Die kleinen Kaiser von Stuttgart
Von Tilman Wörtz (Text) und Lukas Coch (Fotos)
Die häufigsten Nachnamen von Studenten der Uni Stuttgart lauten: Müller, Wang, Zhang, Li und Schmidt. Eine Reportage über drei Rückkehrer nach China.
Zhang und der Mut zur Liebe
Zwei Schreibtische stehen in der winzigen Wohnung, zwei Stühle davor, zwei Koffer liegen auf zwei Schränken, zwei Fernseher flimmern, ein Pärchen sitzt davor und guckt: Zhang Ming, 28, und ihr Freund Huang. In ihrem Haushalt findet sich jeder Einrichtungsgegenstand zwei Mal. Erst vor Kurzem haben sich die beiden eine gemeinsame Wohnung in einer jener zahllosen Mietskasernen Shanghais genommen, die durch Gassen verbunden und mit trocknender Wäsche vor einem kleinen Erker behangen sind. Beim Fernseher ist die Doppelung praktisch: Zhang Ming mag Spielfilme, Huang Dokumentationen.
"Unsere Eltern wissen nicht, dass wir zusammenleben", fiepst Zhang Ming mit seidenzarter Stimme und hält die Hand vor den Mund. Man merkt nur am Beben ihres Körpers, dass sie durch die Geste ein Lachen verbergen will. Sie findet die Heimlichtuerei peinlich. Doch ihre Eltern leben in der Provinz, da ist Sex vor der Ehe nun mal tabu. "Nächstes Jahr wollen wir heiraten. Dann darf jeder wissen, dass wir zusammenleben."
Zhang Ming gehörte vier Jahre lang zu den über 1.000 chinesischen Studenten, die an der Universität Stuttgart eingeschrieben sind. Ihr Nachname taucht in den Immatrikulationslisten am dritthäufigsten auf, nach Müller und Wang. Von der erstaunlichen Statistik wusste Zhang - die wie alle Chinesen zuerst den Vornamen und dann erst den Nachnamen nennt - allerdings nichts. Erst nach ihrer Abreise vor zwei Jahren machte sich ein Mitarbeiter im Studentensekretariat der Universität Stuttgart die Mühe und zählte alle Namen durch.
Ein Viertel der 21.000 Studenten in Stuttgart sind Ausländer, die meisten von ihnen Chinesen. Dass die gerne nach Deutschland kommen, weil in anderen Ländern hohe Studiengebühren zu entrichten sind, ist bekannt. Doch für Stuttgart sprechen noch viel mehr Gründe.
"Da Gong Tian Tang", sagen chinesische Studenten zu Stuttgart, "Jobparadies", übersetzt Zhang Ming und hält sich wieder die Hand vor den Mund, weil sie die Bezeichnung witzig findet, aber nicht höhnisch wirken möchte. "In Stuttgart gibt's mehr Jobs für uns als im Osten oder Norden Deutschlands." Auch sie musste sich wie so viele chinesische Studenten in Deutschland ihren Unterhalt selbst verdienen.
Für Architekturstudenten wie Zhang ist der Ruf von Stuttgart in diesem Fach attraktiv, ebenso die enge Kooperation mit der Eliteschmiede Tongji, Zhangs Heimatuniversität, dank der das chinesische Studium als Vordiplom anerkannt wird.
Ihr Start war schwer genug. "In Deutschland müssen sich Studenten die Vorlesungen und Seminare selbst zusammenstellen. In China sind die Kurse festgelegt." Dazu die fremde Sprache, die sie nur stockend sprach. Sie konnte nicht mal ihr Heimweh mit selbst gemachten gedämpften Maultaschen, den sogenannten Xiao Long, bekämpfen.
Huang, den sie an der Uni kennenlernte, konnte immerhin kochen. Der schlanke Kommilitone mit dem wachen Blick hinter der eckigen Brille hatte schon ein Jahr Auslandseinsatz als Architekturstudent in Stuttgart hinter sich. Zhang und Huang sahen sich fast täglich, machten sich gegenseitig Mut. "Aus Freundschaft wurde mehr", erzählt Zhang Ming. Sie zogen zusammen. Er vermittelte ihr sogar einen Nebenjob als Zeichnerin in einem Architekturbüro.
Nach dem Abschluss vor zwei Jahren ist das Pärchen nach China zurückgekehrt. Zhang Ming fand vorübergehend einen Job in Nordchina, Huang in Shanghai. Vor Kurzem konnte sie ihm in die Metropole folgen. Dass sie wieder zusammenleben würden, war für die beiden klar. "Wir haben in Deutschland einen anderen Lebensstil kennengelernt. Traditionelle Moral ist den Leuten dort nicht so wichtig. Das gefällt uns und ändert sich zum Glück auch in Städten wie Shanghai."
Li und die deutschen Tugenden
Sonderwirtschaftszone Shenyang, Nordchina. Entlang breiter Straßen reiht sich ein Fabrikgebäude ans andere. Die Firmen produzieren für den Export und bekommen dafür Steuererleichterungen. Fabrikdirektor Li Zhongyuan eilt eine Reihe von Werkbänken entlang, an denen Arbeiterinnen über Lupen gebeugt sitzen und mithilfe von Pinzetten haarfeine Kupferdrähte auf Spulen wickeln. Sie tragen Hauben und einen blauen Kittel. Licht durchflutet die Halle, den turnhallengrünen Boden wischt regelmäßig ein Trupp des fabrikeigenen Reinigungsdienstes. 1.000 Angestellte hat Lis Fabrik. Er führt sie "mit deutschen Tugenden".
Was er damit meint, erklärt der Endvierziger so: "Deutsche machen so lange an einem Problem herum, bis sie die Lösung dafür haben. Dieser Arbeitseifer und diese Disziplin!" Das bewundert er. Er gehörte zur ersten Generation von Wissenschaftlern, die dank eines Stipendiums des DAAD in Deutschland studieren konnten und heute in ihrem Land als inoffizielle Botschafter Deutschlands wirken. Fabrikdirektor Li hat 17 Jahre lang mit Deutschen zusammengearbeitet: nach seinem Studienabschluss zuerst als Doktorand am Lehrstuhl für Mechanik der Uni Stuttgart, dann als Dozent. Aussichten auf einen Lehrstuhl hatte er aber nicht und wechselte deshalb in die Industrie, als Ingenieur bei der Tochter eines großen deutschen Elektrokonzerns in Hanau.
Vor sechs Jahren begann Li mit dem Aufbau des Werks in Shenyang. Die langwierige Handarbeit so vieler Spulenwicklerinnen ist in Deutschland längst nicht mehr rentabel. Li galt der Konzernleitung durch seine Arbeitserfahrung im Mutterhaus als Optimalbesetzung für den Job. Anfangs saß er zwischen den Stühlen: "In Deutschland werden Probleme ohne Umschweife angesprochen. Das hatte ich mir angewöhnt. Die Mitarbeiter in China mussten sich an diesen Führungsstil erst gewöhnen." Sie taten es, weil Fabrikdirektor Li letztlich doch einer der ihren ist: "Ich spreche nicht nur Hochchinesisch, sondern auch den lokalen Dialekt. Wenn sie Beschwerden haben, kommen sie zu mir. Einem deutschen Manager würden sie sich nicht anvertrauen."
Die Expansion des Hanauer Unternehmens ins Reich der Mitte ist gelungen. Spulen aus Shenyang werden in elektronische Steuerungselemente für Kunden in Deutschland und den USA eingebaut, hauptsächlich für die Telekombranche. "Wir stützen den Absatz des Unternehmens und sichern damit auch die Arbeitsplätze in Deutschland", sagt Fabrikdirektor Li, der auch privat Kontinente überbrücken muss: Seine chinesische Frau lebt weiterhin in Stuttgart bei der Tochter. "Sie möchte nicht zu mir nach China kommen, ich muss deshalb pendeln", sagt er und es klingt ganz selbstverständlich.
Wang und der Weg nach oben
Auf einer der zweistöckigen Ringstraßen Shanghais umfährt Wang Qing die Stadt. Er blickt auf den Wolkenkratzerwald, auf die Autoschlangen vor, neben und unter sich und sagt: "Bald kaufe ich mir einen BMW." Das klingt verwegen für einen 26-Jährigen, auch in Shanghai, der Stadt mit den unbegrenzten Möglichkeiten. Trotz der Anstellung beim renommierten deutschen Architekturbüro gmp reicht sein Gehalt nicht für seinen Traumboliden.
Seine Lederschuhe und das blütenweiße Stehkragenhemd zur verwaschenen Jeans passen zum Stil der ausländischen Kollegen. "Ich will genauso viel verdienen wie sie", sagt Wang Qing. Schließlich habe er auch in Deutschland seine Leistung unter Beweis gestellt und einen Architekturpreis für den Entwurf einer Lidl-Filiale gewonnen. Shanghai lässt Wangs Träume in die Höhe schießen wie die Gebäude um ihn herum: "In Shanghai legen junge Leute viel Wert auf Marken und Image, mehr als in Stuttgart", erklärt er. Die Stadt hat ihn wieder.
Vielleicht ist es für Wang Qing eine glückvolle Prophezeiung, dass sein Nachname übersetzt "Kaiser" bedeutet. Wang gehört zu den häufigsten chinesischen Nachnamen, häufiger als Müller in Deutschland. Mehr als sieben Prozent aller Chinesen heißen Wang, Müller dagegen weniger als ein Prozent der Deutschen. Ein Grund für die Inflation des Namens Wang war der Brauch, einem Mandarin bei einer wichtigen Beförderung durch den Kaiser den eigenen Titel zu vermachen. Wang gleich Kaiser.
"In China sind einige Nachnamen weiter verbreitet als in Deutschland", erklärt Gabriele Rodriguez, Sprachwissenschaftlerin an der Uni Leipzig und Mitarbeiterin der dortigen "Namensberatung". Jedes Kind kennt in China das berühmte Buch der 100 Namen. Darin steht zum Beispiel, dass Zhang "den Bogen anspannen" bedeutet und zuerst als Herrschertitel von Kaiser Zhang Su im fünften Jahrhundert geführt wurde, dem Brauch gemäß dann aber überging auf viele seiner hohen Beamten.
"Lange durften nur privilegierte Familien überhaupt einen Nachnamen tragen. In China ist deshalb bis heute der Vorname wichtiger für die Identifikation einer Person als bei uns", sagt die Sprachforscherin. Kein Wunder, dass der häufigste aller chinesischen Namen Li ist, eine alte Bezeichnung für die Beamten im Mandarinstaat.
In seiner Zeit in Stuttgart hat Wang Qing die Nähe zu deutschen Kommilitonen gesucht. Er wollte sich ganz in ihre Mentalität eindenken und zog ins "Schwabenhaus" der Verbindung "Sängerschaft Schwaben", sang sogar mit ihnen im Chor und ging regelmäßig "a Bierle trinken". "Bei solchen Gelegenheiten lernt man eine Kultur viel besser verstehen als in jedem Seminar", sagt Wang Qing. Eine Erfahrung, die ihm bei der Arbeit nützt, zum Beispiel beim Baustellenbesuch heute.
"Diese Wand steht nicht auf dem Plan!", stellt Wang Qing erstaunt fest, als er den Rohbau eines Bürogebäudes abschreitet. Es steht mitten in dem riesigen Neubaugebiet Lingang New City, eine Vorstadt, die nördlich von Shanghai aus dem Boden gestampft wird und Wohnraum für 800.000 Menschen schaffen wird. Wang Qings Büro gmp hat die gesamte Stadtplanung für Lingang New City entworfen.
Er wird dem chinesischen Bauleiter erklären müssen - höflich zwar, aber bestimmt -, dass jede Änderung des Plans mit dem Architekten, also ihm, abgesprochen werden muss. Das wird Zeit und Nerven kosten. Aber die sind es Wang Qing wert: "In China ist Architekten egal, wie ihre Pläne in die Wirklichkeit umgesetzt werden. Die Zeit sparen sie sich lieber. Ich verstehe dagegen meine deutschen Kollegen, die sagen: Der Entwurf ist erst fertig, wenn das Haus steht."







