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Werde, der Du bist!

Von Peter Felixberger, Michael Gleich (Text) und Christoph Püschner, Kathrin Harms (Fotos)

Jeder Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Wie kann man das Fremde als Spiegelbild und Lernort für die persönliche Selbstverwirklichung begreifen?

Der Journalist Gerd Ruge ist ein ausgewiesener Experte für die Frage, was uns fremd ist. Als Reporter für die ARD hat er jahrzehntelang ferne Länder bereist. Afrika und die ehemalige Sowjetunion genauso wie China und die USA. Der professionelle Weltenbummler wurde permanent mit der vielfältigen Andersartigkeit von Menschen konfrontiert. Fremde Sitten, fremde Sprachen, fremde Mentalitäten. Um sich dem vorsichtig zu nähern, hatte er eine einfache Methode. Er hielt den Leuten sein Mikrofon unter die Nase und fragte scheinbar naiv: "Und - wie ist ihr Leben denn so?" Auf diese Weise schaffte er eine Verbindung, tastete sich über das Alltägliche und Allzumenschliche an das Fremde heran, öffnete Herzen und Türen. Aber auch Ruge, der Weltreporter, kam an Grenzen.

Das war in China, bei einer großen Demonstration. Nach dem Tode des Ministerpräsidenten Tschou-en-lai hatten die Leute Angst, dass Maos Frau die Grauen der Kulturrevolution wieder in Gang setzen würde. 80.000 Menschen versammelten sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens und demonstrierten sehr still. Da war eine Gruppe, die anscheinend eine Trauerrede auf Tschou-en-lai hielt, in Wirklichkeit zitierten sie die Rede, die Engels am Grab von Marx gehalten hatte. Der Protest wurde also so verschlüsselt, dass wir ihn zuerst gar nicht deuten konnte. Irgendwann rief jemand, "da ist ein Ausländer, der fotografiert", und schon kamen Soldaten auf mich zu. Sie wollten unseren Film haben. Wir konnten ihnen den Film aber nicht geben, weil die Menschenmenge uns so gegen eine Wand drängte, dass wir uns nicht bewegen konnten. Das war eine sehr gefährliche halbe Stunde, bis wir den Film herauskriegten und frei gelassen wurden. Zumindest Fotos hatten wir gemacht, besonders alle Sprüche, Gedichte und Plakate auf dem Platz. Erst mit Experten der australischen Botschaft bekamen wir heraus, was eigentlich der Inhalt dieser Proteste war. Gerd Ruge 

Die Proteste richteten sich gegen die kommunistische Regierung, insbesondere gegen Maos Frau. Nur mühsam gelang es dem erfahrenen Reporter Gerd Ruge, die fremde Kultur Chinas und diese Ausdrucksformen des Protests zu dechiffrieren. Die Menschen verhielten sich nach kulturellen Codes, die einem Journalisten aus Deutschland nur schwer zugänglich waren.

Fremd sein hat für Gerd Ruge nur auf den ersten Blick mit Herkunft und Heimat zu tun. Heimat, so die landläufige Auffassung, ist dort, wo man geboren und aufgewachsen ist. Hier liegen die kulturellen Wurzeln. Die meisten Menschen sind in dieser heimatlichen Lebenswelt verankert und von ihr geprägt. Nur sie selbst glauben, das zu verstehen, was um sie herum vorgeht. Nur sie selbst glauben, die jeweils einzigartigen sprachlichen Feinheiten und alltagskulturellen Besonderheiten zu erkennen. Mir san mir, und alle anderen anders!

Der 79-Jährige Ruge ist da eine Ausnahme. In Hamburg geboren, hat er später an vielen Orten in der Welt gelebt und gearbeitet. Ein Kosmopolit und Weltenwanderer! Stellt sich die Frage: Gibt es für ihn eigentlich so etwas wie Heimat?

Nein, eine Heimat, an die ich mich gebunden fühle, eigentlich nicht. Ich fühle mich relativ bald zu Hause, wenn ich irgendwo lebe. Ich weiß nicht, woran das liegt, es liegt vielleicht daran, dass ich auch als Kind nicht zu Hause aufgewachsen bin, sondern an zwei Internaten. Man hat sich also irgendwie daran gewöhnt, mit verschiedenen Situationen zurecht zu kommen, um möglichst schnell ein bisschen einzutauchen, sich anzubinden, an die Nachbarn, an die Leute, mit denen man arbeitet, an die Kulturen, mit denen man sich meistens auch in Form eines Kulturschocks abgeben muss. Gerd Ruge

Ruges Heimat heißt im weiteren Sinne Europa. Was er immer dann spürt, wenn er aus fernen Ländern dorthin zurückkehrt. Dann sieht er, was dieses Gebilde über alle Unterschiede hinweg eint und ausmacht. Europa beginnt für ihn ganz weit im Osten.

Wenn man von Westen über Warschau nach Russland fährt, dann kommt einem Russland sehr östlich vor. Wenn Sie aber von Peking kommen und über die Amur nach Westen fahren, haben Sie plötzlich am Ende Sibiriens das Gefühl: Sie sind in Europa. Da haben Sie plötzlich unten die alten Geschäftshäuser von deutschen und polnischen Firmen im neogotischen Stil, dann haben Sie die Plattenbauten, Sie haben Theaterplakate, da sehen Sie La Traviata. Das ist natürlich völlig anders, als wenn Sie in China unterwegs sind. Gerd Ruge

Das Privileg des Weltreisenden ist es, sowohl die Verschiedenheit der Menschen zu erleben, als auch ihre fundamentalen Ähnlichkeiten. Entscheidend ist für Ruge in erster Linie der Umgang zwischen den an einer Begegnung Beteiligten. Vermute ich in dem Anderen von vornherein ein Wesen, das mir rätselhaft bleibt und das ich wegen der kulturellen Unterschiede nur in der Distanz erlebe?

Was ist uns fremd? Hier beginnt das Thema spannend zu werden. Gerd Ruge, der so viele Menschen mit Mikro und Kamera besucht hat, weiß genau, wie wichtig der zwischenmenschliche Augenblick ist. Jener Moment eines Lächelns, einer ausgestreckten Hand oder eines respektvollen Kopfnickens, den der Andere auf Anhieb versteht. Über alle kulturellen Grenzen hinweg. Oft entscheidet sich in diesen kurzen Momenten, ob man sich fremd bleibt. Gerd Ruge hat zeitlebens diese Nähe zu den Menschen gesucht, auch wenn es ihm nicht immer leicht fiel.

Ich bin niemand, der sehr leicht auf Menschen zugeht oder in ihren persönlichen Angelegenheiten wühlen will. Wenn man eine Kamera dabei hat und einen Film machen will, ist man dazu gezwungen. Man muss das bei sich selber überwinden und näher an die Leute herangehen, als wenn man das sonst vielleicht täte, wo man versuchen würde, etwas auszusparen, das für den Anderen vielleicht schwierig ist. Insofern war die Kamera für mich immer das Alibi, warum ich diese Schwelle überwinden musste, die ich eigentlich doch habe. Gerd Ruge 

Wer als Journalist die Nähe zu anderen Menschen sucht, muss sich manchmal geradezu aufdrängen. In gewisser Weise sogar eindringen in die Privatsphäre des Anderen. Nur dort finde richtiges Verstehen statt, glaubt Gerd Ruge.

Da fühlt man sich schon als Eindringling. Man muss auch eindringen. Aber man muss auch versuchen, die Leute so zu fragen und das herauszuholen, was sie selber interessiert und beschäftigt. Wenn man mit einiger Neugierde sowie ein bisschen Sachkenntnis und Ernst an Leute rangeht und sie merken, dass Sie sich wirklich für ein Thema interessieren, dann kriegen Sie ganz andere Informationen. Gerd Ruge 

Für einen Journalisten besteht die Legitimation, sich fremden Menschen anzunähern, in einem aufrichtigen Interesse. An Kultur, an Lebensumständen, an Schicksalen. Ähnliches ist die Legitimation für einen Schriftsteller. Der Autor Ilija Trojanow ist ebenfalls viel in der Welt herumgekommen. Nicht nur beruflich, sondern auch biografisch bedingt. Seine Familie bewegte sich von einer Quasiheimat zur nächsten. Die Trojanows lebten ursprünglich in Bulgarien, flohen dann 1971 über Jugoslawien und Italien nach Deutschland und zogen gleich weiter nach Kenia. Danach hat Ilija Trojanow in München, Bombay, Kapstadt und Paris gelebt. Sein 2006 erschienener Roman Der Weltensammler erzählt die Geschichte des Sir Francis Richard Burton, der als Weltbürger auf vier Kontinenten im 19. Jahrhundert lebte. Burton diente als Beamter in der East India Company, pilgerte als einer der ersten Europäer in der Verkleidung als indischer Muslim nach Mekka und begab sich später auf die Suche nach den Quellen des Nils. Der Schriftsteller und Kosmopolit Ilja Trojanow glaubt, mit solchen Lebensgeschichten den Nachweis erbringen zu können, dass die Menschen einander gar nicht so fremd sind.

Das Entscheidende für mich ist: Wie betrachtet man den Anderen? Es gibt eine Tradition, die sich im 19. Jahrhundert zur Ideologie des Rassismus hochgesteigert hat und die Hauptbetonung auf die Differenz zum Anderen legt. Alles was man an ihm wahrnimmt, ist Differenz. Eine fatale Sicht! Man kann sie aber sehr leicht umdrehen und einen anderen Menschen auf das Gemeinsame abklopfen. Ilja Trojanow

Weltreisenden wie Ilija Trojanow erschließen sich die Gemeinsamkeiten aller menschlichen Kulturen quasi nebenbei, auf ihren Reisen, die sie immer wieder mit Neuem und Unbekannten konfrontieren. Der Blick in den Spiegel, den die Fremden ihm vorhalten, verändert sie. Auch Trojanow Verständnis von Identität wandelte sich unter dem Einfluss der unterschiedlichen kulturellen Elemente in seiner Biographie.

Es gibt kein homogenes und vor allem kein statisches Identitätsmuster. Ich bin davon überzeugt, dass Identität ein dynamischer Vorgang ist. Fast alle Menschen verändern ihre Identität im Laufe ihres Lebens. Die Entwicklung führt zum Beispiel von einem dörflichen in ein städtisches Leben, von der Einsprachigkeit der Kindheit in die Mehrsprachigkeit des Erwachsenen. Das ist nicht unbedingt ein modernes Phänomen. In Afrika war es völlig normal, dass die Menschen drei-, vier-, fünfsprachig aufgewachsen sind. Es gab eine ganz intensive Migration des Handelns und des Austausches. Auch auf dem Balkan war es in manchen Regionen völlig normal, dass man sowohl die Sprachen als auch die religiösen Gebräuche der Nachbarn kannte. Ilija Trojanow 

Der Autor Trojanow zeigt sich immer wieder fasziniert von der Vielfalt, dem Facettenreichtum der Sitten und Gebräuche, Religionen und Mentalitäten. Gleichzeitig betrachtet und entdeckt er das Verbindende zwischen den Menschen und Kulturen. Damit befindet er sich in bester Gesellschaft mit jenen Wissenschaftlern, die heute systematisch solche anthropologischen Konstanten untersuchen. Neuere Forschungen von Ethnologen gelangen zu der Erkenntnis: Es gibt ein großes gemeinsames Fundament an Werten und Normen, das alle Kulturen miteinander verbindet. Als so genannte "Universalie" gilt ein Phänomen nur dann, wenn es tatsächlich in allen bekannten Kulturen existiert, ohne Ausnahme.

Ein überraschendes Beispiel ist das Phänomen der Schönheit. Geblendet von der schier unglaublichen Vielfalt von Moden und Maskeraden, von Körperschmuck und Haartrachten, entsteht der Eindruck, dass körperliche Ästhetik in jeder Kultur anders definiert werde. Doch weit gefehlt. Schönheit wird in sämtlichen wissenschaftlich erfassten Kulturen auf die Symmetrie von Gesichtern bezogen. Demnach wird überall auf der Welt ein Mensch als schön wahrgenommen, dessen linke Gesichtshälfte der rechten relativ ähnlich ist. Was dummerweise bei den meisten Gesichtern eher gering ausgeprägt ist. Biologen deuten die Symmetrie als Hinweis darauf, dass der Träger des Gesichts bisher auf ungestörten Entwicklungsbahnen, zum Beispiel ohne große Krankheiten, durchs Leben gehen konnte. Auch werden in den meisten Kulturen groß gewachsene Menschen für schöner gehalten als kleine. So zeigt eine Studie, dass amerikanische Manager von größerer Statur mehr Geld verdienen als kleinere.

Die mediale Welt zeigt selten, was allen Menschen gemeinsam ist. Man legt viel mehr Wert auf die Darstellung kultureller Differenz. Alles konzentriert sich auf die Frage: Was unterscheidet uns voneinander? Diese Betonung der Unterschiede hat auch eine politische Dimension. Wer Menschen von einander abgrenzt, kann sie entlang von Unterscheidungslinien leichter gegeneinander vereinnahmen. Unter dem Schlagwort "Clash of Civilizations - Kampf der Kulturen" wurden die Thesen des amerikanischen Politologen Samuel Huntington bekannt, der 1993 die These aufstellte, dass die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts nicht von Auseinandersetzungen politischer, ideologischer oder wirtschaftlicher Natur, sondern von Konflikten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Kulturkreise bestimmt sein werde. Klar voneinander abgegrenzte Kulturen, die einander immer fremd bleiben werden. Etwa zwischen dem christlichen Westen und der islamisch geprägten "Arabischen Welt".

In solchen Szenarien wird eine Fixierung auf gegenseitige Abgrenzungen sichtbar. Das Motto lautet: Alle wollen sich unterscheiden. Jeder will besonders sein. Und setzt voraus, dass der jeweils Andere ihn überhaupt nicht versteht. Am Ende fühlen sich alle irgendwie missverstanden und respektlos behandelt.

Der Schriftsteller Peter Prange hat sich damit beschäftigt, auf welcher gemeinsamen Wertebasis wir Europäer eigentlich miteinander umgehen. Der promovierte Philosoph hatte seinen Durchbruch als Autor 1999 mit dem Roman Das Bernstein-Amulett. Es folgte die so genannte Weltenbauer-Trilogie: Die Principessa, Die Philosophin und Die Rebellin, deren gemeinsame Thema nach einer Aussage des Autors "die Suche des Menschen nach dem Paradies auf Erden" sei. Sein jüngstes Buch Werte. Von Plato bis Pop wurde von Angela Merkel bei ihrer Antrittsrede als EU-Ratspräsidentin in Straßburg ausführlich zitiert.

Was also haben die über 430 Millionen Europäer gemeinsam? In seinem Werk hat Prange 350 Texte aus der Jahrtausende alten Geschichte Europas zusammengetragen. Von den Gebeten von Franz von Assisi bis zu Songtexten von John Lennon. Prange sieht, bildlich gesprochen, zwei Herzen in unserer Brust schlagen:

Wir tragen eine Bipolarität in uns. Auf der einen Seite das Harmoniebedürfnis: Wir brauchen als soziale Wesen Wärme, Harmonie, Gleichförmigkeit. Auf der anderen Seite wollen wir uns abgrenzen und wenn sich etwas nicht abgrenzt, verliert es auch das Faszinosum. Wir haben also sowohl eine Individualseele als auch eine Kollektivseele. Letztere schreit nach Gleichheit mit dem Anderen, und die Individualseele schreit nach Abgrenzung. Wir müssen es folglich schaffen, eine Balance zu finden. Denn nur mit Harmonie ersaufen wir in Langeweile, und nur mit Profilierung sind wir unvereinbar. Schopenhauer hat das in einem wunderbaren Gleichnis mal zur Sprache gebracht, das Gleichnis von den Stachelschweinen. Wenn es kalt ist, rückt die Familie zusammen, und je enger sie einander kommen, desto mehr tun sie sich weh. Aber wenn sie dann wieder auseinander gehen, wird's wieder kälter. Wie sie müssen wir Menschen das richtige Gleichgewicht zwischen Nähe und Distanz finden. Peter Prange 

Diese Balance ist nicht nur die Grundlage dafür, dass wir den Anderen tatsächlich in seiner Andersartigkeit sehen und verstehen, letztlich bildet sie auch das Fundament echter Toleranz, wie Peter Prange meint:

Toleranz besteht nicht darin, dass wir dem Anderen unterstellen, er ist wie ich. Wenn das so wäre, bräuchte ich nichts zu erdulden. Wahre Toleranz zeichnet sich dadurch aus, dass ich die Differenz akzeptiere und ertrage, und dass ich versuche, sie in etwas Positives umzuwandeln. Vielleicht lerne ich sie sogar zu lieben. Bestrebungen jedoch, alles zu nivellieren, bergen eine große Gefahr. Ich bin deshalb dagegen, unsere Kultur und Identität so anzupassen, dass wir für jeden, der zu uns ins Land kommt, unproblematisch werden. Peter Prange 

Wer muss sich auf wen zu bewegen? Kann man von Einwanderern verlangen, dass sie sich der Mehrheitsgesellschaft weitgehend anpassen? Oder muss nicht auch die Kultur im Ankunftsland offen sein für Veränderungen, für ein Lernen von den Menschen, die aus der Fremde kommen und neue kulturelle Elemente mitbringen?

Die in Istanbul geborene Berliner Juristin und Autorin Seyran Ates musste auf diese Frage eine ganz persönliche Antwort finden. Sie pendelt seit Jahrzehnten zwischen mehreren Kulturen. Und sie versucht kurdische, türkische und deutsche Einflüsse in ihrem Alltag miteinander zu verbinden. Ein solches interkulturelles Leben provoziert. Als Ates in den achtziger Jahren in einer Berliner Beratungsstelle als Rechtsanwältin für türkische Frauen arbeitete, wurde deren Büro von einem wütenden türkischen Ehemann überfallen. Er erschoß eine Kollegin von Ates, sie selbst wurde lebensgefährlich verletzt. Wie durch ein Wunder überlebte sie. Als Ates vor anderthalb Jahren erneut von einem türkischen Mann angegriffen wurde, wurde ihre Angst zu groß. Sie gab ihre Zulassung als Rechtsanwältin zurück und löste damit allgemeine Bestürzung in Politik, Justiz und Medien aus. Als wortgewaltige Wanderin zwischen den Welten war sie mittlerweile prominent geworden. Auch deshalb, weil sie mit ihrem Wunsch nach einem mehrkulturellen Leben immer wieder aneckte.

Ich habe beschlossen, mich nicht auf Label wie "deutsch" oder "türkisch" reduzieren zu lassen. Man könnte mich als Deutschländerin bezeichnen, das ortet mich zumindest geographisch. Vor allem verstehe mich als vielkultureller Mensch. Seyran Ates 

Die 44-jährige Seyran Ates ist ein Mensch mit vielfältigen Bezügen. Als Rechtsanwältin, Menschenrechtlerin, Muslimin, Mutter, Tochter, Bisexuelle, Ausreißerin, Feministin, Feministenkritikerin, Berlinerin, Autorin, Kopftuchgegnerin, Sozialdemokratin. Der Weg zur Deutschländerin war ziemlich weit. Ihr Vorname Seyran bedeutet übersetzt "große Reise". Und so sieht sie tatsächlich ihr ganzes Leben: als einen Weg in vielen kleinen Schritten, auf dem weder die türkischen noch die deutschen Wurzeln gekappt und beide Kulturen in einer ganz eigenen Mischung ausgelebt werden.

Eine Zeit lang habe ich mehr meine türkische Seite gelebt. Das war in der Kindheit, gezwungenermaßen. Irgendwann bin ich dann von zuhause ausgerissen, weil ich die Unfreiheit nicht mehr ertragen habe. Danach wollte ich 15 Jahre lang von dieser Kultur nichts mehr wissen. Alles Türkische oder Anatolische an mir wurde verdrängt; in dieser Zeit habe ich nur noch deutsch gesprochen, gedacht, geträumt. Bis ich irgendwann merkte: So bin ich als Mensch nicht komplett. Ich brauche beide Seiten. Sie werden in mir immer in Bewegung bleiben und ständig eine neue Balance suchen. Seyran Ates 

Wie Seyran Ates lehnen es immer mehr interkulturell lebende Menschen ab, sich auf eine einzige Identität festlegen zu lassen. Das muss auch gar nicht sein, betont der Schriftsteller und Weltenwanderer Ilija Trojanow. Für ihn steht diese Frage des Hin- und Hergerissenseins nicht so sehr im Mittelpunkt, denn seiner Meinung nach können wir jede Situation für unsere Weiterentwicklung nutzen. Vielleicht gibt es in diesem Spiel auch gar keine Seiten mehr, wie Trojanow betont:

Wir brauchen ein System von offenem Interesse und Anteilnahme, bei dem alle überzeugt sind, dass sie von dem Anderen etwas lernen können. In Deutschland aber ist das Absurde, dass unterschwellig immer mitschwingt, die Anderen, die Fremden müssen sich an uns anpassen. Wenn man sich die deutsche Geschichte anschaut, dann waren es doch die Beiträge von Einwanderern, die Deutschland bereichert haben. Das wurde angenommen, verinnerlicht - und vergessen. Ilija Trojanow 

Trojanows positive Betrachtung und Einschätzung des Fremden teilen nicht viele Menschen. Die meisten empfinden es eher als Bedrohung, reagieren verunsichert, wenn sie mit unbekannten Lebensformen konfrontiert werden. Doch der Autor fordert von der Gesellschaft, dass sie sich diesen Problemen stellt und sie löst:

Es gibt diese grundsätzliche Angst vor dem Unbekannten, das fängt schon mit der Angst vor dem unbekannten Nachbarn an. Aufklärung bedeutet zu sagen: Wenn wir uns vor der Dunkelheit fürchten, suchen wir einen Weg, das zu überwinden. Ich habe noch nie gehört, dass die CSU behauptet hätte, wenn Kinder sich vor der Dunkelheit fürchten, sollte man nie das Licht ausmachen. Aber genau das sagen sie in ihrer Ausländerpolitik. "Sie müssen akzeptieren, Herr Trojanow, die Menschen haben Angst vor dem Fremden." Doch was folgt daraus? Wir müssen diese Angst im Sinne der Aufklärung bekämpfen. Ilija Trojanow 

Leider sieht die Realität in Deutschland noch immer anders aus. Fremdenhass kann sich spektakulär zeigen, etwa wenn in einer ostdeutschen Kleinstadt indische Mitbürger von einem jugendlichen Mob durch die Straßen gehetzt und lebensgefährlich verletzt werden. Meist aber zeigt sich die Ablehnung banaler, alltäglicher. Etwa als ethnozentrisches Kästchendenken, indem also nur durch die eigene Brille auf das Fremde geblickt wird.

Damit hat sich die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim auseinander gesetzt. "Wir und die Anderen" lautet der Titel eines ihrer Bücher. Er impliziert bereits, was sie über den Blick der Einheimischen auf die Fremden herausgefunden hat: Das Bild, das sich Deutsche von Ausländern machen, ist geprägt von Abgrenzungen, Stereotypen und Simplifizierungen, von Mythen und Klischees, von Vorurteilen und Unterstellungen. Kein Bericht über Türken ohne Kopftuch, Moschee und Döner, keine Filme über Juden ohne Davidstern und Klezmermusik. In der massenmedialen Aufbereitung dominieren solche symbolischen Zuspitzungen. Sie treffen angesichts globaler Umwälzungen immer weniger zu. Die Menschen werden mobiler und vernetzen sich über Grenzen hinweg. Sie verändern ihre Gewohnheiten und integrieren Elemente anderer Kulturen in das eigene Leben.

Wer Angehörigen anderer Länder immer noch mit einfältigem Schwarz-Weiß-Denken begegnet, macht sich lächerlich. Die Ethnologin Joana Breidenbach, die in ihren Studien die Folgen der kulturellen Globalisierung erforscht, schmunzelt über Stereotypen, die immer noch in vielen Köpfen herumgeistern:

Ich kenne einen Japaner an der Universität in Sydney, der von einem kulturellen Trainer gefragt wurde: "Bitte zeig doch mal, wie man sich bei euch in Japan verbeugt". Der Japaner antwortet: "Ich verbeuge mich nicht." - "Aber wenn du den Kaiser triffst, wie würdest du dich verbeugen?" - "Ich würde Hallo sagen." Joana Breidenbach 

Doch solche und ähnliche Stereotype bestimmen immer noch öffentliche Debatten und Berichte in den Medien. Japaner fotografieren und verbeugen sich. Türkische Frauen sind rückständig und unglückliche Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft. Chinesen werden wechselweise als skrupellose Produktpiraten oder als arme Untertanen einer kommunistischen Diktatur geschildert. Dabei zeigen sich bei näherem Hinsehen in jedem Fall weit heterogenere Bilder. Eigentlich sollten wir wissen, dass die Grenzen und Vorurteile von gestern längst gefallen sind. Dass die einst fest gefügten Raster von Herkunft, Kultur und ethnischer Zuordnung heftig in Bewegung geraten sind. Und dass immer mehr Menschen auf dem Boden mehrerer Kulturen und Gesellschaften stehen.

In den Köpfen der meisten Deutschen ist dieser Aspekt der Globalisierung noch nicht angekommen. Und dies gilt nicht nur für den einzelnen Bürger, sondern auch für Medien, für die Forschung und weite Teile der Politik. Statt die Komplexität und Dynamik einer sehr gemischten Bevölkerung anzuerkennen und zu ergründen, sortiert man in der Wissenschaft und der amtlichen Statistik die Anderen systematisch in die alten Schubladen ein.

Fremde Kultureinflüsse machen sich mittlerweile in der unmittelbaren Nachbarschaft bemerkbar. Unsere Städte sind Sammelbecken von Menschen aus vielen Weltgegenden. Das gilt bei weitem nicht nur für die so genannten Global Citys. In der oberbayerischen Kleinstadt Erding etwa arbeiten im weltweit agierenden Reisereservierungsunternehmen Amadeus Mitarbeiter aus 25 Ländern. Mit ihren Familien sind sie längst Teil des Stadtlebens geworden. Hier hat die Globalisierung eine Nähe zwischen den Menschen eher gefördert.

Die Folge ist spürbar: Niemand kann sich heute mehr so ohne weiteres hinter einer so genannten deutschen Alleinkultur verstecken. Der deutsche Michel sieht sich stärker denn je im Austausch mit fremden Kulturen aus aller Welt begriffen. Oberbayerische Landwirte ehelichen philippinische Strandschönheiten, englische Informatiker spielen zusammen mit deutschen Kollegen in multinationalen Hobbyfußballmannschaften und nicht zuletzt kennt jedes Schulkind heute japanisches Sushi oder indonesisches Nasi Goreng.

Auch in Deutschland und Europa wird die Mehr- oder Multikulturalität zu einem verbreiteten Lebenskonzept. Man nimmt Teile anderer kultureller Identitäten auf und wird so selbst zu einem Puzzle kultureller Vielfalt. Die beiden Ethnologinnen Joana Breidenbach und Ina Zukrigl-Schief gehörten mit ihrem Buch Tanz der Kulturen zu den ersten Propagandisten der positiven Eigenschaften von kultureller Vielfalt und Globalisierung. Die beiden Ethnologinnen vergleichen immer wieder kulturelle Entwicklungen in verschiedenen Länder miteinander. Sie betrachten die Globalisierung auch als Chance der Menschen, sich zu begegnen. Joana Breidenbach sieht im intensiven Austausch miteinander neue authentische, differenzierte Kulturformen entstehen.

Als Ina und ich Anfang der 90er Jahre anfingen, uns mit dem Thema zu beschäftigen, hatten wir eine Art Erweckungserlebnis. Als wir zusammen nach London gingen, um zu studieren, waren wir stark von dem deutschen Diskurs über Globalisierung geprägt, der sagte: Erstens dominiert die Wirtschaft diesen Prozess, zweitens wird alles gleich - es läuft auf eine große Kulturschmelze hinaus. Plötzlich aber hörten wir in Seminaren, Vorlesungen und Vorträgen, wie höchst unterschiedlich globale Waren, Ideen, Institutionen rezipiert werden. Und dass aus diesem Kontakt eine neue Vielfalt entsteht. Beides ist gleichzeitig war: Kulturverlust und Kulturschmelze, aber auch die Entstehung von viel Neuem. Joana Breidenbach 

Die beiden Völkerkundlerinnen Breidenbach und Zukrigl-Schief zeigen in ihren Forschungen, wie Kultur durch Vermischung entsteht. Sie nennen diesen Effekt Hybridisierung. Globalisierung schaffe, so argumentieren sie, durch die explosionsartige Zunahme von Kontakten zwischen unterschiedlichen Kulturen eine neue Frequenz und Dynamik der Vermischung. Auf diesem Nährboden könne eine Vielzahl neuer kultureller Formen gedeihen.

Wenn es aber immer mehr kulturelle Vermischung, immer mehr Hybridisierung gibt, verliert die bedrohliche Vision von einem "Kampf der Kulturen" an Plausibilität. Immer mehr Menschen integrieren das Fremde wie selbstverständlich in ihr Leben, und schaffen damit auf sehr kreative Weise kulturelle Vielfalt.

Es gibt allerdings nur wenige Wissenschaftler, die sich mit diesen neuen Möglichkeitsräumen beschäftigen. In der Alltagskultur gibt es manchmal kleine, überraschende Einsichten, wie die Ethnologin Joana Breidenbach beschreibt. Hier zeigt sich bisweilen sehr deutlich, dass hinter dem vermeintlichen imperialistischen Zugriff einer kulturellen Übermacht ganz einfache, profane Gründe liegen.

Wenn man zum Beispiel an McDonald?s denkt, gibt es herrliche Studien, die zeigen, wie unterschiedlich McDonald?s in unterschiedlichen Gesellschaften wahrgenommen und benutzt wird. Menschen in China etwa besuchen McDonald's, weil es dort so saubere Toiletten gibt. Ansonsten ist dort der Gang auf eine öffentlichen Toilette ein echtes Wagnis. Ina Zukrigl-Schief 

Menschen eignen sich das Fremde an, laden es mit neuer Bedeutung auf, bis hin zur Zweckentfremdung. Die Ethnologin fordert deshalb ein genaueres Hinsehen, wenn es um Globalisierung und ihre Schattenseiten geht. Wer sind tatsächlich die Verlierer, wer die Gewinner?

Ich denke an Chinesen, die Anfang der 1990er Jahre, als es kurz Visafreiheit gab, nach Osteuropa gekommen sind. Sehr spontan, sie wussten häufig gar nicht, wo Ungarn liegt. Sie hatten gehört: Da gibt's wirtschaftliche Chancen für uns, wir können unser Leben verbessern. Bis heute verkaufen sie auf den Märkten in Budapest Schuhe und gefälschte Taschen. Sie haben einen sehr mobilen Lebensstil, sind mit ihren Verwandten in China in Kontakt, fahren einmal im Jahr zurück in die Heimat. Sie besuchen Kirchen, über die sie dann wieder Kontakte in die Vereinigten Staaten knüpfen. Sie leben also auf der einen Seite in einer Nische in Ungarn, auf der anderen Seite führen sie ein sehr vernetztes, globales Leben. Sie mögen als Verlierer dargestellt werden - und sind es teilweise auch, als Opfer von Rassismus -, gleichzeitig profitieren sie aber auch von größeren Chancen. Globalisierung ist kein Nullsummenspiel. Ina Zukrigl-Schief 

Der Filmemacher Pepe Danquart blickt in seinen Filmen ebenfalls genauer hin. Der Oscar-Preisträger liebt die Extreme. In seinen Filmen beschreibt er Grenzgänger, die er dokumentarisch sehr ausführlich begleitet: Radrennfahrer am Limit, eine indische Banditin und körperliche Höchstleistungen ganz normaler Arbeiter. Danquart lässt sich geradezu inspirieren von der eigenen Unzulänglichkeit, das Fremde immer und überall sofort begreifen und einordnen zu können. Für ihn ist es vielmehr ein Prozess des langsamen Herantastens, um das Fremde begreifen zu können.

Zeit ist ein wichtiger Faktor. Und die Fähigheit, etwas auszuhalten. Kein Vorurteil zu haben, also erst ein Urteil zu fällen, wenn man sich die Zeit genommen hat, das Fremde auszuhalten. Viele Dinge sind, gerade wenn man in anderen Ländern ist, nicht begreifbar, weil sie einen ganz anderen kulturellen Hintergrund haben. Man steht da und begreift nichts. Bei den Japanern etwa, wenn jemand in der Teestube das Tablett hereinbringt und dabei auf Knien geht, ist das eine alte Tradition. Aber diese Geste hat etwas so Demütiges, dass ich jedes Mal aufstehe und sage: "Na komm, du kannst aufrecht hereinkommen." Pepe Danquart 

Mit diesen so ganz anderen kulturellen Codes in anderen Ländern müssen wir uns immer stärker auseinandersetzen. Das bringt die Dynamik der Globalisierung mit sich. Die Zahl der interkulturellen Kontakte steigt. Das merkt zunächst die Wirtschaft, der große Motor der Globalisierung. Große Unternehmen expandieren in viele Länder, internationalisieren einerseits ihre Belegschaften, müssen sich andererseits auf die Wünsche von Kunden unterschiedlichster Kulturen einstellen. Wie aber sind Unternehmer, Manager und Geschäftsleute auf den Umgang mit dem Fremden vorbereitet? Gar nicht gut, glaubt der Philosoph Reinhard K. Sprenger. Er gilt über Deutschland hinaus als profilierter Managementexperte.

Mit seinen Büchern "Mythos Motivation" und "Das Prinzip Selbstverantwortung" hat er viel in den Köpfen von Unternehmern und Managern bewegt und frische Luft in die spießigen Chefetagen geblasen. Er ist nicht nur ein gefragter Redner auf Kongressen und Tagungen, sondern tritt nebenbei auch mit einer Musikband auf. Teile des Jahres verbringt er im Westen der USA. Seine These, was uns eigentlich fremd ist, ist tatsächlich radikal anders.

Verstehen ist ein extrem unwahrscheinlicher Vorgang. Norbert Wiener hat einmal gesagt: "Wie soll ich wissen, was ich gesagt habe, bevor ich gehört habe, was du geantwortet hast." Unternehmen sind um die Idee des Verstehens herumgebaut. Führungskräfte werfen ihren Mitarbeitern ein paar Brocken hin und gehen einfach davon aus, dass schon klar sei, was gemeint sei. Doch die daraus resultierenden Aktionen zeigen eindeutig, dass überhaupt nichts verstanden wurde. Wenn ich jedoch kapiert habe, dass Verstehen unwahrscheinlich ist, bemühe ich mich umso mehr um Kommunikation. Dann wiederhole ich eine Aussage immer wieder, versuche mich in den Anderen einzufühlen, frage noch einmal nach, was er mit diesen Wort meint. Das macht sorgsam, demütig und verweist auf Unterschiede, die ich dann als Vielfalt schätzen kann. Jeder Mensch bleibt dem anderen fremd. Das auszuhalten und nicht nach Tröstungen zu suchen, die üblich sind und als Managementliteratur in Regalen herumliegen, halte ich für erwachsenes Leben. Reinhard K. Sprenger 

Es geht also darum, reif und bewusst mit dem Nichtverstehen-Können im Alltag umzugehen. Reinhard Sprenger zufolge finden wir sowohl im Wirtschafts- als auch Privatleben ein fein aufeinander abgestimmtes Instrumentarium, mit dem wir unsere gegenseitige Fremdheit ertragen. Wir können sie aushalten. Mehr geht nicht.

Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Unternehmen gründen und schaffen es nicht alleine. Sie rufen per Anzeige: Ich brauche jemanden, der mir hilft, meine Ziele zu erreichen. Jemand meldet sich, die Tür geht auf, er kommt herein, was sehen Sie? Eine Differenz. Und finden das zunächst negativ. Um Gottes Willen, der ist ja skandalös anders als ich. Dann nehmen Sie im Regelfall einen Schraubendreher zur Hand und versuchen, an dem anderen herumzumachen. Im Unternehmen nennt man das dann Führung oder diese fundamentale Infantilisierung namens Coaching, in der Familie heißt es Erziehung, in der Partnerschaft Liebe. Irgendwann haben Sie den Anderen so weit, dass er Ihnen so ähnlich wird, wie sie es sich gewünscht haben - und dann wird's langweilig. Reinhard K. Sprenger 

Sprenger weist hier auf etwas Elementares hin. Jeder Mensch will das Fremde seinem Ebenbild anpassen. Wenn es ihm gelingt, wird das Fremde domestiziert. Drei Strategien hat der Philosoph erkannt, wie man in Wirtschaft und Gesellschaft versucht, das Fremde zuzurichten.

Viele können die Buntheit der Menschen nur so lange genießen, wie sie nichts von den anderen will. In dem Moment, wo man etwas von Ihnen will, ist ihr Anderssein auf einmal ein Risiko. Dann gibt es drei Möglichkeiten, damit umzugehen. Die erste ist Macht: Wenn du nicht tust, was ich für richtig halte und mir nicht ähnlich wirst, dann tschüss! Nachteil: Das funktioniert niemals, wenn man kreativ oder innovativ sein will. Die zweite Möglichkeit, mit dem Anderssein des Anderen umzugehen, ist Geld. Möhre vor die Nase, wenn du das tust, was ich für richtig halte, darfst du in die Möhre beißen! Nachteil: Das funktioniert nur als kurzzeitige Motivation, aber niemals langfristig. Und die dritte Möglichkeit ist Vertrauen. Die unterschiedlichen Mischungen dieser drei Strategien nennt man Unternehmenskultur. Firmen unterscheiden sich danach, wie machtbasiert, geldbasiert oder vertrauensbasiert sie leben. Je angstbesetzter die Führungsetage ist, desto mehr versucht sie zu kontrollieren und zu bürokratisieren. Bis ein Unternehmen so langsam wird, dass es auf den Märkten nicht mehr konkurrenzfähig ist. Reinhard K. Sprenger 

Der Umgang mit dem Anderssein des Anderen hat die Menschen seit Jahrtausenden herausgefordert. Immer verbunden mit der Frage: Was tun? Die Unterschiedlichkeit tolerieren? Das Unterschiedliche integrieren? Oder sich in Unterschiedlichkeit voneinander abgrenzen?

Der Philosoph und Direktor des Münchner Geschwister-Scholl-Instituts für Politische Wissenschaft, Julian Nida-Rümelin, hat sich damit ausführlich beschäftigt. Er entstammt einer Münchner Künstlerfamilie. Studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft. Nach Professuren an amerikanischen und deutschen Universitäten war er Kulturreferent der Stadt München und später Kulturstaatsminister in der Regierung von Kanzler Schröder. Nida-Rümelin erklärt die Wurzeln jenes Humanismus, auf den der heutige Umgang mit dem Fremden in Europa basiert:

Es gibt die merkwürdige Idee, die auf die griechische Klassik und vor allem auf den griechischen Hellenismus zurückgeht: Menschen zählen als Menschen. Nicht als Bürger einer Stadt, nicht als Griechen, sondern als Menschen. Eingebettet in einem kosmisch geordneten Ganzen mit Vernunftregeln. Der Einzelne ist Teil dieses kosmischen Ganzen und muss lernen, zwischen dem zu unterscheiden, was er beeinflussen kann und was deshalb in seiner Verantwortung liegt, und dem, was er nicht verantworten kann und dem er mit Indifferenz begegnen sollte. Julian Nida-Rümelin 

Die Idee des Humanismus mit der Grundüberzeugung des Respekts gegenüber dem Anderen und Fremden hat sich in Europa auf breiter Ebene durchgesetzt. In erster Linie aber, sagt Nida-Rümelin, im Sinne einer Assimilation. Das heißt im Klartext - und so wird es der überwiegende Teil der Deutschen betrachten: Wer als Ausländer/Fremder in ein Land kommt, müsse sich an die vorherrschende Kultur anpassen. Im besten Falle sollten sich Inländer und Ausländer kaum mehr unterscheiden.

Nida-Rümelin erklärt, dass diese Form der Integrationspolitik in Konflikt mit der Achtung vor dem Besonderen, dass jede einzelne Person ausmacht, gerät. Er hält es für nicht überraschend, dass sich Ausländer diesem Assimilationsdruck entziehen und es vorziehen, in Wohngebieten zu wohnen, in denen möglichst vieler ihrer Landsleute schon ansässig sind. Das Ende vom Lied: Verschiedene Kulturen bleiben unter sich. Hier die Deutschen, dort die Türken oder Bosnier. Nida-Rümelin bezeichnet diese Form des Multikulturalismus als Irrtum. Wer den Anderen nur toleriert, wenn er sich anpasst, missachtet dessen persönliche Selbstentfaltungslinie.

Nida-Rümelins Lösungsvorschlag lautet: Kommunikation und Kooperation zwischen allen Individuen der Gesellschaft ist die wesentliche Voraussetzung für ein gedeihliches und vor allem friedliches Zusammenleben aller Bürger.

Wir dürfen nicht den Fehler wiederholen, den die europäischen Gesellschaften mit der jüdischen Minderheit über Jahrhunderte gemacht haben. Wenn Muslime Baugenehmigungen für Moscheen nur am Stadtrand und in Gewerbegebieten erhalten, ist das eine Marginalisierung, die nur die Fundamentalisten und Radikalinskis fördert und ihnen Autorität verschafft. Der umgedrehte Weg ist richtig: Muslimunterricht an die Schulen, Moscheen in die Städte, genausso wie Synagogen. Das heißt teilhaben lassen. Julian Nida-Rümelin 

Aber wie können Städte so planen, dass Platz für viele Kulturen ist? Wie können sie einen Rahmen schaffen, damit im urbanen Raum kulturelle Vielfalt wachsen kann? Nida-Rümelin, der sowohl in München als auch in Berlin gearbeitet hat, sieht große Unterschiede beispielsweise in den Strategien beider Städte.

Ich habe eine Zeit lang als Kulturstaatsminister in Berlin gelebt und aus München kommend habe ich festgestellt, dass das Klischee ungefähr so aussieht: Berlin ist eine multikulturelle Stadt, München ist irgendwie konservativ und nicht multikulturell. Doch das Gegenteil ist der Fall. Berlin hat einen Ausländeranteil von 13, München von 25 Prozent. Es gibt einen weiteren gravierenden Unterschied und in diesem Fall würde ich sagen, ist die Münchener Integrationspolitik erfolgreich und die Berliner Integrationspolitik nur mäßig erfolgreich. Die Tatsache, dass die Multikulturalität nicht so stark zu spüren ist, hängt damit zusammen, dass wir in Berlin geschlossene, ethnisch weitgehend homogene Viertel haben. In München nicht. Dahinter steht eine ganz bestimmte Stadtplanungspolitik, die München über Jahrzehnte mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften betrieben hat. Wenn Albaner, Bosnier oder Türken in bestimmten Wohnvierteln einen bestimmten Anteil überschritten, wurden andere bevorzugt. Kleiner Exkurs: Die USA waren lange Zeit das Vorbild, dass sie jede Einwanderung gut integrieren könnten. Die jeweiligen Gruppen haben sich zunächst einmal mit Ihresgleichen zusammengetan. In dem großen fernen Land. Völlig verständlich, dann aber diffundierte das in den USA sehr rasch. Die Little Italys in den Großstädten sind nur ein Bruchteil der italienischen Einwandererbevölkerung. Der Rest diffundiert und ist dann irgendwann Teil der amerikanischen Gesellschaft. Julian Nida-Rümelin 

"Mischen" funktioniert allerdings nur, wenn man die Besonderheit des Anderen, Fremden, auch wahrnimmt und respektiert. Es gibt Orte, wo dieser kooperative Multikulturalismus traditionell funktioniert - notwendigerweise. Zum Beispiel in einem Zirkus. Der Dresdner Zirkusmacher André Sarrasani weiß, warum. Er ist Deutschlands jüngster Manegenchef. Als Zauberer und Magier hat er sich international große Anerkennung erworben. Er setzt die Tradition der weltberühmten Sarrasani-Dynastie fort, deren Mitglieder seit über 100 Jahren durch die ganze Welt touren.

Bei uns arbeiten und leben zwölf Nationalitäten auf engstem Raum. Chinesen und Amerikaner, viele Marokkaner, Russen, Ukrainer, Engländer, Franzosen. Wir feiern zusammen, haben Spaß, wir weinen aber auch zusammen! Keiner kann sagen: "Feierabend, Tür zu, jetzt siehst du mich nicht mehr." Das ist eine echte Herausforderung. Bei uns funktioniert das, weil es ganz klare Linien gibt, an die sich jeder zu halten hat: Absolute Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung. Und Respekt. Respektiere den Anderen, egal ob es der Starkünstler oder der Stalljunge ist. Wir müssen alle miteinander arbeiten, um erfolgreich auf der Bühne zu sein. Und ich glaube, wenn man diesen Geist backstage hinbekommt, dann merkt man das auch auf der Bühne. André Sarrasani 

Ein solcher kooperativer Multikulturalismus geht davon aus, der Andere bringe etwas mit, von dem man lernen könne. Das Fremde wird Erweiterung des Horizontes betrachtet. Der Schriftsteller Ilija Trojanow glaubt, dass gerade wir Deutschen davon lernen können. Warum, schlussfolgert er im gleichen Atemzug, sollten wir uns nicht hybridisieren, sprich: entgrenzen und bereichern lassen von fremden Einflüssen und ganz anderen Lebensentwürfen? Ja, er geht sogar noch einen Schritt weiter: Das Authentische gäbe es sowieso nicht, so wie es auch reine, unvermischte Kulturformen nie gegeben habe.

Es gab einmal eine hawaianische Musikband, die 30 Jahre lang um die Welt gezogen ist. Sie hat auf Kreuzfahrtschiffen, in Clubs in Tokio, Bombay und Istanbul gespielt. Dabei integrierten sie die verschiedensten Einflüsse in ihr Repertoir. Nachdem sie zurückgekommen waren, galten sie als Musterbeispiel hawaianischer Volksmusik. Das heißt, authentisch ist eigentlich nichts anderes als Hybridität, die vergessen wurde. Ilija Trojanow 

Die Akzeptanz der kulturellen Hybridisierung könnte ein Ausweg aus dem Dilemma unseres Nicht-Verstehen-Könnens des Fremden sein. Im Laufe seiner Selbstentfaltung kann jeder Mensch das Fremde in einer unendlichen Kette des sich immer wieder neuen Vermischens zum Vertrauten werden lassen. Ilija Trojanow sieht allerdings eine andere Gefahr:

Wirtschaftlich schwache Kulturen und ihre Sprachen werden teilweise ausgelöscht. Sie haben nicht die nötige kritische Masse, um als Partner in der Globalisierung weiterhin fortzubestehen. Die große Gefahr liegt darin, dass wir zwar durch Prozessen der Globalisierung weiterhin viel Vermischung haben werden, dass aber die eigenständigen kulturellen Traditionen, die dazu notwendig sind, allmählich aussterben. Wenn uns sozusagen irgendwann mal das Fremde ausgeht, gibt es auch keine Vermischung mehr. Dann haben wir nur noch Monokultur. Das ist öde - in der Kultur genauso wie in der Natur. Ilija Trojanow 

Jeder ist ein Anderer. Ein neues Verständnis von Identität wird sichtbar. Sie ist nicht mehr von Geburt vorgegeben, sondern Teil eines lebenslangen Lernprozesses. Letzten Endes geht es darum, der zu werden, der man wirklich ist. Solange es Menschen gibt, haben sie versucht, das Fremde in sich zu erforschen. Im Sinne einer Selbsterkundungsreise von der Geburt bis zum Tod. Wir kommen nicht als fertige Persönlichkeiten auf die Welt, sagt der Schriftsteller Peter Prange, sondern sondern sind ab der Geburt stetig im Werden begriffen.

Wenn eine Ameise aus ihrem Ei schlüpft, dann hat sie ein Programm in sich, das ihr vorzeichnet, was sie in ihrem Leben zu tun hat - sie wird Teil einer relativ klar strukturierten Gemeinschaft und bewegt sich darin in vorgegebenen Bahnen. Wir hingegen kommen nackt und bloß auf die Welt, aber bis an den Rand voll mit Potenzial. Wir können unglaublich viel aus uns machen, und deshalb gibt es dieses schöne Paradoxon von Nietzsche: "Werde, der du bist." Deshalb müssen wir das Fremde in uns selbst immer wieder neu reflektieren. Wir müssen uns fremd sein, damit uns nicht in die Komfortzonen von Bequemlichkeit und Sicherheit einnisten, sondern uns weiterentwickeln. Peter Prange 

Wir brauchen seiner Meinung nach das Fremde auch dazu, um uns besser erkennen zu können. Es dient als Spiegelbild, in dem wir einerseits erkennen, wo wir gegenwärtig stehen, andererseits künftige Möglichkeiten für uns erahnen. Jeder ist ein Anderer: Nur mit dieser Einstellung werden wir uns selbst nahe kommen und zur Entfaltung bringen, was in uns angelegt ist.
Diese Erkenntnis verändert unseres Verständnis von kultureller Vielfalt. Bisher basiert es auf dem Grundsatz "Wir und die Anderen". Er lautet in abgewandelter Form "Wir und die Türken" oder "Wir und die Tschechen, Rumänen, Ukrainer". In dieser Haltung blieben die Anderen immer fremd. Passten nicht. Bedrohten uns.

Doch die Wertschätzung kultureller Vielfalt beinhaltet die Anerkennung und Einbeziehung der Eigenschaften, Verhaltensweisen und Talente des Anderen. Wir alle zusammen sind besser, weil wir damit mehr Kompetenzen zur Lösung der Probleme haben. Vielfalt wird zu einer der wertvollsten Ressourcen für Gesellschaften und Ökonomien. Jeder zählt, deshalb lautet das zeitgemäße Diversitätsmantra: Die Anderen - das sind ja wir!

Das größte Hindernis, diese Erkenntnis auch umzusetzen, liegt in uns selbst. Jeder Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Die Herausforderung besteht darin, das Fremde zu ertragen und es als Spiegelbild und Lernort für die persönliche Selbstverwirklichung zu begreifen. Das Leben ist eine lange Reise durch fremde, bisweilen rätselhafte Ereignisräume, die man betreten, durchschreiten und für die man einen Ausgang suchen, sprich eine Lösung finden muss. Der erste Schultag, die erste Freundin, der erste Urlaub alleine im Ausland, der erste Vortrag vor großem Publikum - die Liste zieht sich biografisch bei jedem in die Länge. Das Muster ist immer gleich: Am Anfang blickt keiner durch, am Ende die meisten klüger.

Wer sich auf das Fremdartige einer neuen Situation einlässt, wird fast immer belohnt. Man fühlt sich souveräner und gelassener, wenn man die Ängste, die jeweils damit verbunden waren, hinter sich lassen und auflösen konnte. Man hat etwas Wichtiges gelernt, auf das man fortan zurückgreifen kann. Man kann sogar gedanklich dorthin zurückkehren, um Kraft aus dem Ereignis zu schöpfen. Belohnt wird, wer sich überfordert. Das Problem ist nur: Viele lehnen es in ihrem Leben ab einem gewissen Zeitpunkt ab, in diesen Überforderungszonen zu lernen und zu forschen. Sie igeln sich in eine Sicherheitszone ein, betäuben sich mit Wohlstand und starren Tagesverläufen und verlieren das große Ziel des Humanismus aus den Augen: Durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden selbst jener Mensch zu werden, der in einem angelegt ist. Die dazugehörigen Lernaufträge liegen in der starren Sicherheitszone leider brach, obwohl sie nur darauf warten, ausgearbeitet zu werden.

Das Muster, sich ein Unglück aus der Zukunft aktuell vor Augen zu halten, um daran zu verzweifeln, ist bei vielen Menschen sehr ausgeprägt. Die Frage ist, wie man mit der Angst umgeht. Zu viel Furcht führt zu Stillstand, zu wenig Furcht zu Übermut. Irgendwo dazwischen bewegt man sich. Jeder von uns absolviert eine Serie von Angstreisen. Immer in der Hoffnung, die Furcht würde eines Tages ganz verschwinden. Tut sie aber nie! Dies ist das Paradoxon im Umgang mit dem Neuen, Unbekannten, Fremden: Wir brauchen es, aber es schmerzt. Und das müssen wir ertragen.


Der vorliegende Essay basiert auf Gesprächen, die die Autoren im Mai 2007 während des 24-Stunden-Interviewmarathons im Berliner Hauptbahnhof geführt haben.

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