von Millionen gehört. Diese Demokratisierung von Weltläufigkeit unterscheidet die Globos wesentlich von Nachkriegseltern und den Babyboomern. Zwar gehört beileibe nicht jeder nach 1970 Geborene dazu. Aber in ihrer Altersgruppe formuliert "Think global, act local" zum ersten Mal den Mainstream des Denkens.
Zwei Globos im Blickpunkt
Es gibt eine Menge guter Gründe, sich zu fragen, wes Geistes Kinder die Globos sind, woran sie glauben, wofür sie sich engagieren. Zeichnen wir also erste Porträts, geben wir ihnen ein Gesicht, besser gesagt zwei: Einar aus Reykjavik und Gheena aus Nairobi. Wenn sie sich zufällig treffen würden, wäre es wie bei einer Überraschungsparty: Man hat lauter Freunde eingeladen, die sich vorher noch nie begegnet sind, aber man weiß: Die beiden werden Spaß miteinander haben. Die werden verstehen, was der andere meint. Grenzenlos. Island und Kenia bezeichnen Herkunftsländer, sind für sie nur noch geografische Namen. Ihre Heimat ist größer.
Einar und Gheena. Die zwei sind eingeloggt in die globalen Netzwerke. Sie fischen in den Flüssen der Medien, Daten, Waren, Finanzen, Bewegungen. Sie fühlen sich wohl in der Stadt, in der sie wohnen. Es ist nicht die Stadt ihrer Geburt, sondern ihrer Wahl. Sie dient als Hauptquartier. Von dort brechen sie auf, dorthin kehren sie zurück. Zwischendurch sind sie ziemlich viel unterwegs. Sie fühlen sich mit denen verbunden, die ein ähnliches Leben führen, an das Gleiche glauben, die gleiche Sprache sprechen. Nähe kennt keine Kontinente. Sie wird hergestellt mit E-Mails und Flugzeugen.
Gheena, 26, kommt aus Nairobi. Sie wohnt nicht in der Innenstadt, einer grauen Betonwüste, sondern an der Peripherie, eingebettet in grüne Hänge und Haine. Fünf Tage die Woche arbeitet sie bei einer Fluglinie im Ticketverkauf, am sechsten besucht sie einen Kurs in Textverarbeitung. "Computer - was ist das?", hatte ihr Vater gefragt. Er ist Bauer, Analphabet, ein bescheidener, aber relativ erfolgreicher Viehhändler vom Stamme der Kikuyu. Gheena durfte nach Nairobi, die Highschool besuchen, Englisch lernen, eine Büroausbildung machen. Mädchen bekommen selten solche Chancen. In der Familie N?Duma gibt es nur Mädchen. Also durfte die Älteste lernen. Sie wohnt in einem winzigen Apartment, das sie sich mit einer Kollegin teilt. Samstags gehen die beiden in die Disco "Florida 2000", tanzen nach Afropop oder englischem House-Techno. Von einer Leinwand blitzen die Stars von MTV.
Einar, 29, kommt aus Reykjavik. Aus dem Flugzeug wirkt Island so isoliert. Eisige Insel inmitten atlantischer Einöde. Ab und zu spuckt die Erde Feuer, bebt, taut Gletscher und verwandelt sie in vernichtende Fluten. Auf Meereshöhe bietet sich jedoch ein heimeligeres Bild. Island liegt mitten in der Welt. Fast jeder hat ein Handy, Internet gehört zum Haushalt wie die Waschmaschine, die Jugend spricht meist hervorragend Englisch. Einar kommt viel herum. Als Verkäufer in einem der hippen Modeläden an der Bergstaarstræti verdient Einar zwar nicht besonders viel Geld. Aber da er noch bei den Eltern wohnt, kann er sein Gehalt in der Freizeit verjubeln. Vier Flugstunden sind es bis New York, nur zwei bis London. Einar besucht Freunde, geht Shoppen, hält Ausschau nach den neuesten Trends. Das Wochenende verbringt er am liebsten beim Rave in Reykjavik. Von Freitag spät nachmittags (Aufwärmtrinken in der Clique) bis Sonntagmittag (wenn die letzte Techno-Bar schließt) zieht er durch ruhelose Polarnächte. "Unsere Szene ist heißer als die von Ibiza", sagt Einar. Er hat den Vergleich.
Fünf globale Prägungen
Globos sind, so paradox es klingt, ein Kollektiv von Individualisten. Die Gängelweisheiten der Alten haben sie abgehängt: "Kein Sex vor der Ehe", "Leben heißt arbeiten", "Spare für später", "Haste was, dann biste was." Gheena würde nie stumm erleiden, was sich ihre Mutter von der Sippe des Ehemanns hat gefallen lassen. Einar verkehrt offen in der Gay-Szene. Wie die alten Dogmen verlieren auch ihre Verkünder, die Repräsentanten der traditionellen Institutionen, an Gewicht und Stimme, die Altvorderen.
Nach Expertenschätzungen pflegt schon mehr als eine Milliarde Menschen einen globalisierten Lebensstil. Die Globos, ein Phänomen der Metropolen, des Mittelstandes, der Mobilität, der multimedialen Vernetzung, werden in den nächsten Jahren überall auf der Welt in Machtpositionen drängen. Schon aus diesem Grund lohnt es sich nachzusehen, wer hier in den Startlöchern steht. Fünf Phänomene haben sie mental geprägt:
I. Das Bild vom Blauen Planeten,
II. die grenzenlose Mobilität nach Ende des Kalten Krieges,
III. die Konfrontation mit globalen Problemen,
IV. die Nutzung weltumspannender Netze,
V. das Erlebnis einer sich beschleunigenden wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung.
Aus dieser Gemengelage formt sich ein völlig neues Phänomen heraus: ein "Global Spirit", der zum ersten Mal in der Geschichte eine Ahnung davon vermittelt, wie echtes Weltbürgertum als bestimmende planetare Kraft aussehen könnte.
I. Das Bild vom Blauen Planeten gehört heute selbstverständlich zur Ikonografie des Alltags. Es ist so allgegenwärtig, dass es schon wieder unsichtbar wird. Doch die Menschen Ende der 1960er-Jahre fanden es aufregend, als hätte man den Mann im Mond fotografiert. Ein Bild, das alles ändert. Vorher kannte man zwar Luftaufnahmen, und es gab Globen. Völlig unvorstellbar war jedoch, wie die Erde von außen wirken würde, als dreidimensionales Ganzes.
Der amerikanische Astronaut Eugene A. Cernan formulierte ein neues Heimatgefühl: "Wenn man aus der Erdumlaufbahn hinabblickt, sieht man Seen, Flüsse, Halbinseln. Man erkennt, wie die Sonne über Amerika unter- und über Australien wieder aufgeht. Man blickt zurück nach Hause und sieht nichts von den Schranken der Hautfarbe, der Religion und der Politik, die unsere Welt teilen."
Das Foto vom Blauen Planeten hat der Menschheit geholfen, erwachsen zu werden. In der Entwicklung von Kindern gibt es jenen Moment, da sich ein Baby zum ersten Mal in einem Spiegel erkennt. Es sieht sich von außen und als Ganzes. Die Außensicht auf den Heimatplaneten markierte gleichsam das Spiegelerlebnis unserer ganzen Spezies.
II. Grenzen und Gräben. Die Kriegs- und Nachkriegsgeneration war traumatisiert von Zerstörung, Völkermord und Hunger. Sie war verwurzelt an Orten, die Westfalen oder Rauchbucht hießen und die sie Heimat nannte. Die Welt der Kinder definiert sich durch neuartige Koordinaten: Schüleraustausch mit Lyon, erste Weltreise nach dem Abitur, Auslandssemester in Sydney. Bei jedem Ausflug knüpfen sie neue Kontakte, weben Faden für Faden zu einem Internet der Freundschaften. Von solcher Umtriebigkeit hätten die Eltern nur träumen können. Kaum waren die Schrecken des Zweiten Weltkriegs ausgestanden, zerschnitt der Kalte Krieg den Globus in zwei Hälften: Mitten durch Europa wurde 1961 eine Mauer gezogen und zu einem hermetischen, tödlichen Wall ausgebaut.
Er trennte Familien, stoppte den Verkehr, leitete Warenströme um, verhinderte Verständigung. Nachrichten wurden zensiert, gefärbt, gefälscht - in beiden Richtungen. Die Menschen waren weit weniger vernetzt als heute, Propaganda konnte ungefiltert in Köpfe sickern, weil es keinen kommunikativen Abgleich gab. Mobilität war weniger eine Frage der Fortbewegungsmittel als eine des Rechts auf Fortbewegung. Es wurde beschränkt durch Reiseverbote, Sperren, Passentzug. Diese Hermetik verbreitete sich weltweit, denn die Supermächte kannten keine Hemmungen, ihren Konflikt auf alle Kontinente zu exportieren. Überall wurden neben den sichtbaren Eisernen Vorhängen noch heimliche Barrieren hochgezogen. Die ärmeren Länder in Afrika, Südamerika und Asien mussten sich entscheiden: Wes Freund, wes Feind? Vom jeweiligen Bekenntnis hing es ab, ob Washington oder Moskau die Alimente zahlte. Der Kalte Krieg war eine Phase der Stagnation. Er lähmte den Prozess der Weltwerdung. Auf der mehrfach geteilten Erde bekamen globale Fürsorge und globales Bürgertum wenig Chancen auf Entfaltung.
Alles änderte sich schlagartig, als 1989 erst die Berliner Mauer fiel und dann der Ostblock kollabierte. Die USA hatten den Kalten Krieg gewonnen. Die eiserne Zeit endete nicht mit Pauken und Trompeten, eher mit einer leisen Implosion. Die Global Generation nahm die Mauer genau in dem Moment bewusst wahr, als sie einstürzte. Sie war jung, in der Phase des Erwachens, wo man politische Interessen entdeckt. Mit einem Mal standen alle Grenzen offen: die Einladung, auf eine sehr lange Reise zu gehen.
III. Radioaktive Wolken und Erdgipfel. Bedrohung von außen schweißt im Inneren zusammen. Interessanterweise gilt das auch für jene Gefahren, die der Menschheit als Ganzes drohen. Zwar sind die meisten ökologischen Probleme "hausgemacht", dennoch wirken sie gleichsam wie von außen kommend, weil ihre Tragweite über den Einflussbereich von einzelnen Ländern weit hinausreicht. Die Sicherheit von Kernkraftwerken ist seit dem Reaktorunfall von Tschernobyl keine nationale Angelegenheit mehr, denn die radioaktiven Wolken, die freigesetzt wurden, versetzten Menschen rund um den Globus in Panik. Auch das laufende Großexperiment mit dem Weltklima, bei dem schädliche Gase massenweise in die Atmosphäre geblasen werden, kann nicht von einem Staat, sondern nur durch eine internationale Anstrengung gestoppt werden. Das schmiedet die Völker zur Risikogemeinschaft zusammen.
Aber mit der Gefahr wächst das Rettende. Bereits Anfang der 1970er-Jahre formierte sich eine breite Protestfront von Natur- und Umweltschützern gegen den drohenden ökologischen Kollaps. Es gelang, wovon vor ihnen Gewerkschaftsfunktionäre oder Frauenrechtlerinnen immer nur geträumt hatten: Innerhalb von nur 25 Jahren eroberten sie die öffentliche Moral und die politische Meinungsführerschaft; damit waren sie die erfolgreichste soziale Bewegung des Jahrhunderts. Das heißt nicht, die Umwelt sei gerettet. Immer noch wird millionenfach gesündigt. Aber immerhin wagt es niemand, sich auf die politische Bühne zu stellen und zu verkünden, Regenwald, Artenvielfalt und Klima seien ihm vollkommen schnuppe.
IV. An die Existenz des Internets haben wir uns schon so sehr gewöhnt, dass wir vergessen, wie sehr es unseren Alltag verändert hat. Als Massemedium ist es gerade mal 13 Jahre alt, also noch ein Teenager. Vor dem World Wide Web gab es zwar kleine Datennetze, die von Verteidigungs- und von wissenschaftlichen Institutionen betrieben wurden. Aber sie blieben zunächst lokale, voneinander isolierte Einrichtungen. Erst die Erfindung des leicht zu bedienenden Standards namens "World Wide Web" schuf im Jahr 1991 die Grundlagen jenes Booms, der seit Mitte der 1990er-Jahre die Welt verändert. Jedes Jahr toppt das Internet seine Rekorde an neuen Nutzern, angeschlossenen Servern, gespeicherten Websites. Globos bewegen sich mit großer Leichtigkeit durch die elektronischen Räume des Cyberspace: Sie sind mit ihm aufgewachsen. Anders als die Generation der 68er, die alternative Lebensziele gegen den Widerstand traditionsverhafteter Eltern durchsetzen mussten und zu einem "langen Marsch durch die Institutionen" aufbrachen, stand den Globos von vornherein nichts und niemand im Weg. Ihre Eltern hatten zu akzeptieren, dass Computer, englische Sprache, Auslandsreisen, Internet die Zukunft bedeuten - ohne den Kindern dahin folgen zu können.
V. Die Welt ist ebenfalls ein Teenager. Sicher, auch vor 1990 hatten internationaler Handel und globale Arbeitsteilung gewaltige Dimensionen erreicht. Doch in der Ära der offenen Grenzen, des Freihandels und expandierender Datennetze können Finanzströme plötzlich in Echtzeit fließen. Das ganze Rund des Globus bietet sich als möglicher Marktplatz dar und wurde in blitzartigen Kampagnen erschlossen. Seitdem stöbert die Generation Globo in den Filialen von Bata und Body Shop, kauft Klamotten von Donna Karan und Nike, zappt sich durch CNN und MTV, isst Sushi-Falafel-Pizza-Burger, sieht die deutsche Krimiserie "Derrick" in 112 Ländern der Erde und findet im Supermarkt, egal wo auf der Welt, vorne rechts immer das Gemüse und die Süßigkeiten kurz vor der Kasse. Und sie hat sich daran gewöhnt, über Waren, Bilder und Informationen aus allen Teilen der Erde zu verfügen - jederzeit und überall.
Mauerfall, Internet-Geburt, Erdgipfel und Globalisierungswelle sind Schlüsselerlebnisse, die das Denken der Globos entscheidend geprägt haben. Sie fallen in die Zeit, als Einar und Gheena erwachsen wurden. Ihr Aktionsradius erweiterte sich, und die Neuen Medien lieferten ihnen die idealen Vehikel, um die Welt in großer Geste zu umarmen. Einar informiert sich auf den Websites der internationalen Schwulengemeinde "über angesagte Events" und organisiert gleich noch seine Ausflüge dorthin. Gheena erhielt später als ihre Altersgenossen in den reicheren Industrieländern Zugang zum Datahighway. Vor einigen Jahren öffneten in Nairobi die ersten Internet-Cafés. Meist handelt es sich weder um gemütliche Cafés noch um schnelles Internet. "Aber eine langsame Leitung ist besser als keine", sagt Gheena, die per E-Mail Kontakt zu ihrem saisonweise in Kairo arbeitenden Freund hält.
Ausgestattet mit Palmtop, elektronischem Routenplaner und "Fly around the world"-Tickets bewegen sich die Globos auf einem Planeten, der einen atemberaubenden Prozess der Schrumpfung durchläuft. Ein Düsenflugzeug ist heute 50-mal schneller als ein Segelschiff um 1900, sodass sich die Welt um den Faktor 50 verkleinert. Noch schneller schlägt der Takt der Informationen. Bit-Pakete pulsieren mit Lichtgeschwindigkeit durch die Nervenstränge der Datennetze. Für Reykjavik rückt Washington genauso nah heran wie Wladiwostok.
Die neuen Nomaden
Doch was bedeutet Beschleunigung für die neuen Nomaden: Sind sie die treibenden Kräfte? Oder die Getriebenen? Haben sie die soziale Kontrolle von Dorf und Familie nur deshalb abgelegt, um sich nun den anonymen Abhängigkeiten der globalen Netze auszuliefern?
Wenn man sie danach fragt, wissen sie es oft selbst nicht. Es gibt eine Gruppe von Globos, bei denen Mobilität zur Maxime wurde. Jedes Molekül scheint zu schwingen. Lust an Umtriebigkeit, vermischt mit der allgegenwärtigen Forderung nach Flexibilität, erzeugt ein diffuses Gefühl von Freiheit. Vielleicht macht genau diese Mixtur das "Mehr" beim extremen Lebensstil des "Miles & More" aus. Sie hasten von einer Abflughalle zur nächsten, bevölkern Lounges, ziehen alle zwei Jahre um, pendeln täglich zur Arbeit und zurück, nutzen jede freie Minute zu Ausflügen und Ausbrüchen. Sie haben zwar eine feste Wohnung, aber das will wenig heißen. Städte verlieren ihre Statik, sind nicht länger ein Hort der Sesshaftigkeit, sondern Sammelplätze für die urbane Karawane. Ob freier Nomade oder Opfer eines kapitalistischen Arbeitsethos, der aus ihrer Verfügbarkeit Rendite schlagen will, muss jeder der "Flexecutives" (Flexible Executives) für sich selbst definieren. Sicher ist nur, dass das allgemeine Migrantentum drastisch zunehmen wird. Man ist unterwegs als Pendler, Tourist, Geschäftsreisender, Pilger, Matrose, Flüchtling, Soldat, Wanderarbeiter, Hirte, Reiseleiter, Wandergeselle, Forschungsreisender, Trucker ...
Die Vorhut der postmodernen Völkerwanderung rekrutiert sich aus den Globos. Sie wissen: Wer seine Chancen und Aussichten verbessern will, muss den richtigen Standort zur richtigen Zeit finden. Sie verfallen in milde Panik, wenn sie ahnen, woanders könnten die Tage bereichernder und die Nächte spannender sein. Nie genug Zeit, all das zu tun, was man tun möchte. Leben als letzte Gelegenheit. Der Aufenthalt in der Gegenwart verkürzt sich, die Zukunft expandiert. Und niemand in Sicht, der wüsste, wie es weitergeht. Ungewissheit liegt in der Logik des Wandels: Technische, soziale und kulturelle Neuerungen setzen sich in immer kürzeren Zyklen durch, das beschränkt die Treffsicherheit von Vorhersagen für die Zukunft auf wenige Monate. Regelmäßig versagen die Prognostiker, und oftmals wäre es besser, sie schwiegen ganz. Aus dieser Richtung hat die Global Generation wenig Weisung zu erwarten. Sie nimmt es gelassen, ist sie es doch von Kindesbeinen an gewohnt, mit einem Minimum an Gewissheiten auszukommen. Auch das unterscheidet sie von ihren Eltern.
Das "eigene Leben", selbst komponiert und selbst verantwortet, erstreckt sich als riesiger Möglichkeitsraum vor ihnen. Und jeder muss entscheiden, ob er es als Vakuum fürchtet oder als Freiraum entdeckt. Bei nicht wenigen gewinnt man den Eindruck, als sehnten sie eine übergeordnete Instanz zurück, die mit Erklärung, Orientierung und, wenn nötig, mit Strenge durchs Leben führt. Ein verständlicher Wunsch angesichts des Drucks, sich permanent neu entscheiden zu müssen, und der Angst, an irgendeiner der zahlreichen Weggabelungen falsch abzubiegen. Die Elterngeneration erlebte, wie dramatisch sich alle Verhältnisse durch Krieg, Vertreibung, Inflationen ändern können. Wandel bedeutete Leiden. Die Global Generation lebt mit dem Bewusstsein, Wandel nicht einfach hinzunehmen, sondern ihn zu gestalten. Er ist eine der wenigen Konstanten ihrer Biografie.
Über ihrer Bastelei an den eigenen Biografien kommt den Globos das Träumen abhanden. Statt Flower-Power und "Für eine bessere Welt"-Protest kultivieren sie einen coolen Pragmatismus, der seine Bezugs- und Belohnungspunkte im Hier und Jetzt festlegt. Utopien liegen ihnen fern.
Mündige Weltbürger
"One World", die eine Welt, un mundo unido: Die Parole gilt ihnen als Feststellung und Forderung zugleich. Einerseits pointiert sie das Lebensgefühl, freudig über die gefallenen Grenzen hinwegzuschreiten. Gleichzeitig benennt sie eine gigantische Aufgabe: Die Welt als Ganzes ist ihr zu Obhut und Pflege anvertraut. Politiker hält man für überfordert. Unternehmen wird misstraut. Der UNO haftet das Image der Ohnmacht an. Und dennoch müssen für mehr globale Probleme globale Lösungen gefunden werden denn je. Von wem, wenn nicht von mündigen, vernetzten Weltbürgern? Auf der Tagesordnung stehen Raubbau an den Energievorräten und Regenwaldabholzung, Energievergeudung und Erderwärmung, Artenschwund und Wüstenausbreitung, Aidsepidemie und Drogenhandel sowie so komplexe Probleme wie Armut, Bevölkerungswachstum oder Bürgerkriege.
So viel Verantwortung macht schwindlig. Nicht jeder stellt sich ihr. Die Verführung ist groß, global zu denken, um lokal nicht handeln zu müssen. Einar zum Beispiel glaubt nicht "an den Quatsch mit der Klimakatastrophe. Alles Panikmache. Und ehrlich gesagt: Wenn es in Island wärmer würde, hätte ich nichts dagegen." Gheena sorgt sich um das Aussterben von Tieren und Pflanzen. Der Nationalpark am Rande von Nairobi kommt ihr vor wie "eine kleine Arche", es sei traurig, dass wilde Tiere immer weniger Platz zum Leben hätten. Aus dem Fernsehen weiß sie, dass in Brasilien die Tropenwälder brennen. Aber es tröstet nicht, dass woanders alles noch viel schlimmer ist.
Die Globos erforschen auf ihren Reisen fremde Mentalitäten, spüren Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf. Wer, wenn nicht sie, hat das Zeug zum Unterhändler eines kommenden "Common Sense"? Sie verteidigen keine Heimat, hängen ihr Herz nicht an Hymnen. Ohne der Illusion zu verfallen, da sei ein Heer von Gutmenschen unterwegs, halte ich ihre umfassende Perspektive für einen ungeheuren Fortschritt. Sie fördert den sorgsamen Umgang mit der blauen Kugel, lenkt den Blick auf die Rahmenbedingungen des vernetzten Lebens. Die blaue Kugel ist beschränkt in der Kapazität für Milliarden Menschen, limitiert im Ertragen ökologischer Lasten, fragil im Ausbalancieren kultureller Konflikte. Darauf wir. Keine Chance auszuwandern. Wir müssen auskommen mit dem, was wir haben. Vor allem aber miteinander. Die Globos haben erkannt, dass sie Teil eines größeren Ganzen sind. Die Erde ist ihr Ort.








