Auf den Geschmack gekommen
Von Uschi Entenmann (Text) und Ivo Saglietti (Fotos)
Was tun, wenn in der Schulmensa fades Essen auf den Tisch kommt? Einen guten Koch suchen und bei örtlichen Biobauern einkaufen. Die Biomensa in Budoia ist nur eine von vielen Initiativen von Antonio Zambon, der über das Netzwerk "Allianz in den Alpen" andere Gemeinden zu nachhaltiger Entwicklung anregen will.
Der Bürgermeister atmet den Duft von Olivenöl, Parmesan und Knoblauch, der durch die Schulmensa seiner Gemeinde weht. Es riecht gut und schmeckt auch so. An die hundertfünfzig Kinder an langen Tischen stopfen sich mit Pasta, Fleischbällchen und geschmorten Zucchinis voll. "Alles gesund und Bio!" ruft Bürgermeister Antonio Zambon durch den Lärm. "Und alles aus eigenem Anbau!" Die Kinder sowieso, aber auch die Zutaten fürs Essen.
Das war nicht immer so. "Vor sieben Jahren, als mein Jüngster in die erste Klasse ging, war uns klar, dass etwas passieren musste", erklärt Fabia Bares, Mutter von drei Söhnen. Die kleine resolute Frau gehört zu den Mitgliedern der Mensa-Kommission, die sich um das Schulessen kümmert. Sie prüft Speisepläne, Qualität der Zutaten und hilft bei der Essensausgabe. "Damals kaute mein Kleiner auf dem faden Zeug herum, das man hier auftischte. Ich konnte verstehen, dass er es nicht mochte."
Bürgermeister Zambon, selbst Vater von zwei Töchtern, zieht die Stirn in Falten, wenn er an die Mensakost von damals denkt. Sie stammte aus einer Großküche, die Einheitsgerichte aus mehrheitlich eingefrorenen Zutaten zubereitete, wie es in den meisten Schulen und Betrieben der Provinz Pordenone in Friaul-Julisch Venetien üblich ist. Aufgetaut und aufgewärmt landeten die Portionen schließlich auf den Tellern der Kinder. "Und so schmeckten sie auch!" versichert Mutter Bares. "Wir waren deshalb Feuer und Flamme, als der Bürgermeister vorschlug, die Sache in die eigene Hand zu nehmen."
Bürgermeister Antonio Zambon hatte dabei in erster Linie das Wohl der Kinder im Auge. Darüber hinaus jedoch sah er eine Chance, die Bauern der Umgebung zu unterstützen, die Milch, Käse, Obst, Gemüse und Fleisch liefern sollten. Und weil es um die Gesundheit der Kleinen ging, sollten die Zutaten von Biohöfen der Region stammen. Eine eher ungewöhnliche Idee für einen Italiener. Denn die Vermarktung von Bioprodukten direkt ab dem Hof, die man zum Beispiel in Deutschland seit den siebziger Jahren kennt, ist in Italien relativ neu, obwohl das Land Europas größter Produzent von Bio-Produkten ist. Immerhin ein Drittel der europäischen Produktion an biologischem Obst und Gemüse stammt aus Italien. Aber das meiste davon wird exportiert. Die Italiener selbst verhalten sich beim Kauf ökologischer Lebensmittel zurückhaltend. Im Durchschnitt geben sie pro Jahr dafür nur zwanzig Euro aus, Schweizer dagegen fünfmal mehr.
Doch vom Beschluss bis zur fertigen Kantine brauchte Bürgermeister Zambon mehr als fünf Jahre. "Wir mussten den Weg ebnen für alle, die nachfolgen." Nie hat er im Laufe der Jahre langen Querelen das Ziel aus den Augen verloren, obwohl ihm die italienischen Bestimmungen bisweilen in die Quere kamen.
Antonio Zambon ist ein ruhiger, freundlicher Mensch, Mitte fünfzig, mit einem grauen Schopf über dem gebräunten Gesicht. Aufgewachsen in Brissago bei Locarno in der Schweiz, kehrte er als Vierzehnjähriger mit seiner Familie nach Budoia zurück, der Heimat seiner Eltern in Friaul-Julisch Venetien. Dort, in der Nordostecke Italiens, studierte er auch Elektrotechnik und arbeitet bis heute in einer Zweigstelle von Siemens, für deren Kunden er Computer-Hardware installiert. Sein Job als Bürgermeister ist ein Ehrenamt. Schon immer war Zambon politisch engagiert, aber bewusst auf kommunaler Ebene, "wo man konkret etwas tun kann."
Der linken Partei Democratici di Sinistra nahe stehend, versprach er 1995 als Bürgermeister-Kandidat, den Bau eines Skigebietes zu verhindern, für das die Wiesen und Wälder oberhalb des Dorfes geopfert werden sollten, obwohl es in unmittelbarer Nähe, in Piancavallo, bereits ein Skigebiet gab. Zambon erreichte, dass der Gemeinderat das Projekt ablehnte. Er siegte bei der Wahl im ersten Wahlgang mit 80 Prozent der Stimmen. Er sorgte für einen ökologischen Lehrpfad am Fuß der Berge, Photovoltaikanlagen auf den Dächern der Grundschule und des Rathauses und neue Heizungsanlagen in allen öffentlichen Gebäuden, die Wärme aus Biomasse produzieren. Für die beiden folgenden Amtsperioden wurde er mit ähnlich großer Mehrheit im Amt bestätigt.
Die Gemeinde wächst. Als Zambon Bürgermeister wurde, lebten in dem Städtchen am Fuß der Berge knapp 2.000 Menschen, heute sind es 2.500. Sie finden Arbeit in den örtlichen Fabriken für Möbel, Fenster, Kühlschranke, Metall- oder Wurstwaren. Andere arbeiten in der Provinz oder im 100 Kilometer entfernten Venedig und kommen am Wochenende zurück ins eigene Haus in Budoia. Der Weg in die schöne Umgebung ist kurz: Er führt über die Piazza zur barocken Kirche und durch die Via Cardazzo mit ihren Jahrhunderte alten Häusern aus behauenen Steinen. Sie mündet in einen Wald, der im Herbst voller Pilze ist. Bürgermeister Zambon, ein Feinschmecker, weiß, wo sie zu finden sind und wie diese Chiodini und Porcini schmecken: In Balsamico eingelegt und in Olivenöl geschmort, nur mit Pfeffer und Salz gewürzt - ein Genuss! Hinter dem Wald steigen die Alpen abrupt und wie zum Greifen nah aus der Ebene auf. "Sonntags wandere ich da hinauf", sagt er.
Die Geschichte mit der Schulmensa begann vor neun Jahren damit, dass er beim Zulieferer der Großküche Gerichte bestellte, deren Zutaten aus ökologischem Landbau stammen sollten. Ein lohnendes Geschäft, denn die Mensa serviert 180 Mahlzeiten pro Tag, insgesamt 22.000 Mahlzeiten pro Schuljahr. Der Zulieferer sagte zu, lieferte zuverlässig Bioprodukte, wenn auch ein wenig teurer. "Aber das Essen blieb langweilig," erinnert sich Zambon. "Wir einigten uns deshalb mit der Großküche darauf, dass wir den Einkauf übernehmen würden, wie es die Eltern vorgeschlagen hatten."
Der nächste Schritt war der Eintritt in die Vereinigung der italienischen Bioproduzenten (AIAB), die sich für biologische Landwirtschaft, nachhaltige ländliche Entwicklung und ausgewogene Ernährung einsetzt. Die Eltern bestellten Obst und Gemüse, Fleisch und Pasta bei einer Bio-Kooperative im 55 Kilometer entfernten Udine. "Was die nicht selbst hatten, besorgten sie uns." Für den Anfang reichte es. Aber manchmal kam der Salat aus Holland und das Fleisch aus Österreich. "Aber wir wollten doch so viele Produkte wie möglich aus unserer Gegend, um die Bauern zu unterstützen" - ein Ziel, das die Gemeindevertreter bei einem Treffen der "Allianz in den Alpen" formuliert hatten. In diesem Netzwerk, bei dem Budoia mit Bürgermeister Antonio Zambon 1997 Gründungsmitglied war und wo sich Antonio Zambon heute als zweiter Vorsitzender engagiert, setzen rund 250 Gemeinden aus dem gesamten Alpenraum nachhaltige Entwicklung im Sinne der Alpenkonvention lokal um.
Schließlich fanden die Eltern fünf Bauernhöfe in der Nähe, die seither Obst und Gemüse liefern, dazu mit Franco Rodriguez einen Koch, der viele Jahre ein eigenes Restaurant im deutschen Ostfriesland besaß und ein Händchen für die Lieblingsgerichte der Kinder hat: "Sie mögen Pasta, jeden Tag!" Die Qualität der Bioprodukte lobt Rodriguez in den höchsten Tönen. "Ohne Gift schmeckt doch alles besser! Heute kochen wir zu 98 Prozent bio", sagt er. "Die restlichen zwei Prozent sind Fisch." Eine Mahlzeit kostet sechs Euro; die Eltern bezahlen die Hälfte, die Gemeinde den Rest. Am Jahresende gibt es ein bisschen Zuschuss von der Regionalregierung: 16.000 Euro. "Nicht viel", meint Zambon, "aber immerhin etwas."
Beim CIPRA-Wettbewerb "Zukunft in den Alpen" im Jahre 2005 erhielt die Biomensa einen Sonderpreis über 5000 Euro. Ein feines, kreatives Projekt, lobte die Jury, nachahmenswert, weil damit nicht nur die einheimische Wirtschaft nachhaltig gestärkt wird, sondern Familien für das Thema Bio sensibilisiert werden, wenn die Kinder ein gesundes Mittagessen bekommen, in Ernährungskunde unterrichtet werden und Bauernhöfe besuchen. Der Preis hat nicht nur Antonio Zambon mit Stolz erfüllt, sondern den ganzen Ort. "Wir erreichten damit Aufmerksamkeit." Vor kurzem berichtete sogar das italienische Fernsehen über die Biomensa und die neue Einkaufsgemeinschaft "GasPedemontana". Darin haben sich Eltern zusammengeschlossen, um nicht nur die Kinder in der Schulmensa, sondern auch die Familien privat zu versorgen. Sie geben Sammelbestellungen von Bio-Produkten bei regionalen Landwirten auf. Andere Ortschaften wie Polcenigo, Aviano und Montereale möchten das Biomensa-Projekt nun nachahmen, ebenso das Städtchen Kamnik, nordöstlich von Lubljana in den slowenischen Alpen gelegen.
Nach dem Besuch der Mensa fährt Zambon hinaus zu Valentino Magris, einem der fünf Bauern, die Gemüse und Obst liefern. Er ist einen Kopf größer als Zambon und streckt dem Bürgermeister seine schwielige Pranke entgegen. Mit seiner Frau Anna-Maria baut er in Malnisio Salat, Tomaten, Mais, Kartoffeln, Zucchini, Äpfel und Birnen an. Gemeinsam schlendern Bauer und Bürgermeister über das sechs Hektar große Anwesen. "Als wir unseren Hof vor acht Jahren auf biologischen Anbau umstellten, traten wir den Verbänden IMC (Istituto Mediterraneo di Certificazione) und Agricoltura Biologica regime di controllo CE bei und das ganze Dorf dachte, wir spinnen", erzählt die Bäuerin. Für biologisch angebaute Produkte bekommt man zwar mehr Geld, hat aber auch viel mehr Arbeit. "Unsere Äpfel verkaufen wir für 25 Cent das Kilo, die herkömmlich angebauten kosten zwanzig Cent." Ein Problem bleibt der Vertrieb, "weil wir zwar vielseitig sind, aber von allem nur wenig haben." Großabnehmer wollen große Mengen, sagt sie. "Wir sind froh, langfristige Abnehmer gefunden zu haben." Fast das gesamte Obst und Gemüse des Ehepaares geht frisch an drei kleine Läden in der Region und an die Biomensa.
Zambon fährt weiter zu seinem Kollegen Luciano Pezzin in Erto. Sein kleiner Fiat Punto kurvt durch Spitzkehren ins Celina-Tal, am Stausee Lago di Barcis entlang und erreicht nach einer Stunde die engen, steilen Gassen von Erto mit seinen alten Steinhäusern, die über den Steilhang gewürfelt sind. Eine karge Gegend und ein leidgeprüfter Ort, der seit dem Erdrutsch von 1963 ums Überleben kämpft. Bürgermeister Pezzin hat schon oft erzählen müssen, wie sich damals der vom Wasser untergrabene Berg löste, in den Stausee stürzte und eine Flutwelle auslöste, die Teile von Erto und der Nachbardörfer vom Hang wischte. Mehr als zweitausend Opfer waren damals zu beklagen.
Weil es nicht gut ist, mit seinen Problemen allein zu stehen, fiel es Bürgermeister Zambon nicht schwer, den Kollegen in Erto zu überzeugen, der "Allianz in den Alpen" beizutreten. Dank Zambon gibt es in keinem anderen Land eine solche Dichte von Mitgliedschaften wie in Friaul. So oft wie möglich besucht Zambon andere Gegenden und Länder, nimmt Ideen mit und kommt mit Anregungen zurück. Er war in Kirgisistan, Tadschikistan und Kasachstan und ist davon überzeugt, dass es für diese armen Länder in Zentralasien wichtig ist, Erfahrungen auszutauschen, denn "wir haben vor 50 Jahren ähnlich gelebt, wie die Leute dort jetzt. Sie können manches von uns lernen." Beispielsweise, wie man Häuser isoliert. "Im Winter kriechen bei denen die Minusgrade in die Wohnungen. Also haben wir und andere Gemeinden der "Allianz in den Alpen" ein Pilotprojekt finanziert für die Isolation von Häusern und den Bau von einfachen, effizienten Öfen." Aber auch Zambon hat gelernt. In den zentralasiatischen Bergen erkannte er, dass die westliche Gesellschaft zwar viel Wissen erworben hat, jedoch alte Werte wie Solidarität und Hilfsbereitschaft verliert. "Wir sind zu egoistisch und zu sehr auf den Konsum fixiert", sagt der Bürgermeister. "Es gibt Dörfer in Kirgisistan, die halten noch immer zusammen wie eine Familie."
Nach seinen Erfolgen hätte sich Bürgermeister Zambon erst einmal zurücklehnen können, wenn nicht im vergangenen Jahr ein bürokratischer Willkürakt seine Mensa in Frage gestellt hätte. Die Carabinieri kontrollierten mehrfach gemeinsam mit ihrer Sondereinheit der Gesundheitsbehörde die Schulküche, überprüften jeden Bestellzettel, jede Abrechnung, vernahmen jedes Mitglied der Biomensa-Kommission und der Kooperative: Wer kauft wo ein, wie viel wird gekauft und zu welchen Preisen? Eine Gemeinde, so erfuhr der überrumpelte Zambon, kann nicht einfach einkaufen, bei wem sie möchte, sondern muss eine Ausschreibung veranstalten, damit sich jeder bewerben kann. So schreibt es das EU-Wettbewerbsrecht vor. "Das kann zum Beispiel dazu führen, dass wir bei einem Importeur Bio-Olivenöl aus Nordafrika kaufen müssen, weil es billiger ist als unseres. Wie sollen dann in Zukunft unsere kleinen Bio-Betriebe bestehen können?"
Ein Jahr lang dauerte die Untersuchung in Budoia. Die Opposition im Gemeinderat forderte schon den Rücktritt des Bürgermeisters. Doch bei einer Versammlung im überfüllten Gemeindesaal stellten sich Bauern und Eltern geschlossen hinter ihn. So entstand die Idee, ein mit dem EU-Wettbewerbsrecht konformes Verfahren auszuarbeiten, mit dessen Hilfe lange Transportwege für die Produkte vermieden werden könnten und die regionale Wirtschaft gefördert würde. Die Umsetzung wurde möglich durch eine Kofinanzierung von 10.000 Euro aus DYNALP2, einem Förderprogramm der "Allianz in den Alpen", das von der schweizerischen MAVA-Stiftung finanziert wird. Gleichzeitig baut die Gemeinde ihre Mensa weiter aus. "Jetzt bekommen auch zehn Gemeindebedienstete und etliche alte Menschen, die sich nicht mehr selbst versorgen können, das Mensa-Essen", erzählt Zambon. "Es dürfen noch viel mehr werden." Gefahr von Ermittlungsbehörden droht nicht mehr: Die Ausschreibungsmodalitäten wurden mit Hilfe eines Juristen so wasserdicht geregelt, dass das Verfahren von anderen Gemeinden mit ähnlichen Problemen einfach übernommen werden kann. Die Ermittlungen gegen den Bürgermeister und Gemeinderat sind vom Tisch. Der zuständige Richter in Pordenone hat die Untersuchungen eingestellt und die Akte geschlossen. Begründung: Der Bürgermeister von Budoia hat im öffentlichen Interesse gehandelt.
Wie wird es weitergehen? "Jetzt müssen wir für unsere Biomensa weitere Nachahmer finden", sagt der Bürgermeister. Und dann sei da noch ein anderes Projekt, das ihm am Herzen liegt, eine neue Kooperative in der alten Käserei, die seit Jahren ungenutzt herumsteht. "Wir renovieren sie, richten einen Laden ein und verkaufen dort unsere Produkte." Milch, Käse, Fleisch, Obst, Gemüse, alles was die Region hergibt. Anderthalb Millionen Euro hat ihm die Regionalregierung für das Projekt bewilligt. "Auf die Kooperative setze ich große Hoffnungen", sagt Zambon. Ein paar junge Bauern seien bereits eingestiegen, freut sich der Bürgermeister: "Geht doch alles, wenn man zusammenarbeitet!"







