Nähe braucht Zeit
Pepe Danquart, der Oscar-Preisträger (für den Kurzfilm Schwarzfahrer), liebt die Extreme. Das spiegeln die Themen seiner Filme wider: Sportler am Limit, eine indische Banditin, Freeclimber beim Rekordversuch, körperliche Höchstleistungen ganz normaler Arbeiter. Ihn reizen Projekte, die auch scheitern können.
Sie haben in vielen Ländern gedreht. Wie nähern Sie sich fremden Kulturen an?
Pepe Danquart: Mit Vorsicht, Respekt und Neugierde. Deshalb bin ich oft schon Monate vor Ort, bevor ich einen Film drehe, um mit den Menschen und Orten vertrauter zu werden. Um Vertrauen zu schaffen. Die Basis jeder guten Zusammenarbeit.
Wie vermittelt man das Fremde einem Publikum, das sehr selten mit anderen Kulturen in Kontakt kommt?
Pepe Danquart: Das ist immer schwer. Da gibt es einerseits unmittelbar vordergründig andere Lebenswelten, die man verständlich machen muss. Gleichzeitig will man jedoch nicht an der Oberfläche bleiben, sondern in die Tiefe gehen, das erst "auf den zweiten Blick" sichtbare Andere oder Gemeinsame herauszuarbeiten.
In Ihrem Film Am Limit über die beiden Extremkletterer Alexander und Thomas Huber gibt es einen amerikanischen Bergsteiger, der die fehlende sprachliche Tiefe der beiden Hauptpersonen auf unvergleichliche Weise kompensiert.
Pepe Danquart: Das war ein absoluter Glücksfall. Jemand zu haben, der erklären kann, was Grenzgänger antreibt. Sprachlich explizit den Sub-Text eines Filmes formulieren kann. Denn manche Menschen tun Dinge, die andere nicht können. In meinem Fall Klettern, an die Grenze des Möglichen gehen. Inklusive ihres Scheiterns am Berg, wie es Alexander bei seinem Absturz erging. 20 Meter ohne Seil in die Tiefe zu springen, das ist, wie aus dem sechsten Stock auf die Straße zu springen und zu überleben. Auch ein Glücksfall, denn gerade in diesen Momenten zeigt sich die wirklich menschliche Größe eines Menschen. Das fasziniert die Leute. Risiko auf sich zu nehmen, um ein Ziel zu erreichen. Denn jeder von uns hat Ziele, Träume und will etwas riskieren - nur scheitern will er nicht. Deshalb tun es viele nicht und geben ihre Träume auf, bevor sie überhaupt begannen.
Zum Beispiel in einer senkrechten Wand einen Film drehen?
Pepe Danquart: Ja. Ein Grenzgang ersten Ranges. In 1.000 Meter senkrechtem Granit einen Film zu drehen unter den noch spezifisch gegebenen Bedingungen ist ein Wahnsinn. Denn wir durften im Yosemite-Nationalpark keinen Hubschrauber und keine Flycams einsetzen. Wir mussten alles erklettern, nicht selten im neunten Schwierigkeitsgrad. Mit drei Kameraleuten, Ton in dieser vertikalen Granitwüste oft zwölf bis 15 Stunden arbeiten. Es war ein schmaler Grat, wie die Crew, bestehend aus 27 Leuten, für ein Stück Film Tag für Tag ihr Leben riskiert hat, an sich und der Aufgabe gewachsen ist. Uns (das Team) hat dies natürlich zusammengeschweißt. Wir haben gemeinsam die Angst überwunden und irgendwann Dinge getan, die wir uns vorher gar nicht vorstellen konnten. Und am Ende war das Besondere an dieser Art von Erfahrung: Wenn ich einen Angstraum hinter mir lasse, ist meine Lebenswelt wieder größer geworden, die Kraft, die ich mit ins Leben nehme, gewachsen, meine Persönlichkeit hat sich verändert, gewachsen im sich Messen mit der Angst. Vielleicht wollen Grenzgänger diese Erfahrungen deshalb immer wieder machen.
Wobei wieder alles von vorne beginnt?
Pepe Danquart: Das ist tatsächlich die Tragödie der Grenzgänger. Es gibt einen weisen Spruch in der Welt der Bergsteiger, der folgendermaßen lautet: ?Oben, wirklich oben, bist du nie!? Dass dies auch auf mich zutrifft, weiß ich seit geraumer Zeit. Ich suche noch immer das Unmachbare, also Dinge zu schaffen, die es noch nicht gegeben hat. Es ist wie eine Sucht. Und immer wieder ist da dieses irrsinnig schöne (Schein-)Gefühl, man habe etwas geschafft, für sich persönlich, was vorher unerreichbar schien. Dieses Glücksgefühl ist so ungeheuer kraftvoll und mit kaum etwas zu vergleichen, das man, wenn es nachlässt, sofort wiederhaben will. Der Verlust macht dich unruhig, traurig, ja depressiv. Dann geht die Reise erneut los. Wo das noch hinführt, weiß ich nicht. Ob es glücklich macht, auch nicht.
Wenn man es jedoch nicht schafft, wird man als Verlierer abgestempelt. In Deutschland gibt es keine Kultur des Scheiterns. Wer will schon zu den Verlierern gehören?
Pepe Danquart: Ja, das ist das eigentlich Schlimme. Denn nur im Scheitern liegt die Größe zu wachsen, und nicht im Gewinnen. Nur im Scheitern, nicht in der Hybris des Ruhms und Gewinns, entsteht menschliche Größe.
Sind Sie selbst mal gescheitert und haben es am eigenen Leib gespürt?
Pepe Danquart: Ja, nicht nur einmal bin ich in diese schwarzen Löcher der Endzeitstimmung gefallen. Und die größte Anstrengung in meinem Leben war es, wieder aus diesen Löchern herauszukommen. Filme machen heißt für mich, zwischen Euphorie und totaler Depression zu wechseln. Durchkämpfen ist angesagt. Als Künstler macht man sich mit seiner Kunst bemerkbar. Wenn das nicht funktioniert, fällt man in Depressionen. Samuel Beckett beispielsweise war schon 41 Jahre alt, als sein erstes Buch veröffentlicht wurde. Fünf Jahre später hat er den Nobelpreis gewonnen. Die Zeit davor hat er durchgehalten.
Die Menschen fühlen sich aber im Mittelmäßigen auch sehr zu Hause.
Pepe Danquart: Henry Miller hat, als er den Nobelpreis bekam, die USA beschrieben als eine große Schale, in der runde Ameisen leben. Als dann nur eine einzige Ameise es schafft, auszubrechen aus dem Immergleichen, an den Rand hoch und darüber hinauszukommen, kam Unruhe auf. Was war passiert? Alle anderen Ameisen versuchten, diese Ameise wieder zurückzubringen. Sie wollten, dass alle in ihrer Mittelmäßigkeit gleich bleiben.
Um nicht in diesem Schema verhaftet zu bleiben, liegt die Größe darin, den Anderen zu ermutigen, seinen eigenen Weg zu finden. Auch wenn er sich nicht mit dem eigenen deckt, ihn zu respektieren. Respekt zu zollen und Kraft daraus zu schöpfen, auch für sich selbst. Viele Menschen haben mir gesagt, als sie den Film Am Limit gesehen haben: ?Ich hatte für 24 Stunden das Gefühl, ich kann alles machen.? Ich empfand diese Aussage als das Kompliment schlechthin für diesen Film.
Mit anderen Worten: Höchstleistung ist ein Wert, nach dem man streben darf. Auch in Deutschland?
Pepe Danquart: Klar, wobei ich Höchstleistung unterschiedlich bemesse, sie nicht auf Weltklasseleistungen oder nur sportliche Leistungen beziehe. Wenn jemand den Mut hat, sich zu einer Liebe zu bekennen, die schwierig ist, wenn jemand einen sicheren Job aufgibt und nochmal neu anfängt und seinen Traum lebt, dann ist das auch Höchstleistung. Die Latte liegt unterschiedlich hoch, je nach Talent und Vermögen. Je nachdem, was jemand sich persönlich für Ziele setzt. Die Aufregung bei einer Klassenarbeit in der Schule, bei der Diplomprüfung an der Uni oder der Habilitationsveröffentlichung im Verlag ist immer gleich zu bemessen - für den jeweils Betroffenen.
Toleranz ist das Ertragen des Fremden. Wie schaffen wir es, tolerant zu sein?
Pepe Danquart: Zeit ist ein Faktor und Aushalten. Nicht das Vorurteil im Sinne von ?das Vor und dann das Urteil?, sondern ein Urteil werden lassen, wenn man die Zeit hatte, es auszuhalten. Viele Dinge in anderen Ländern sind nicht begreifbar, weil sie einen völlig anderen kulturellen Hintergrund haben. Man steht da und begreift nichts. Bei den Japanern beispielsweise, wenn eine Bedienung in der Teestube das Tablett auf Knien bringt. Das ist eine alte Tradition, hoch geschätzt im Land, hat aber mit europäischen Augen gesehen etwas Demütigendes. Dem nicht zu verfallen, sondern mit Neugierde verstehen zu wollen, was dies oder jenes in diesem Land bedeutet, braucht Toleranz in der Sache und dem Anderen gegenüber, also das Gegenteil von vorgefertigter Haltung.
Wie halten Sie Ihre persönliche Neugier aufrecht?
Pepe Danquart: Meine größte Angst ist, dass meine Neugierde verloren geht, nicht, wie ich sie aufrechterhalte. Ich bin von Grund auf ein ängstlicher Mensch. Nicht ängstlich, dass ich jetzt nicht über die Straße gehen könnte, aber ängstlich, mich in Situationen zu bringen, die Gefahren für mich, mein Leben oder meine Psyche bedeuten. Eben herauszutreten aus dem gewohnt Sicheren und es dann im nicht mehr gesicherten Bereich auszuhalten. Ich habe deshalb für mich eine Technik entwickelt, es trotzdem zu tun. Ich begebe mich bewusst in Situationen, aus denen ich nicht wieder zurück kann. Ich bringe mich über den Punkt des ?no return?. Da gibt es dann nur noch den Weg nach vorn - oder aufzugeben. Und das habe ich noch nie. Auch darüber habe ich Gewissheit.
Ein heimliches Therapieprogramm?
Pepe Danquart: Kann man so sagen. Ich bin jetzt 52 Jahre alt und habe mehr als 30 Filme gemacht. Heute weiß ich, dass alle Filme nur zu ihrer bestimmten Zeit entstehen konnten. Das hatte immer unbedingt und unmittelbar mit meinem Leben, meinem Zustand und meinem Dasein zu tun gehabt. Diese Filme haben mich vor sich hergetrieben, zu dem gemacht, was ich bin. Nicht ich war es, der dies tat.
Wie schafft man es, Vertrauen mit dem Fremden aufzubauen?
Pepe Danquart: Das ist jetzt aber ein gewaltiger inhaltlicher Sprung! Ich will dennoch versuchen, zu antworten. Es ist, glaube ich, die persönliche Bereitschaft, sich auf andere Lebenswelten einzulassen. Darüber hinaus muss man etwas von sich dalassen. Wenn man eine filmische Aufnahme mitnimmt, muss man selbst etwas Bleibendes hinterlassen, ein Äquivalent in den Herzen, den Köpfen von jenen, mit denen man gearbeitet, gedreht und ihnen damit etwas genommen hat.
Ich habe beispielsweise in Bosnien während des Krieges den Film Nach Saison gedreht. Dafür habe ich zwei Jahre lang in Mostar gelebt und in einem Stadtteil gefilmt, in dem es nichts zu essen und kaum etwas zu trinken gab. Ich kam über die UNO immer rein und raus, meine Protagonisten mussten bleiben. Ob sie wollten oder nicht. Irgendwann fragte mich ein alter Schuster: ?Kannst du mir eine bestimmte Nadel für meine Leder-Nähmaschine mitbringen? Die krieg ich nicht mehr, und die ich hatte, ist abgebrochen.? Der Mann hat gemerkt, als ich einige Wochen später wiederkam, dass ich ihn nicht vergessen habe. Ich war in dieser Situation so etwas wie eine Nabelschnur nach draußen. Ins richtige Leben. Ein Leben im Frieden. Ich teilte mit diesen Leuten die Not, ich teilte mit ihnen auch das wenige, was sie zu essen hatten, nahm ihre Geschichten mit - und gab ihnen doch so vieles in dieser für sie so schweren Zeit. Das Gefühl, nicht vergessen zu sein. So glaube ich wenigstens.
Der amerikanische Journalist Hunter S. Thompson hat einmal gesagt: ?Man muss Teil des Themas werden und mitten hineingehen.? Er hat immer kritisiert, dass die klassischen Reporter mit kritischer, analytischer Distanz ein Thema bearbeiten.
Pepe Danquart: Stimmt. Ein guter Kriminalist muss denken wie ein Verbrecher, dann kann er ihn kriegen, weil er Teil dessen wurde, wonach er suchte. Aber das ist nicht das, worauf Sie hinauswollten, oder? Wenn Sie auf die Tatsache hinauswollten, dass ich meine filmischen Protagonisten liebe, keine kritische Distanz aufbaue, sondern Vertrauen Grundlage unserer gemeinsamen Arbeit ist - dann haben sie recht. Jeder Film, der so entsteht, ist eine Reise in ein unbekanntes Land voller Entdeckungen. Ein Abenteuer. Ein Glück.
Auszüge aus dem ursprünglich einstündigen Gespräch, geführt von Peter Felixberger und Michael Gleich.
Foto: Kathrin Harms, Zeitenspiegel







