Keine Angst ist mir fremd
Von Peter Felixberger
Jeder Mensch hat Angst vor dem Unbekannten. Der Ausweg: Das Fremde ertragen und als Lernort für persönliche Selbstverwirklichung begreifen.
Am letzten Wochenende hat meine Oma ihren 88. Geburtstag gefeiert. Bei meinem Besuch ist mir wie immer zuerst ihr gesunder Menschenverstand aufgefallen. Als ich ihr vom 24-Stunden-Interviewmarathon in Berlin erzählte, schüttelte sie nur gnädig den Kopf und lächelte. Mit einer Mischung aus Mitleid und Verwunderung. Warum soll man sich auch in einen großen Bahnhof setzen und mit Menschen 24 Stunden lang darüber reden, was ihnen fremd ist? Meine Oma und ich redeten trotzdem weiter, vor allem über das niederbayerische Pflichtgefühl, ein Leben lang fleißig zu arbeiten und nicht viel Aufhebens darüber zu machen. "Nicht reden, einfach tun" (in der bayerischen Übersetzung: "Net so vui red'n, sondern mehra doa!") ist der kategorische Imperativ des Niederbayern - oder besser gesagt vieler Leute vom Land. Ich bin auch ein Niederbayer. Als solcher arbeite ich grundsätzlich mehr, als darüber zu reden. Diese bisweilen verborgene Grundkonstante ist mir am Wochenende des Interviewmarathons wieder bewusst geworden.
Um die Wichtigkeit dieser kleinen Selbsterkenntnis gebührend zu würdigen, muss ich etwas weiter ausholen. Das Leben ist unter anderem eine lange Reise durch fremde, bisweilen rätselhafte Ereignisräume, die man betreten, durchschreiten und für die man einen Ausgang suchen, sprich eine Lösung finden muss. Der erste Schultag, die erste Freundin, der erste Urlaub alleine im Ausland, der erste Vortrag vor großem Publikum - die Liste zieht sich biografisch bei jedem in die Länge. Das Muster ist immer gleich: Am Anfang blickt keiner durch, am Ende ist jeder klüger als zuvor. Vielleicht, denn manche Muster wiederholt man ein Leben lang, ohne den Ausgang zu finden.
Egal, grundsätzlich gilt: Wer sich auf das Fremdartige einer neuen Situation einlässt, wird fast immer belohnt. Warum? Nun, man fühlt sich souveräner und gelassener, wenn man die Ängste, die jeweils damit verbunden waren, hinter sich lassen und auflösen konnte. Man hat etwas Wichtiges gelernt, auf das man fortan zurückblicken und vor allem zurückgreifen kann. Man kann sogar gedanklich dorthin zurückkehren, um Kraft aus dem Ereignis zu schöpfen. Belohnt wird, wer sich überfordert.
Das Problem ist nur: Viele lehnen es in ihrem Leben ab einem gewissen Zeitpunkt ab, in diesen Überforderungszonen zu lernen und zu forschen. Sie igeln sich in eine Sicherheitszone ein, betäuben sich mit Wohlstand, starren Tagesverläufen und verlieren das große Ziel des Humanismus aus den Augen: Durch die Auseinandersetzung mit dem Fremden selbst jener Mensch zu werden, der in einem angelegt ist. Die dazugehörigen Lernaufträge liegen in der starren Sicherheitszone leider brach, obwohl sie nur darauf warten würden, be- und abgearbeitet zu werden. So plätschert das Leben vielfach unerfüllt dahin. Am Ende hat man es dann größtenteils verpasst.
Was kann man tun, wenn man sich vor dem Neuen fürchtet?
In der Vorbereitung auf den Interviewmarathon war ich wochenlang nervös und unsicher. Ich lebte in der permanenten Vorstellung, wie der Event aussehen und vor allem, was dort alles passieren würde. Das Muster, sich ein Unglück aus der Zukunft aktuell vor Augen zu halten, um daran leicht bis schwer zu verzweifeln, ist nicht nur bei mir sehr ausgeprägt. In der jeweiligen Akzentuierung hat das bei vielen Menschen erhebliche Auswirkungen. Zu viel Furcht führt zu Stillstand, zu wenig Furcht zu Übermut. Meine Oma gehört beispielsweise zur ersten Spezies. Sie verlässt nicht gerne ihre Wohnung, weil sie Angst hat, sie könne draußen wieder einen Schwächeanfall erleiden. Die Angst vor dem, was erneut passieren könnte, lähmt ihre Mobilität und Flexibilität. Also sitzt sie zu Hause herum und fürchtet sich.
Stellt sich natürlich unweigerlich die Frage: Was kann man dagegen tun, wenn man vor dem Neuen, vor Veränderung und Selbsterkundung Angst hat? Diese Frage scheint auf den ersten Blick leicht beantwortbar. Man müsse nur, so die Verhaltenspsychologen, permanent Desensibilisierungsarbeit leisten. Die zugrunde liegende Bewältigungsstrategie: Die Furcht wird weniger, wenn man sich verstärkt dem Bedrohlichen aussetzt und damit seine Angst scheibchenweise abbaut. Irgendwann erreicht man dann die Stufe, keine Angst mehr zu haben. Blöderweise ist dies auch nur eine Annahme. Denn völlig angstfrei leben kann in letzter Konsequenz kein Mensch. Und zwar lebenslang. Es gibt keinen Ausweg. Jeder absolviert seine Serie von Angstreisen immer in der Hoffnung, die Furcht würde verschwinden. Dies ist das Paradoxon in jeder Selbstentfaltungslinie.
Dennoch können wir gegen die Angst etwas tun. Ja, wir können das vermeintliche Unglück ein wenig ausbalancieren, indem wir jede Furcht vor dem Neuen auch als Lernaufgabe begreifen. Ein gutes Hilfsmittel ist zunächst wie beim Sprachenlernen die Grammatik zu pauken. Also sich mit Formen und deren Funktion zu beschäftigen. Beispielsweise vor einem Interviewmarathon. Michael Gleich und ich haben uns so gut wie möglich auf die Interviewgäste vorbereitet. Das hat uns ein wenig geholfen, nicht vor der Ungewissheit einzuknicken. Wir haben Bücher, Musik und Filme gesichtet, Vorgespräche geführt und somit die Hemmschwelle für uns abzubauen versucht. Und wir haben uns ständig gegenseitig versichert, dass der eine einspringt, wenn dem anderen die Spucke versagt. Überdies haben wir ein erstklassiges Team aufgestellt, das uns helfen sollte, über alle Klippen zu kommen (was dann auch in überragender Weise eingetreten ist). Alles das zusammen hilft - ein wenig.
Als schließlich der Tag der Tage kam, traf ich Ibrahim Syed beim Frühstück im Hotel. Der indische Softwareunternehmer stand auf unserer Gästeliste für vier Uhr morgens am nächsten Tag. Ibrahim ist ein sehr gescheiter Mann. Ich war zunächst überrascht, als er mich fragte, ob er später mit indischer Kleidung oder im europäischen Anzug auftreten solle. Sein Sakko hätte in einer Reinigung Schaden genommen und er sei jetzt völlig verunsichert, was er tun solle. Kein Zweifel: Die Befürchtung, in der Veranstaltung die Erwartungen nicht erfüllen zu können, hatte bei ihm ihre alternative Symptomausprägung in der Frage nach der richtigen Kleidung genommen. Ich antwortete Ibrahim mit meinem niederbayerischen Mantra und ergänzte, er solle keine großen Gedanken auf diese Frage verschwenden, sondern auf sich vertrauen, in der entsprechenden Situation das Richtige zu tun. Er lächelte und erzählte ein wenig von Kerala, wo er lebt und arbeitet. Das war beruhigend. Für ihn und für mich.
Nur wenn der andere glänzt, werde auch ich sichtbar!
Ein Interviewmarathon, der 24 Stunden dauert, ist ein komplexes Ereignis. Bis er beginnt, lebt man in Gedanken fast nur in der Zukunft. Nachdem Gerd Ruge als unser erster Gast Platz genommen hatte und erzählte, er habe immer noch Lampenfieber, wenn er irgendwo auftritt, dachte ich mir: Wow, der ist 79 Jahre alt und immer noch von Nervosität geplagt! Welche dann plötzlich bei uns allen wie weggeblasen war, als sich Punkt zwölf die Maschinerie in Gang setzte. Und meine Grundprogrammierung innerlich das Zepter übernahm. Auf das Hier und Jetzt kam es an. Ich spürte, wie ich fortan in jede Gesprächssituation eintauchen und mich voll auf den anderen konzentrieren konnte. Das innere Muster, das Unglück aus der Zukunft vorwegzudenken, löste sich in nichts auf.
Vor allem aber verschwand die persönliche Erwartungshaltung, unbedingt und ab sofort glänzen zu müssen. Gescheite Fragen und Bezüge zu finden, in wohlgesetzten Worten auszuformulieren und selbst als gescheiter Akteur zu brillieren. Nein, das Ganze aktivierte eine andere Seite in mir, die mir bis dato wenig bekannt war. Ich hatte irgendwie eine gewisse Demut vor der für mich großen Aufgabe gefunden. Der eigentliche Dreh bestand für mich darin, dass jeder Gast glänzen konnte. Anders ausgedrückt: Die Gäste durften in unserem Live-Studio so sein, wie sie wollten. Dieses Gefühl mündete schließlich in etwas, was ich Authentizität nenne. Glaubwürdigkeit.
Genauso habe ich dann die Gespräche empfunden. Immer nach dem Motto: Dem anderen Raum lassen, sich zu entfalten. Das ist nicht immer leicht, weil man ja selbst auch so gescheit ist und zu allem Möglichem etwas zu sagen hat. Ich glaube im Nachhinein, wir zwei Moderatoren haben uns klugerweise zurückgenommen - obwohl wir natürlich zwischendurch auch Fragen gestellt haben, die bereits die Antwort beinhalteten. Die meisten Gäste haben sich wohlgefühlt, weil sie diese Freiheit gespürt haben. Auch wenn wir sie tiefer in inhaltlich aufwendigere Ebenen zogen. Diese Demutsübung, den anderen glänzen zu lassen, war für mich eine persönliche Bereicherung. Es hat mich überdies gelehrt, einfach mal die Schnauze zu halten, wenn man keine Ahnung hat. Viele Grüße übrigens an Kerner und Beckmann!
Womit ich wieder bei meinem Ausgangsthema bin: Authentisch kann man nur sein, wenn man seine kulturelle und persönliche Basisprogrammierung - oder einfacher ausgedrückt: seine Herkunft - nicht verleugnet. Wieso auch? Ich zum Beispiel habe von Natur aus Angst vor persönlicher Veränderung und Selbsterkundung. Aber mein ganzes Leben tue ich nichts anderes, als mich gnadenlos allen möglichen Angsträumen auszusetzen. "Einfach tun, nicht viel quatschen darüber" - das hat mich in seiner luziden Banalität vorangetrieben. Und es hat mich oft davor bewahrt, im Kanonengewitter von Ängsten und Träumen zu versinken.
Kürzlich habe ich einen Filmbericht gesehen, in dem ein Oberpfälzer Landwirt sagt: "Ich bin mit der Arbeit aufgewachsen. Ich kenne das gar nicht anders. Was getan werden muss, muss getan werden." (In der Dialektübersetzung: "Wos dou wern mou, mou dou wern.") Irgendwie verstehe ich diese Lebensweisheit neuerdings ein Stück besser. Sie speist sich aus den gleichen lebensweltlichen Quellen wie das Mantra: "Net so vui red'n, sondern mehra doa!"
Im modernen Therapiealltag in der westlichen Psychologie hat das Reden längst die Oberhand über das Tun gewonnen. Das ist bisweilen schade. Denn erst wenn man tatsächlich viel (falsch) macht - und einen nicht bloß die Vorstellung darüber peinigt -, kann man authentisch darüber reden. Einfach nur zu reden, ohne viel (falsch) gemacht zu haben, ist belanglose Plauderei. Es gab Interviewgäste in diesen 24 Stunden, bei denen man die Lust und Last ihrer persönlichen Angstreisen gespürt hat. Sie haben präzise geschildert, was ihnen fremd ist, und gleichzeitig eine unbändige Lust ausgestrahlt, immer wieder in das Neue und Ungewisse aufzubrechen. Diese Lebenslust hat den Interviewmarathon über weite Strecken energetisch aufgeladen.
Irgendwann in diesen 24 Stunden habe ich mich sogar wohlgefühlt. Und jeder wusste eine andere Antwort, was ihm fremd ist.








