Wohnkultur aus dem Wald
Von Toni Keppeler (Text) und Rainer Kwiotek (Fotos)
Die Qualitätsgemeinschaft Vorarlberger Holzbau hat eine nachhaltige regionale Verwertungskette für heimische Holzarten wie Fichten und Weißtannen geschaffen: Vom Waldbesitzer über Sägewerke bis hin zu Zimmereien und Architekten
Im Winter geht Christian Walch mit seinen Kunden in den Wald. Hinauf in die Berge; dorthin, wo in den nächsten Tagen Fichten oder Weißtannen geschlagen werden. "Wenn es schneit, ist es besonders romantisch", sagt er. Sie suchen dort die Stämme aus, aus denen ihnen Walch ein Holzhaus bauen soll. Im nächsten Winter werden sie darin wohnen.
"60 bis 70 Bäume braucht man für ein Einfamilienhaus aus Massivholz", sagt Walch. Wenn sie geschlagen sind, werden sie hinunter ins Tal ins Sägewerk gebracht. Von dort gehen sie als Balken und Bretter in Walchs Ökohaus GmbH in Ludesch im österreichischen Vorarlberg, wo sie zu Wänden, Böden oder dem Dachstuhl verarbeitet werden. Walch selbst wohnt - ganz bescheiden - hinter der Montagehalle in einem Tipi.
Ein paar Wochen später verlassen die fertigen Teile die Werkstatt. Dann dauert es noch zwei, höchstens drei Tage und der Rohbau steht. Rinde und Äste und alles, was im Lauf dieses Prozesses zu Spänen oder Sägemehl wurde, kommt ins Heizkraftwerk nach Gaschurn und wird in Energie umgewandelt. Eine geschlossene regionale Verwertungskette, an der alle Beteiligten verdienen: Die Waldbesitzer, die Waldarbeiter, die Sägewerke, die Zimmerer und die Architekten. Und nicht zuletzt nützt sie der Umwelt. Denn Wald ist nicht nur ein nachwachsender Rohstoff und Energieträger. Weil in Vorarlberg mehr Holz nachwächst als geschlagen wird, bleibt seine Funktion als Erholungsraum, als grüne Lunge und als Schutz vor Bodenerosion und Lawinen erhalten.
Dass die Verwertungskette funktioniert, sagt Walch, "das ist vor allem dem Ammann zu verdanken". Der hatte mit Holz zunächst eigentlich gar nichts im Sinn. Dr. Matthias Ammann ist studierter Jurist und "Netzwerker und Lobbyist aus Leidenschaft". Es war eher Zufall, dass er zur Wirtschaftskammer Vorarlberg kam und dort unter anderem für die Betreuung der Zimmerer zuständig war. Die waren damals - es ist gut zehn Jahre her - in einer tiefen Krise, weil Flachdächer Mode waren und kaum mehr Dachstühle gebraucht wurden. Ammann suchte nach einem Ausweg und fand ihn: Die Qualitätsgemeinschaft Vorarlberg Holzbau, eine regionale Kooperative aus Waldbesitzern, Sägern, Zimmerern, Zulieferpartnern und Architekten. Das Ziel: Bauen mit Holz, das in Vorarlberg eine Jahrhunderte lange Tradition hatte und erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten war, wieder attraktiv zu machen.
1997 wurde die Qualitätsgemeinschaft gegründet. Man kann sich vorstellen, was das für eine Arbeit war: Kleine Handwerker an einen Tisch zu bringen, denen - wie in allen ländlichen Regionen üblich - der eigene Familienbetrieb über alles geht und der Nachbarbetrieb nur lästige Konkurrenz ist. Dafür braucht es einen wie Ammann. Einen, der von seiner Mission überzeugt ist. Einen der reden kann wie die Leute und der jedem sofort das Du anbietet. "Ich und wir alle hatten auch einiges Glück", wiegelt er allzu viel Lob ab. "In vielen Betrieben hatte ein Generationswechsel stattgefunden. Junge Leute kamen ans Ruder, die offen waren für neue Ideen."
Der Auftakt zur Qualitätsgemeinschaft war fulminant. Ammann hatte die Idee, dem Bauen mit Holz durch einen Holzbaupreis Öffentlichkeit zu schaffen. Das innovativste Einfamilienhaus aus dem natürlichen Baustoff sollte prämiert werden. 160 Bewerbungen aus ganz Vorarlberg gingen ein. Und bei der Preisverleihung hatten die Holzbauer die ganz große Bühne mit Prominenz aus Politik und Wirtschaft. Inzwischen wird der zweijährig ausgeschriebene Preis auch in den Kategorien Mehrfamilienhaus, öffentliche Gebäude, Gewerbegebäude, Gebäude außerhalb Vorarlbergs und Sanierung vergeben und ist weit über die Grenzen hinaus bekannt. Rund 30.000 architekturinteressierte Touristinnen und Touristen kommen Jahr für Jahr nach Vorarlberg, um die Ergebnisse dortiger Holzbaukunst zu studieren. Ein Nebeneffekt, über den sich Hotellerie und Gastwirte freuen.
In der Qualitätsgemeinschaft arbeiten inzwischen 46 von 70 Zimmereien der Region mit. Dazu kommen 38 Zulieferer, von Waldbesitzern über Sägewerke und Händler bis hin zu Holz verarbeitenden Betrieben. Dazu 14 Architekturbüros. Die Erfolge sind messbar. Schon in den ersten sechs Jahren hat sich der Umsatz der Zimmereien im Holzbau verdoppelt, und das bei allgemein sinkendem Bauvolumen. 35 Betriebe haben seither erweitert. Der Anteil des Holzbaus in Vorarlberg ist von vorher fünf auf heute 15 bis 20 Prozent gestiegen. Nicht nur die Zimmereien profitierten davon. Auch bei Waldbesitzern und Sägewerken blieben 6,6 Millionen Euro hängen.
"Es wäre noch mehr drin", sagt Hubert Malin, der Leiter des größten Forstbetriebs in Vorarlberg. "Wir schlagen weniger Holz als nachwächst." Malin ist Herr über die 8650 Hektar Gebirgswald des Stand Montafon, eines Zusammenschlusses mehrerer Gemeinden im Illtal. 6500 Hektar davon werden bewirtschaftet. Der Rest ist reiner Schutzwald, in Lagen, die zu steil oder zu felsig sind, um rentabel zu sein. Waldwirtschaft ist noch immer Knochenarbeit. Man sieht es den Männern an, die in Malins Gebiet am Garfrescha über Sankt Gallenkirch gefällte Fichten mit einer Seilwinde in schonend in den Wald geschlagenen schmalen Schneisen den Berg herauf ziehen. Muskelbepackte Kerle arbeiten mit Kettensägen oder im Bagger, dessen Prozessor-Kopf einen Stamm in Sekundenschnelle entasten und auf Länge sägen kann. "Die Arbeit ist hart und gefährlich", sagt Manfred Rupp, der Chef der Truppe. "Wir arbeiten in extremem Gelände. Du musst nur einmal stolpern und schon gehst du ab."
Reich wird man damit nicht. "Das Sägewerk bezahlt heute deutlich weniger für den Kubikmeter als vor 25 Jahren", sagt Malin. Aber schließlich sei Wald mehr als nur eine Wirtschaftsressource. Und es werden bessere Zeiten kommen, da ist der Fortwirt sicher. Denn Öl geht irgendwann zur Neige. Holz aber wächst nach. "Erneuerbare Rohstoffe werden sich langfristig immer rechnen."
Schon jetzt rechnet Anton Amann, Fachgruppenvorsteher der Vorarlberger Sägeindustrie, viel entspannter als noch vor ein paar Jahren. Früher, sagt er, "waren wir die Sklaven der Papier-, Zellstoff- und Plattenindustrie. Die haben uns die Preise für unser Restholz diktiert. Neuerdings aber setzt Vorarlberg auf Holz gefeuerte Heizkraftwerke, und das, so der Säger, "ist einfach super": Garantierte Abnahme und kurze Transportwege machen das Restholz rentabel. Amann, dessen Familienbetrieb mitten im Städtchen Hohenems liegt, setzt vor allem auf Balken und Bretter aus Massivholz: Schöne Stämme mit wenigen Ästen, wie sie Walch für seine Biohäuser liebt. "Das ist die Nische des kleinen Sägers."
Einen größeren Marktanteil als Massivholz hat das so genannte Konstuktionsvollholz (KVH), aus dessen Balken Astlöcher und andere Fehler herausgeschnitten und das danach mit Keilzinkenverbindungen wieder zusammengesetzt wird. Es ist genauso stabil wie Massivholz, aber billiger - wenn auch nicht ganz so schön. KVH stellen nur die großen Sägewerke her. "25.000 bis 30.000 Kubikmeter pro Jahr sind das Minimum", sagt Amann, "Sonst rechnen sich die Investitionen in die Maschinen nicht." Die Vorarlberger Säger sind da viel zu klein. Amann verarbeitet um die 10.000 Festmeter im Jahr. Sein Kollege Elmar Marlin in Gortipohl im Montafon überlegt sich die Investition. Er bekommt viel Holz mit Unregelmäßigkeiten angeliefert - und exportiert einen Gutteil seiner Balken in die großen KVH-Werke in Süddeutschland. "Im nächsten Jahr wird die Entscheidung fallen", sagt er.
Für KVH spricht schlicht der Preis. Herbert Brunner, Holzbaumeister und Obmann der Qualitätsgemeinschaft, würde gerne nur mit Massivholz bauen. "Aber der Preiskampf wird immer härter, und ein Einfamilienhaus mit KVH ist rund 800 Euro billiger als eines aus Massivholz." Und: Die großen Werke können innerhalb einer Woche liefern. Kleine Massivholz-Säger dagegen brauchen drei bis vier Wochen. "Bei der immer kurzfristigeren Auftragsvergabe ist das ein Problem." Geschäftsführer Matthias Ammann schwebt vor, dass sich irgendwann eine Gruppe kleinerer Vorarlberger Sägewerke zusammenschließt, um die Investitionen für ein KVH-Werk gemeinsam zu stemmen. So, wie schon jetzt mehrere Zimmereien bei Großaufträgen zusammenarbeiten.
Gemeinsam halten die Zimmerer auch die Konkurrenz auf dem Fertigbau-Sektor in Schach. "Vor 15 Jahren waren Fertighäuser im Holzbau noch kein Thema", sagt Brunner. "Heute haben Fertighäuser schon die Hälfte des Marktes." Ein Familienbetrieb kann in diesem Segment nicht alleine mitspielen. "Wir marschieren deshalb als Gruppe von sieben Zimmereien gemeinsam", sagt Brunner. Jeder Betrieb bietet zwei Typen von Fertighaus an, die unter dem Markennamen "Fixhaus" in einem gemeinsamen Katalog vorgestellt und gemeinsam beworben werden. "Das hat eingeschlagen."
Nach zehn Jahren Qualitätsgemeinschaft, stellt Obmann Brunner fest, "sind wir selbstverständlicher geworden. Wir haben eine Decke erreicht und brauchen nun den nächsten Schwung." Potenzial sei noch da: In Österreich werden vier bis fünf Prozent der Häuser aus Holz gebaut. Vorarlberg liegt da mit 15 bis 20 Prozent zwar weit über dem Durchschnitt, in Skandinavien aber sind bis zu 80 Prozent der Neubauten aus Holz. Da ist also noch Luft drin. "Wir müssen die Kunden nur so weit bringen, dass sie ein Holzhaus haben wollen." Ammann weiß auch schon wie: "Wir müssen an die Architektinnen und Architekten ran. Das sind die Materialentscheider."
Wie immer, fängt der leidenschaftliche Lobbyist ganz unten an: So, wie er bereits für Zimmererlehrlinge mit dem Projekt "Holzbau-Zukunft" ein die Ausbildung begleitendes Seminar- und Praxisprogramm ins Leben gerufen hat, sollen nun auch die Architekten schon bei ihrer universitären Ausbildung ans Bauen mit Holz herangeführt werden: Kürzlich wurde in Tirol ein zunächst temporärer Lehrstuhl für Holzbau eingerichtet.
Zwei Mal schon hat Amman einen Ideenwettbewerb für Architekturstudenten ausgeschrieben und die Ergebnisse in großflächigen opulenten Heften präsentiert. Jetzt arbeitet er in seiner Funktion als Geschäftsführer des Verbandes Holzbau Austria an einem ständigen österreichweiten Betreuungsprogramm für Studenten. Und Ammann träumt davon, dass sich die zukünftigen Architekten auch an hohe Gebäude aus Holz wagen dürfen. Erste Forschungsaufträge laufen bereits. Nach monatelanger Lobbyarbeit gibt es nun den fertigen Entwurf für ein neues Baugesetz in Österreich, das Holzbau auch bei Gebäuden von mehr als vier Stockwerken erlaubt. "Zehn Geschosse", sagt der Lobbyist, "sind überhaupt kein Problem."
Und dann müssen auch noch die Zauderer unter den Bauherren überzeugt werden, die immer noch glauben, Holzhäuser seien Baracken und würden leicht abbrennen. Ammann hat die Argumente bereit: Holzarchitektur ist leicht. Da sind Formen möglich, von denen Architekten bei anderen Materialien nicht einmal zu träumen wagen. Häuser aus Vorarlberger Holz haben eine kaum mehr zu verbessernde Energie- und Umweltbilanz: Kurze Transportwege vom Wald über den Säger bis zur Baustelle. Was die so genannte "graue Energie" angeht, also diejenige, die für Herstellung, Transport und Entsorgen eines Produkts nötig ist, sind Holzhäuser denen aus anderen Baustoffen ohnehin überlegen. Sollte ein sauber gebautes Haus wieder abgerissen werden, scherzt Amman, "kann man es einfach in den Ofen schieben". Und gewinnt dabei sogar Energie zurück.
Bleibt der Einwand der Brandgefahr. Doch der beruht schlicht auf Gerüchten: Holz ist selbst im Brandfall sicher. Tests haben bewiesen, dass ein Balkengerüst länger stehen bleibt als ein Stahlgerüst. Nichts verbiegt sich unter der Hitze. Nichts explodiert so überraschend wie eine Stahlbetondecke. Und Holz isoliert besser: Wird eine 20 Zentimeter dicke Holzwand von einer Seite eine Stunde lang mit tausend Grad erhitzt, steigt die Temperatur auf der anderen Seite um gerade zehn Grad. Im Brandfall kann das lebensrettend sein.
Was für Hitze gilt, gilt genauso für Kälte. Holzhäuser, sagt Öko-Holzbauer Walch, haben einfach ein besseres Klima. Sie nehmen Wärme langsamer auf und geben sie auch wieder langsam ab. Sie haben eine um 56 Prozent höhere Speicherfähigkeit als Steinhäuser. Verblüffende Zahlen, die manchmal nicht einmal Experten glauben. Walch, vor zehn Jahren noch ein Einzelkämpfer ohne eigenen Betrieb, kennt diese Skepsis von Anfang an. Schon bei seinem ersten Holzhaus-Projekt hatte er Probleme, einen Partner zu finden. Er baute das Haus eben alleine, in einer angemieteten Werkstatt. Nur ein Rentner hat ihm geholfen. Dann bewarb er sich mit dem Objekt um den ersten Holzbaukunst-Preis der Qualitätsgemeinschaft - und gewann. Inzwischen hat er einen eigenen Betrieb mit 20 Angestellten. Er experimentiert noch immer. Im vergangenen Jahr bewarb er sich um staatliche Forschungsgelder für die Entwicklung eines Passivhauses mit Erdwärme, ganz aus Holz. Die Jury lehnte ab: Das könne so nicht funktionieren. Walch baute das Haus trotzdem. Es funktioniert besser, als er vorher errechnet hatte.







