Das Spiel des Lebens (2)
Von Michael Gleich
Die globalisierte Welt wird immer unübersichtlicher. Wie kann man diese Komplexität managen? Mit Diversity, was sonst! Ein Essay in zwei Folgen.
Nordkorea ist nicht komplex. Im Gegenteil, das Land zeichnet sich durch wunderbare klare und einfache Verhältnisse aus. Militärs und Parteikader haben das Volk fest im Griff. Über allen und allem steht der Diktator Kim Il Sung, der "Geliebte Führer", und wer den nicht liebt, lebt lebensgefährlich. Demokratische Freiheiten: unbekannt. Weil Verteidiger bei Gericht nichts zu sagen haben, ist auch die Rechtslage übersichtlich. Die Medienlandschaft ist flurbereinigt, die Monokultur einer einzigen veröffentlichten Meinung erleichtert die Orientierung.
Der Markt ist geplant und reguliert bis ins Detail, so dass keine Gefahr nichtlinearer Entwicklungen besteht, beispielsweise ein Wirtschaftsboom, ein Florieren, ein Börsenfieber. In der Folge kann auch der Konsum der Nordkoreaner als nicht-komplex gelten; in leeren Geschäften droht keine Qual der Wahl, Gras essen als höchste Stufe der Einfachheit. Aus Furcht vor Subversion ist die Bewegung in der Stadt eingeschränkt (Fahrraderwerb genehmigungspflichtig), im Lande sowieso (Autokauf genehmigungspflichtig), die Vernetzung nach außen auf ein Minimum reduziert (Telefone und Internetzugang genehmigungspflichtig). Da kann man sich ganz auf sich selbst konzentrieren. Simplify your life, in der nordkoreanischen Übersetzung. Im Musterländle der Linearität wissen 49 Millionen Nordkoreaner immer genau, wo es langgeht.
Dagegen leiden die Bürger freier und entwickelter Staaten fürchterlich unter der stetig zunehmenden Komplexität. Alles so unübersichtlich. So viele Optionen. Die Macht der Freiheit lastet als Bürde auf uns. Müssen wir wieder machen, was wir wollen? Ewig dieser Entscheidungsdruck! Das Labyrinth der Meinungsvielfalt! Die neuen Leiden der Nichtlinearität! Die Folter des vernetzten Denkens! Kann nicht mal jemand ganz deutlich sagen, wo es langgeht??
Wir verzichten auf den freundlichen Hinweis: Wenn euch das alles zu viel wird, dann geht doch nach drüben. Nein, dieser Satz ist verbrannt. Sagen wir nicht. Wenn's auch noch so schwer fällt ...
Miteinander verbunden reagieren
Fangen wir lieber einfach von vorne an. Nichtlinearität ist ein Kennzeichen komplexer Systeme. Definiert als Organisationsform, in der Phänomene und Lebewesen miteinander verbunden reagieren. Komplexität kommt von flectere, flechten. Freie Märkte sind komplex, Nahrungsnetze im Regenwald und am Korallenriff, das Internet, Gesundheitssysteme, Gehirne, Entwicklungshilfe. Charakteristisch sind ein hohes Maß an Selbstorganisation, die Unmöglichkeit der Kontrolle sowie eine Entwicklungsdynamik, die sich chaotisch auf- oder abschaukeln kann: Ursachen und Wirkungen stehen in nichtlinearem Verhältnis.
Wenn man untersuchen will, wie man verhindert, dass Komplexität entsteht, ist Nordkorea ein wunderbares Beispiel. Totalitäre Staaten versuchen, jegliche Form von Selbstorganisation zu unterdrücken. Ihr Programm lautet totale Kontrolle. Umgekehrt ist die wichtigste Voraussetzung, damit sich verflochtene Systeme entfalten können: Freiheit.
Jeder von uns fühlt, wie die Komplexität unseres Lebens rasant zunimmt. Ein Attentat in New York kippt die Aktienkurse in Tokio. Ob die Rente sicher ist, hängt irgendwie von der Ökosteuer ab. Die Immobilienkrise in den USA bringt die Bundesregierung in die Bredouille. Sahara-Staub düngt den südamerikanischen Regenwald. Durchgeknallte Balkan-Despoten bringen die UN ins Rotieren. Die Malediven sorgen sich über den Schadstoffausstoß der USA, weil Klimaänderungen im Indischen Ozean "Land Unter" bedeuten könnten. Und so weiter. Alles ist mit allem verbunden, jeder mit jedem. In der Natur war das schon immer so. In Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erleben wir seit 15 bis 20 Jahren eine sich selbst beschleunigende Zunahme von globaler Verflechtung. Die wichtigsten Triebfedern: Zusammenbruch des Ostblocks und vieler totalitärer Staaten Anfang der 90er Jahre; wachsender Welthandel; stetige Digitalisierung von Techniken, die immer neue Verbindungen und Kombinationen unterschiedlichster Geräte und Systeme erlaubt; explosionsartige globale Vernetzung seit Mitte der 1990er Jahre; Pluralismus der Lebensstile, Werte, Haltungen; intensiverer Austausch zwischen Kulturen und Religionen, unter anderem als Folge von steigender Mobilität und Kommunikation.
Fazit 1: Die Welt ist freier und komplexer geworden. Fazit 2: Wer Freiheit will, sollte Komplexität nicht bejammern.
Das Paradies der einfachen Wahrheiten
Aber genau das passiert. Je mehr vernetztes Denken gefordert wäre, desto verzweifelter verlangt das Publikum nach einfachen Wahrheiten. Wahlbürger, Zeitungsleser, Konsumenten scheinen getrieben von der Sehnsucht nach Simplem. Sie pflegen, offen oder verkappt, eine Nostalgie der guten alten und vor allem übersichtlichen Zeiten. Nicht, dass sie nicht vernetzt denken könnten: Sie werden nur nie gefordert.
Eine Kultur klarer Kausalitäten hat sie eingelullt, eine Illusion geradliniger Gewissheiten, die gezielt genährt wurde, eine Tradition der Welterklärung von oben. Eine sehr lange Tradition. Bilder tauchen auf, Satzfetzen aus Jahrhunderten: Die Erde ist eine Scheibe. Gott sieht alles. Für Fürst und Vaterland. Befehl vom Führer. Die weiße Rasse ist allen anderen überlegen. Die Partei hat immer Recht. Ich Boss, du Arschloch. James Bond: Das Schlechte trägt schwarz, das Gute englische Maßanzüge. BILD dir eine Meinung, am besten unsere. Wenn die Ausländer nicht wären, hätten alle Deutsche Arbeit. Im Osten werden blühende Landschaften entstehen; allen wird es besser und keinem schlechter gehen. Koalition der Willigen gegen die Achse des Bösen.
Der kleine Streifzug zeigt: Geschichte ist auch eine Chronik der unzulässigen Vereinfachungen. Über die länger zurückliegenden lächelt man, doch die gerade aktuellen finden massenhaft Gläubige. Moderne Märchen mit einer einfachen Moral haben Hochkonjunktur. Man träumt sich in ein Paradies der einfachen Wahrheiten zurück, in dem die Äpfel rot, Schlangen teuflisch und Götter unfehlbar sind.
Hier der Weckruf in die Runde: Aufwachen, ausgeträumt! Die Welt ist buntscheckig, vielfältig und mehrdimensional. Gewöhnt euch daran. So komplex sie heute sein mag, morgen wird sie garantiert noch komplexer sein. Darin liegt eine Riesenchance für mehr Freiheit. Nehmen wir die Herausforderung an! Zusammen mit Meinungsführern, die sich nicht länger als Regisseure des "Reduce to the False" verstehen, sondern als Elite des vernetzten Denkens mit gutem Beispiel vorangehen. Im einzelnen:
(1) Die Politiker. Die Mehrheit von ihnen ist - von Ausbildung und dogmatischer Ausrichtung her - so einfach gestrickt, dass sie systemische Gesetze gar nicht versteht. Zusammenhänge, Vernetzungen, Emergenzen, Wechselwirkungen. Und die wenigen unter ihnen, die kompetent mit Freiheit umgehen können, sind auch nicht zu beneiden, weil ein völlig verdorbenes Publikum eindimensionale Antworten von ihnen verlangt. Reporter recken ihre Mikrofone für die Analyse der globalen Sicherheitslage, am besten in einer Minute 30. Entschuldung der Dritten Welt, "schneller auf den Punkt" gebracht. Reform des Rentensystems, aber bitteschön schlagzeilentauglich. Das muss sich ändern. Gefordert sind Politiker, die in der Lage sind zu analysieren, wie im gesellschaftlichen Gefüge Ursachen und Wirkungen teilweise unvorhersagbar aufeinander reagieren, und die sich trauen, das Wahlvolk auch mal mit komplexen Wahrheiten zu konfrontieren.
(2) Journalisten können einen wichtigen Beitrag zu einer Kultur der Komplexität leisten. Derzeit fühlen sie sich gebeutelt und eingeschränkt durch die Finanzkrise der Tageszeitungen und Rundfunkanstalten. Für eine differenzierte Berichterstattung steht viel zu wenig Geld bereit. Gekürzte Budgets produzieren reduzierte Wahrheiten. Hier tut sich eine Marktlücke auf. Die Königsdisziplin für Medien mit Anspruch ist es, Zusammenhänge zu erklären und Wirkungsgefüge zu veranschaulichen. Außerdem sollten sie, als Chronisten der Zeit und ein Teil des kollektiven Gedächtnisses der Gesellschaft, nachhalten, welcher Entscheidungsträger wann was gesagt und getan hat - und was er heute im Widerspruch dazu sagt und tut. Das sorgt für Orientierung.
(3) Manager und Unternehmer lernen, dass Firmen keine abgeschotteten Kästen mehr sind, aus denen keine Informationen hinaus dürfen und in die keiner hineinschauen darf. Die "Black Box" gehört in einer hochvernetzten, demokratischen Welt zu den Auslaufmodellen. Unternehmen transformieren sich zu Netzwerken, die wiederum auf vielfache Weise mit anderen Systemen vernetzt sind: Zulieferern, Kunden, freie Entwicklungsbüros, Universitäten, gesellschaftlichen Gruppen.
(4) Systemisches Denken kann man lernen. Eine dankbare Aufgabe für Erzieher und Lehrer, die verantwortlich dafür sind, Heranwachsende auf den Umgang mit der Macht der Freiheit vorzubereiten. Bücher, Strategie- und Rollenspiele, Unterrichtseinheiten, alles bereits vorhanden, man muss nur noch gewillt sein, sie anzuwenden. Schulen, bisher immer noch viel zu sehr mit dem Einpauken von Fakten beschäftigt, müssen sich in Trainingslager für vernetztes Denken umwandeln.
Balance zwischen Ordnung und Chaos
Komplexitätsforschung ist derzeit eine gefeierte Disziplin. Kybernetiker, Biologen, Wirtschaftswissenschaftler, Mathematiker, Chaosforscher und Vertreter weiterer Fakultäten arbeiten zusammen, um das Verhalten "komplexer adaptiver Systeme" zu analysieren. Durch den Austausch über herkömmliche Grenzen hinweg entsteht die so genannte Dritte Kultur, eine Synthese von Erkenntnissen aus Natur- und Geisteswissenschaften. Sie geht davon aus, dass komplexe anpassungsfähige Systeme, die äußerlich so verschieden wie Internet und das Nahrungsnetz eines Binnensees sind, grundlegende Ähnlichkeiten aufweisen. Grundprinzipien, nach denen sowohl Natur und Technik, Wirtschaft und Gesellschaft organisiert sind, treten sichtbar hervor. Die Einheit einer Wirklichkeit, die durch den traditionellen Wissenschaftsbetrieb künstlich in zwei Sphären getrennt worden war, rückt in greifbare Nähe.
Doch die Querdenkerei geht weit über akademische Gedankenspiele hinaus. Denkfabriken wie das Santa Fé Institute gelten mittlerweile als Mekka für Manager, Regierungsbeamte und Netzwerker aller Art, die das Wissen über komplexe Systeme in der Praxis nutzen wollen. In Seminaren lernen sie, die Systembeziehungen in ihren Organisationen zu analysieren und zu steuern. Es geht darum, die richtige Balance zu finden zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Erzeugung und Reduktion von Komplexität, zwischen Führen und Freiräumen. Vor allem verlieren die Teilnehmer die Angst vor Überforderung.
Zu Recht stammen viele der Beispiele, die im Santa Fé Institut studiert werden, aus der Evolution. Dort hat man verstanden, dass wir am Beginn eines Zeitalters stehen, in dem die Technik immer mehr in die Biologie eingreift, gleichzeitig elektronisch gestützte Technologien biologischen Systemen immer ähnlicher werden. Insofern sind Blicke über traditionelle Fakultätsgrenzen hinweg das Gebot der Stunde. Die Evolution ist die wohl kreativste Komplexitätsmanagerin auf Erden. Sie versteht es, aus einfachsten Bausteinen - Genen, Atomen, Zellen - immer aufwändiger strukturierte Lebewesen zu erschaffen. Bakterien, Fische, Säugetiere, Menschen. Und schließlich das Gehirn, die komplexeste lebendige Struktur überhaupt; dagegen ist sogar das deutsche Steuersystem simpel wie eine Amöbe. Die hundert Milliarden Nervenzellen des Hirns arbeiten ihre Aufgaben nicht wie ein Computer seriell ab, Schritt für Schritt. Weil massiv miteinander verbunden, können sie Signale parallel verarbeiten.
Jedes Neuron sendet seine Signale direkt an rund zehntausend andere Zellen und empfängt welche von ihnen. Diese Architektur vollbringt das Wunder, dass jede Nervenzelle jede andere über maximal vier Umschaltungen anfunken kann. Ein Gehirn der kurzen Wege. Dadurch wird das Gehirn zum Paradebeispiel dafür, welche gigantischen Möglichkeiten sich eröffnen, wenn sich alles mit allem verbindet.
Ein guter Komplexitätsmanager lernt von der Evolution, wie man Win-Win-Situationen (Biologen würden sagen: Symbiosen) erzeugt; wie man Chaos und Ordnungen ausbalanciert; dass in komplexen Systemen kleine Fehler wichtig sind, um sie gegen große Fehler zu immunisieren; dass es in der Natur kein "ökologisches Gleichgewicht" gibt, stattdessen permanenten Wandel und kreative Zerstörung, bei der das eine stirbt, um dem anderen einen Platz zum Leben zu geben - genau wie in der Wirtschaft; dass die freie Wildbahn nicht von Konkurrenzkämpfen beherrscht wird, sondern Erfolg auch denjenigen winkt, die geschickt kooperieren.
Allianzen aller Art sind ein gutes Beispiel für die Chancen und Risiken von komplexen Systemen. Einerseits ist ein Zusammenschluss von Partnern aufwändiger zu managen, als wenn sich jeder allein durchwurschtelt. Andererseits entstehen durch solch kooperatives Verhalten auch Synergien, Einsparpotenziale, neue Tätigkeitsfelder, und im besten Fall ist das Ganze mehr als die Summe der einzelnen Teile.
Die Angst geht um, dass die Komplexität, die wir täglich und täglich mehr erzeugen, uns über den Kopf wächst. Und sie ist berechtigt. Die Kunst besteht darin, erwünschte Effekte zu nutzen und unerwünschte zu vermeiden. Sprich: Wir stürzen uns immer dann in dieses Knäuel von Knoten und Links namens Komplexität, wenn es den Zielen dient. Und lernen, Komplexität zu reduzieren, wenn sie uns überfordert. Unsere Gesellschaft ist dabei, dafür die angemessenen Kulturtechniken zu entwickeln. Das Spektrum reicht von intelligenten Filtersystemen, die uns gegen den täglich herabprasselnden Regen von Medieninformationen, Mails, beruflichen Anfragen und Freizeitangeboten abschirmt. Solche elektronischen Filtersysteme werden in Zukunft wichtige Schleusenwärter sein: auf persönliche Vorlieben und Abneigungen gepolt, kontinuierlich trainiert, regeln sie Vernetztheit in einem Maß, das einem bekömmlich erscheint.
Einfach mal abschalten!
Neben schlauer Software gibt es aber auch ganz simple Kunstgriffe, um Komplexität aufs menschliche Maß zu bringen. Der eine heißt Vertrauen; wenn ich den Empfehlungen und Warnungen von Menschen folge, deren Werte ich kenne und teile, erspart mir das Denkarbeit und eine Menge schlechter Erfahrungen. Der andere lautet: Wenn es zu viel wird, einfach abschalten. Sich von den Netzen abkoppeln. Disconnect! Kokons gegen Komplexität! Uns retten im täglichen Gewusel um uns herum nur aufgeklärte Formen der Isolation, temporär und selbstgewählt.
Selbstbewusstes Ausklinken. Und eine Art wissender Unwissenheit, die weiß: Ich kann mich nicht in jedem Thema auskennen, von A wie Alterung der Gesellschaft bis Z wie Zukunft der Weltraumfahrt, deshalb blende ich eine Vielzahl von Aspekten aus - und habe KEINE MEINUNG dazu. Avanti Ignoranti! Aber das bitte auch konsequent betreiben: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal Fresse halten! Gerade in der Politik wimmelt es von Dauerplauderern, die das Kunststück vollbringen, keine Meinung zu haben, diese aber wohlformuliert unters Volk zu bringen. Ganz einfach.
In Nordkorea wird vorexerziert, wie weit ein diktatorisches System bei der Entmündigung seiner Untertanen gehen kann. Reduktion von Komplexität, von oben verordnet. Ein Autokrat wie Kim Il Sung glaubt, das Land so regieren zu können, wie man Hebel und Regler einer Maschine betätigt. Die letzte Bastion der Linearität. Maschinen sind linear, aber Menschen sind komplex. Eines Tages wird der "Geliebte Führer" jedoch erfahren, wie mächtig Nicht-Linearität wirken kann: Wenn die Nordkoreaner, wie einst die Ostdeutschen, das kreative Chaos entdecken und sein System über Nacht zur Implosion bringen.









