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Ilija Trojanow: Die Sprache finden

Ilja Trojanow entstammt einer bulgarischen Familie, die nach Deutschland geflohen ist und dann nach Kenia weiterzog. Er hat in München, Bombay, Kapstadt und Paris gelebt, ist Mitglied des deutschen P.E.N.-Zentrums und von seinen vielen Auszeichnungen ist der jüngste der Berliner Literaturpreis. Er hat Romane, zum Beispiel ?Der Weltensammler?, aber auch viele Reportage- und Sachbücher geschrieben. In seinem Buch ?Kampfabsage? (Blessing Verlag, München 2007) wendet er sich gegen die populäre These von Samuel Huntington, wonach uns ein "Kampf der Kulturen" bevorstehe, insbesondere zwischen der "islamischen Welt" und "dem Westen."

Culture Counts: Sie sind als Kind mit Ihrer Familie aus Bulgarien geflohen und dann gleich nach Kenia weitergezogen. Wie haben Sie das erlebt?

Trojanow: Das hat mich sehr geprägt, weil die Unterschiede zwischen dem kommunistischen Bulgarien, dem Flüchtlingslager in Triest und dann in Zirndorf sehr groß waren. Dann sind wir nach Kenia weiter, in eine völlig andere Welt. Wenn man das als Sechsjähriger erlebt, bekommt man kulturelle Flexibilität fast schon in die Kinderschuhe gelegt. Mein Vater arbeitete nach der Flucht aus Bulgarien als Ingenieur bei einem Büro am Starnberger See. Sie hatten einen Auftrag aus Kenia bekommen und die gemütlichen Bayern guckten alle meinen Vater an uns sagten: ?Na, Herr Trojanow, Sie sind ja schon auf Reisen, können Sie für uns nach Afrika weiterziehen?? Und plötzlich waren wir in Kenia. Dann kam ein zweiter und ein dritter Auftrag. Meine Eltern sind fast 20 Jahre dort geblieben.

Wie verstehen Sie Identität - generell und für sich?

Es gibt kein homogenes, vor allem kein statisches Identitätsmuster. Ich bin davon überzeugt, dass Identität ein dynamischer Vorgang ist, abhängig von den jeweiligen Biographien, bei manchen Menschen dynamischer als bei anderen. Dennoch is ist bei fast allen Menschen eine gewisse Entwicklung im Leben zu verzeichnen, und diese Entwicklung führt zum Beispiel von einem dörflichen in ein städtisches Leben, von der Einsprachigkeit der Kindheit in die Mehrsprachigkeit des Erwachsenenlebens. Das ist nicht unbedingt ein modernes Phänomen. Wenn Sie sich zum Beispiel Afrika anschauen, da war es völlig normal, dass die Menschen drei-, vier-, fünfsprachig aufgewachsen sind. Es gab eine intensive Migration des Handelns und des Austausches. Auch auf dem Balkan war es in manchen Regionen normal, dass man sowohl die Sprachen als auch die religiösen Gebräuche der Nachbarn kannte.

Das Zeitalter der Ideologien hat als seine stärkste Waffe den Nationalismus geschaffen. Würgt er nicht generell die Mehrkulturalität ab?

Wie jedes ideologische Muster terrorisiert uns auch der Nationalismus. Und wie alle primitiven Erklärungsversuche schafft er eine Realität, die das, was sehr vielfältig ist, zu homogenisieren versucht. Etwa die so genannte Dritte Welt. Im 19. Jahrhundert ist sie von uns ?entdeckt? worden und dann hat man das, was man vorgefunden hat, mit bestimmten Begriffen bedacht. Zum Beispiel Indien mit dem Hinduismus. Diesen Begriff gab es gar nicht in Indien, aber heute wird er von indischen Nationalisten aufgegriffen, um Muslime auszugrenzen.

Sind Sie Deutscher, Bulgare oder Schriftsteller? Wenn Sie jemanden neu kennen lernen, sagen Sie dann: Ich bin jemand, der in einer dynamischen Identitätsentwicklung begriffen ist?

Können Sie sich vorstellen, dass es Unterschiede oder Kategorisierungen gibt, die einfach irrelevant sind? Dann wäre Ihre Frage völlig irrelevant und ich würde, wenn ich sie dennoch beantwortete, so tun, als wäre sie wichtig.

Aber waren Sie in der Kindheit mehr Bulgare als heute?

Nein, das wäre ein Trugschluss. Ganz typisch für Exilfamilien ist es, dass die Heimat, die man verloren hat, in einem ganz besonderen Licht der Verklärung und Nostalgie erhalten wird, sie erscheint im intimen Licht einer schönen Familiengeschichte. Man erinnert sich nicht an die Komplexität der politischen und sozialen Zustände, sondern an das Aufgehobensein bei der Großmutter und die Lieblingsspeisen, die sie gekocht hat. Das ist ganz normal. Genauso normal ist es, dass ich mich irgendwann für eine Sprache entscheiden musste, nachdem ich in Kenia drei- bis viersprachig aufgewachsen war.

Sie haben dann Deutsch gesprochen?

Ich war auf der deutschen Schule in Nairobi. Im Alltag habe ich natürlich Englisch, zuhause immer Bulgarisch und dann teilweise Kisuaheli gesprochen. Die tägliche Mehrsprachigkeit war selbstverständlich. Ab einem gewissen Punkt, vor allem, wenn man beschließt, Autor zu werden, muss man sich für eine Sprache entscheiden. Und in dem Moment, in dem ich mich für die deutsche Sprache entschieden habe, hat das mein Identitätsmodell stark beeinflusst.

Gibt es etwas, was man auf Deutsch eindeutig besser oder intensiver ausdrücken kann als in Englisch?

Deutsch ist eine sehr reichhaltige und flexible Sprache. Sie kann unglaublich trocken, genau, wissenschaftlich, abstrakt, bürokratisch daherkommen, dafür ist sie auch berühmt, aber sie kann auch sehr sinnlich, warm, fließend, rhythmisch, mystisch sein. Sie ist erheblich ausländerfreundlicher als die Deutschen. Man kann sich im Deutschen sehr schnell heimisch fühlen, was in Deutschland etwas schwieriger ist.

Sind Menschen, die plurale Identitäten haben und mehrere Sprachen sprechen, weniger fremdenfeindlich?

Gibt es überhaupt plurale Identitäten? Ich glaube nicht. Es gibt nur eine Identität, die aber per se plural ist. Identität ist für mich immer eine Einheit. Das Entscheidende ist, wie man den Anderen betrachtet. Und das fängt damit an, wie man ihn definiert. Es gibt in unserer Gesellschaft die Tradition, die Hauptbetonung auf die Differenz zum Anderen zu legen. Das ist fatal. Man kann allerdings einen anderen Menschen auch anders betrachten und sich auf das Gemeinsame konzentrieren.

Je breiter man seine Identität anlegt - sprachlich, vom kulturellen Horizont, durch Reisen -, desto mehr ist man in der Lage, im Anderen das Eigene und das Andere nicht als fremd zu erkennen?

Und in der Lage, die Widersprüchlichkeit der Phänomene zu erkennen, anstatt sie mit Vorurteilen und Stereotypen abzutun.

Der indische Nobelpreisträger Amartya Sen sagt, jeder Mensch habe mehrere Identitäten. Er bezeichnet sich unter anderem als Muslim, Vegetarier, Feminist, Popfan, Sozialist und Wissenschaftler. Spricht Ihnen eine solche Haltung  aus dem Herzen?

Sen ist ein unglaublich intelligenter Mensch. Was ich sehr schön finde: Er ist seit Jahrzehnten überwiegend in England und den USA zu Hause ist und zieht gleichzeitig viele seiner Ideen aus den alten indischen Traditionen. Darin wird gesagt, den Anderen als Fremden zu bezeichnen, sei bereits der Beginn von Gewalt.

Wann kann man sagen, jemand sei in seiner Kultur authentisch? In Deutschland gilt jemand als echt, wenn man ihn eindeutig regional zuordnen kann. Das führt dann dazu, dass Bayerische Bergwanderer immer rote Kniestrümpfe tragen.

Es gab einmal eine hawaianische Musikband, die 30 Jahre lang um die Welt gezogen ist. Sie hat auf Kreuzfahrtschiffen, in Clubs in Tokio, Bombay und Istanbul gespielt. Dabei integrierten sie die verschiedensten Einflüsse in ihr Repertoir. Nachdem sie zurückgekommen waren, galten sie als Musterbeispiel hwawainischer Volksmusik. Das heißt, authentisch ist eigentlich nichts anderes als Hybridität, die vergessen worden.

Dann ist auch die Debatte um eine deutsche Leitkultur eine Chimäre?

Die lieben Politiker sollen sich doch einmal hinsetzen und einen Katalog machen, wenn es so klar ist, was Leitkultur ist: Die 27 typischen Momente deutscher Leitkultur. Leitkultur ist eigentlich wie Leitplanke: Es geht nur darum, auf beiden Seiten eine Mauer zu setzen und dann den Verkehr zu kanalisieren. Keiner aber weiß, wie der Verkehr funktioniert, wie gefahren wird und wie die Regeln sind. Es ist eine Rahmensetzung ohne Inhalt.

Erkennen wir in Deutschland langsam, dass wir eine multikulturelle Gesellschaft sind?

Ja, notgedrungen. In der öffentlichen Debatte trumpfen allerdings immer noch diejenigen auf, die behaupten, Deutschland könne keine multikulturelle Gesellschaft sein. Die leben genauso hinter dem Mond wie diejenigen, die ein überholtes Ideal von multikultureller Gesellschaft befürworten, nach dem Motto: Jeder darf hier sein eigenes Ding machen. Für mich liegt das Ideal genau in der Mitte. Wir brauchen ein System von offenem Interesse und mit Anteilnahme, bei dem alle Seiten überzeugt sind, dass sie von dem Anderen etwas lernen können. In Deutschland aber ist das Absurde, dass unterschwellig immer mitschwingt, die Anderen, die Fremden müssten sich an uns anpassen.

Wie nähern wir uns diesem Ideal der Mitte - in der Schule, in der Politik?

Wir müssen erstmal die Aufregung reduzieren. Es ist im Moment teilweise erschreckend, wie hysterisch reagiert wird, wenn irgendwo eine Provokation, ein vermeintlicher Angriff, zum Beispiel von islamistischer Seite kommt. Darüberhinaus müssen wir im Kindergarten und in der Schule mehr Vielstimmigkeit, sowohl sprachlich als auch kulturell, vermitteln. Es wird viel diskutiert, ob die muslimischen Kinder eigenen Islamunterricht erhalten sollen. Aber warum ermöglichen wir nicht allen, sowohl Christliches als auch Islamisches und Buddhistisches zu lernen.

Wird die Welt im Zuge der Globalisierung flacher, grauer und schmaler oder wird sie bunter und weiter?

Es ist beides der Fall, sowohl ein mehr an kultureller Vielfalt als auch eine Verflachung. Zunächst einmal muss man zwischen Vermischung und Fusion unterscheiden. Fusion ist das, wenn sich etwa eine Sängerin wie Björk denkt: ?Ah, die Beats auf meinem neuen Album sind noch nicht richtig peppig, ich habe mal gehört, in Mali gibt?s coole Rhythmen.? Dann jettet Björk für 48 Stunden nach Mali ins Studio, einer trommelt ihr was vor, gut, nehme ich, tschüss. Das ist Fusion und nichts mit dem langwierigen Prozess der Hybridisierung zu tun. Das ist Kommerz, denn ein Popstar kann es sich leisten, überall hinzugehen und sich das herauspicken, was ihm ins Konzept. Solche Phänomene gibt es viele in der Globalisierung. Andererseits gibt es natürlich auch viele Tendenzen des spannenden, intensiven Vermischens.

Gibt es auch bei der kultrellen Globalisierung ein Reich-Arm-Gefälle?

Ja, denn die wirtschaftlich schwachen Kulturen - und ihre Sprachen - werden teilweise ausgelöscht. Sie haben nicht die nötige kritische Masse, um als Partner in der Globalisierung weiterhin fortzubestehen. Die große Gefahr liegt darin, dass wir zwar durch Prozessen der Globlisierung weiterhin viel Vermischung haben werden, dass aber die eigenständigen kulturellen Traditionen, die dazu notwendig sind, allmählich aussterben. Wenn uns sozusagen irgendwann mal das Fremde ausgeht, gibt es auch keine Vermischung mehr. Dann haben wir nur noch Monokultur. Das ist öde ? in der Kultur genauso wie in der Natur.