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Stuttgart Counts

Culture Counts erforscht in den nächsten Jahren die kulturelle Vielfalt der Schwabenmetropole. Sie hat den zweithöchsten Ausländeranteil in Deutschland und ist bekannt für ihr reiches multikulturelles Leben. Uli Reinhardt, Fotograf und Koordinator des Projekts, über eine Stadt, in der Toleranz Tradition hat.

Als im "deutschen Herbst" 1977 die Terroristen Baader, Meinhoff und Ensslin zu Tode kamen, gab es in der breiten deutschen Öffentlichkeit wenig Sympathie für deren Sache. Spätestens seit der Entführung der "Landshut" nach Mogadischu war sich die große Mehrheit der Bevölkerung einig in ihrem Hass gegen die selbsternannte "Rote Armee Fraktion". Doch nun mussten Leichen begraben werden. Der damalige CDU-Oberbürgermeister von Stuttgart, Manfred Rommel, genehmigte ihnen ein Grab auf dem Waldfriedhof, einer Stuttgarter Idylle. Eine Welle von aggressivem Unverständnis und Wut schlug ihm entgegen, doch Rommel beschied seinen Kritikern: "Mit dem Tod sind auch solche Dinge vorbei".

Schon vorher war der Politiker durch seine gelebte Liberalität gerade anders Denkenden gegenüber aufgefallen. Nicht nur, dass er den Theaterregisseur und Provokateur Claus Peymann in die baden-württembergische Hauptstadt geholt hatte, er verschaffte ihm auch den Bewegungsspielraum, den dieser brauchte, um die damals kleingeistige und engstirnige CDU von Ministerpräsident Filbinger zu provozieren.

Mit Manfred Rommel begann in Stuttgart eine beständige Entwicklung in Richtung wohlverstandener Toleranz, Kultur und Weltoffenheit, die in den Nachkriegsjahren gefehlt hatte. Das Zentrum von Stuttgart war während des Zweiten Weltkrieges fast vollständig zerstört worden. Der Wiederaufbau erfolgte hastig und mit wenig architektonischer und kultureller Fantasie. Stuttgart wurde die Hauptstadt der selbstgefälligen Rechtschaffenheit und der Kehrwoche. Im Gegensatz zu der sie umgebenden idyllischen Landschaft versprühte die Metropole wenig Charme.

Genau in diese Zeit fiel aber das deutsche Wirtschaftswunder, welches in Stuttgart besonders üppig ausfiel. Großunternehmen wie Bosch, Mercedes und Porsche, zudem der gesamte Mittelstand brauchten Arbeitskräfte, mehr als die ortsansässige Bevölkerung hergab. Und so strömten einerseits deutsche Flüchtlinge aus dem Osten ins Land, andererseits Menschen aus den Ländern Südeuropas.

Beiden Gruppen begegnete man zunächst mit großem Misstrauen, allein schon was das Essen betraf. "Paprika-Siedlung" wurde die Neubauten-Siedlung für die Schlesier abfällig benannt, "Knoblauchfresser" die Italiener. Wer solches Zeug zu sich nahm, mit dem konnte auch sonst nichts los sein. Pizza, Kebab und Cevapcici stießen auf Gaisburger Marsch und Spätzle. Temperament und Lebensfreude begegneten fleißiger Beharrlichkeit. Dann kam eine Welle von Flüchtlingen aus allen Teilen der Welt, fürderhin Asylanten genannt, in Stuttgart beginnend mit Menschen aus Eritrea. Durch eine wunderbare gesetzgeberische Fügung beheimateten die Gemeinden am Flughafen Echterdingen zeitweise mehr Afrikaner in ihrer Gemarkung als Deutsche.

Doch eine kluge und vorausschauende Politik versuchte erfolgreich, einer Ghettoisierung entgegenzuwirken. Heute hat die Stadt zwar den zweitgrößten Ausländeranteil in Deutschland. Aber es gibt keine monokulturellen Stadtteile wie etwa Berlin-Kreuzberg, wo in vielen Straßen ausschließlich türkisch gesprochen wird, oder das Zentrum Düsseldorfs, in dem asiatische Geschäftsleute den Ton angeben. Es ist die betonte und gelebte Schwerpunktpolitik des jetzigen Oberbürgermeisters Wolfgang Schuster, ethnische und kulturelle Vielfalt als Chance und Bereicherung anzusehen - und nicht als Bedrohung.

Wie überall ist es die Führung, die stark die Atmosphäre des Alltags beeinflusst. Klare Bekenntnisse und politische Weichenstellungen prägen das Klima eines Gemeinwesens. Betont man die Probleme, die im interkulturellen Leben auftreten, bereitet man den Nährboden für Konflikte - und damit für weitere Probleme. Fördert man dagegen Erfolge und macht sie sichtbar, können sich positive Vorbilder profilieren; das erhöht auch die Geduld gegenüber Fehlentwicklungen. Genau an diesem Punkt setzt das Projekt "Stuttgart Counts" an. Autoren und Fotografen werden in den nächsten Jahren tief ins interkulturelle Leben der Stadt eintauchen. Insbesondere am Beispiel einfacher Menschen, die es schaffen, über alle Barrieren von Herkunft, Hautfarbe und Religion hinweg friedlich zusammen zu leben, werden die Chancen von kultureller Vielfalt sichtbar.

Denn es braucht den Mann und die Frau auf der Straße, die mitmachen bei der Integration. Für viele, die Württemberg mit dem Verdacht der Provinzialität belegen, ist es eine Überraschung, wie früh die Internationalisierung hier begann. Der Südwesten war noch im 19. Jahrhundert eines der Armenhäuser Deutschlands. Viele mussten wegen Hungers und Arbeitslosigkeit das Land verlassen, und so finden sich heute Schwaben in allen Teilen der Erde. Dem ist beispielsweise zu verdanken, dass Deutsche im ehemaligen Jugoslawien pauschal "Schwabos" genannt wurden. Die Schwaben-Klüngel der deutschen Gemeinden in Detroit, im chilenischen Puerto Montt, in Shanghai oder Kapstadt sind Legende.

Auch diese Verbindungsstränge, die in viele Länder reichen, haben zur Weltoffenheit in der Schwabenmetropole beigetragen. Hinzu kommen ganz eigennützige Gründe: die Abhängigkeit vom Export und der periodisch auftretende Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Internationalisierung ist das Rückgrat des wirtschaftlichen Erfolgs in der Region. Solche knallharten ökonomischen Fakten überzeugen die Manager der ortsansässigen Großunternehmen genauso wie einen Mittelständler; die Wirtschaft zeigt ein großes Wohlwollen gegenüber einer Politik der Offenheit und Integration. Und dann ist da diese Zahl, die wie eine Belohnung für all diese Bemühungen um ein faires Miteinander wirkt: Sage und schreibe über 80 Prozent der Stadtbevölkerung "fühlen sich in Stuttgart wohl", das bescheinigte jüngst die McKinsey-Umfrage "Perspektive Deutschland" der Region. Das ist der höchste Wert aller deutschen Städte, noch vor München und Düsseldorf und Hamburg.

Die vielen internationalen Sportereignisse der letzten Jahre wurden von den Bürgern als weltoffene Feiern bejubelt und genossen - ob nun die eigene Nation vorne lag oder nicht. Ein anderer Indikator für ein funktionierendes Miteinander der Kulturen: In Stuttgart gibt es keine Statistik über "Straftaten mit ausländerfeindlichem Hintergrund". Nicht etwa, weil man sie schamvoll unter den Teppich kehren würde, sondern weil sich ihre Zahl im Promille-Bereich bewegt.

Stuttgart macht einen gediegenen und zugleich warmherzigen Eindruck. Gelassenheit sowohl bei den "Eingeborenen" als auch bei Menschen mit schon optisch klar erkennbarem Migrationshintergrund, wie das im Deutsch von Sozialprofis heißt. Auch das äußere Erscheinungsbild Stuttgarts legt Zeugnis ab vom Spiel mit den verschiedensten kulturellen Bezügen. Ein bunter Reigen an alter und moderner Architektur mit Stilelementen aus aller Welt. Große Plätze, stimmungsvolle Winkel, weite und endlose Treppen die Talwände hinauf, Weinberge, Laubwälder. Stuttgart beherbergt mehr Architekten als ganz Frankreich. Und dennoch stammen die Entwürfe vieler bekannter Gebäude von internationalen Baukünstlern: Die gesamte Kulturmeile der Innenstadt mit dem Landesmuseum und der Musikhochschule ( James Sterling/London), die Doppelhelix des neuen Mercedes-Museums (Ben van Berkel/Amsterdam), das geradezu akrobatische neue Porsche-Museum (Delugan Meissl/Wien), der Glaskubus der Galerie der Stadt Stuttgart (Hascher & Jehle/Berlin). Aber niemals erhob sich ein Lamento ortsansässiger Architekten über das vermeintliche Schicksal des "Propheten im eigenen Land".

Auch sie sehen die internationalen Impulse eher als Inspiration denn als Konkurrenz. Wind von außen bläst ins Feuer lokaler Schaffenskraft. Denn die Ideen fließen auch in Gegenrichtung. Der Prototyp und Wegbereiter aller Spannbeton-Fernsehtürme der Welt wurde in Stuttgart von einem Stuttgarter Architekten Dr. Fritz Leonhardt konstruiert. Tausende solcher Türme sind über den ganzen Globus verstreut. Das berühmte Münchner Zeltdach über dem Olympia-Stadion und der einzigartige Bundestag in Bonn stammen von Günter Behnisch. Die neue Brücke über den Panama-Kanal, der bisher favorisierte neue Entwurf des "World-Trade-Centers" in New York, eine große Anzahl der atemberaubenden Bauten in Dubai - alle haben sie ihren Ursprung in Stuttgart. Jeder Bau ein gelungenes Beispiel für die gegenseitige, lernende Bereicherung von Kulturen.

Eine Gesellschaft ist darauf angewiesen, all ihre Talente zu fördern und zu integrieren. Und so wenig eine Gesellschaft allein alle Tugenden in sich vereint, so wenig ist das bei einem einzelnen Menschen der Fall. Allesamt sind wir unperfekt, aber jeder Einzelne kann seinen Teil zum Gelingen von ganzen Lebensentwürfen auf persönlicher, kommunaler, nationaler, ja sogar internationaler Ebene beitragen.

Insbesondere sind Führungsqualitäten gefragt, Menschen, die das als richtig Erkannte auch leben. Menschen mit Zivilcourage, wir erleben es schmerzhaft bei diesen unsäglichen Ausländer-Hatzen, gerade dieser Tage wieder. Menschen mit Zivilcourage sind rar. Als Glücksfall für Stuttgart bewies sich der bereits erwähnte Ex-Oberbürgermeister Rommel. In einer Versammlung seines Ortsvereins wurde er einst mit einer schon damals unsinnigen, aber damals nicht nur von der CDU vertretenen Parole konfrontiert: "Deutschland ist kein Einwanderungsland!" 500 Konservative johlten Zustimmung. Da erhob sich Manfred Rommel. Mit seinen Hängebäckchen, seinem etwas schlurfenden Gang und den eingezogenen Schultern wahrhaftig keiner, der als Redner Massen mitreißen konnte, trat er ans Pult und nuschelte: "Ich bin der Meinung, dass wir schon längst zum Einwanderungsland geworden sind. Und je eher wir uns dessen bewusst werden und danach handeln, desto besser". Mucksmäuschenstille. Dann wütender Protest. Die Menge kochte. Rommel fügte ungerührt hinzu: "Das ist meine Meinung, und die müsset Sie sich schon anhöra". Sprach's und handelte.

Und die Früchte dieses Handelns sind bis heute spürbar. Die Politik Rommels auf dem Gebiet der Integration wurde von seinem Nachfolger Wolfgang Schuster konsequent und offensiv fortgeführt. Culture Counts wird in Reportagen und Porträts von den kreativen Impulsen erzählen, die entstehen, wenn sich viele Kulturen begegnen. In Texten, Bildern und Tönen spüren wir dem erfolgreichen Miteinander der Kulturen nach. Eine Ermutigung für alle, die sich für fairen Umgang und Dialog einsetzen. Die Reportagen münden später in ein Buch und eine Ausstellung. Sie sollen in Zeitungen und Magazinen veröffentlicht und als Radiobeiträge gesendet werden. Culture Counts Stuttgart ist eine Art Pilotprojekt. Ähnliche Initiativen starten wir in Tanger (Marokko) und wollen sie in weiteren Städten, Ländern und in weltweit aktiven Unternehmen durchführen. Die Botschaft ist überall die gleiche: Jede Kultur zählt!

Uli Reinhardt kam auf Umwegen zur Fotografie. Nach einem Studium der Mathematik und anschließendem kurzen Gymnasiallehrerdasein arbeitete er ab 1973 als Fotoreporter beim Zeitungsverlag Waiblingen. 1985 begründete er zusammen mit Ingrid Eißele und anderen die Reportage-Agentur Zeitenspiegel und fotografiert seitdem für alle namhaften deutschen und ausländischen Magazine politische und soziale Themen.

Foto/Fernsehturm: © Stuttgart-Marketing GmbH
Fotos Jugendaustausch: Sabine Braun, Zeitenspiegel

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