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Colour your life

Von Michael Gleich

Medien suggerieren: Globalisierung bedeutet Krieg. Doch wer sie verstehen will, muss kulturellen Austausch und Vielfalt betrachten - ein Bild mit Zwischentönen und Farbverläufen.

Die Welt ist Krach! Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die aktuellen Debatten über die Globalisierung verfolgt. Drei Fraktionen überbieten sich im Lärmpegel gegenseitig: Manager, Medien und die bunte Schar der Gutmenschen. Merkwürdig unisono malen sie düstere Schlachtengemälde, bemächtigen sich martialischer Rhetorik, pflegen Feindbilder. Kriegsgeschrei hat Hochkonjunktur.

Anlässlich des G-8-Gipfels wurden Wirtschaftsführer häufiger als sonst zur Lage der Welt befragt. Und sie sahen nur, was sie gelernt haben zu sehen. "Unerbittlicher Verdrängungskampf auf den Märkten", Eroberung, Landgewinne und -verluste, die Gefahr aus Asien. Lothar Späth, Wirtschaftspolitiker und Unternehmer, sagt voraus: "Die Chinesen werden uns überholen. Da braucht man nur den Zeitpunkt auszurechnen. Die Schlacht können wir auch nicht gewinnen." Manfred Wennemer, Vorstandschef von Continental, beklagt: "Wir sehen, dass der so genannte Krieg um die Talente immer schwieriger wird." Für den französischen Wirtschaftsexperten Jean-François Susbielle ist es ausgemachte Sache, dass es eines nicht allzu fernen Tages zu einem kriegerischen Showdown zwischen der etablierten Supermacht USA und der aufstrebenden Megamacht China kommt. Der programmierte Krieg lautet der Titel seines Buches. Die Konkurrenz um die Erdölreserven der Welt werde die beiden weltpolitischen Giganten unweigerlich in einen militärischen Entscheidungskampf führen. So sprechen sie, wie sie zu sprechen gelernt haben: quasi mit den Ellenbogen.

Metaphern des Krieges

Glaubt man diesen Führungspersönlichkeiten, liegt Wirtschaftskrieg in der Luft. Vielleicht haben sie auch einfach nur zu viele Tierfilme angeschaut - und daraus die falschen Schlüsse gezogen. Überleben des Stärksten. Fressen oder gefressen werden. Flucht - oder doch lieber Angriff? Mit solchen platt-darwinistischen Metaphern wird die kriegerische Rhetorik weiter aufgerüstet.

Da machen die Medien doch gerne mit. Journalisten, die primär an Auflage denken, pflegen zwei Lieblingsthemen: Sex and Crime. Ersteres fällt im Ressort Wirtschaft meistens unter den Tisch; Viagra-Gaben für korrupte Betriebsräte bei ihren Ausflügen ins Rotlichtmilieu sorgen hier für seltene Ausnahmen und Freude. Bleibt also Crime. Da endlich werden die Kommentatoren des Globalisierungsgeschehens fündig. So sieht Gabor Steingart, Redakteur des SPIEGEL, einen "Weltkrieg um Wohlstand" im Gange. Deutsche Politik müsse sich endlich gegen die Angreifer wehren, die mit unfairem Handeln unsere Arbeitsplätze und unseren Wohlstand zerstören. Er ist nicht der Einzige. Die gängige Berichterstattung über die Globalisierung bedient sich kräftig beim Vokabular der Kriegsreporter. Täter und Opfer, Expansion und Rückzug, globale Arena, die Marke "made in Germany" als Wunderwaffe und so weiter. Publizistische Schlachtenbummler zeichnen unser Land als eine Festung, die belagert wird von amerikanischen Heuschrecken, kopierwütigen Chinesen und skrupellosen Dumping-Indern.

Ein Topos aus der Rhetorik des Kalten Krieges war "die gelbe Gefahr" aus China. Heute, in Zeiten des politisch korrekten Denkens, sagt und schreibt das natürlich niemand mehr. Wer aber in den aktuellen Analysen über Trends auf den Weltmärkten liest, was zwischen und hinter den Zeilen steht, erkennt, dass die alte Hetze in den Köpfen weiterlebt. Die hohe Zahl an gut ausgebildeten Ingenieuren, die alljährlich chinesische Hochschulen verlassen, wird als "Heer" apostrophiert, das Bevölkerungswachstum als bedrohlich, die jungen Unternehmer als "hungrig" und das Kopieren von Technologien quasi als Kriegserklärung gewertet.

Hybridisierung der Kulturen

In diesem Umfeld wachsen und gedeihen weitere Gewaltszenarien. Der "Kampf der Kulturen", den 1996 der amerikanische Politologe Samuel Huntington voraussagte, wird nicht nur wegen seines wohlklingenden Stabreimes gerne in der Presse zitiert. Es passt hervorragend in die Bedrohungskulisse. So werden die prosperierenden Länder Asiens als geschlossene Kulturkreise definiert, die kollektiv nach dem Untergang des Abendlandes trachten. So wird die ökonomische Vaterlandsverteidigung auch noch als kulturelle Mission geadelt. Arbeitsplätze lassen wir uns ja noch wegnehmen von "denen" - aber nicht auch noch Goethe, Grass und Gelbwurst.

Für Schlagzeilen über den "Clash of Civilizations" reichen schon Gewaltprobleme an einer Berliner Hauptschule mit hohem Ausländeranteil oder brennende Barrikaden in Pariser Vorstädten. Wen stört es schon, dass Huntington längst von der Feldforschung widerlegt wurde. Denn es gibt sie nicht, die von ihm geschilderten statischen, klar abgrenzbaren Kulturkreise, die geschlossen gegeneinander ins Feld ziehen könnten. Stand von Kulturanthropologie und Ethnologie ist vielmehr, dass Menschen heute stärker denn je unterschiedliche kulturelle Einflüsse vereinigen, integrieren, kreativ auf die Begegnung mit dem Andersartigen reagieren. Wissenschaftlich nennt man diesen Prozess Hybridisierung. Für die Kollegen an der Bar: Mixgetränk statt Kultur pur.

Ungerührt von diesen Befunden wird weiter jedes Selbstmordattentat eines Muslims, jeder Hassprediger, jede Diskussion um den Bau einer Moschee in einem deutschen Wohngebiet als "Kampf der Kulturen" überhöht. Dass die Ursachen dafür komplexer und meist sozialer Natur sind, wird geflissentlich übersehen. Nach dem Kalten Krieg, dessen Polarität für klare Orientierungen sorgte, muss nun Huntingtons Formel dafür herhalten, eine bunte Welt in einfachen Schwarz-Weiß-Bildern zu beschreiben.

Darin hat es auch die dritte Fraktion der Marschmusiker zur Meisterschaft gebracht: die Globalisierungskritiker. Sie blasen letztlich die gleiche Fanfare wie Manager und Medienleute, nur in anderer Tonart. So wurde Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, auf dem Gegengipfel zum G-8-Treffen mit fast religiöser Inbrunst gefeiert. Sein Charisma verdankt er unter anderem der Tatsache, dass er dem willigen Publikum einfache und poetische Parolen anbietet: "Unsere Feinde können alle Blumen ausreißen, den Frühling können sie nicht aufhalten." Das hört man gerne: Klare Zuordnungen, wo denn das Gute und wo das Böse zu Hause sei. Damit sich niemand in der Tür irren kann. Einen "globalen Krieg der Reichen gegen die Armen" sehen die Protestler von Potsdam im Gange. Und weil von den Reichen gerade keiner greifbar war, um sich verprügeln zu lassen, griffen sie sich halt die Polizisten und prügelten sich mit denen. "Wer ist wunderbar? Christian Klar!", schallt es aus schwarz vermummten Mündern. Attac heißt zwar so, wollte es dann aber nicht so gemeint haben. Man drückt sich vornehmer aus: "Die G 8 sind Vorreiter einer auf Krieg gestützten Weltordnung."

Globale Unübersichtlichkeit

Es ist ja nur allzu verständlich, dass wir nach Orientierung suchen. Dass wir immer wieder und immer wieder neu versuchen zu verstehen, "was die Welt / im Innersten zusammenhält" (Goethe: Faust). Aber dass Wirtschaftsführer, Medien und Globalisierungskritiker, Stichwort Faust, dann doch auf die alten Erklärungsmuster von Krieg und Verdrängungskampf zurückgreifen, um Stimmungen für die eigenen Anliegen und damit Aggression zu schüren: Das ist bitter. Denn es zeigt, wie dünn die Decke der Zivilisation doch ist. Beim geringsten Anlass wird auf Steinzeit umgeschaltet und die Keule ausgegraben.

Das geschieht besonders gerne in unübersichtlichen Situationen. Und wenn man die Globalisierung mit einem Wort beschreiben müsste, dann ist sie genau dieses: unübersichtlich. Hochtrabender könnte man sagen: Sie ist komplex, bewegt sich am Rande des Chaos, ist kaum vorherseh- und noch weniger planbar, bewegt sich entlang von Paradoxa und Widersprüchen. Und wir mittendrin. Ost-West-Schablonen taugen nicht mehr, aber Nord-Süd-Zuordnungen versagen ebenfalls. So sagte mir einmal ein Mexikaner: "In der Schule haben wir gelernt, unser Land liege im Norden. Ganz Lateinamerika befindet sich südlich. Dann kommen wir auf internationale Konferenzen und man sagt uns, wir gehören zum Süden." Korea Süd ist ein Tiger, vor dem sich sogar westliche Industriestaaten fürchten, in Korea Nord fressen sie Gras. Nord/Süd taugt also auch nicht. Wie steht es mit rechts/links? Auch hier verschwimmen die Koordinaten in dieser Debatte. Etwa wenn ein Ultra-Linker wie Oskar Lafontaine mit griffigen Nationalismen ("Fremdarbeiter") im trüben rechten Spektrum nach Stimmen und Anhängern fischt. Oder wie kriegt man den Widerspruch eingefangen, wonach Gruppierungen wie Attac die Gesetzmäßigkeiten der Globalisierung in Bausch und Bogen verdammen - aber gleichzeitig beklagen, dass Schwarzafrika zu wenig in die globalen Austauschprozesse integriert werde? Wie kann man immer mehr Geld für Entwicklungshilfe fordern, wo doch immer klarer wird, dass transferierte Steuergelder kaum mehr sind als die Umverteilung des Gelds der Armen aus den reichen Ländern an die Reichen aus den armen Ländern.

Colour your life!

Die einfache Lösung liegt darin, die Welt des Schwarz-Weiß-Films zu verlassen. Wie wäre es mit einem Bild mit Nuancen, Zwischentönen, Farbverläufen? Colour your life! Eigentlich peinlich, 200 Jahre nach der europäischen Aufklärung eine solche Empfehlung aussprechen zu müssen. Sie beruht auf der recht simplen Beobachtung, wie stark das Fortschreiten von Globalisierung von Zusammenarbeit abhängt. Wirtschaftlich gesehen beruht sie auf internationaler Arbeitsteilung, wird von transnationalen Unternehmen getragen, führt zum Austausch Waren und Dienstleistungen über Kontinente hinweg. Wer darin nur Kampf und Krieg sieht, hat das Wesen von Wirtschaft nicht verstanden. Kooperation ist wichtiger als Konkurrenz. Das zeigt sich auch bei zwei Faktoren, die weltweites Agieren überhaupt erst möglich machen: Mobilität und Telekommunikation. Wenn Grenzen durchlässiger werden, Menschen bei ihren Reisen immer weniger Barrieren überwinden müssen, dann verschwindet das Trennende und wächst das Verbindende. Das Internet bindet mehr Menschen denn je in kommunikativen Austausch ein. Tourismus, Open Source, Weltsozialforum, die weltumspannenden Netzwerke der Zivilgesellschaft, Kulturaustausch, Spendenflut nach Tsunami, Olympia, Wikipedia. All das sind Meilensteine der Globalisierung. Als Kampf? Nein, als Ko-Evolution!


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