Oszillierende Identität
Seyran Ates - Rechtsanwältin, Menschenrechtlerin, Muslimin, Mutter, Tochter, Bisexuelle, Ausreißerin, Feministin, Feministenkritikerin, Berlinerin, Attentatsopfer, Autorin, Kopftuchgegnerin, Sozialdemokratin. Oder einfach: Seyran. Für ihr Engagement erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen.
Manche sehen Sie als Türkin, manche als Deutsche - wie bezeichnen Sie sich selbst?
Seyran Ates: Ich habe beschlossen, mich nicht auf Label wie "deutsch" oder "türkisch" reduzieren zu lassen. Ich bin außerdem noch Menschenrechtlerin, Muslimin, Mutter, Bisexuelle, Feministin, Feminismuskritikerin, Autorin, Sozialdemokratin und Rechtsanwältin. Ich verstehe mich deshalb vor allem als vielkultureller Mensch.
Was halten Sie von dem Begriff Deutschländerin?
Nicht schlecht. Ich habe einen starken Bezug zu Deutschland, der Begriff ortet mich zumindest geographisch. Ich bin außerdem Lokalpatriotin, möchte aber ungern als Berlinerin bezeichnet werden, das klingt nach Fettgebackenem mit Marmelade drin.
Haben Sie diese vielkulturelle Mischung in vergangenen Lebensphasen unterschiedlich empfunden?
Eine Zeit lang habe ich mehr meine türkische Seite gelebt. Das war in der Kindheit, gezwungenermaßen. Irgendwann bin ich dann von zu Hause ausgerissen, weil ich die Unfreiheit nicht mehr ertragen habe. Danach wollte ich 15 Jahre lang von dieser Kultur nichts mehr wissen. Alles Türkische oder Anatolische an mir wurde verdrängt; in dieser Zeit habe ich nur noch deutsch gesprochen, gedacht, geträumt. Bis ich irgendwann merkte: So bin ich als Mensch nicht komplett. Ich brauche beide Seiten. Sie werden in mir immer in Bewegung bleiben und ständig eine neue Balance suchen.
Was war für Sie zunächst der größte Unterschied zwischen beiden Kulturen?
Ich musste erstmal lernen, ich zu sagen. Ich bin in einer Großfamilie aufgewachsen, wir waren fünf Kinder, dazu jede Menge Tanten und Onkel. Man hat uns beigebracht, immer nur die Familie, die ganze Sippe mitzudenken. Deshalb kannte ich nur ein Wir. Weder Mädchen noch Jungs dürfen Individualität entwickeln und ausleben. Eigene Bedürfnisse, Gefühle und Gedanken wahrzunehmen, das war für mich als junge Erwachsene ein riesiger Entwicklungsschritt. Den hat mir die deutsche Kultur ermöglicht.
Glauben Sie, dass es fest gefügte Kulturkreise gibt, die man von anderen unterscheiden und definieren kann?
Nein. Jeder Einzelne ist Träger von Vielfalt und mischt kulturelle Einflüsse auf seine ganz eigene Weise.
Ist Identität etwas, das man bei der Geburt bekommt, oder können wir sie selbst gestalten?
Beides. Natürlich werden Weichen gestellt. Dass ich in Istanbul geboren bin, daran kann ich nichts ändern. Das hat meinen Charakter und die Persönlichkeit geprägt. Aber später im Erwachsenenalter, wenn wir mehr Freiheiten bekommen, fällen wir Entscheidungen, die auch unsere Identität verändern. Das kann aber auch schon in der Schulzeit beginnen. Als ich mit sechs Jahren als Gastarbeiterkind nach Deutschland kam und die Schule besuchte, fing ich an, darüber nachzudenken: Wer sind wir und wer sind die anderen? Das Eigene und das Fremde. Für mich war es wie ein Schock, andere Kinder sprechen zu hören und kein Wort zu verstehen. Es war schwer zu begreifen, dass es Menschen gibt, die eine andere Sprache sprechen.
War die deutsche Schule also ein Horror für Sie?
Nein, im Gegenteil, ich fühlte mich zum ersten Mal als Einzelperson gesehen. Meine Talente wurden gefördert, das hatte ich zu Hause nie erlebt. Mein Schulweg kam mir vor wie eine Wanderung zwischen zwei Welten.
Offensichtlich begünstigen unterschiedliche kulturelle Einflüsse die Persönlichkeitsentwicklung. Warum haben dann so viele Menschen Angst vor Vielfalt und Verschiedenartigkeit?
Es fürchten sich ja nur diejenigen davor, die das nicht selbst erleben, sondern immer nur von außen betrachten. Wenn jedoch Kontakte und Mischungszonen entstehen, verschwinden Vorurteile und Ängste recht schnell.
Wo gibt es solche Überlappungszonen?
Schule ist dafür ein ganz wichtiger Ort. Dort bekommen Kinder von der jeweils anderen Kultur etwas mit.
Was sollten Migrantenkinder dort vorrangig lernen?
Zunächst die deutsche Sprache. Ohne gute Kenntnisse werden Migranten immer benachteiligt bleiben. Außerdem ein anderes Menschenbild als in traditionellen islamischen Gesellschaften, insbesondere was die Rolle der Frau betrifft. Deshalb bin ich auch dafür, dass die Schule kopftuchfrei bleibt.
Und warum nicht deutschen Kindern Türkisch beibringen?
Das wäre natürlich eine Bereicherung. In Kalifornien wurde Spanisch wegen der vielen Einwanderer aus Mittel- und Südamerika zur zweiten offiziellen Sprache. Das könnte in Deutschland ähnlich laufen. Meiner Tochter versuche ich zu vermitteln, wie schön es ist, sowohl auf Deutsch als auch auf Türkisch träumen zu können.
Bei Ihnen hört sich das so einfach an, verschiedene kulturelle Elemente zu integrieren. Gibt es nicht auch Momente, wo Sie die Widersprüche erleben und daran verzweifeln?
Oh ja, ich kenne diese Zerrissenheit. Und Momente, wo mir die negativen Seiten beider Kulturen um die Ohren fliegen. Ich habe beispielsweise lange darum gekämpft, von meinen Eltern anerkannt zu werden, die meinen Lebensstil als zu deutsch, als zu frei verurteilt haben. Und ich erlebe Ablehnung, wenn ich als Feministin auf der Islamkonferenz auftrete. Die halten mich für eine Nestbeschmutzerin.
Aber beginnt Toleranz nicht damit, das Fremde zu ertragen?
Ja genau. Meine Toleranz macht sich genau an dieser Stelle fest, dass ich Andersartigkeit aushalte und meine Angst davor immer wieder neu überwinde. Wenn ich das schaffe, stärkt mich das.
Gibt es angesichts der sehr unterschiedlichen kulturellen Sphären, die Sie beeinflusst haben, nicht auch eine Sehnsucht, irgendwo anzukommen?
Ja, aber anders, als Sie denken. Ich möchte bei mir ankommen. Die Sehnsucht bezieht sich auf einen Zustand, wo ich mich vollkommen angenommen fühle. Dieses Gefühl hatte ich erstmals in den USA. Als ich dort Menschen begegnete, fragte man mich, wo ich herkomme. Das war reines Interesse, ohne Hintergedanken, mich in eine Schublade zu stecken. Dort kamen Menschen aus so vielen Kulturen zusammen, dass alle irgendwie fremd und neu waren. Das war befreiend.
Glauben Sie, diese Leichtigkeit in Berlin überhaupt erleben zu können?
Ich hoffe das, aber nach dem Attentat im Jahr 1984, das ich nur wie durch ein Wunder überlebt habe, ist es für mich schwierig, mich hier sicher zu fühlen. Damals arbeitete ich in einer Beratungsstelle für türkische Frauen und Mädchen, der Attentäter war ein wütender türkischer Ehemann. Als ich vor einem Jahr erneut von einem türkischen Mann körperlich angegriffen wurde, konnte ich nicht mehr weitermachen. Ich habe meine Lizenz als Rechtsanwältin erst einmal zurückgegeben.
Das wurde von einigen als ein Zurückweichen vor der Gewalt interpretiert.
War es auch. Meine Angst wurde zu groß, ich habe auch um meine Tochter gefürchtet. Eine türkische Zeitung schrieb, Seyran Ates hat das Handtuch geworfen. Da schwang auch Freude mit. Mir fiel dieser Rückzug sehr schwer. Ich wollte schon im Alter von 15 Jahren Anwältin werden, um mich für die Rechte anderer einzusetzen. Das war für mich eine Berufung, mehr noch als mein Gelderwerb.
Sehen Sie allgemein eine größere Gewaltbereitschaft bei türkischen Männern, deren Frauen sich Rechtsbeistand suchen?
Ja. Die Verfahrensgegner werden immer aggressiver. Je mehr Frauen sich trauen, zur Anwältin zu gehen, ihr Recht einzuklagen, desto aggressiver werden die Männer. Sie kommen nicht damit zurecht, dass die traditionelle hermetische Abriegelung, in der die Frauen gehalten wurden, nicht mehr funktioniert. Die Box wird durchlässig. Nicht zuletzt, weil deutsche und türkische Menschenrechtlerinnen den Frauen beistehen.
Welche Prinzipien müssen auf jeden Fall für jeden gelten, der in Deutschland leben will?
Er muss die deutsche Sprache sprechen, da lass ich überhaupt nicht mit mir diskutieren. Und dann müssen Migranten die freiheitlich-demokratische Grundordnung anerkennen. Bürgerrechte wie persönliche Integrität, freie Meinungsäußerung, Gleichberechtigung der Geschlechter und Religionsfreiheit sind nicht verhandelbar. Offiziell unterschreiben Migranten diese Werte, wenn sie die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen.
Und inoffiziell?
Leben die meisten ganz anders. Das sind Lippenbekenntnisse. Und hier kritisiere ich auch die Mehrheitsgesellschaft. Sie schaut mehrheitlich weg. Etwa wenn türkische Mädchen von ihren Familien aus dem Schwimmunterricht genommen werden oder nicht mit auf Klassenfahrt dürfen. Dann sagen sich viele Deutsche: Soll halt jeder nach seiner Fasson selig werden. Das klingt tolerant, aber diese Multikulti-Romantik bewirkt genau das Gegenteil. Wir verpassen die Gelegenheit, deutlich zu machen, dass Bürgerrechte auch für türkische Mädchen gelten. Sie den Eltern auszuliefern ist organisierte Gleichgültigkeit.
Sie sprechen sogar von Multikulti-Fanatikern ...
Von einem fundamentalen Irrtum bis zum Fanatismus ist es nur ein kleiner Schritt. Der Irrtum besteht darin, wir müssten Einwanderern einräumen, alle kulturellen Eigenarten auszuleben. Doch damit blenden wir aus, dass unsere eigene Gesellschaft sich im Laufe der Geschichte weiterentwickelt hat. Denken Sie nur an die Frauen- und Umweltbewegung. Auch Migranten können Gewohnheiten verändern. Wenn wir von neuen Bürgern nicht einfordern, dass sie unsere Grundwerte akzeptieren, dann entmündigen wir sie und sprechen ihnen die Fähigkeit zur Modernisierung ab. Das ist Rassismus pur.
Worin sehen Sie dessen Ursachen?
Einmal wissen Deutsche immer noch viel zu wenig über andere Kulturen, die bei uns leben. Außerdem ist für Multikulti-Fanatiker jeder Ausländer per se ein Opfer und damit ein guter Mensch. Dabei wird übersehen, wie viel Frauenfeindlichkeit, Schwulenhass und Antisemitismus es beispielsweise in türkischen Gemeinschaften gibt.
Wie interpretieren Türken diese Pseudo-Toleranz?
Die lachen die Deutschen aus. Sie halten sie für Weicheicher, die nicht zu ihrem Staat, ihren Werten, ihrer Religion stehen. In der Türkei dürfte ein junges Mädchen in der Schule kein Kopftuch tragen, in Deutschland ist das möglich. Daher die Verachtung.
Sehen Sie ein Problem darin, dass viele Migranten ihresgleichen suchen und in Ghettos leben?
Zunächst ist das verständlich. Man sucht sich Menschen, die die eigene Sprache sprechen, die ähnlich fühlen, denken und handeln. Deutsche im Ausland verhalten sich genauso. Aber es ist wichtig, dass die Mehrheitsgesellschaft Angebote macht, damit Menschen diese Abschottung verlassen können. Auch hier spielt die Schule eine wichtige Rolle. In Klassen, die gut gemischt sind, ergeben sich Kontaktflächen zwischen Deutschen und Nichtdeutschen. Denn viele Gastarbeiter, die hierherkamen, sind eher konservativ. Sie haben ihre Kinder gewarnt: Die Deutschen wollen euch verwestlichen und euch die Kultur stehlen, lasst euch auf nichts ein. Kein Wunder, dass viele Jugendliche, die so von Respektspersonen indoktriniert wurden, nicht bereit sind, sich auch nur einen Zentimeter zu bewegen.
Was trennt Deutsche und Türken?
Vor allem das Thema der selbstbestimmten Sexualität, auch für Frauen. Da ist die größte Kluft. Auf beiden Seiten gibt es viele Ängste, die nicht ernst genug genommen werden. Auf deutscher Seite vor dem Islamismus, vor Selbstmordattentätern, davor, die Scharia könne auch in Deutschland eingeführt werden. Aber auch auf der muslimischen Seite herrscht die Angst, etwa vor Verwestlichung, womit meist die sexuelle Selbstbestimmung gemeint ist. Und die meisten Muslime haben ebenfalls Angst vor den islamischen Fanatikern.
Und was kann uns verbinden?
Dieser Angst gemeinsam in die Augen zu sehen. Und sie gemeinsam zu überwinden.
Foto: Zeitenspiegel Reportagen







