print 

Und ewig lockt die Kuh

Von Peter Felixberger

Die Deutschen wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Deshalb pflegen und hüten sie ihre heiligen Kühe auf der öffentlichen Wiese. Ein großer Fehler!

Vor einigen Jahren streunten mehr als 35.000 Kühe durch Indiens Hauptstadt Delhi. Im Hinduismus sind Kühe geschützt. Bisher, denn die Zeiten haben sich jetzt geändert. Heute sind es nur noch ganz wenige Kühe, die Garageneinfahrten versperren. Der Grund: Zwei Jahre lang sammelten die städtischen "Kuhsondereinsatztruppen" die Kühe von den Straßen auf oder nahmen sie ihren armen Besitzern weg, verluden sie auf Lastwägen und brachten sie vor die Tore der Stadt. Alles unter Aufsicht der örtlichen Polizei, weil viele Menschen mit der Maßnahme überhaupt nicht einverstanden waren. Inzwischen hat die Stadtregierung Delhis aber am Stadtrand eine öffentliche Großmolkerei eröffnet, "um den Tierhaltern und den vielen illegalen Molkereien ihre Existenzgrundlage nicht zu rauben. Dort kann sich jeder für ein paar Rupien einkaufen und in der Nähe Land für seine Kühe pachten". Die öffentliche Diskussion um die heiligen Kühe in Delhi war kurz und heftig, aber der kulturelle Wandel ist vollzogen. Kühe versperren keine Garageneinfahrten mehr und einige Luxushotels in Delhi dürfen jetzt sogar importierte Rindersteaks anbieten.
Womit wir beim Thema sind: Wie kann man heilige Kühe umsiedeln oder wie funktioniert gesellschaftlicher oder kultureller Wandel, ohne dass gleich der Niedergang des Abend- beziehungsweise Morgenlandes ausgerufen wird? Die beiden Trainer und Managementberater Elke Schlehuber und Rainer Molzahn haben vier Jahre lang gegrübelt und jetzt ein Buch vorgelegt, das den Finger nicht nur in hiesige Wunden legt, sondern gleichzeitig auch Vorschläge macht, wie wir den Wandel in allen Teilen von Wirtschaft und Gesellschaft fördern können. Denn heilige Kühe tummeln sich auch in Deutschland "in Form von Tabus, ungeschriebene Gesetze, unausgesprochene Überzeugungen und Einstellungen, die im stillen Konsens das System beherrschen. Sie wirken oft lähmend, wenn sie als Götzen des Status quo auftreten, den niemand ungestraft in Frage stellen darf".

Bewusstseinsspaltung zwischen öffentlich und privat

Dieser Status quo ist der unumschränkte Herrscher des öffentlichen Lebens. Hier regieren Beamte, Politiker und angeschlossene Verstärker (Rechtsanwälte, Steuerberater, Lehrer, Journalisten und noch viele mehr). Sie achten darauf, dass die heiligen Kühe und Götzen geschützt bleiben. Was in den öffentlichen Räumen entschieden wird, geht hingegen Zivilisten oder Privatbürgern wenig bis nichts an. Kulturelle Kompetenz, also die "Fähigkeit, die Dynamik, die sich im öffentlichen Raum eines Systems abspielt, bewusst zu machen und die Auseinandersetzung mit heiligen Kühen einzufordern", ist nicht gewünscht. Das Volk, so die Autoren, wird in einer kollektiven Bewusstseinsspaltung zwischen öffentlich und privat gehalten, damit kein Raunen und Rumoren aufkommt.
Blöd ist nur, dass diese Denkfigur ausgespielt und in der Globalisierung sich das Spielfeld grundlegend geändert hat. Heilige Kühe gibt es dort kaum mehr. Durch die weltweite Vernetzung ist jeder nur einen Click vom anderen entfernt. Das Private feiert im Internet gegenwärtig eine nicht enden wollende Siegesserie. YouTube & Konsorten sammeln Millionen Beispiele privater Alltagskultur. Videos, Audios, Bilder, Texte, Grafiken überschwemmen die Welt und zerbröseln die alte Machthierarchie zwischen öffentlich und privat. Jeder ist öffentlich! Kulturelle Vielfalt wird sichtbar. Die Netzlogik ist grausam für das alte Denken, denn "man muss nicht mehr zum selben Zeitpunkt an einem Ort sein, um zusammenzuarbeiten". Die Folge: "Das, was wir tun, wirkt sich in weit entfernten Gegenden aus und multipliziert sich im weltweit verzweigten Netz der Informationskanäle."
Multipolarität ist einer der neuen kulturellen Eckpfeiler in der Globalisierung. Ist Deutschland darauf vorbereitet? Die Antwort: Nein. Denn hierzulande herrscht bis heute die Matrix der Bipolarität. Entweder, oder! "Erlaubt und erwünscht sind in der öffentlichen Sphäre Sachlichkeit, Objektivität, Eindeutigkeit, Regelorientierung und schlussfolgerndes Denken. Alles andere ist Teil der privaten Sphäre, kann also im öffentlichen Raum nicht ohne Gefahr geäußert werden."
Anders ausgedrückt: Im öffentlichen Raum regieren Sachthemen, Sachkonflikte, Regeln und formale Abläufe. Das Motto: Alles unter Kontrolle! Im privaten Raum stehen Beziehungen, Gefühle, Ängste und Einsamkeit im Blickpunkt. Mit der dramatischen Folge, dass diese und dadurch immer mehr Menschen nicht mehr sichtbar sind: Arbeitslose, Migranten oder andere Minderheiten können ein Lied davon singen. Ihre Stimmen werden nicht mehr gehört, "weil sie zu verletzlich, unfertig, subjektiv und überhaupt sozial unerwünscht sind". Viele Menschen kommen im öffentlichen Raum einfach nicht mehr vor. Noch schlimmer: Als statistische Größe werden sie ohne Unterlass gedemütigt.
Schlehubers und Molzahns Fazit ist diesbezüglich ernüchternd: "So bekommen die öffentlichen Diskussionen, deren Zeugen und Adressaten wir sind, zunehmend etwas Gespenstisches und ritualhaft Erstarrtes, ein teilweise absurdes Marionettentheater, das immer weniger mit der Wirklichkeit übereinstimmt, die wir mit unserem gesunden Menschenverstand wahrnehmen."

Positionen statt Relationen

Diese Erstarrung setzt sich nahtlos in der Politik fort. Die Entscheidungsprozesse dauern ewig und es kommt nichts dabei heraus. Wie auch, es geht nur mehr um Positionen und nicht um Relationen. Überdies herrscht allgemeine Ratlosigkeit darüber, womit die alten Positionen zu ersetzen sind. Beispiele gibt es zuhauf: Ladenöffnungszeiten, Dosenpfand, Transrapid, Zuwanderungsgesetz, Gesundheitsreform. Jeden Tag reproduziert sich der öffentliche Raum mit einer Lethargie und Beziehungslosigkeit, die zum Himmel stinkt. Und wenn dann alles im Dickicht von Checks und Balances festsitzt, wartet für einen der Akteure ein langer Rechtsweg darauf, beschritten zu werden. Wer weiß schon, dass die Anzahl der Richter in Deutschland der in den USA entspricht. Allein in Hamburg gibt es mehr Richter als in ganz Großbritannien.
Die Orientierungslosigkeit auf allen Ebenen hat fatale Folgen, denn wir wissen als einzelne oft auch nicht mehr, was wir tun. Gefangen im Terror der Sachzwänge! Als Kunde wollen wir beispielsweise billig einkaufen, obwohl wir dadurch unseren eigenen Arbeitsplatz, der ins kostengünstigere Ausland abwandert, gefährdet. Als Manager bauen wir Kraftwerke in fernen Ländern, obwohl wir damit wissentlich zur globalen Erwärmung beitragen. Kognitive Dissonanz allerorten! Wir kommen einfach aus der negativen Rückkoppelungsschleife nicht mehr heraus: Die Systeme rasen im Blindflug durch die Gegenwart. An Bord versuchen die Passagiere den Anweisungen des Bordpersonals Folge zu leisten.
Beispiel Unternehmen: Quantitatives Wachstum ist dort die heiligste aller Kühe. Der Grundsatz: Egal wie, am Ende des Geschäftsjahres ist nur ein Umsatzplus erlaubt. Wenn nicht, werden Soll-Ist-Vergleiche gezogen, neue Ziele definiert, Arbeitsgruppen gebildet, Projekte aufgesetzt, Aktivität bewiesen. Es geht einzig und alleine um die Sache. Besser gesagt, um eine sachliche, bessere Lösung. Mit dem Ziel, die heilige Kuh weiter zu mästen. Schlehuber und Molzahn empfehlen diesbezüglich im Duden nachzuschlagen. Sachlich bedeutet "nicht von Gefühlen oder Vorurteilen bestimmt; nüchtern; ohne Gefühlsbeteiligung; nur auf den in Frage stehenden Sachzusamnmenhang bezogen; objektiv; in der Sache begründet; von der Sache her; ein sachlicher Unterschied; etwas ist richtig, falsch." Menschen kommen nicht mehr vor. Maschinensoldaten regieren die Sachzwänge. Zutritt verboten!
Sprache ist übrigens noch in anderer Hinsicht ein untrüglicher Zeuge. Das heutige Managerdeutsch verzichtet nämlich weitgehend auf (bewegliche, aktive) Verben und hebt, so oft es kann, die (bleiernen, passiven) Substantive auf den Thron. In jedem Projektpapier finden sich mittlerweile Sätze wie: "Flexibilität und Kundenorientierung sind von oberster Priorität." Oder: "Nachhaltigkeit und Verantwortung sind zentrale Unternehmenswerte." Die meisten Mitarbeiter lachen sich seit Jahren ob dieses Unsinns inhaltsleerer Floskeln schlapp.

Gute Beziehungen pflegen

Das Ende vom bipolaren Spiel: Wie Menschen wirklich leben, arbeiten und wirtschaften wollen, wird als überflüssiger Beziehungskram in den privaten Raum abgeschoben. Beziehungsmanagement und -arbeit sind jedoch der nährstoffreiche Humus, aus dem die systemischen Agenturen herauswachsen. Das fängt in Kindergarten und Schule an. Anstatt uns zu fragen, wie wir mit Kindern und Jugendlichen umgehen wollen, damit aus ihnen selbstbewusste und freie Menschen werden, kasernieren und drangsalieren wir sie Drillanstalten. Und es geht weiter in der Arbeitswelt. Anstatt uns zu fragen, wie wir selbständige Wirtschaftsbürger bei freier Selbstentfaltung werden können, zwingen wir die Menschen dazu, ihre wahren Fähigkeiten ein Leben lang zu verbergen und zu verleugnen.
Fazit: Wirtschaft und Gesellschaft heißt in erster Linie, gute Beziehungen zu Menschen zu pflegen. Und eben nicht mehr länger Machterhalt, Misstrauen, Kontrolle und Objektivität aufrechtzuerhalten - nur um des Sachzwangs willen. In vielen Unternehmen und Organisationen hat diese mühsame, aber erfüllende Beziehungs- und Kommunikationsarbeit schon begonnen.
Schlehuber und Molzahn haben hierfür außergewöhnlich kompetente Grundlagenarbeit geleistet. Und sie haben bewiesen, dass kulturelle Kompetenz jeden Tag neu erarbeitet werden kann. Dafür müssen Menschen in erster Linie wieder sichtbar werden. Hier beginnt der eigentliche Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft. Stimmt! Wir sollten uns nicht die Entscheidung abjagen lassen, wie wir morgen leben, arbeiten und wirtschaften wollen. Die beiden Autoren schlagen deshalb ein "großes öffentliches Palaver über unsere gesellschaftlichen Beziehungen" vor. In der Tat: Der öffentliche Raum könnte in diesem Sinne privatisiert werden.

 

> Reporting