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Statistiker auf Safari

Von Michael Gleich

Zehntausende Biologen sind jedes Jahr unterwegs, um weltweit Tierbestände zu erfassen. Ihre Statistiken dienen der Forschung und dem Naturschutz. Aber: selbst große Tiere wie Elefanten sind schwer zu zählen.

496 Gnus - klick. 30 Gnus - klick. 133 Gnus - klick. Im Bauch des fliegenden Zebras löst Sarah in regelmäßigen Abständen die Kamera aus. Unten, auf den südlichen Ebenen der Serengeti, grasen und ziehen zehntausende Weißbartgnus scheinbar regellos. Oben, auf Flughöhe 150 Meter, navigiert Pilot Sebastian die schwarz-weiß-gestreifte Cessna nach einem Gitternetz unsichtbarer, aber metergenau festgelegter Linien über die Savanne. Sein systematisches Kreuzen stellt sicher, daß die Fotos mit den Gnus später statistisch vorschriftsmäßig ausgezählt werden können. 386 Gnus: klick.

Unten, auf Grashöhe ein Meter 50, wehrt sich die Wildnis gegen die statistische Einvernahme. Eben noch schienen die Gnus, urige Gestalten, die wie eine Kreuzung aus Büffel und Ziege aussehen, auf gemächliche Rast eingerichtet. Plötzlich preschen einzelne Tiere vor, größere Gruppen setzen sich in Bewegung, dann stürmt die ganze Herde los. Warum der Aufbruch jetzt? Blökend, grunzend und knurrend wälzt sich der Zug durch das grün-gelb schimmernde Meer aus Gras, mit nickenden Köpfen und wehenden Schwänzen, manchmal trabend, dann wieder im Galopp. Wann langsam, wann schnell? Ein Geäst von staubigen Trittlinien, die sich verzweigen, vereinigen und wieder auseinanderdriften, dient als Route Richtung Regen - doch dann schwenkt eine Gruppe Bullen plötzlich nach Westen. Warum hier, für wie lange? Die beiden im Flugzeug können die eigenwilligen Wendungen beobachten, aber nicht erklären. Wirkungen ohne Ursachen. Chaos statt Koordinaten. Gnus ignorieren Geometrie. Turbulenzen und Spontaneität bestimmen ihre Züge. Der Schlag eines Hufes kann in der Ebene einen Sturm von Wanderungen entfachen.

Doch Zahlen müssen sein. Ohne exakte Angaben darüber, ob die Herden der großen Grasfresser wachsen oder schrumpfen, könnte der Mensch nicht schützend eingreifen. Also muß er versuchen, das Wirrrwarr der Wanderungen in übersichtliche Tabellen zu übersetzen. Sarah und Sebastian arbeiten für die Frankfurt Zoological Society (FZS), eine private Naturschutzorganisation , die in Tansania regelmäßig die Wildtierbestände überwacht. Deshalb fliegt das Zebra mit der Kennung "5H-Zoo", deshalb drückt Sarah alle 20 Sekunden auf den Auslöser der Kamera, deshalb ist Sebastian linientreu. Er trägt die Koordinaten, die das satellitengestützte Global Positioning System an ein kleines Empfängergerät liefert, in einen Protokollbogen ein. Steuert dann exakt von Norden nach Süden, enge Kehre nach Osten, dann zurück. Transsekte nennen die Wissenschaftler dieses Netz definierter Flug-Linien, auf denen die Tiere gezählt werden. Jedes Transsekt ist sozusagen eine Stichprobe aus der gesamten Fläche. Die ist riesig, Serengeti bedeutet in der Sprache der Massai "unendliche Weite".  

Im Cockpit ist von Wildhüter-Romantik "out of Africa" nichts zu spüren. Eher die nüchterne Präzision eines Uhrwerks. Stunde um Stunde dauert der Zählflug. Der Motor dröhnt, verschluckt alle anderen Geräusche. Nach dreieinhalb Stunden: Sarah wechselt den Film. Nach vier Stunden: Sebastian killt eine Tsetsefliege. Der Zwischenfall wird später nicht im Protokoll auftauchen. Speziell geschulte Wissenschaftler und Ranger der tansanischen Nationalparks überfliegen im Turnus von zwei, drei Jahren eine Fläche von 250.000 Quadratkilometern, was dem Gebiet Großbritanniens entspricht. Beim großen Zensus im Tierreich werden alle gezählt, die aus der Luft gut sichtbar sind: Büffel und Elefanten, Löwen und Zebras Giraffen, Gnus und Gazellen. Ein mühsames Unterfangen. Und ein kostspieliges. Doch Dr. Markus Borner, der Ostafrika-Repräsentant der FZS, ist vom Nutzen der Aktion überzeugt. "Die Tierbestände und ihre Entwicklung sind die Basis all unserer Planungen. Etwa bei der Bekämpfung der Wilderei, eines unserer größten Probleme. Die Flugzählungen sagen uns, wo die Verluste besonders hoch sind." Dort werden dann Rangerposten eingerichtet oder verstärkt. Oder Parkverwaltung und FZS legen entlang der Reservatsgrenzen Pufferzonen an, damit die Wanderung der Weißbartgnus, ein Schlüsselfaktor im Naturhaushalt der Serengeti, auch über den Nationalpark hinaus in sicheren Bahnen verlaufen kann.

"Wir brauchen Zahlen", sagt Markus Borner, "um Mißerfolg oder Erfolg unserer Schutzbemühungen bewerten zu können". Mißerfolg: Die restliche Population des Spitzmaulnashorns in der Serengeti läßt sich heute an einer Hand abzählen. Erfolg: Die Vermehrung der Elefanten im tansanischen Großschutzgebiet Selous gilt als Anzeichen dafür, daß es dem dortigen Ökosystem gut geht. "Wilderer hatten die Bestände von ursprünglich über 110.000 Tieren auf knapp 20.000 dezimiert. Doch seit Anfang der neunziger Jahre haben sich die Herden erholt. Das Handelsverbot für Elfenbein hat dazu genauso beigetragen wie die Beteiligung der umliegenden Dörfern an Jagderträgen.

Doch lassen sich die riesigen Herden der Serengeti überhaupt zählen? Grasten im Jahre 1998 exakt 923.460 Weißbartgnus auf den unendlichen Ebenen, wie die Reports behaupten? Auf den Kopf genau lasse sich das natürlich nie sagen, sagt Markus Borner, aber das sei auch nicht nötig: "Wir sind weniger an absoluten Zahlen interessiert als an den groben Trends." Um aussagekräftige Kurven zu bekommen, wurden die Systematischen Erkundungsflüge (englisch "SRF" abgekürzt) entwickelt, eine standardisierte Methode, die zwar nicht eherne Wahrheiten bis auf die letzte Stelle verkündet, aber wissenschaftlich haltbare Daten liefert.

Bei den SRFs kommen Fotos und Videoaufnahmen erst in jüngster Zeit zum Einsatz. In der klassischen Variante stützen sie sich auf leibhaftige Menschen. Vorne neben dem Piloten sitzt ein Beobachter, der außer der aktuellen Position vor allem Landschaftsmerkmale am Boden notiert: Wasserstellen, Brandherde, Hügel, die Vegetation, eventuell menschliche Spuren wie Häuser und Felder. Solche Notizen fließen später in die Bewertung der Daten ein. Hinten in den meist leichten, einmotorigen Maschinen plazieren sich links und rechts die eigentlichen Zähler. Das Sichtfeld, in dem sie Tiere registrieren, wird durch zwei waagerechte Ruten an den Tragflächenstreben begrenzt. Und zwar dergestalt, daß die Zähler (exakte Flughöhe vorausgesetzt) beim Hindurchsehen einen Bodenstreifen von genau definierter Breite erfassen, meist 150 oder 200 Meter. Nur die Tiere zwischen den Markierungen werden gezählt. Damit die Beobachter ihre Augen ununterbrochen auf den Zählstreifen heften können, schreiben sie nicht mit, sondern sprechen ihre Beobachtungen auf Band: "Zebra, Zebra 35". So weit, so einfach.

Doch der Fehlerteufel ist immer mit an Bord. Ein ungenauer Abstand der Rutenmarkierungen könnte das Ergebnis genauso verfälschen wie die uneingestandene Kurzsichtigkeit eines Zählers oder - nicht selten bei turbulenten Flügen - aufkommende Übelkeit und die Notwendigkeit, sich der spezieller Beutel bedienen zu müssen. Die Unzulänglichkeit des Menschen, der schließlich nicht als Abakus geboren wurde, gleicht die Wissenschaft mit einem Arsenal mathematischer Formeln aus. So gelingt es zwar nicht jedem Zähler gleichermaßen gut, 35 Zebras in kurzer Zeit und noch dazu aus luftiger Höhe zu erkennen. Doch nach statistischen Erfahrungswerten dürften die Nennungen des linken und rechten Zählers nicht stark von einem bestimmten Durchschnittswert abweichen. Geschieht das dennoch, liegt der Verdacht nah, daß einer der beiden beispielsweise regelmäßig Gnus zu Zebras erklärt. Was jenen ziemlich egal sein dürfte, stört die Statistiker als "Standardfehler", und sie verordnen Nachhilfe-Flugstunden. Eine andere Prozedur stellt sicher, daß der Blick nach unten links wie rechts stets die gleiche, definierte Streifenbreite erfaßt. Dazu quert der Pilot zu Beginn des Zählfluges mehrfach eine Reihe markierter Steine. Erst wenn beide Beobachter die gleiche und richtige Anzahl Steine melden, gelten die Sichtfelder als "geeicht". Vollkommenheit entsteht auf dem Umweg über die Improvisation.

Aus dem schaukelnden Flugzeug zurück auf den ruhigeren Boden der Tatsachen, beginnt am Computer eine Reihe komplizierter Berechnungen. Da niemand in der Lage ist (oder das Geld hat), solche Gebiete wie die Serengeti flächendeckend zu erfassen, wählt man für die Zählungen Transekte aus und rechnet dann auf das gesamte Verbreitungsareal hoch. "Dabei beziehen wir statistische Standardfehler mit ein und können unsere Ergebnisse mit einer Gewißheit von 95 Prozent angeben", sagt Markus Borner. Und erklärt als ehrlicher Zähler, daß die Gesamtzahl der Weißbartgnus in der Serengeti zwar mit 923.460 auf die Einer-Stelle genau angegeben wird - es können aber auch 198.959 weniger sein. Oder um den selben Betrag mehr. Jedenfalls sind es ziemlich viele. Und sicher mindestens fünfmal mehr als zu jener Zeit, als sich Bernhard Grzimek zu Recht um das Überleben der Serengeti sorgte.

Grzimek, ehemals Direktor des Frankfurter Zoos und bekannter Filmautor, besuchte Ende der fünfziger Jahre die ostafrikanische Savanne, um die Züge der großen Herden zu beobachten. In der Serengeti fand er zweierlei vor: Erstens klaffende Wissenslücken über eines der faszinierendsten Tierparadiese der Welt, zweitens Pläne, das Reservat drastisch zu verkleinern - obwohl so wenig bekannt war. Grzimek glaubte, mit harten Fakten sanften Druck auf die verantwortlichen Politiker ausüben zu können. Also beschloß er, "diesen wimmelnden Ameisenhaufen namens Serengeti" durchzuzählen. Aber wie? Sein Sohn Michael beantwortete die Frage: "Wir müssen eben fliegen lernen."

Kaum im Besitz von Pilotenscheinen, entwickelten Vater und Sohn gemeinsam jene Methode von Erkundungsflügen nach Transekten, die später andere Wissenschaftler am Serengeti Forschungsinstitut verfeinerten und die heute weltweit angewendet wird. Schon damals bedeutete es eine Qual, gleichzeitig zu fliegen-beob-achten-zählen. "Wir begannen, im Schlaf Zahlen zu murmeln." Als die Grzimeks die Serengeti hoch und runter geflogen waren, hatten sie exakt 366.980 Tiere - vor allem die gut sichtbaren Grasfresser - gezählt. Kaum jemand auf der Welt hatte bis dahin eine so große Tierversammlung vermutet. (Spätere Untersuchungen mit verbessertem Instrumentarium ergaben, daß die Herden noch erheblich kopfstärker waren.) So unvorhersagbar die Wanderungen der Herden im Detail sind, so gesetzmäßig sind sie im Großen und Ganzen. Jedes Jahr versammeln sich hunderttausende Weißbartgnus im Süden der Serengeti, um nach Norden zu ziehen, den dräuenden Wolken als dunklen Versprechungen nachjagend. Regen heißt Gras, Gras heißt Leben. Die Grzimeks fanden heraus, daß die tradi-tionellen Migrationswege weit über den bestehenden Nationalpark hinausführten; außerhalb des schützenden Reservats jedoch liefen Gnus und Zebras den Wilderern direkt in die Drahtschlingen. Weil die beiden nicht nur Zählmeister, sondern auch gute Dramaturgen waren, dokumentierten sie ihre Befunde in dem Film "Serengeti darf nicht sterben", Wissenschaft und Abenteuer auf faszinie-rende Weise miteinander verwebend. Der Film wurde ein Welterfolg und mit einem "Oscar" gekrönt. Und die Serengeti-Reservate wurden nicht verkleinert, sondern erheblich erweitert.

Die ostafrikanische Savanne ist ein Glücksfall für Wissenschaft und Naturschutz. Weil die Grzimeks schon vor 40 Jahren zu zählen begannen, liegen hier langfristige Datenreihen vor. Der Normalfall sieht anders aus. In den meisten Regionen der Erde gibt es mehr Lücken als Wissen. Entsprechend der ungleichmäßigen Verteilung der Forschergemeinde über den Globus beziehen sich die meisten Zahlen auf die gemäßigten Breiten, die weißen Flecken liegen im Tropengürtel. Niemand weiß genau: Wie viele Elefanten leben in Afrika? Wie viele Delphine schwimmen in den Weltmeeren? Wie viele Jaguare streifen durch die südamerikanischen Wälder? Und wie viele Pythons schlängeln sich durch die Dschungel Indiens? Solche Zahlen wären eigentlich unverzichtbar als Fundament, auf dem der Schutz von Tierbeständen aufbauen kann.

Der wichtigste Grund, warum es vielerorts keine erhellenden Zahlen, nicht einmal Dunkelziffern gibt, ist wie so oft das liebe Geld: Jemand muß für´s Zählen zahlen. Umweltmonitoring, wie die Überwachung ökologischer Daten eines Gebiets in der Fachsprache heißt, ist eine teure Sache. Und selbst wenn die Mittel vorhanden sind, ist der Weg zu gutem Datenmaterial voller Hindernisse. Zählungen sind besonders schwierig

  • wenn das Gebiet unzugänglich ist (etwa im tropischen Regenwald)
  • bei nachtaktiven Arten (wie Lemuren oder Eulen)
  • bei Tieren mit guter Tarnung (wie Schneeleoparden)
  • unter Wasser (wie Fischen am Riff)
  • bei Spezies, die auch unter natürlichen Bedingungen nur aus wenigen Individuen auf großen Flächen bestehen (wie Tigern)
  • wenn Arten große Strecken wandern (wie Meeresschildkröten).

Entweder gibt es für die Population solcher Spezies nur "wackelige" Daten (mit einer leichten Tendenz zur Unterzählung) oder nur grobe "VermutSchätzungen". Oder, wie in den meisten Fällen, überhaupt keine Angaben: Tiere boykottieren Tabellen.

Am besten wissen wir über Arten Bescheid, zu denen wir aus dem Bauch heraus ein inniges Verhältnis haben - all jene also, die wir verspeisen. Ein Interesse, das durch den Magen geht. So sind jagdbare Arten wie das europäische Rehwild seit vielen Jahrzehnten in ihren Beständen gut bekannt (wenngleich meist unterschätzt), genauso die Entwicklung des nordamerikanischen Bisons seit 1.700 oder die Zahl der Seebären vor der namibischen Küste. Die Forschung hat eigens Formeln entwickelt, wie sich die Jagdstrecken auf die gesamte Population hochrechnen lassen. Bei Rotwild multipliziert man mit der Zahl drei, bei Gemsen mit fünf. Die unterschiedlichen Multiplikatoren berücksichtigen, daß von Art zu Art Faktoren wie Reviergröße, Nachwuchsrate und Mortalität schwanken.

Auch für Fische gilt: Wir erforschen, was wir mögen. Die Entwicklung von Speisefischen wird regelmäßig analysiert. Auch hier wird von Fangmengen auf den gesamten Bestand hochgerechnet. Für 100 befischte Arten im Nordatlantik legt der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) jährlich eine Statistik vor. Und das schon über lange Zeit, sodaß sich aus den Angaben für Fänge, Sterblichkeit, Nachwuchs und Biomasse sogar künftige Trends relativ treffsicher voraussagen lassen. Das setzt jedoch voraus, daß die Kapitäne in den Logbüchern die Wahrheit über ihre Fangmengen sagen - wovon nicht immer auszugehen ist. Solche Unschärfen gleicht die Statistik mit Korrekturwerten aus, die manchmal jedoch ihrerseits mit Fehlern behaftet sind. "Garbage in, garbage out? heißt die oft vergebliche Liebesmühe der Mathematiker: Wer Datenschrott eingibt, kann keine goldenen Ergebnisse erwarten!

In seltenen Fällen werden Fische sogar einzeln gezählt. An Korallenriffen interessiert die Forscher beispielsweise die Artenvielfalt oder die biologische Produktivität: Wieviel Fische bringt ein Riff hervor, wieviel kann es ernähren? Unter Wasser kommen Methoden zum Zug, die sich ganz ähnlich schon in der Serengeti bewährt haben. Vor dem Tauchgang legen die Forscher ein Transekt als Untersuchungsgebiet fest. Diese Linie wird durch ein Seil auf dem Meeresboden markiert. An ihm schwimmen zwei Taucher entlang und zählen - einer links, einer rechts - die Fische. Allerdings, so der britische Meeresbiologe Mark Spalding, "kann man sich nur auf ein oder zwei Dutzend Arten gleichzeitig konzentrieren. Mehr geht nicht, da würde man inmitten des bunten Gewimmels verrückt?. Außerdem müssen Taucher das Transekt in möglichst kurzer Zeit bewältigen, sonst ist die Gefahr groß, Schwärme doppelt zu zählen, die in der Zwischenzeit weitergeschwommen sind. Ein Trick, der den Regisseuren von Westernfilmen wohlbekannt ist: Sie lassen die Indianer mehrfach um die Kamera kreisen, der Zuschauer staunt über die Masse der Statisten.

Nur der Vollständigkeit halber erwähnt Spalding die einzige wirklich exakte Technik, um Fische zu zählen: ein paar Stangen Dynamit. Selten praktiziert, aber in doppelter Hinsicht todsicher. Der Sprengstoff wird so dosiert, daß er, im Wasser gezündet, durch seine Druckwelle die Schwimmblasen aller Fische in einem definierten Umkreis zum Platzen bringt. Sie treiben dann an der Oberfläche und können leicht gezählt werden. Nicht nur unter Naturschützern ist es verpönt, eine Population zu Tode zu zählen. Es hat auch methodische Nachteile: Der Zensus ist nicht wiederholbar.

Die Biologen haben für jede Tiergruppe eine spezielle Technik im Spektrum zwischen Life Counts und Death Counts entwickelt:

  • Insekten, insbesondere Motten, werden nachts mit Lichtfallen angelockt und abgesammelt.
  • Um an Käfer im Kronendach des Regenwaldes heranzukommen, werden Bäume mit einem Insektizid eingenebelt. Kurz darauf prasseln die Kerbtiere tot in die aufgespannten Netze.
  • Raubtiere wie zum Beispiel Löwen oder Geparden werden - in offenen Landschaften - vom Geländewagen aus gezählt, einem System paralleler Linien folgend.
  • Auch Vögel werden erfaßt, indem der Beobachter entlang von Transekten geht und alle Sichtungen notiert.

Auch die Zähler werden gezählt. Auf über 200.000 Köpfe weltweit schätzt man die Schar derjenigen, die sich jedes Jahr an solchen Bestandserfassungen beteiligen. Dazu gehören beispielsweise die mehr als 3.000 Wissenschaftler und Naturschützer der "Declining Amphibians Population Task Force", die in 90 Ländern die Entwicklung - oft genug den Niedergang - von Lurchen und Molchen dokumentieren. Oder die "Internationale Wasservogelzählung". Und auch jene über 100.000 Enthusiasten, die an der "NTT Welt-Vogelzählung? teilnehmen. Ihre jährlichen Aktionen verbinden ornithologisches Gespür mit sportlichem Ehrgeiz. Es gilt, soviel Vogelarten und Individuen wie möglich zu beobachten. Jede gemeldete Art bringt dem Naturschutz Bares: Der japanische Telekom-Konzern NTT spendet pro Spezies rund 40 Dollar für ein internationales Vogelreservat.

Die kauzigsten Charaktere der Szene finden sich auf den britischen Inseln. Kein Wunder in der Heimat von Hobbys wie "Trainspotting", bei dem Menschen, die anscheinend völlig im Besitz ihrer Geisteskräfte sind, Jagd auf die Seriennummern vorbeidonnernder Lokomotiven machen. Oder eben die "Twitcher". Die Herkunft des Wortes, das irgendwas mit Gesichtszuckungen zu tun hat, bleibt sagenumwoben. Jedenfalls handelt es sich um eine verschworene Gemeinschaft von Vogelbeobachtern und Zählern, die jede Sichtung gefiederter Raritäten sofort einer Telefonzentrale melden. Je seltener eine Art, desto aufgeregter die Gemeinde. Auf einer einsamen Landstraße in Schottland stoppte die Polizei einmal innerhalb einer Stunde 90 Fahrer wegen Raserei: Sie waren aus allen Teilen der Insel herbeigeeilt, weil ein Grauschwanz-Wasserläufer  entdeckt worden war. Vorbildliches Verhalten zeigte der Twitcher Lee Evans, der seine eigene Hochzeit verließ, weil irgendwo ein Isabellwürger gemeldet wurde. Die Ehe wurde zwar später doch noch geschlossen, hat aber die erste Vogelsaison nicht überstanden.

Etwas planvoller, aber nicht weniger engagiert machen sich jedes Jahr von neuem Wissenschaftler in aller Welt daran, Tierbestände zu katalogisieren. Sie sammeln Frösche in Südaustralien, verfolgen Karibus am kanadischen Yukon-Fluß, registrieren Monarchfalter in Nordamerika. Lassen mit zähem Willen Wissenschaft auf Wildnis prallen. Hier die Gedankenwelt der Forscher, geprägt von Modellen und Formeln, befeuert vom Wunsch nach Ordnung, bedacht auf Disziplin. Dort die tatsächliche (Tier-)Welt, bevölkert von Zufällen und Chaos, zur Unübersichtlichkeit neigend. Und dazwischen die Zahlen. Wir haben sie als neutrale Mittler in Dienst genommen, um uns die Natur zu erklären, um die Welt in den Griff zu bekommen, zumindest numerisch. Sie repräsentrieren Zusammenhänge, die in Wirklichkeit weit komplexer sind, als jede Ziffernfolge ausdrücken kann. Zahlen sind die willigen Vereinfacher. Deshalb zählen wir so eifrig.

Bei Elefanten, so möchte man meinen, müßte das besonders unkompliziert sein. Sie sind immerhin sieben Meter lang, tonnenschwer und bewegen sich eher gemächlich. Und dennoch zeigt sich an ihrem Beispiel, wie sich Zählfehler multiplizieren können - und anschließend sogar noch politisch Karriere machen. Im Jahr 1979 organisierte die Weltnaturschutzunion IUCN einen kontinentweiten Elefanten-Zensus in Afrika. Sie schickte Fragebögen vor allem an Forscher, Ranger von Nationalparks und sonstige Tierkenner. Im Rücklauf wurden insgesamt 1,3 Millionen Exemplare von Loxodonta africana gemeldet. Als zehn Jahre später eine andere Expertengruppe, wiederum in ganz Afrika, bei den Dickhäutern nachsehen ließ, war das Ergebnis schockierend: Nur noch 625.000 Tiere waren übrig. Die Hälfte der afrikanischen Elefanten, so die Schlußfolgerung, war innerhalb einer Dekade verschwunden, verfolgt wegen ihres Elfenbeins, abgeschlachtet von skrupellosen Wilderern. Der Befund verursachte international einen Aufschrei des Entsetzens. Auf der nächsten Staaten-Konferenz über den Handel mit bedrohten Tierarten wurde der Verkauf von Elfenbein weltweit verboten. Bildreportagen berichteten vom blutigen Schlachten, eine tief bewegte Öffentlichkeit spendete Millionen, privater Naturschutz und staatliche Geber pumpten Gelder nach Afrika. Jonathan Adams, damals Mitarbeiter des World Wide Fund for Nature (WWF), erinnert sich: "Da brach eine regelrechte Elefant-Mania aus."

Gleichzeitig aber kamen Zweifel auf. Hatte man zehn Jahre zuvor wirklich sauber gearbeitet? In ihrem Buch "The Myth of Wild Africa" beschreiben Adams und sein Kollege Thomas McShane, wie sich Wissenschaftler die Fragebögen noch einmal vornahmen und auf Ungereimtheiten stießen. Im Niger herrschte zur Zeit des Zensus eine große Dürre, da hatten die Ranger andere Sorgen als Elefantenzählen. Im Kasungu National Park von Malawi vertat sich ein Beobachter permanent bei den Erkundungsflügen und zählte alle Tiere außerhalb der Sichtmarkierungen einfach mit. In 19 von 35 Ländern verließ sich die Erhebung auf nur eine Datenquelle, ohne Kontrollmöglichkeiten. Und ein Zähler war sogar für die gesamten Elefanten in fünf Ländern zuständig. Fazit der Prüfer: Vermutlich waren 1979 viel mehr Tiere angegeben worden, als tatsächlich existierten. Die Welt betrauerte den Tod von hunderttausenden Elefanten, die nie gelebt hatten. Korrekturen der Zählung wurden später publiziert, allerdings nur in wissenschaftlichen Journalen.

So hält sich bis heute bei vielen gutmeinenden Menschen ein pau-schales Bild von "dem" bedrohten afrikanischen Elefanten. In Wirklichkeit, das zeigen jüngste Erhebungen, entwickeln sich die Bestände regional unterschiedlich: Während sie in Teilen Ostafrikas weiterhin durch Wilderer bedroht sind, wachsen sie in Südafrika, etwa in Zimbabwe und Südafrika, so prächtig, daß auch Wildhüter kontrollierte Abschüsse empfehlen; der Verkauf des Elfenbeins käme dem Naturschutz zugute. Doch das Publikum, ein oft nur spärlich mit Fakten gefütterter Potentat, reagiert "not amused".

Der Streit belegt, wie wichtig eine regelmäßige Inventur der Natur ist. Das gilt besonders, wenn Tierarten bewirtschaftet werden. Nur mit wiederholten Erhebungen läßt sich kontrollieren, ob ein Bestand "nachhaltig" genutzt wird, ob man also nicht mehr entnimmt als nachwächst. Um die Dynamik von Populationen zu dokumentieren, benötigt man Datenreihen über Jahre. Da gleicht Statistik einem Foto: Entwicklungen macht man nicht mit einem Schnappschuß sichtbar, sondern mit Langzeitbelichtungen.

Auch Tierarten, die nicht kommerziell genutzt werden, müssen beobachtet werden. Monitoring dient dem Artenschutz als Frühwarnsystem: Welche Bestände schrumpfen? In welchen Regionen? Wodurch sind sie bedroht? Nur weil sich 675 Zähler im Auftrag des WWF einen ganzen Winter lang durch russische Wälder kämpften und dabei einige tausend Tigerfährten vermaßen, wissen wir, wie es Ende der neunziger Jahre um die letzte überlebensfähige Population von Sibirischen Tigern bestellt ist. Die Großkatzen beanspruchen riesige Reviere, deshalb sind sie auch unter natürlichen Bedingungen eher selten. Ergebnis der frostigen Fleißarbeit: Zwar haben es noch immer Wilderer auf die Tiger abgesehen, ihr Bestand scheint aber mit zwischen 415 und 475 Tieren auf niedrigem Niveau stabil zu sein.

Die "Beinchenzähler" unter den Biologen stehen fast zwangsläufig im Schatten jener, die mit spektakulären Aktionen für den Schutz der Natur werben. Doch die Umwelt braucht nicht nur engagierte Regenbogenkrieger, sondern auch engagierte Buchhalter. Diese Einsicht veranlaßte WWF, IUCN und das Umweltprogramm der Vereinten Nationen 1988 dazu, gemeinsam eine internationale Zahlenzentrale des Naturschutzes zu gründen. Im World Conservation Monitoring Centre (WCMC) laufen seitdem die Datenströme zusammen wie in einem globalen Gerhirn: Es bedient sich der vielen Zähler draußen im Feld als Augen und Ohren, als Nervenstränge dienen die Leitungen des Internets, das Zentralnervensystem besteht aus den Analytikern an Computern und Kartendruckern.

Wer am Rand des Städtchens Cambridge, zwischen Rapsfeldern und idyllischen Hohlwegen, nach einem repräsentativen Bauwerk Ausschau hält, mit dem sich multinationale Organisationen gerne schmücken, wird enttäuscht. Das Zentrum duckt sich bescheiden zweistöckig in die englische Parklandschaft, aus Backstein statt Marmor. In den Arbeitsnischen, auf den Gängen, neben der Kaffeeküche: Überall stapeln sich Fachzeitschriften, Folianten zur Pflanzenbestimmung, Schmierzettel, aufgerollte Karten, Briefe mit Marken aus aller Welt. Nicht wenige der rund 50 Mitarbeiter - Arktikexperten, Süßwasserforscher, Tropen-botanikern und Meereszoologen - bevorzugen festes Schuhwerk und rustikales Khaki, als rüsteten sie sich gerade für eine Dschungelexpedition. In Wirklichkeit liegt die freie Wildbahn in weiter Ferne. "Zur Feldarbeit kommen wir leider nur selten. Meist werten wir Ergebnisse anderer aus", sagt Dr. Brian Groombridge, Koordinator des Bereiches Biodiversität (und gleichzeitig der wissenschaftlichen Recherchen für dieses Buch). Das WCMC stützt seine Analysen auf einen weltweiten Verbund von Wissenschaftlern, die ihre "Daten aus erster Hand" nach Cambridge liefern. Auf dieser Basis entstehen voluminöse Werke wie die "Rote Liste der bedrohten Pflanzen", das Standardwerk "Global Biodiversity" oder ein Weltatlas der Mangrovenwälder, der erstmals für 100 Länder exakt beschreibt, wo diese fragilen Küstenbiotope eigentlich liegen und wo sie durch Kahlschläge oder Shrimps-Zuchtfarmen verdrängt werden. Vorher gab es darüber nur Vermutungen. "Wir wundern uns oft selbst", meint Brian Groombridge, "wie wenig über die Lage der Natur in einer Region bekannt ist, bevor wir mit den Recherchen beginnen". Er und seine Kollegen schaffen neues Wissen, indem sie die überall verstreuten Informationen sammeln, analysieren und dann als Datenbanken und Kartenwerke zugänglich machen, für Experten genauso wie für Laien. Diese einzigartige Verbindung von wissenschaftlicher Akribie und publikumswirksamer Präsentation machte das WCMC auch für "Life Counts" zu einem idealen Partner. Das Zentrum lieferte die meisten Fakten in diesem Buch, viele davon als exklusiv recherchierte Beiträge.

Das Motto der Zahlenmeister von Cambridge lautet: "Es gibt nur eine lebendige Erde, und deshalb zählen wir." Jenseits solchen Pathos gleicht die Arbeitsroutine im WCMC dem täglichen Brüten über einem 50.000-Teile-Puzzle (Motiv etwa "Blaue Welle vor blauem Himmel"), geduldig und immer in der Hoffnung, irgend jemand interessiere sich am Ende für das komplette Panorama. Und nicht eines von ihnen ist von Dauer. "Jede neue Expedition", sagt Groombridge, "kann unser Bild eines Lebensraums komplett verändern". Die Natur und die Menschen mit ihren Eingriffen mischen die Puzzleteile immer wieder neu. Dann muß nachgelegt werden.

Besonders aufwendig fallen statistische Erhebungen im Pflanzenreich aus. Im Gegensatz zu Tieren, denen auf Sichtweite nahekommen sollte, wer zählen will, fordern Pflanzen die Forscher auf, einen Schritt zurückzutreten, um besser zu sehen: Vegetation wird großflächig am besten von Satelliten erfaßt. Fernerkundung ist der Oberbegriff jener Programme, die vom All aus die Bedeckung der Erde kartieren, Moore oder Savannen, Regenwälder oder Holzplantagen, Wüsten oder Viehweiden. Die künstlichen Erdtrabanten nutzen die Tatsache, daß jeder Bewuchs ein spezifisches Muster elektromagnetischer  Strahlen aussendet, bestehnd aus Reflexionen der Sonne oder aus eigener Wärme. Entsprechende Sensoren auf den Satelliten fangen diese Impulse auf. Sie nutzen die Lichtbereiche zwischen Ultraviolett und Infrarot, um auf fünf Meter genau zu sagen, welches Pflänzchen 900 Kilometer unter ihnen sprießt.

Für den Regenwald ist der Über-Blick aus dem All ein Segen. Fernerkundung bietet sich immer dann an, wenn große, schwer zugängliche Lebensräume erfaßt werden sollen. Die Tropen sind nicht nur ein "hot spot" der Biodiversität, sondern auch ein Brandherd ihrer Bedrohung. Hier zählt jeder Hektar. Eine Satellitenkarte zeigt den Urwald rund um die brasilianische Stadt Manaus: Das Muster der elektromagnetischen Strahlen wurde am Computer in ein farbiges Bild umgesetzt; tiefgrün die noch unangetasteten Gebiete, sogenannter Primärwald; pinkfarben die Metropole Manaus, die sich mit ihren Vororten stetig in den Urwald frißt; schwarz der Rio Negro, der hier mit dem Solimoes den eigentlichen Amazonas begründet. Eine Schnellstraße ist erkennbar, die nach Norden führt und von der kleinere Wege abzweigen, allesamt umrahmt von unverdächtigem Hellgrün. Das ist die eigentliche Signalfarbe: Hellgrün kennzeichnet Kahlschläge. Das Computerbild erzählt eine ganze Geschichte. Sie beginnt mit den Holzfällern, die mit Bulldozern Schneisen in den Urwald schlagen, und endet mit Siedlern, die in den einmal geöffneten Gebieten nach Gold, Gummi und ihrem Glück suchen. Die Geschichte kennt in den Tropen wenig Variationen. So summieren sich allein am Amazonas die jährlichen Verluste auf 25.000 bis 30.000 Quadrat-kilometer, etwa die Fläche Belgiens. Doch keine Zahl ohne Zweif-ler: Einige Wissenschaftler vermuten weit höhere Waldverluste, als die Satelliten nachweisen. Auf abgeholzten Flächen, so argu-mentieren sie, wachsen Pflanzen nach, die kein Sensor von intak-tem Wald unterscheiden könne. Der Disput zeigt, wie wichtig parallele Monitorings am Boden sind, mit deren Ergebnissen man die Fernerkundungsdaten eichen kann.

Überflieger im Dienste der Umwelt konnten auch beweisen, daß die katastrophalen Großfeuer in Indonesien, die innerhalb weniger Monate vier Millionen Hektar Regenwald in graue Ascheland-schaften verwandelten, keineswegs unabwendbare Schicksalschläge waren. Biologen der Universität München orteten auf Satelliten-Radarbildern die Brandherde, deren Verteilung zeigte, daß die Feuer in vielen Fällen von Menschen gelegt worden waren. Offen-sichtlich wollte man Platz für Plantagen schaffen.

Rund zwei Dutzend künstliche Trabanten umkreisen die Erde, um Bodentemperaturen und Meeresströmungen zu messen, Gletscherwuchs und Gletscherschwund zu registrieren, Regenfronten und Wirbel-stürme zu lokalisieren. Nicht nur USA, Europa und Japan beteili-gen sich an den Programmen. Auch ärmere Länder wie Rußland, Brasilien und Indien ließen eigene Satelliten in den Orbit katapultieren. Und das bei Kosten (für Trägerrakete, Raketentransport, Bodenstation und Betrieb über zehn Jahre) von jeweils mehr als 50 Milliarden Dollar.

Doch es ist wie im Krieg: Wenn man sich bedroht fühlt, spielen Budgets keine Rolle mehr. Tatsächlich herrscht in einigen Regionen der Welt ökologische Krisenstimmung. In der Sahelzone etwa heißt der Feind Wüste. Sein Vormarsch wird von Himmels-spionen beobachtet, die dokumentieren, wie sich die Sahara in den vergangenen Jahrzehnten ausgedehnt hat, wie sie nach Süden wandert. Manche Schätzungen sprechen von 20.000 Quadratkilometern Ackerland, das jährlich verlorengeht. Bedrohlich ist diese Entwicklung besonders für Bauern, die gerade mal von ihren Feldern leben können, buchstäblich von der Hand in den Mund. Die Frontlinie der Desertifikation, das zeigen die Satellitenkarten ebenfalls, ist nicht geschlossen. Vielmehr verhält sich die Wüste wie ein Guerillero, der unverhofft zwischen Feldern und Weiden auftaucht und von dort aus Boden gewinnt. Schwieriger als die Dokumentation des Phänomens ist seine Erklärung. Die Forschergemeinde ist noch uneinig darüber, ob Wüstenausbreitung eher durch langfristige natürliche Zyklen oder durch menschliche Klimaveränderungen und Bewirtschaftungsfehler wie Überweidung und Brunnen an falscher Stelle verursacht wird. Oder durch beides zusammen.

Ein anderer Feind Afrikas heißt Locusta migratoria. Wanderheuschrecken fallen in Schwärmen ein, deren Individuenzahl zwischen mehreren Millionen und einigen Milliarden betragen kann. Je nachdem wie der Wind steht, können sie fliegend bis zu 2.000 Kilometer zurücklegen. Wo werden sie als nächstes landen? Die bange Frage kann Umweltmonitoring beantworten helfen. Zunächst beobachten Insektenkundler die Brutgebiete und Wanderrouten der Heuschrecken. Diese Befunde werden mit Satellitendaten über Temperaturen, Regenfälle und Vegetationsentwicklung kombiniert. Als Ergebnis werden Empfehlungen an die Bauern gegeben, die Ernte einzuholen, bevor die Schwärme kommen und in Windeseile ganze Landstriche kahlfressen.

Die Observierung der Wanderheuschrecke ist Teil eines Frühwarnsystems, das die Welternährungsorganisation  FAO für Dürregebiete wie das Sahel eingerichtet hat. Hirse ist der Haupternährer im Gürtel südlich der Sahara. Wenn es jedoch innerhalb von zwei Wochen nach der Aussaat nicht regnet, sind Mißernten zu befürchten. Um diese Gefahr vorauszusehen, spielt Fernerkundung, in Form von Wetter- und Vegetationsdaten, eine zentrale Rolle. So soll künftig Katastrophen wie Mitte der 70er Jahre vorgebeugt werden, bei der rund 100.000 Menschen im Sahel verhungerten. Angesichts von Mißernten und Heuschreckenüberfällen ist Umweltmonitoring plötzlich nicht mehr eine Sache von Naturschützern und faktenverliebten Forschern. Existenzielle Motive treten in den Vordergrund: Leben zählen, um Leben zu retten.

 

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