Schnell vertraut
Von Tina Gadow (Text) und Paul Hahn (Fotos)
Wer das Fremde begreifen will, ist schnell überfordert. Aber genau darin liegt die Chance, sich weiterzuentwickeln.
"Fremd" - anders, unbekannt, nicht vertraut. Noch während ich darüber nachdenke, was der Begriff "fremd" eigentlich bedeutet, und nach Situationen in meinem Leben suche, die ich mit diesem Wort beschreiben würde, stolpert es herein, das Fremde, in Person eines jungen Mannes, noch steht er vor dem Zugabteil, in dem ich zusammen mit einer mir fremden Frau sitze (unsere Unterhaltung begrenzte sich bislang auf ein "Guten Tag - ist hier noch frei?"). Höflich, freundlich, aber distanziert. Wie man es eben macht, mit Fremden. Die Tür klemmt, wir helfen ihm.
Noch ehe er sich gesetzt hat, stürzt er sich mit einem stark russisch akzentuierten und nach Alkohol riechenden Wortschwall und der Frage nach Name, Alter, Beruf und Familienstand auf die Mitreisende. Sie antwortet nicht, ist sichtlich irritiert ob dieses unvorbereiteten Überfalls und reagiert mit Unsicherheit, Unbehagen. Er wiederholt seine Fragen, lächelt, entschuldigt sich, aber er möchte doch nur den Namen wissen, den Namen einer schönen Frau - und erntet doch nur ausweichende Blicke, Stille, Fassungslosigkeit. Er kommt in Fahrt, redet vor sich hin, redet mit der fremden Frau, als wäre sie ein Spiegel seiner eigenen Sehnsüchte. Schnell sind sie da, die Stereotype: Warum wir so seien in Deutschland, er wolle wieder zurück nach Russland, er würde die Deutschen einfach nicht verstehen, ja, nicht umsonst habe es so viele Kriege zwischen beiden Völkern gegeben. Auch ich bin irritiert, obwohl nur Zaungast der Szene. Ich würde jetzt gerne aufstehen und das Abteil wechseln. Unsere Mitreisende tut das - sie nimmt Reißaus.
Ist das die melancholische russische Seele oder nur Wodka und überzogene Emotionalität? Sicher ist: Da hat jemand die Regeln nicht gekannt, die Grenze überschritten, ist zu schnell zu nahe gekommen. Abweisung ist das Ergebnis. Um sich jemand Fremdem anzunähern, sich also Fremdes vertraut zu machen, gehört offenbar ein wenig Empathie und Reflexion, also die Fähigkeit, sich einzufühlen und zu vergleichen: Mit welchem Radius umgibt sich meine Intimsphäre? Wie gerne würde ich einem Fremden Persönliches über mich erzählen wollen? Überdies liegt die Abweisung der mitreisenden Dame auch an etwas anderem. "Immer schon, seit ich jung bin, werde ich von Fremden angesprochen, einfach so, ich verstehe das nicht, es scheint mich anzuziehen!", verrät sie mir beim Rausgehen. Ein sehr individueller Hintergrund. Und der junge Mann? Unglücklich war er, einsam, er suchte Kontakt, ein wenig Aufmerksamkeit.
Ich fühle mich schon weniger fremd
Szenenwechsel. Meine erste Spaziertour durch Addis Abeba, Äthiopien: viel Lärm, viele Menschen auf der Straße, Frauen bieten auf dem Boden ihr Obst und Gemüse feil, Kinder sprechen mich an, um mir Taschentücher zu verkaufen. "Ferenji, ferenji!", "Shoeshining, Mister?", es ist bunt, alle meine Sinne sind belagert; neue Farben, Gerüche, Geräusche, es ist laut. Tedy Afro, der neue Star, singt aus allen Lautsprechern, die in den zahlreichen Kiosken am Straßenrand hängen. Die Armut begegnet mir, unverhüllt und grell. Wo darf ich hingucken, wo lieber nicht? Nach nur ein paar Stunden habe ich das dringende Bedürfnis, die Tür hinter mir zuzumachen, allein zu sein, Eindrücke zu verarbeiten. Reißaus zu nehmen.
Zweiter Tag: Die kleinen Lädchen sind mir bereits vertraut. Ich rufe ein Taxi, steige in einen alten Lada und wundere mich, dass er überhaupt noch fährt. Verhandle einen Preis, freue mich darüber, dass der Fahrer versteht, wo ich hin will. Das Auto ist wie alle Taxis in Addis, innen liebevoll dekoriert, Samtdecken auf den Armaturen, Kitsch? Wie auch immer, es gefällt mir. Die Liebe zum Detail verrät viel über den stolzen Besitzer des blauen Ladas, sie unterstreicht die Würde einer ganzen Berufsgruppe, ohne die das Verkehrsnetz in Addis zusammenbrechen würde. Ich habe Respekt vor diesem Mann, der den Widrigkeiten des Lebens trotzt und mich gut gelaunt durch die überfüllten Straßen lenkt. Im Radio läuft Tedy Afro - ah, das kenne ich. Die Melodie ist eingängig für meine europäischen Ohren. Ich kann sogar ein bisschen mitsingen. Ein gutes Gefühl - ich fühle mich schon viel weniger fremd.
Gemeinsamkeiten finden ist offenbar ein erster wichtiger Schritt, um sich Fremdes vertraut zu machen, herauszuhören, welches Vertraute im Befremdlichen ausgedrückt wird. Dazu braucht es gewisse Sensoren, Antennen, die zwar meist irgendwo eingemottet sind, aber jederzeit hervorgeholt und aktiviert werden können. Und neben der gesprochenen Sprache braucht es Sprachkenntnisse, mit deren Hilfe auch auf ästhetischer Ebene dechiffriert werden kann. Es braucht Ohren, die zuhören, und Neugierde. Es braucht die Bereitschaft, das potenziell Gemeinsame überhaupt entdecken zu wollen.
Das Fremde stört. Gut so
Szenenwechsel: Mein Job ist mir fremd geworden. Das tägliche Zur-Arbeit-Radeln, von neun bis 18 Uhr Präsenz zeigen, ein Wording lernen und annehmen, obwohl es nicht das meine ist, Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber zeigen, auch wenn mir vieles gegen den Strich geht, dem Unternehmen, das mich zu einem Rädchen im Getriebe macht. Ich versuche, mich anzupassen - und werde mir selbst dabei immer fremder. Ich ziehe die Konsequenz. Gehe. Gehe den ersten Schritt in ein selbstbestimmtes Arbeiten. Werde mein eigener Herr. Reißaus? Ich glaube nicht. Es haben mich nur Dinge gestört, die ich nicht dauerhaft akzeptieren wollte, nicht bereit war, damit zu leben, mich zu arrangieren. Ein anderes Umfeld, so meine innere Stimme, würde Herausforderungen mit sich bringen, die mich weiterbrächten. Eine solche Veränderung wäre der erfrischende Sprung ins kalte Wasser, eine neue Perspektive, die das Leben bunt macht. Meine Aufgabe besteht nun darin, mir diese neue und damit fremde Situation wieder vertraut zu machen, eine neue Sprache zu erlernen, mit der ich mich in diesem Umfeld verständigen kann - ein nicht enden wollendes Projekt.
Hier im Zugabteil, dort im Lada, hier in Berlin, immer in meinem Leben. Ständig werde ich mit dem Fremden konfrontiert. Es ist situationsspezifisch und folgt nicht nur einer Definition. Und vor allem: Es ist individuell, geht mich persönlich auf sehr direkte Art und Weise etwas an, wartet auf Reaktion. Das Fremde stört. Und damit bringt es mich dazu, mich mit dem auseinanderzusetzen, was mich irritiert, mich unwohl fühlen lässt, eindringt in meine bequeme kleine Welt. Immer fordert es mich heraus, lässt mich Charaktereigenschaften spüren, die ich selbst bislang nicht von mir kannte, überrascht mich, lässt mich verwundert dastehen, fordert mich heraus, weckt meine Neugierde oder zeigt mir klare Grenzen: bis hierher und nicht weiter. Die Konfrontation mit dem Fremden wird zum Umgang mit dem Fremden, zur konstruktiven Auseinandersetzung. Ein bisschen Mut gehört dazu, doch er wird damit belohnt, dass Neues, Aufregendes entsteht: bei mir, bei jedem Einzelnen, in der Gruppe, in der Gemeinschaft.
Tina Gadow arbeitet als freie Projektmanagerin für interkulturelle Zusammenarbeit in Berlin. Sie verstärkte das Culture Counts Team in der Vorbereitung des 24-Stunden-Interviewmarathons und koordiniert seit 2008 den Projektbereich Culture Counts Berlin.








