Wanderer zwischen den Welten
Ibrahim Syed ist 39 Jahre alt, geboren und aufgewachsen im südindischen Bundesstaat Kerala. Germanist und Softwareunternehmer. Seine Magisterarbeit schrieb er über Elias Canettis Masse und Macht, sein Geld verdient er heute mit "Off-Shoring": Seine 35 Mitarbeiter schreiben Software für deutsche Kunden. Syed spricht Urdu, Hindi, Englisch und Deutsch.
Sie stammen aus einer großen Familie mit sieben Kindern. Sie selbst haben nur eine Tochter. Sind Sie weniger kinderlieb?
Ibrahim Syed: Nein, nein. Ich habe nur miterlebt, wie schwer es für meinen Vater war, seine Familie mit sieben Kindern am Leben zu halten. Er hat als Verkäufer bei einer Teefirma gearbeitet. Er wollte, dass ich Karriere mache und studiere. Aus finanziellen Gründen musste ich sofort nach meinem ersten Studium einen Job annehmen. Ich habe zwei Jahre lang als Verkäufer bei einer pharmazeutischen Firma nördlich von Kerala gearbeitet. Nach meiner Rückversetzung nach Kerala hat mir dann ein guter Freund geraten, an der Universität Deutsch zu lernen.
Hatten Sie bis dahin irgendeinen Kontakt zu Deutschland?
Ibrahim Syed: Das Einzige, was ich damals über Deutschland wusste, war "made in Germany". Mein Vater hatte eines Abends eine deutsche Wanduhr mit nach Hause gebracht. Mit dem Aufdruck "made in Germany". Seit diesem Zeitpunkt ist Deutschland für mich ein Vorbild für technologischen Fortschritt. Ich entschloss mich spontan, Deutsch zu lernen. Aber aller Anfang ist schwer. Nach den ersten drei Monaten habe ich es zunächst aufgegeben.
Haben Sie vor dem Dativ kapituliert?
Ibrahim Syed: Ja, vor Genitiv, Dativ, Akkusativ. Ich komme, du kommst und so weiter. Das war sehr schwierig für mich. Zum Glück traf ich nach einigen Wochen meinen Deutschlehrer zufällig auf der Straße. Er bot mir Privatstunden an, ohne bezahlen zu müssen. Ich verliebte mich in diese Sprache. Kurz danach habe ich meinen Job aufgegeben.
Wann kamen Sie zum ersten Mal nach Deutschland?
Ibrahim Syed: Ich habe insgesamt vier Jahre studiert. Im dritten Jahr erhielt ich ein Stipendium vom DAAD. Ich durfte nach Bamberg und acht Wochen lang einen Sommerkurs besuchen. Das war mein einziger studienbezogener Aufenthalt in Deutschland.
Wie war der erste Moment, als Sie nach Deutschland kamen? Hatten Sie Befürchtungen, dass Sie die Sprache nicht so gut beherrschen?
Ibrahim Syed: Ich kam in Frankfurt mit der Lufthansa aus Neu-Delhi an. Zusammen mit anderen Deutschlernenden aus Indien mussten wir auf den Weiterflug nach Nürnberg warten. Im Warteraum habe ich grüne Äpfel gesehen, und ich wusste nicht, ob ich einen nehmen darf. Da habe ich die Dame am Schalter gefragt. Es war meine erste Frage in Deutschland.
Darf ich einen grünen Apfel nehmen?
Ibrahim Syed: Ja, ich war so begeistert, hier zu sein. Als wir im Landeanflug vor Nürnberg waren, habe ich von oben aus die roten Dächer gesehen. Dieser erste Blick auf die roten deutschen Dächer ist in mir immer noch sehr lebendig.
Wie haben Sie später ein Unternehmen in Indien gegründet?
Ibrahim Syed: Ich wollte eigentlich Deutschlehrer werden, aber es gab keine großen Karrieremöglichkeiten an der Uni. Deshalb beabsichtigte ich, in Deutschland über Elias Canetti zu promovieren. Zu dieser Zeit entstand der erste Technologiepark in Kerala. Ausländische Firmen wurden eingeladen, dort Niederlassungen zu gründen. Eine deutsche Firma aus Leverkusen hat einen Deutschsprachigen gesucht, der als Übersetzer und Projektkoordinator arbeiten konnte. Ich habe sofort den Job bekommen und drei Jahre lang dort gearbeitet.
Wie kam es zur eigenen Firma?
Ibrahim Syed: Ich habe als Übersetzer angefangen. Dann haben sie mich in Richtung Projektmanagement, Softwareprojektkoordinierung und so weiter ausgebildet. Ich habe mich mit einem Arbeitskollegen zusammengetan und entschlossen, eine kleine Firma zu gründen. Mit zwei Programmierern. Heute beschäftigen wir 35 Festangestellte.
Wie oft pendeln Sie zwischen Indien und Deutschland im Jahr?
Ibrahim Syed: Mindestens dreimal im Jahr. Wenn ich Deutschland zwei Monate nicht gesehen habe, fühle ich eine unbeschreibliche Unruhe in mir.
Was ist Ihnen an Deutschland oder den Deutschen fremd geblieben?
Ibrahim Syed: Ich habe immer versucht, positive Bilder mit nach Hause zu nehmen. Auch wenn ich an der Passkontrolle stehe. Ich bin ein Mensch, der Liebe und Freundlichkeit erwartet, und bis jetzt ist mir nichts passiert, wo ich wirklich sagen kann, das war mir völlig fremd. Es liegt vielleicht auch daran, dass ich die deutsche Sprache beherrsche. Es kommt mir alles sehr vertraut vor.
Sie sind als Muslim mit einer Hindu-Frau verheiratet. Es ist in Indien immer noch sehr ungewöhnlich, dass man sich einfach verliebt, Liebe empfindet und dann heiratet. Die Eltern bestimmen die Partnerwahl.
Ibrahim Syed: Ja, ich habe drei Brüder und drei Schwestern. Die Brüder haben geheiratet, wie die Eltern es wollten. Meine Schwestern wurden auch verheiratet. Mit dem Unterschied: Die Hochzeiten musste ich nach altväterischer Sitte finanzieren. Sie können sich meinen Hass vorstellen. Schließlich habe ich nicht so hart gearbeitet, nur um für meine Schwestern zwei Männer zu kaufen. Es war sehr schwierig für mich, das alles zu akzeptieren. Ich selbst habe meine Frau in der Zeit im Technologiepark kennengelernt. Wir trafen uns heimlich in der Kantine. Irgendwann habe ich ihr ganz offen meine Liebe erklärt. Ich hatte einfach den großen Wunsch, mir selber eine Frau auszusuchen, aber gleichzeitig nach den indischen Sitten zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich wollte einen neuen Weg gehen, aber dabei nicht gegen meine Sitten oder Moralvorstellungen verstoßen.
Was haben die Eltern gesagt?
Ibrahim Syed: Wir hatten große Hürden zu überwinden. Meine Frau Sheena hatte große Probleme in ihrer Familie, bei mir gab es Widerstände seitens meiner Mutter. Sie hatte Angst, dass sie aus der Moschee geworfen wird und keinen Platz mehr auf dem Friedhof bekommen würde. Außerdem war meine jüngste Schwester noch nicht verheiratet und meine Mutter fürchtete, sie nicht unter die Haube zu bringen. Nach dem Motto: Dein Bruder ist mit einer Hindu-Frau verheiratet. Wie kann ich dich heiraten?
Wie sind Sie damit fertig geworden?
Ibrahim Syed: Meine Frau hat es besser durchgehalten als ich. Ich war frustriert, denn ich kam nach einem anstrengenden Tag nach Hause, wo meine Mutter und meine Schwestern geweint haben. Am Ende habe ich auch manchmal geweint. Ich war wütend und wusste nicht mehr, wer mir wichtiger war: die Liebe zu meiner Frau oder zur Mutter und den Schwestern. Meine Frau aber sprach mir Mut zu. Einige Zeit später waren ihre Eltern bereit, mit mir zu sprechen. Sie kamen mich in der Firma besuchen und wir haben uns hingesetzt und alles besprochen. Ich weiß noch ihre Worte: "Ibrahim, das Leben ist nicht so, wie du dir es vorstellst. Die Liebe wird nach einiger Zeit schwächer und du musst dich mit der Realität auseinandersetzen." Am Ende des Tages haben wir beschlossen, nach den Sitten beider Religionen zu heiraten.
Nach den hinduistischen und islamischen Sitten?
Ibrahim Syed: Und noch standesamtlich. Denn mein Schwiegervater wollte, dass wir auch eine Heiratsurkunde hatten. Ich habe also dreimal geheiratet. Wir haben meine Frau nach Feierabend ins Hotel gebracht und innerhalb von zwei Stunden war die islamische Hochzeit vorbei. Um zehn Uhr haben meine Freunde sie nach Hause gebracht. Am nächsten Tag fand die hinduistische Hochzeit im Haus eines christlichen Freundes statt. Jede Religion hat uns geholfen. Am Abend haben wir mit etwa 500 Freunden, Gästen und Verwandten die Hochzeit gefeiert.
Und nach welchen Gesichtspunkten erziehen Sie Ihre Tochter?
Ibrahim Syed: Als unsere Tochter zur Welt kam, mussten wir uns zwischen einem hinduistischen und einem islamischen Namen entscheiden. Da kam uns die deutsche Sprache zur Hilfe. Ein Freund aus Bamberg schickte mir ein Buch mit 1.000 deutschen Namen. Mithilfe dieses Buches haben wir den Namen Monika ausgesucht und Monika wird mit k geschrieben.
Meine Tochter sagt: "Vati, du bist Muslim. Mama ist Hindu, und ich bin alles."
Sprechen Sie Deutsch mit Monika?
Ibrahim Syed: Ja, ich spreche seit Geburt meiner Tochter nur Deutsch mit ihr.
Was können eigentlich die Deutschen von den Indern lernen?
Ibrahim Syed: Ich habe, seit ich mit deutschsprachigen Kunden zu tun habe, viel Stress in meinem Leben. In Indien hingegen sprechen wir mehr über Ruhe, Gelassenheit und ein Leben ohne Hektik. Wenn etwas Schlimmes passiert oder sich etwas verzögert, muss man nicht aufgeben. Man geht in die Moschee oder in den Tempel, betet zu einem bestimmten Gott oder einer Göttin. Es gibt immer einen Morgen. In Deutschland ist das anders. Hier wird alles genau geplant, der Prozess wird klipp und klar dargestellt, die Risiken werden vorab abgeschätzt. Ganz anders in Indien: Wir nehmen es, wie es kommt.
Was ist der wichtigste Wert in Ihrer Unternehmenskultur?
Ibrahim Syed: Ich behandle meine indischen Mitarbeiter wie ein Inder, nicht wie ein Deutscher.
Aber Ihre Zerrissenheit bleibt?
Ibrahim Syed: Ja, ich lebe zwischen zwei Kulturen. Wenn ich drei Monate lang keine Milchschnitte gegessen habe, fühle ich mich nicht gut. Meine Frau sagt immer: "Du bist in Indien, du musst wie ein Inder leben. Du darfst nicht schimpfen, wenn ein Rikschafahrer beim Fahren seinen Kopf hinausstreckt und auf die Straße spuckt oder der Nachbar seinen Müll in unseren Hof wirft."
Ihre Frau holt Sie auf die südindische Erde zurück?
Ibrahim Syed: Ja, sie bremst mich, wenn ich mich beschwere, dass einer nicht zum vereinbarten Termin kommt oder der Taxifahrer hupt, wie er will. Ich lebe in Indien. Das ist meine Heimat. Und wenn ich zwei Wochen in Deutschland bin, dann vermisse ich die Bananenstauden, wo ich selber die Bananen pflücken und essen kann.
Auszüge aus dem ursprünglich einstündigen Gespräch, geführt von Peter Felixberger und Michael Gleich.
Foto: Kathrin Harms, Zeitenspiegel








