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Jeder ist global

Joana Breidenbach und Ina Zukrigl-Schief sind Ethnologinnen und Autorinnen. Gemeinsam veröffentlichten sie unter anderem Tanz der Kulturen, wissenschaftliche Studien und Kolumnen zur kulturellen Globalisierung in brand eins. Ihrer Meinung nach führt Globalisierung nicht unbedingt zur weltweiten Einebnung, sondern stärkt lokale Kulturen. 

In Ihren Studien beschreiben Sie transnationale, mobile, kulturell-kompetente Persönlichkeiten, die Globalisierungsgewinner. Wo bleibt der Blick auf die Verlierer?
Breidenbach: Wir zeigen, dass viele, die gemeinhin als Globalisierungsverlierer gelten, häufig verkannt werden. Viele von ihnen haben, durch den Aufbruch traditioneller Strukturen, eine größere Vielfalt an Lebensmöglichkeiten und bessere Chancen.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Breidenbach: Anfang der 90er Jahre reisten plötzlich viele Chinesen nach Osteuropa. Häufig wussten sie gar nicht genau, wo Ungarn liegt, aber sie hatten gehört, dass es dort für kleine Händler etwas zu verdienen gibt. Seitdem verkaufen sie auf Märkten in Budapest Schuhe und gefälschte Taschen. Auf den ersten Blick leben sie in ärmlichen Verhältnissen. Schaut man jedoch genauer hin, sieht man, dass sie sehr mobil und vernetzt sind. Sie halten ständig Kontakt zu ihren Verwandten in China und in den Vereinigten Staaten. Auf der einen Seite sind sie Opfer von realem Rassismus in Ungarn, auf der andern Seite nutzen sie jede Chance für ein besseres Leben.

Gewinner oder Verlierer der Globalisierung: Ist das also eine Frage der Perspektive?
Breidenbach: Genau. Die Betroffenen haben oft eine ganz eigene Sichtweise, die man sich nur durch Gespräche erschließen kann. Biografien erzählen eine andere Geschichte als die Wahrnehmung von außen. Wir müssen Globalisierung endlich differenzierter sehen.

Was hindert uns daran?
Zukrigl-Schief: Thesen wie die vom "Kampf der Kulturen", die der Harvardprofessor Samuel Huntington erfolgreich propagiert hat. Doch die sechs Zivilisationen, die er erkannt haben will ? Afrika taucht da gar nicht auf ?, sind ein theoretisches Konstrukt, in dem die Menschen fehlen. Doch in Wirklichkeit ist jeder einzelne eine individuelle Abmischung kultureller Einflüsse. Darin liegt Herausforderung für uns Ethnologen: Wir müssen die Menschen in ihren Lebensstilen, geografischen und kulturellen Bezügen wieder sichtbar machen.

Wenn es klar abgrenzbare Zivilisationen gar nicht gibt, warum ist die These vom "Clash of Civilizations" bis heute so populär?
Zukrigl-Schief: Sie vereinfacht. Sie ist eine dieser Theorien, die ein komplexes Geschehen mit einer einzigen, großen Story erklären. Das kommt beim Publikum an. Wenn Ethnologen sagen: Es ist alles viel komplizierter, aber auch spannender, dann hören uns weniger Leute zu.

Welches Bild vermitteln die Medien von den kulturellen Folgen der Globalisierung?
Zukrigl-Schief: Als wir anfingen uns mit der Thematik zu beschäftigen, Anfang der 90er Jahre, präsentierten die deutschen Medien Globalisierung als ein von der Wirtschaft vorangetriebenes Geschehen, dessen kulturelle Bilanz negativ ist: Die ganze Welt wird gleich, eine große Kulturschmelze setzt ein. Wir waren damals in London an der Uni und hörten dort plötzlich ganz andere Berichte von Leuten, die wirklich vor Ort forschten. Ihr wichtigster Befund war, dass Waren, Ideen und Institutionen, mit denen Menschen neu in Kontakt kommen, auf ganz unterschiedliche Weise aufgenommen, verstanden, ins tägliche Leben eingebaut werden.

Was bedeutet das für die kulturelle Vielfalt?
Breidenbach: Dass es durchaus Prozesse der Angleichung, also der Kulturschmelze gibt, aber gleichzeitig auch durch die neuen Kontakte zwischen Kulturen eine neue Vielfalt entsteht. Nehmen Sie eine Diskothek in Köln und eine in Kalkutta. Äußerlich das gleiche, man könnte sagen: Die Welt wird uniform. Doch wenn man sich in das Geschehen hineinzoomt, wird das Bild facettenreicher. Die Kinder der Mittel- und Oberschicht, die in Kalkutta feiern, tanzen zu Bollywood-Filmmusik und trinken keinen Alkohol. Die Disco beginnt nachmittags und um neun Uhr abends ist Schluss, weil dann alle brav nach Hause gehen.

Aber beherrscht nicht die amerikanische Popkultur immer stärker die Geschmäcker rund um den Globus?
Zukrigl-Schief: Wenn man Statistiken glaubt, stimmt das. Ihnen zufolge verdrängen amerikanische Filme die einheimischen Produktionen. Im schwarzafrikanischen Niger zum Beispiel stammen 86 Prozent der Spielfilme aus den USA. Ist man aber vor Ort, sieht man, dass die beliebtesten, und auch zahlenmäßig dominierenden Filme, aus Indien stammen (da es sich vielfach um Raubkopien handelt, tauchen die in den Statistiken nicht auf) Die Leute verstehen zwar kein Wort von den Dialogen, aber das tut der Beliebtheit keinen Abbruch. Die Themen der indischen Filme ? soll ich mich durch meine Eltern verheiraten lassen? Ist Küssen in der Öffentlichkeit schicklich? ? treffen genau die brennenden Fragen der Muslime. Wenn man wirklich etwas wissen will über die Folgen der Globalisierung, muss man ins Leben der Menschen eintauchen.

Aber findet nicht trotzdem so etwas wie eine globale Kulturschmelze statt?
Zukrigl-Schief: Es gibt auf jeden Fall Vermischung. Aber sie muss nicht unbedingt bedeuten, dass der Westen seine Kultur in alle Welt exportiert. Es gibt beispielsweise auch eine chinesische Globalisierung. Sie wird geprägt von chinesischen Unternehmern, Werten, Fernsehstationen und Netzwerken. Für viele Regionen der Welt sind diese neuen Einflüsse wichtiger als die amerikanischen.

Sind die Nationalstaaten aufgerufen, ihre Eigenarten gegen den Kulturimperialismus von außen zu verteidigen?
Breidenbach: Man darf nicht vergessen, dass insbesondere in der Vergangenheit gerade Regierungen die großen Gleichmacher waren. In vielen Gesellschaften sind auf dem Weg zum Nationalstaat indigene Völker sang- und klanglos ausgerottet worden, samt ihren Sprachen, Sitten und Kunsthandwerken. Diese Völker hatten nicht das Selbstbewusstsein zu sagen: Unsere Kultur ist ein wertvoller Schatz, den verteidigen wir. Doch mittlerweile gibt es global eine größere Wertschätzung von Pluralität. Davon profitieren lokale Kulturen. Die meisten Staaten nahmen den Schutz ihrer Minderheiten in die Verfassung auf.

Wie spielt da Globalisierung hinein?
Breidenbach: Mehr Handel, aber auch mehr Tourismus führt zu viel häufigeren Begegnungen als früher. Das hat Folgen. Japan zum Beispiel gibt sich nach außen als homogener Staat. Minderheiten wie die Ainu lebten am Rande der Gesellschaft, meist auf der nördlichen Insel Hokkaido. Doch dann boomte der Tourismus, und die Ainu begannen, ihre Kultur selbst zu vermarkten. Ihre Mythen, Tätowierungen und Textilmuster. Das große Interesse der Touristen verhalf ihnen zu einem neuen Selbstbewusstsein. Heute präsentieren sie sich offensiv gegenüber ihrer Mehrheitsgesellschaft.

Dabei gilt gerade der Massentourismus als großer Zerstörer echter Kultur.
Zukrigl-Schief: Aber was heißt echt? Unsere eigene Gesellschaft hat sich rasend schnell modernisiert, aber wenn wir in die Ferne reisen, sollen die Menschen dort gefälligst exotisch und traditionell leben. Nur dann gelten sie als authentisch. Wir projizieren unsere Sehnsucht nach Echtheit auf die Fremde. Oft wird beklagt, afrikanische Kunst werde durch zahlungskräftige Urlauber verhunzt. Abwaschbare Fruchtbarkeitsstatuen, Kunst fürs Handgepäck. Tatsächlich haben oft nur die Auftraggeber gewechselt. Früher waren es die adeligen Tuareg, die Kunsthandwerker in Lohn und Brot hielten und mit ihnen zusammen Techniken und grafische Muster entwickelten. Heute kommen Touristen und hätten gerne eine Bleistiftbox im Tuareg-Design. Warum nicht? Ihr Gewerbe gedeiht wie nie zuvor.

Die Sehnsucht nach "echter" Kultur scheint groß zu sein ...
Zukrigl-Schief: ... aber verrennt sich oft. Ein Beispiel: 60 Prozent der Norwegerinnen haben die Nationaltracht Bunad im Schrank hängen. Dafür wird sehr viel Geld ausgegeben, weil sie nicht industriell gefertigt, sondern aufwendig bestickt wird. Sie entstand Anfang des 20. Jahrhunderts als Mischform aus unterschiedlichen norwegischen Trachten. Dieser Nationaldress war etwas Neues, Künstliches. Doch heute tut man so, als müsse man ein ewiges Vermächtnis hüten. Es gibt sogar einen norwegischen Rat, der das Tragen des Bunad reguliert, beispielsweise ohne Make-up und Goldschmuck.

Ist also Tradition eher ein dynamischer Vorgang als etwas Festes?
Zukrigl-Schief: Genau. Aber wir haben ein schlechtes Gedächtnis. Wir vergessen, welche Mischungsprozesse es in der Vergangenheit gab. Und dass viele Traditionen irgendwann als neuer Brauch erfunden worden sind. Alle reden von Gutenberg als Erfinder des Buchdrucks, dabei stammt diese Technik aus China. Und trotzdem lesen wir heute Bücher.

Ein Motor von Globalisierung ist das Internet. Nivelliert das Netz mit seinen Standards nicht lokale Vielfalt?
Breidenbach: Einige Völker, etwa die Aborigines in Australien, nutzen es, um ihr altes Wissen und ihre Gebräuche zu archivieren. Nicht nach Kategorien, die ein westlich denkender Museumskurator angelegt hätte, sondern nach ihren eigenen Bedürfnissen, so dass z.B. bestimmte Mythen nur für bestimmte Bevölkerungsgruppen zugänglich sind. Sie können das, weil das Internet leicht zugänglich und finanzierbar ist. Eine Aboriginesgruppe in Zentralaustralien nutzt die elektronische Vernetzung sehr kreativ. Sie schicken ihre traditionellen Designs per Email an Sticker in Kaschmir, wo Kissenbezüge und andere Textilien damit hergestellt werden, die dann weltweit verkauft werden. Das ist Süd-Süd-Globalisierung.

Wenn man heute reist, stößt man überall auf die Filialen der gleichen Modeketten und Schnellrestaurants.
Breidenbach: Die sehen äußerlich gleich aus. Interessant ist, wie unterschiedlich sie in verschiedenen Kulturen in den Alltag eingebaut werden. Beispiel McDonalds. In China gehen viele Menschen aus einem ganz banalen Grund dorthin: wegen der sauberen Toiletten; öffentliche Bedürfnisanstalten zu benutzen ist immer noch ein Wagnis. Außerdem können dort auch Frauen allein hingehen, was in traditionellen Teestuben nicht möglich wäre. In Singapur, wo die Menschen winzigste Wohnungen haben, treffen sich Jugendliche bei McDonalds, um Hausaufgaben zu machen. Oder in Arizona, wo Rentner mit Wohnmobilen in der Wüste überwintern, fungieren die Fast-Food-Filialen als Altentagesstätte. Das heißt: Die gleichen Restaurants haben kulturell unterschiedlichste Bedeutungen.

Aber die Profite macht ein amerikanischer Konzern.
Breidenbach: Ja, aber mit Nebenwirkungen. In Russland hat das Auftauchen von Hamburgern auch dazu geführt, dass heute Bistros traditionelle Hausmannskost als Fastfood anbieten. Und auf den Philippinen, wo den Leuten die amerikanischen Burger zu lasch gewürzt waren, überrundete die einheimische Kette Jollibee seinen amerikanischen Konkurrenten.

Was können wir tun, um unseren deutsch und europäisch geprägten Blick auf die Welt, auf fremde Kulturen zu erweitern?
Zukrigl-Schief: Wir brauchen in der Schule ein Fach wie Weltenkunde. Dabei geht es nicht nur darum, über andere Kulturen zu informieren, also auch mal über die Geschichte der Maya und Azteken zu reden. Sondern darum, verschiedene Traditionen vor der eigenen Haustür einzubeziehen. Türkisch-deutsche Schüler etwa fungieren oft als Mittler zwischen ihren Elternhäusern und der Schule, ihr (inter)kulturelles Wissen wird aber im Schulalltag nicht gewertschätzt, obwohl interkulturelle Kompetenz in deutschen Lehrplänen offiziell als Ausbildungsziel propagiert wird. Statt dessen vermitteln viele interkulturelle Trainings Stereotype. Wir müssen weg von Veranstaltungen, die uns angeblich nahe bringen, wie DER Inder und DIE Chinesen sind. Wichtig sind vielmehr kommunikative Fähigkeiten. Dazu gehört zu erkennen, wer man selbst ist und Sensibilität im Umgang mit Andersartigkeit.

Heute werden Managern, die ins Ausland gehen, interkulturellen Trainings angeboten, damit sie sich besser zurechtfinden ? ein Fortschritt?
Breidenbach: Es ist gut zu erkennen, dass zum Beispiel Korruption oder der Begriff Fortschritt eine kulturelle Dimension haben und in vielen Ländern anders verstanden werden als bei uns. Aber oft werden in den Trainings nur Stereotype vermittelt. Die Teilnehmer lernen, dass Afrikaner unpünktlich sind und wie man in China Visitenkarten überreicht. Doch die Wirklichkeit ist bunter. Ein Japaner an der Universität in Sydney wurde von einem dieser Kulturtrainer gebeten: "Zeig doch mal, wie man sich bei euch verbeugt." - "Ich verbeuge mich nicht." - "Aber wenn du den Kaiser triffst, wie würdest du ihn begrüßen?" - "Ich würde Hallo sagen."

Auszüge aus dem ursprünglich einstündigen Gespräch, geführt von Peter Felixberger und Michael Gleich.


Foto: Christoph Püschner, Zeitenspiegel

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