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Stationen der Fremdheit

Von Michael Gleich

"Was ist fremd?" lautete die Leitfrage beim Interview Marathon. Michael Gleich über Momente seines Lebens, in denen er sich besonders fremd gefühlt hat.

Erste Station Fremdheit: Ghana. Dort hatte ich Anfang der Neunzigerjahre für eine Reportage über Heilige Wälder recherchiert. Besser gesagt Urwälder, die von den Dörflern nicht angetastet wurden, weil dort nach animistischem Glauben Götter oder Geister lebten. Baumfällen wäre ein Sakrileg gewesen. Den Übeltäter hätte ein Fluch getroffen. Für diesen sakralen Naturschutz zuständig war, eine Autostunde von der Hauptstadt Accra entfernt, ein grauhaariger Fetisch-Priester und seine jungen Gehilfinnen.
Eine Woche lang recherchierte ich dort - und verstand von Tag zu Tag weniger, was vor sich ging. Endlose, erhitzte Diskussionen zwischen Priestern und Chef-Priestern und Alt-Priestern wurden geführt, ob man den Weißen ins Heiligtum, sprich: in den Wald lassen sollte. Eines Nachts tanzten und trommelten die weißgekleideten und weißgeschminkten Priesterinnen vor meinem Fenster. Am nächsten Tag gingen wir in den Wald, dessen Baumriesen tatsächlich bis in den Himmel zu wachsen schienen. In ihrem Schatten wurden Hühner geopfert (von mir zu bezahlen) und Schnaps vergossen (ebenfalls auf meine Spesen), der alte Priester sprach Formeln und Gebete.
Es gab überdies eine Art Heiligtum, bestehend aus geflochtenen Zweigen, wie ein großer Tabernakel. Aber da sind wir schon bei den Schwierigkeiten: Tabernakel? Gott - was bedeutet er für einen Animisten? Ging es um einen Gott oder mehrere? Meine Fragen wurden vom Priester nicht beantwortet. Als ich auf Gewehrpatronen auf dem Waldboden hinwies - Jagd war hier angeblich streng verboten -, erntete ich strenge Blicke. Jeder Schritt führte zu einem neuen Tabu. Ich stand unter dem Druck der Redaktion, eine Geschichte mitzubringen. Und musste mir eingestehen, dass alle Erklärungsmuster und Konzepte, die ich im Gepäck hatte, im Kontext einer völlig anderen Kultur versagten.
Zurück in München entschloss ich mich, beim Schreiben ganz ehrlich zu sagen, was ich vor Ort verstanden hatte: nichts! Ich konnte zwar schildern, wer sich wie wann bewegte - aber den Sinn der nächtlichen Rituale, fuchtelnden Debatten und vergossenen Schnäpsen konnte ich nicht erklären. "Gott", "Altar", "Fluch" - diese Worte, die mir von der örtlichen Sprache "Ga" auf englisch übersetzt wurden, konnte ich nur mit meinem europäischen, christlich geprägten Weltbild verstehen. Nein: missverstehen. Und nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob die Heiligkeit der Wälder nun wirklich ein guter Schutz für sie und ihre tierischen Bewohner ist. Als einzige harte Tatsache blieb übrig, dass die "Sacred Groves" die einzigen Urwälder Ghanas außerhalb von Nationalparks sind, die weitgehend intakt geblieben sind. Der Rest: ein einziges Geheimnis.
Schwarzafrika, Fetischpriester, heilige Wälder. Das schien mir beim ersten Nachdenken über die Frage "Was ist fremd?" als der Gipfel der Andersartigkeit. Exotisch = fremd. In diese Falle sind vor mir schon viele getappt. Generationen von Forschungsreisenden, Kulturanthropologen und Reportern. Das gemeinsame Problem: So wie ich damals in Ghana suchen sie das Fremde im Außen. Dort verklären, überhöhen oder verteufeln sie es. Statt zu fragen, was eigentlich im Inneren, in der eigenen Psyche passiert, damit wir etwas als "fremd" bezeichnen und - meistens - abwehren.  

Raus aus der Komfortzone, rein in die Überforderungszone!  

Die zweite Station Fremdheit, die mir einfiel, lag weiter zurück. Es war der Tag, an dem ich zum letzten Mal in meinem Leben vor lauter Heimweh geweint hatte. Das war im Alter von zehn Jahren. Ein wohlmeinender Landarzt hatte eine Kur verschrieben, um meine Mutter zu entlasten, die eine kinderreiche Familie zu versorgen hatte. Deshalb kam sie auch nicht mit zum Bahnhof, wo andere Mütter die "kleinen Kurgäste" bei einer Betreuerin ablieferten. Ich fühlte mich allein, verloren, fremd. Meine Strategie, die kindliche Angst zu überspielen, bestand darin, in die Rolle eines kleinen Erwachsenen zu schlüpfen. "Phhh, ich kann schon alleine reisen - ich bin vernünftiger als die anderen!"
Als ich im Kurheim den Speisesaal betrat und ungefähr 50 fremde Gesichter sah, packte mich das nackte Elend. Ich tat so, als habe ich Magenschmerzen, und bat die Betreuerin, ins Bett gehen zu dürfen. Ich schloss die Tür zum Schlafsaal, war allein dort - und brüllte vor Verzweiflung. Irgendwann war ich völlig erschöpft, wurde ruhig und dachte: So schlimm ist das doch hier gar nicht! Das war das letzte Mal, dass ich mir erlaubt habe, in einer als umfassend fremd wahrgenommenen Situation meine Angst zu fühlen . Fortan machte ich in ähnlichen Situationen einen auf abgebrüht und bretterte über Bedrohungsgefühle hinweg.
Vielleicht hat diese Verdrängung mir später geholfen, ein halb-nomadisches Leben zu führen. Die Sehnsucht zu reisen, fremde Länder und Kulturen zu entdecken, hatte mein Vater geweckt. Er hatte mir immer vorgeschwärmt, wie spannend ein Berufsleben sein würde, bei dem einen andere dafür bezahlen, dass man durch die Welt jettet. Statt Ingenieur (sein Traum) wurde ich Reporter (mein Traum). Jedes Jahr reiste ich monatelang für Magazine wie natur und GEO durch Afrika, Asien und Südamerika. Koka-Anbau in Bolivien, Kampf gegen die Dürre in Burkina Faso, Tierzählung in Tansania, Lachkurse in Indien, Schildkröten-Rettung in Französisch Guyana, Geysire anzapfen in Island. Das ist tatsächlich ein Traumberuf für mich, denn diese Art professioneller Horizonterweiterung bringt mich immer wieder raus aus der Komfortzone, rein in die Überforderungszone, dorthin, wo echtes, tiefes Lernen stattfinden kann. Dennoch: Bei all den Begegnungen mit Menschen aller Hautfarben, allem Eintauchen in andere Lebenswelten geht mir nie dieses eine Gefühl verloren: Verdammt, ich bin hier fremd!
Bei der Ankunft, sagen wir in einem schwarzafrikanischen Land, packt mich jedes Mal wieder die Beklemmung. Die Fahrt vom Flughafen ins Hotel, in einem ungewohnten Taxi mit einem unbekannten Fahrer, womöglich nachts, ohne hinter den Lichtern ein Gesicht der Stadt zu erkennen. Es schleicht sich die gleiche Verlorenheit ein wie damals im Schlafsaal des Kurheims.
Sie lockert sich meist in den folgenden Tagen, verschwindet aber selten ganz. Ich spreche die lokale Sprache nicht, sondern meine Gastgeber und ich einigen uns in der Regel auf eine der Kolonialsprachen: englisch, französisch, spanisch. Ich kenne die Feinheiten der jeweiligen Religion nicht. Um die Nuancen im Verhältnis von Mann und Frau, von Jung und Alt, von Arm und Reich zu verstehen, müsste ich Jahre bleiben; Reporter bekommen von der Redaktion im besten Fall zwei Wochen. Eigentlich müsste ein Journalist auf jedes Mal vor dem Fremden kapitulieren.  

"Und, wie ist das Leben so?"  

Ich habe im Laufe der Jahre meinen eigenen Weg gefunden, um dem heimischen Publikum das ferne Leben nahe zu bringen. Die Methode ist einfach und schwierig zugleich. Sie besteht darin, den Menschen, von denen ich erzählen möchte, möglichst nahe zu kommen. Etwas zu erfahren über ihre Familien und Freunde, über ihre Geschichten und Träume, über Liebe und Hass, Freude und Schmerz. Mich einfühlen in das, was sie bewegt. Denn in diesen Ur-Äußerungen sind wir uns alle gleich, ob Afrikaner oder Europäer. Im zutiefst Menschlichen ist mir nichts Menschliches fremd. So entsteht über das Band der Gefühle eine Brücke zwischen den Protagonisten auf einem anderen Kontinent und den Lesern daheim.
Beim Interview Marathon berichteten gleich mehrere unserer Gäste, dass sie bei der Annäherung an fremde Kulturen ähnlich vorgehen. Der Fernsehjournalist Gerd Ruge hält Jägern in Sibirien das Mikrophon vor und beginnt mit einer ganz einfachen Frage: "Und, wie ist das Leben so?" Der Dokumentarfilmer und Oskar-Preisträger Pepe Danquart sagt: "Wenn man lange genug täglich mit den Menschen zusammen ist, vergessen sie irgendwann die Kamera. Dann erleben wir berührende Momente menschlicher Beziehungen mit - und darin erkennen sich die Zuschauer wieder." Der Fotograf Uli Reinhardt ist sich sicher, "dass jeder Betrachter eines Bildes, das eine Mutter in Palästina mit ihrem erschossenen Sohn zeigt, ganz genau weiß, was in diesem Moment in dieser Frau vorgeht".  

Der Schlüssel liegt in der Selbsterforschung  

Offensichtlich hat die Frage, ob fremd oder vertraut, etwas mit Gefühlen zu tun. Was mich zu der Frage führt: Wie steht es mit meinem Kontakt zu den eigenen Gefühlen? Kann es sein, dass ich mir selbst oft fremd bin? Und bei aller Sehnsucht zu wissen, was hinter dem Horizont liegt: Produziert das wirklich Neue nicht auch Unsicherheit und Angst? Sind Bedrohungsgefühle durch Fremde nichts anderes als auf andere projizierte eigene Ängste?
Der Philosoph und spirituelle Lehrer OM Parkin sagt: "Normalerweise orientiert sich die Identität eines Menschen an seiner Vergangenheit - und nicht an diesem Augenblick und seinem Erleben. Vertraut ist, was in ihrem geistigen Archiv angelegt, sortiert und etikettiert ist. Und fremd alles, was nicht in ihren Erfahrungsfilmen vorkommt. Da leuchtet dann die Warnlampe 'unbekannt' auf."
Diese Erkenntnis hat für unseren Umgang mit dem Fremden fundamentale Bedeutung. Zunächst bedeutet sie, dass jeder einzelne Mensch aufgerufen ist, sich seine inneren Kämpfe, Bedrohungen und Ängste anzuschauen, Verantwortung dafür zu übernehmen. Denn offensichtlich entscheidet sich in inneren, seelischen Räumen: Was ist uns fremd, was vertraut? Fühlen wir uns sicher oder unsicher? Gehen wir freudig oder ängstlich mit Neuem um? Wer diese Form von Selbsterforschung und innerer Arbeit leistet, wird aufhören, seine inneren Dämonen auf Menschen mit dunkler Hautfarbe zu projizieren; sich von einer Frau mit Kopftuch bedroht fühlen; "die Chinesen" als "gelbe Gefahr" zu verteufeln. Er wird erkennen, wie sehr die Begegnung mit Menschen anderer Kulturen ihn mit eigenen Ängsten vor Veränderung, vor dem Schritt ins Unbekannte konfrontiert.  

Die Angst überwinden  

Die zweite Konsequenz aus diesem inneren Verständnis von Fremdheit lautet: Wahre Toleranz lässt sich nicht von außen verordnen. Weder durch noch so umfassende Regelwerke politischer Korrektheit noch durch eine noch so gut gemeinte Moral. Die Fähigkeit, das Fremde zu ertragen, entsteht in der Beschäftigung mit der eigenen Innenwelt. Auch dazu gab es Stimmen beim Berliner Interview Marathon. Der Bestseller-Schriftsteller Peter Prange erinnerte an den Imperativ von Friedrich Nietzsche: "Werde, der du bist" und sagte: "Die letzte Orientierung kann ich nur in mir selber finden" - auch als Immunisierung gegen Fundamentalismen jeglicher Färbung. Und die türkische Rechtsanwältin und Menschenrechtlerin meinte: "Es ist die Angst, die Menschen trennt. Türken und Deutsche, wir können uns trotz aller Unterschiede miteinander verbinden, wenn wir gemeinsam die Angst überwinden."
Die Begegnung mit dem/den Fremden findet offensichtlich gar nicht in der Außenwelt statt. Sie ist eine innere Angelegenheit. Wir sollten uns also, auf der Suche nach echtem Respekt und belastbarer Toleranz weniger an aufgeschriebene Codizes halten. Sondern uns in unsere inneren Angelegenheiten einmischen. Ein reifer Umgang damit beginnt auch in diesem Fall damit, die Komfortzone der Verdrängungen und Zerstreuungen zu verlassen und sich zu konfrontieren. Mit den eigenen Gefühlen, für die wir Verantwortung übernehmen müssen. Das ist der erste Schritt, sich diesen Fremden namens "Ich" ein wenig vertraut zu machen.  

 

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