Wirtschaftsfaktor Wildnis
Von Michael Gleich
Wenn Insekten Obstbäume bestäuben, wenn schöne Landschaften Touristen anziehen oder wenn Wälder die Luft reinigen, dann erwirtschaftet Biodiversität Milliardengewinne. Umweltökonomen berechnen den Wert von Pflanzen und Tieren: Was kostet die Welt?
Siebeneinhalb Millionen Jahre lang hatte Deep Thought über die letzten aller Fragen nachgedacht. Über den Sinn des Lebens, über die Welt, das Universum und den ganzen Rest. Von weisen Programmierern war er mit den Denkaufgaben gefüttert worden. Unaufhörlich hatte es fortan in den Schaltkreisen des Superhirns geklickt und gesurrt. Und die Bewohner von Magrathea hatten siebeneinhalb Millionen Jahre Sehnsucht nach der ewigen Wahrheit gelitten. Dann kam der große Tag. Deep Thought räusperte sich umständlich und verkündete: "Zweiundvierzig!" Endlich, die "Große Antwort". Doch zum Unglück aller lebte niemand mehr, der noch die genaue Frage kannte.
Ein wenig ähneln die Bemühungen von Deep Thought, aus Douglas Adams' Science Fiction-Bestseller "Per Anhalter durch die Galaxis", den Versuchen von Ökonomen, den Geldwert des Planeten Erde auszurechnen. Sie erscheinen gleichermaßen heroisch wie vergeblich. 33 Billionen Dollar - das war etwa die Antwort von Robert Costanza (Universität Maryland) auf die Frage "Was kostet die Welt?" Er addierte die Leistungen aller Ökosysteme für den Menschen und kam auf jene Summe: eine 33 vorweg und 15 Nullen dahinter. In Dollar. Und zwar pro Jahr. Sein Rechenexempel war geleitet von den besten Absichten, Costanza wollte die Öffentlichkeit den unschätzbaren Wert der Natur schätzen lehren. Doch wieder ließ eine Zahl das staunende Publikum ratlos: Rechnet man die Dienstleistungen und Güter zusammen, die alle 200 Staaten produzieren, kommt man nur auf etwas mehr als die Hälfte der 33 Billionen. Mehr wirft die Weltwirtschaft derzeit nicht ab. Und der Rest? Ein Rätsel für Deep Thoughts!
Ist die Natur also tatsächlich unbezahlbar? Sind die Dienste, die sie erweist, nicht nur gratis, sondern auch unmöglich in Dollar und Cent bewertbar? Bargeldlos, kostenlos - wertlos? Stellen wir uns einmal vor, unser Heimatplanet würde in eine Aktiengesellschaft umgewandelt: die Blue Planet AG. Ihre Produktpalette würde die Bereitstellung trinkbaren Wassers und sauberer Luft umfassen, von Fisch und Fleisch, von romantischen Sonnenuntergängen am Meer und Vogelgezwitscher am Morgen. Außerdem bewahrt sie vor Stürmen, Fluten und Bodenabtrag, nimmt dafür Bäume und Mangrovenwälder zu Hilfe. Zum Service-Team gehören Bestäuber (Insekten), Entsorger (Pilze) und Belüfter (Algen). Und als Allrounder die Bakterien. Für Investoren ist die Blue Planet AG ein attraktives Unternehmen. Es hat viel zu bieten. Sozusagen alles. Alles was Menschen brauchen, wovon die Nachfrager abhängig sind, und zwar existenziell. Das treibt die Preise in die Höhe. Wieviel sind Sie bereit, für Ihren nächsten Atemzug zu zahlen?
Kein Ökonom müßte sich die Mühe machen, den Kurs der Natur auszurechnen - wäre da nicht das Phänomen, daß natürliche Lebensräume meist dem schnöden Mammon geopfert werden. Man wandelt sie in Felder und Plantagen, Siedlungen und Industriegebiete um, weil die neue Nutzung mehr Gewinn verspricht als der Urzustand. Doch wird immer deutlicher: Wenn die Rechnung ohne den Naturhaushalt gemacht wird, stimmen langfristig auch die wirtschaftlichen Bilanzen nicht. Der Schaden übersteigt den Nutzen.
Es ist an der Zeit, daß Analysten die Blue Planet AG realistisch bewerten. Dabei geht es nicht um letzte Fragen und "Große Antworten". Hilfreich sind vielmehr praxisnahe Berechnungen, wie eine schonende Nutzung der Natur zur erfolgreicheren Strategie wird. Eine solch umfassende Sicht hat sich die junge Disziplin der Umweltökonomen zu eigen gemacht. Wieviel, fragten sich zwei amerikanische Wissenschaftler, sind eigentlich Insekten wert? Der Materialwert pro Käfer, etwa das Chitin der Panzers, ist minimal und der ästhetische Reiz Geschmackssache; Kerbtiere zählen nicht eben zu den Kuscheltieren.
Aber sie entfalten einen im Tierreich einzigartigen Reichtum an Varianten, 750.000 Arten sind wissenschaftlich beschrieben. Insekten, zu denen die Käfer gehören, entwickelten sich parallel zu den Blütenpflanzen, mit denen sie Partnerschaften zum beiderseitigen Vorteil pflegen. Viele Käfer ernähren sich von Nektar, im Gegenzug bestäuben sie 90 Prozent aller Blütenpflanzen. Ohne geflügelte Gärtner keine florale Vermehrung. Orchideenwiesen würden verwaisen, Tropenwälder veröden, Wasserlilien-Teppiche verwelken. Aber sie befruchten nicht nur Ökosysteme, auch die Mehrzahl der landwirtschaftlichen Nutzpflanzen (mit Ausnahme von Getreide) ist von Tieren als Bestäubern abhängig.
Bienen lassen Kartoffeln, Cassava, Sojabohnen, Erbsen und Sonnenblumen gedeihen, bescheren Obstbäumen wie Pflaume oder Pfirsich eine reiche Ernte, kümmern sich ersprießlich um Kohl und Knoblauch. Die tierischen Erntehelfer sind pünktlich, verläßlich, relativ anspruchslos und gehen nicht in Urlaub. Und sie streiken nicht, jedenfalls nicht für höhere Gehälter.
Tatsächlich aber hätten sie reichen Lohn verdient. Ihre Bestäubungsleistungen für die Landwirtschaft läßt sich beziffern. Die Brüder Lawrence und Edward Southwick - Ökonom der eine, Agrarwissenschaftler der andere, eine Idealkombination für umweltökonomische Studien - untersuchten, wieviel Geld Honigbienen verdienen, indem sie 62 Arten von Feldfrüchten bestäuben; als Vergleich dienten andere Formen der "Pollonisierung". Das Forscher-Duo kam für die USA auf einen Betrag von jährlich bis zu 6,7 Milliarden Dollar, den die Verbraucher durch niedrigere Lebensmittelpreise sparen.
Man könnte einwenden, eine solche Summe sei theoretisch, eine Gedankenspielerei im Stile eines Deep Thought. Daß dem nicht so ist, wird immer dann deutlich, wenn die Sparbienen ausbleiben. Unter den amerikanischen Bienenvölkern löste Ende der neunziger Jahre eine Milbenepidemie ein Massensterben aus. Die Erträge auf den Feldern sanken, in der Folge verteuerten sich einige Nahrungsmittel erheblich. Mit Insekten ist es wie mit Autoschlüsseln: Man bemerkt sie im Alltag kaum - bis sie verlorengehen.
Der englische Autor Oscar Wilde verspottete einst die Ökonomen als Zunft moralfreier Gesellen, "die den Preis von allem und den Wert von nichts kennen". Unter dem gleichen Generalverdacht stehen heute jene Wirtschaftswissenschaftler, die sich darum bemühen, den bisher unbeachteten Diensten der Blue Planet AG ein Preisschild aufzukleben. Nun haben Tiere und Pflanzen zwar unbestreitbar einen Wert an sich, und damit aus philosophischer Sicht von vornherein ein Recht zu existieren. Was aber, wenn Politiker, Planer und Manager bei ethischen Argumenten auf stur schalten? Wer nur die Sprache des Soll und Haben versteht, dem muß man eben die ökologische Gesamtrechnung präsentieren.
So auch die Regierung von New York City. Früher konnten die Bürgermeister prahlen, in der Metropole sprudele der "Champagner unter den Trinkwassern" aus den Hähnen. Doch Anfang der neunziger Jahre begann sich der Eindruck zu trüben. Die Qualität des Leitungswasser ließ rapide nach. Was war geschehen? Traditionell sorgten die Catskill Mountains im Norden und Westen der Stadt für einen guten Tropfen. Wälder saugten das Regenwasser wie Schwämme auf und schickten es auf eine langsame und reinigende Reise gen NY. Neun Millionen Städter hatten getrunken, genossen - und diesen Service der Blue Planet AG für gratis gehalten. Sauberes Wasser kommt halt aus dem Hahn! Indessen siedelten sich immer mehr Milchbauern und Kleinbetriebe in den Catskill Mountains an, bevorzugt entlang der Flüsse. Dörfer expandierten, Wälder wichen.
Eines nahen Tages, darauf spitzte sich die Entwicklung zu, würde New York nicht mehr die strengen Richtlinien der nationalen Umweltschutzbehörde EPA erfüllen. Dann müßte eine Filteranlage her, die in den Dimensionen der Megacity acht Milliarden Dollar kosten würde, ihr Betrieb noch einmal 300 Millionen pro Jahr. Als Alternative zu dieser gigantischen Geldvernichtung bot der gute alte Naturschutz die bessere Rendite. Wissenschaftler ermittelten, daß die Sanierung des Wassereinzugsgebiets nur rund zwei Milliarden Dollar kosten würde. Auf ein Jahrzehnt gerechnet betrug dei Ersparnis neun Milliarden, das überzeugte. 1997 begann die Stadt, Ländereien entlang von Flüssen und Reservoirs aufzukaufen, überalterte Klärgruben zu erneuern und den Fabriken stärker auf die Finger zu sehen. New York hat sich entschieden: Statt Geld zu verbauen, läßt man in den Catskill Mountains grüne Dollars wachsen.
Solche Investitionen in das Wohlergehen der Blue Planet AG könnten auch für private Anleger reizvoll sein. So schlagen die amerikanischen Ökonomen Graciela Chichilnisky und Geoffrey Heal (Columbia Universität) vor: "Eine Stadt wie New York könnte bei einem Sanierungsvorhaben Anteilsscheine verkaufen. Ein Teil des eingesparten Geldes, Naturschutz im Vergleich zum Kläranlagen-bau, wird als Rendite an die Anleger ausgezahlt." Mit der Auf-lage solcher "grünen Fonds" könnten Kommunen nicht nur ihre Bürger für den Umweltschutz begeistern, sondern nebenbei Schulden vermeiden.
Nicht immer können Wissenschaftler mit so eindeutigen Bilanzen aufwarten wie im Falle New Yorks. In welchem Zustand wirft ein Küstenstreifen mehr ab: als Mangrovenwald oder als Shrimpsfarm? Als Watt oder als Erdölfeld? Als Dünenlandschaft oder als Yachthafen? "Es gibt keine objektiven Werte", betont Prof. David Pearce, Direktor des Londoner Zentrums für soziale und ökonomische Umweltstudien (englisch CSERGE abgekürzt). "Wir wollen auch nicht diktieren, welchen Wert die Menschen der Natur beimessen sollten. Als Wissenschaftler können wir jedoch mit geeigneten Instrumenten herausfinden, welche Priorität eine Gesellschaft einem bestimmten Gut einräumt." Pearce weist darauf hin, daß erst das wachsende Umweltbewußtsein das erzeugt hat, was die Fachsprache "willingness to pay" (Zahlungsbereitschaft) nennt. Gleichzeitig verschob die galoppierende Zerstörung natürlicher Lebensräume die Gewichtungen: knappes Gut, teures Gut.
David Pearce gilt unter den Öko-Ökonomen als internationale Kapazität. Zählte seine Disziplin in den sechziger Jahren gerademal zwei Dutzend Forscher in Europa, sind es heute rund 1000. Ihr Metier ist es, einen Verdrängungskampf zu analysieren, der vielerorts stattfindet: Wildnis verhunzen versus Wildnis schützen. "Und überall verliert die Natur. Unsere Expertise ist deshalb heiß begehrt", erklärt Pearce den Boom seines Fachs, "weil wir sagen können, warum. Die Antwort ist: Weil die Natur keinen ökonomischen Wert für diejenigen Menschen hat, die in ihrer Nachbarschaft leben. Sie kostet nur." Er nennt das Beispiel einer Elefantenherde in Kenia: Wenn sie das Hirsefeld eines Bauern zertrampelt, bedroht sie seine Ernte; wenn sie sich seiner Hütte nähert, bedroht sie sein Leben.
Prof. Tim Swanson, Kollege von Pearce am CSERGE, sieht es deshalb als seine vornehmste Aufgabe, Mechanismen zu entwickeln, mit denen sich Wildtiere in barer Münze für die lokale Bevölkerung auszahlt: "Nur so hat sie einen Anreiz, Wildnis auf Dauer zu erhalten", meint Swanson. "Inwertsetzung der Natur" heißt der Ansatz, der nicht dabei stehenbleibt, fiktive Preisschildchen zu vergeben: Der Artenschutz muß Kasse machen.
Zum Beispiel beim Panda, dessen chinesisches Schutzgebiet Wolong (Provinz Szechwan) Tim Swanson für eine Studie bereiste. "Das Reservat bedeutet für die Einheimischen eine Menge Unannehmlichkeiten. Sie können dort nicht mehr jagen, keine Bäume fällen, keine Felder umbrechen. Von denen entdeckt keiner seine Liebe zum Panda, nur weil der so knuddelig ist." Gewehre konnten das Reservat ebenso wenig schützen wie Kampagnen, die Bauern mit "ökologischem Bewußtsein" impfen wollten. Der Satz Berthold Brechts, wonach das Fressen vor der Moral kommt, bewahrheitet sich täglich, in Szechwan und anderswo. Wie also läßt sich Nutz mit Schutz verbinden?
Für Swanson liegt die Lösung im Fall des Pandas noch recht einfach. "In Wahrheit sind die Tiere ja wandelnde Bankkonten. Es gibt genug Touristen, die gerne mehr als bisher für einen Besuch beim Wappentier des Artenschutzes zahlen." Swanson ermittelte durch Umfragen die genaue Höhe dieser "willingness to pay" und schlug in einem ersten Schritt eine Anhebung der Parkgebühren für ausländische Gäste vor, von sieben auf 25 Dollar am Tag. Zusammen mit einem gut organisierten Panda-Tourismus könne das Reservat jährlich 40 Millionen Dollar einspielen. Noch wichtiger ist Swanson das zweite Element seiner Strategie: "Ein Teil der Einkünfte muß in die umliegenden Dörfer fließen. Wenn deren Bewohner erkennen, daß ihnen der Panda Vorteile bringt, wird auch die Wilderei zurückgehen." Swanson glaubt an Tierliebe, die durch?s Portemonnaie geht.
Für David Pearce hat der herkömmliche Verbotsnaturschutz versagt: "Am liebsten würde man nach dem Motto 'fence and forget' vorgehen: Die Gebiete einzäunen, die Menschen vertreiben, Grenzen mit Gewehren sichern und dann ist Ruhe. Nur: Es funktioniert nicht." Viele der Schutzgebiete, insbesondere in ärmeren Ländern, existieren nur dem Namen nach: Papier-Parke. Sie geraten zunehmend unter Druck. Mit der Bevölkerung in ihrer Umgebung wächst der Hunger nach Fleisch, nach Brennholz, nach neuem Land.
Die erdrückende Mehrheit der Wildtiere lebt sowieso außerhalb von Reservaten und damit in gesicherter Ungewißheit. Sie bewegen sich auf Land, das jederzeit umgewandelt werden und damit als Lebensraum verlorengehen kann. Für sie prägten Naturschützer die Devise "Use it or lose it": Nutze die Tiere, oder du wirst sie verlieren! Nur wenn sich Wildtierwirtschaft mehr lohnt als Landwirtschaft, bleibt die Artenvielfalt erhalten. Diese moderne Form von Nutz & Schutz hat in den vergangenen Jahrzehnten überraschende Erfolge erzielt.
Weltweit beachtet ist das Projekt "CAMPFIRE", 1986 in Zimbabwe gestartet. Seine ebenso simple wie geniale Idee besteht darin, die Wildtiere des Landes, bis dahin unter staatlicher Hoheit, zu privatisieren. Den Bezirken, auf deren Gebiet Büffel und Elefanten, Zebras und Antilopen, Löwen und Krokodile heimisch sind, werden Besitzrechte eingeräumt. Sie dürfen einen geringen Teil davon nutzen. Die Dörfer können selbst entscheiden, ob sie das Fleisch der Tiere selbst essen oder an Händler verkaufen, ob sie lieber Fotosafaris veranstalten oder Abschußlizenzen an Großwildjäger vergeben. Die Quote wird von Ökologen errechnet und von Rangern überwacht. Sie bewegt sich zwischen einem Prozent des Bestandes bei Elefanten und sechs Prozent bei Zebras. Nur ein Bruchteil des natürlichen Zuwachses wird so abgeschöpft.
Zu Privatbüffeln und Gemeindegiraffen umdeklariert, hat sich schlagartig das Ansehen der afrikanischen Fauna geändert. Elefanten sind schöne Geschöpfe, aber schlechte Nachbarn. Sie waren bei den Bauern so beliebt wie Ratten in der Speisekammer. Die Afrikaner sahen immer weniger ein, sie zu hätscheln, nur weil reiche Menschen im Norden ihr Herz für wilde Tiere entdeckten.
Jetzt aber, mit CAMPFIRE, lohnt sich die Koexistenz. Je munterer die Bestände gedeihen, desto größer der Überschuß, der den Dörfern zusteht. Am meisten verdienen sie mit der Trophäenjagd. Für eine organisierte Pirsch auf gefleckte Katzen berappen Touristen bis zu 15.000 Dollar. Wildschutz wird lohnender als Tierzucht, oder wie Häuptling Kanyurira aus Matoka sagt: "Die Büffel sind jetzt unsere Rinder." Mit den Erlösen bauen CAMPFIRE-Dörfer Schulen, Brunnen und Gesundheitsposten. Und beschäftigen Ranger, die ein wachsames Auge auf ihre vierbeinigen Gelddepots haben. Mancher Wilderer konvertierte zum Wildhüter.
Bei Umweltökonomen ist CAMPFIRE genauso angesehen wie bei den Naturschützern renommierter Organisationen wie WWF oder IUCN. Heftige Ablehnung kommt dagegen von vermeintlichen Tierfreunden, meist Bewohnern von Industrieländern. Ihnen ist die Vorstellung ein Graus, Jäger auf Großwild loszulassen. Simon Metcalfe, geistiger Vater des Projekts, hält dagegen: "Wenn Sie wollen, daß es auch morgen noch Nashörner gibt, privatisieren Sie sie!" Dabei dürfe die gut kontrollierte Trophäenjagd kein Tabu sein. Schließlich wolle man nicht einzelne Tiere, sondern die ganze Art erhalten. Der tote Elefant finanziert die Zukunft seiner lebenden Verwandtschaft. Außerdem müssen die Bestände von Elefanten, die im südlichen Afrika kräftig wachsen, sowieso reguliert werden; sonst verwüsten sie ihre Umwelt und verdrängen andere Spezies.
Die blutenden Herzen von Jagdgegnern retten die Elefanten nicht. Nicht einmal dann, wenn sie ihre Gefühle in sporadische Geldspenden ummünzen. Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Sentimentalität und wahrer Liebe. "Es reicht nicht", meint Tim Swanson, "einen Elefanten für ein Jahr zu sponsern. Er lebt 60 Jahre. Und die Bauern müssen ein Leben lang mit ihm auskommen. Nur wenn sie sicher sein können, daß der Geldfluß, den sie dem Wild verdanken, dauerhaft ist, stellen sie sich auf seinen Schutz um." Es würde auch niemand ein Hotelzimmer für eine Nacht bezahlen und erwarten, daß es ihm für ein ganzes Jahr freigehalten wird.
Wenn aus Gnus Goldesel werden, aus Zebras Sparschweine, verändert sich die Analyse von Kosten und Nutzen der wilden Tiere - zu deren Gunsten. Eine vergleichende Untersuchung von 140 Farmen in Zimbabwe ergab, daß Rinderhaltung durchschnittlich 2,5 Prozent Gewinn abwirft, die Spezialisierung auf Wildtiere dagegen acht Prozent. Solche Rendite lockt auch andere Länder, sich auf die natürlichen Reichtümer zu besinnen:
> Immer mehr südafrikanische Farmer verkaufen ihre Nutztiere, beseitigen Zäune, pflanzen Bäume und spezialisieren sich auf "Game-Ranching": Rhinos statt Rinder. Das Geschäft mit Fototouristen ist lukrativ. Zudem sind die Rhinozerus-Bestände so stark gewachsen, daß Südafrika die Kolosse exportieren kann, einen Bullen immerhin für 25.000 Dollar.
> In Namibia, das ebenfalls seine Wildtiere privatisierte, wuchsen die Bestände innerhalb von zwei Jahrzehnten um 70 Prozent. Auf privatem Farmland tummelt sich ein Drittel der Geparden Afrikas.
> In den USA brachen in den fünfziger und sechziger Jahren die Alligator-Population zusammen. Dank eines Schutz- und Nutzkonzepts, zu dem der Handel mit Häuten und Abschußlizenzen gehören, leben die Alligatoren wieder überall in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet in gesicherten Beständen.
> Im Royal Chitwan Nationalpark (Nepal) waren die Ranger immer weniger in der Lage, die Wilderei zu stoppen. Während sich die Bevölkerung an den Parkgrenzen verdreifachte, schmolz die Nashorn-Population zusammen. Die Situation entspannt sich, seit die Dorfbewohner einen Anteil an den Parkgebühren erhalten. Naturschützer halfen ihnen außerdem, in den Handel mit Souvenirs einzusteigen.
Darf man Schmetterlinge töten? In Papua Neu-Guinea steht der Schutz der schönen Falter sogar in der Verfassung. Nicht zuletzt, weil sie eine wichtige Einkommensquelle darstellen. Weltweit erbringt ihr Handel jährlich 100 Millionen Dollar, mit Papua als wichtigem Importeur besonders großer und bunter Exemplare. Doch illegales Sammeln hatte viele Arten - etwa den größten Schmetterling, den Queen Alexandra´s Birdwing - an den Rand der Ausrottung gebracht.
Dann wurde der Handel besser organisiert und gleichzeitig stärker kontrolliert. Die Sammler wurden ermuntert, Schmetterlingsgärten anzulegen. Darin wachsen besonders nektarreiche Pflanzen (für die Falter) und Futterpflanzen (für die Raupen), Bäume spenden Schatten und Schutz vor Räubern. Viele vorher rare und gefährdete Arten haben sich wieder ausgebreitet. Der wichtigste Fortschritt aber fand in den Köpfen statt: Waren die Regenwälder früher lediglich für Kahlschlag und Brandrodung gut gewesen, zahlt sich jetzt ihre Erhaltung aus - als Ort, wo den Geldscheinen Flügel wachsen.
Ähnliche Erfahrungen machen die Naturschützer auch dann, wenn sie die nachhaltige Ernte von Waldschätzen wie Pflanzen, Früchten und Kautschuk nicht nur dulden, sondern sogar fördern. Dann nämlich haben sie die beste Kontrolle, ob die Ökosysteme auch wirklich nicht geschädigt werden. Ohne solche Monitorings wäre das Konzept "Schützen durch Nutzen" allzu riskant. Selbst beim Öko-Tourismus, eine besonders schonende Form der "Ernte" natürlicher Ressourcen, muß immer wieder überprüft werden, wieviel Besucher ein Gebiet tragen kann, ohne daß die Tiere dauerhaft gestört werden.
Gerade auf dem Tourismus-Sektor hat die Blue Planet AG einiges zu bieten. Erstmals in der Erdgeschichte leben mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Und diese Heerscharen von Städtern drängt es, sofern und so oft sie es sich leisten können, zurück zur Natur. Tourismus wurde zum größten Wirtschaftszweig der Welt, mit jährlich 600 Millionen Auslands- und zwei Milliarden Inlandsreisenden. Und innerhalb der boomenden Branche sind es die Reisen zu Naturattraktionen, die die höchsten Zuwächse verzeichnen.
Kein Wunder, daß die Länder des Südens, an Artenvielfalt reich und an Devisen knapp, auf diese Form des Tourismus setzen. In mindestens fünf Ländern (Kenia, Ecuador, Costa Rica, Madagaskar und Nepal) ist er die wichtigste Einnahmequelle. Davon profitiert der Naturschutz, denn ohne zahlende Gäste wären viele der weltweit 9.000 Großschutzgebiete nicht finanzierbar. Touristen verwandeln Wildnis in Wohlstand. Umweltökonomen haben errechnet, daß ein Hektar Land im kenianischen Nationalpark Amboseli 40 Dollar im Jahr einbringt, ein vergleichbares Areal in der Landwirtschaft dagegen nur einen Dollar. Die Studie ermittelte, daß ein Löwe allein 20.000 Dollar im Jahr einspielt - keine schlechte Gage.
Der Meeresbiologe Charles Anderson hat auf den Maledivien zwei Nutzungsformen verglichen, die heftig miteinander konkurrieren: der Hai in der Pfanne, der Haie als Fotomotiv. Der Marktwert eines Grauen Riffhais beträgt rund 32 Dollar. Ein Vielfaches davon zahlen die Taucher, die von weither anreisen, um die Riff-Räuber in natürlicher Umgebung zu beobachten und zu fotografieren. Jeder Tauchgang kostet 35 Dollar Gebühr, das summiert sich auf über 17 Millionen jährlich - für den armen Inselstaat ein wichtiger Aktivposten. Als an Fish Head, einem der wichtigsten Beobachtungsplätze, die Grauen Riffhaie verschwanden, blieben auch die Taucher aus. Allein diese zwanzig toten Haie verursachten, so Andersons Schätzungen, einen Ausfall in Höhe von 500.000 Dollar im Jahr.
Der deutsche Umweltökonom Wolf Krug, ebenfalls bei CSERGE tätig, hält auch das Habitat der Berggorillas in den Virungabergen (Ruanda, Uganda und Congo) für eine "Goldgrube". Gemeinsam mit dem Diane Fossey Gorilla Fund wirbt er bei den betroffenen Regierungen darum, den Tiertourismus besser zu organisieren, der seiner Expertise zufolge jährlich 60 Millionen Dollar einbringen könnte (weit mehr als heute). "Von diesem Geldsegen müßte die örtliche Bevölkerung unbedingt stärker profitieren, damit das Gorillagebiet nicht schleichend zerstört wird", fordert Kurg.
Berggorillas in Ruanda, Riesenschildkröten auf den Galapagos-Inseln, Kraniche in der spanischen Extremadura, Wale in der Baja California: In der touristischen Beliebtheitsskala rangieren solche Naturattraktionen heute neben Mona Lisa, Colosseum und Cheops-Pyramide. Zwar besteht die Gefahr, daß sie - ähnlich wie die kulturellen Magneten - überlaufen werden. Aber der Naturschutz hat aus schlechten Erfahrungen gelernt und ein ganzes Arsenal von Methoden zur Besucherlenkung ausgetüftelt. Gästegruppen werden zahlenmäßig beschränkt, Wege um empfindliche Zonen herumgeführt, richtiges Verhalten trainiert.
Immer öfter helfen Umweltökonomen beim Management. Ihre Aufgabe besteht darin, optimale Eintrittspreise zu ermitteln: hoch genug, um die Reservatskosten zu decken, aber nicht zu hoch, um attraktiv zu bleiben. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätte man sich kaum vorstellen können, daß so viele Menschen weite und teure Reisen unternehmen, nur um wilde Tiere zu sehen. Aber nachdem die reichen Länder ihre Großfauna bis auf kümmerliche Restbestände ausgerottet haben, wächst die Sehnsucht, Tiere nicht im Zoo, sondern in freier Wildbahn zu sehen. Und selbst diejenigen, die zuhause bleiben, sind bereit, ihr Scherflein beizutragen. Sie wollen nichts anderes, als daß es diese Tiere gibt. "Existenz-Werte" nennen das die Umweltökonomen.
Als Anzeichen für wachsende Wertschätzung sieht Tim Swanson das steigende Spendenaufkommen in den Industrieländern. Im Jahr 1990 flossen allein in die Kassen der dreißig größten US-Naturschutzorganisationen rund 273 Millionen Dollar. Doch haben Studien der Denkfabrik CSERGE in London ergeben, daß das wahre Potential noch viel höher ist. "Die Bürger haben erkannt," meint David Pearce, "daß die Erhaltung der Biodiversität ein Anliegen der ganzen Welt ist. Deshalb muß auch die ganze Welt dafür zahlen".
Im vergangenen Jahrzehnt wurden neue Mechanismen erdacht, um zugunsten der Artenvielfalt Geld von Nord nach Süd zu leiten. Eine Möglichkeit sind sogenannte Dept for Nature Swaps: Naturschutzverbände kaufen zum Diskountpreis Verbindlichkeiten von Ländern auf, die sowohl eine hohe Biodiversität als auch hohe Schulden haben. Als Gegenleistungen für einen Erlaß verpflichten sich die Staaten, bestimmte Gebiete zu sichern und die Parks mit ausreichenden Budgets auszustatten. Seit 1987 haben auf diese Weise Schuldtitel in Höhe von rund 120 Millionen Dollar den Besitzer gewechselt. Der erste "Swap" (Tausch) war ein Handel zwischen der amerikanischen Organisation Conservation International und der Regierung von Bolivien; sie garantierte als Gegenleistung für einen Erlaß die Einrichtung des Beni Biosphären Reservats. Der Schutz wuchs, die Schulden schrumpften.
1990 wurde die Global Environmental Facility (GEF) eingerichtet. Auch dieser Fonds basiert auf dem Gedanken, die Entwicklungsländer sollen nicht allein für etwas zahlen, das der ganzen Welt zugute kommt. Haupteinzahler sind demzufolge die reicheren Länder des Nordens. 730 Millionen Dollar flossen bislang, davon fast die Hälfte in Projekte zur Erhaltung der Biodiversität.
Ein anderes Instrument ausgleichender Gerechtigkeit sind sogenannte Joint Implementations. Die Grundidee, formuliert im Kyoto-Protokoll der Internationalen Klimakonvention: Länder finanzieren Umweltverbesserungen dort, wo sie pro eingesetztem Dollar den größten Effekt erzielen. So kann die Luftqualität skandinavischer Länder viel durchschlagender erhöht werden, indem marode Industrien im Baltikum saniert werden, als daheim noch das allerletzte Stäubchen auszufiltern. Für Kohlendioxid gilt ähnliches: Die Reduktionsziele der Klimakonvention können Staaten auch dadurch erreichen, daß sie in großem Stil Aufforstungen im Tropengürtel bezahlen.
"Exotischen Kohlenstoff" nennt CSERGE-Ökonom David Pearce solchen Handel, der auch der Artenvielfalt nützt, weil die Waldfläche wächst: "Bei diesen Deals gibt es eigentlich nur Gewinner." Ihm ist jede Idee willkommen, die einen Markt für die fiktive Blue Planet AG schafft. "Wer bereit ist, Geld für den Umweltschutz zu geben, muß bequeme Wege vorfinden, wie er zahlen kann." Er schwärmt von dem Konzept einer US-Fluglinie, "Grüne Tickets" einzuführen. Sie sollen zwei Summen ausweisen: einen verbindlichen Preis und einen freiwilligen Aufschlag, die Kohlendioxid-Komponente. Dafür werden dann Bäume gepflanzt, die exakt soviel CO2 binden wie der entsprechende Flug ausstößt. Die Passagiere entschweben guten Gewissens, nichts am Himmel zu hinterlassen als zwei weiße Kondensstreifen. In die Praxis umgesetzt ist der Plan allerdings noch nicht.
Wie das Beispiel der Wälder als CO2-Senken zeigt, erbringt die Blue Planet AG viele ihrer Dienstleistungen im Verborgenen, als heimlicher Helfer des Menschen. Lange Zeit ignoriert, doch heute mit steigender Wertschätzung. Die Natur weiß nicht nur sehr effizient zu wirtschaften. Sie hat auch eine breite Vielfalt technischer Ideen entwickelt, die, im Gegensatz zu manchen Hirngespinsten der Menschen, ihre Funktionstüchtigkeit bewiesen haben. Und zwar schon ziemlich lange. Jetzt kopieren Ingenieure auf der Suche nach neuen Lösungen die uralten Patente der Natur.
Schon Leonardo da Vinci hatte den Vogelflügel zum Vorbild genommen, als er mechanische Segler und Gleitgeräte zeichnete. Heute erforschen Wissenschaftler systematisch natürliche Funktionsprinzipien, um sie kommerziell zu nutzen. Materialkundler und Chemiker, Architekten und Automobilbauer greifen in den Werkzeugkasten der Natur. Bionik heißt die neue Fachrichtung, die Biologie und Technik zusammenführen will.
So interessieren sich Luftfahrtingenieure plötzlich für Haie. Die Raubfische schwimmen geradezu unheimlich schnell und elegant. Ihre Wendigkeit verdanken sie entgegen landläufiger Meinung nicht etwa einer besonders glatten Haut. Im Gegenteil, der ganze Körper ist übersät mit winzigen Häkchen, die ihn rauh wie Sandpapier machen und dadurch den Strömungswiderstand senken. Dieses Prinzip imitierten die Ingenieure, indem sie eine Folie mit ähnlichen Eigenschaften herstellten. Mit der künstlichen Haihaut beklebten sie Passagierjets, mit Erfolg: Sie konnten den Verbrauch von Treibstoff um 30 Prozent senken.
Der Bonner Botaniker Wilhelm Barthlott beobachtete, daß Wasser auf Lotusblättern so abperlt, als seien sie vorher eingeölt worden. Kein Schmutz bleibt haften. Für diese Selbstreinigung war die Mikrostruktur der Oberfläche verantwortlich. Tausende kleiner Noppen aus Wachskristall verhinderten ein Festsetzen von Dreck. Barthlott meldete ein Verfahren zum Patent an, das Kunststoffen den "Lotus-Effekt" verleiht. Grafitti-geplagte Städte zeigen großes Interesse, weil man Sprühbilder von vorherbandelten Hauswänden leicht entfernen kann.
Neue Biomoleküle zu entwickeln, ist ein mühsames Geschäft. Will man etwa Polymere erzeugen, die die Vorteile von Wolle mit denen von Kunstfasern verbinden, vergehen im Labor Jahre. Nicht so, wenn man verstanden hat, wie die Evolution zu neuen Modellen gelangt: durch Mutation und Selektion. Der Biotechnologie-Professor Peter Schuster machte diese Prinzipien zu seinen Verbündeten. In seinem Labor Jena läßt er Automaten ständig neue Molekülvarianten "ausbrüten", dann sucht er diejenigen aus, die zufällig über die gewünschten Fähigkeiten verfügen. In seinem Auftrag rast die Evolution im Reagenzglas.
Das sind nur drei von hunderten Beispielen, wie sich Techniker von der Kreativität der Natur inspirieren lassen. Werkstoffforscher nehmen die Fäden von Spinnen unter die Lupe, um auf das Geheimnis deren Reißfestigkeit zu kommen. Den Forschern des Massachusetts Institute of Technology dienen Insekten als Prototypen für Krabbelroboter und "intelligente Prothesen", die Behinderten das Leben erleichtern sollen. Statiker lernen von der Skelettstruktur in Grashalmen. Verpackungsingenieure fahnden nach Materialien, die ihren Inhalt konservieren, stoßfest sind und nach Gebrauch keine Abfälle hinterlassen; bei Vogelei, Chitinpanzer und Bananenschale ist das längst technischer Standard.
Eine andere Möglichkeit, den Einfallsreichtum der Natur zu nutzen, besteht darin, lebende Organismen direkt in Dienst zu stellen. Insbesondere der technische Umweltschutz erzielt damit erstaunliche Erfolge:
> In North Carolina wurden Kläranlagen entwickelt, die auf Bambus bauen. In dessen Wurzelbett leben Organismen, die schädliche Komponenten aus dem Wasser filtern und in Nahrung für die schnell wachsenden Pflanzen umwandeln.
> Phyto-Remediation heißt ein Verfahren, das Pflanzen einsetzt, um verseuchte Böden zu sanieren. So hat indischer Senf (Brassica juncea) die Eigenschaft, Blei aufzusaugen und in seinen Zellen anzureichern. Innerhalb einer Wachstumsperiode zieht er bis zu zwei Tonnen Schwermetall aus der Erde. Es ist wesentlich billiger, nachher die Biomasse als Sondermüll zu entsorgen, als ganze Areale auszubaggern. Sonnenblumen haben auf ähnliche Weise ein radioaktiv kontaminiertes Gewässer in der Nähe von Tschernobyl gereinigt.
> Bakterien werden gezielt in Küstengewässern ausgebracht, um das Meer nach einem Tankerunfall zu reinigen. Sie fressen sich durch Ölteppiche und scheiden ungiftige Substanzen aus. Andere Mikroben sind sogar in der Lage, gefährliche Verbindungen wie DDT zu vernichten.
> Eine ungewöhnlichen Einsatz im Dienste der Gesundheit absolviert Lucilia sericata bei deutschen Chirurgen. Die großen, weißen Maden werden nach Operationen auf Wunden befestigt, um sie zu säubern. Insbesondere bei Diabetikern, deren Wunden schlecht heilen, erzielen die Ärzte durchschlagende Erfolge.
> Bienen könnten Minen aufstöbern: Diese gewagte Idee verfolgen amerikanische Chemiker zusammen mit Insektenkundlern der Universität Montana. Landminen sondern kleine Mengen des Explosivstoffes TNT in die Umgebung ab. Wenn die Bienen ausschwärmen, um Nektar und Pollen sammeln, könnte man sie bei der Heimkehr auf die Chemikalie untersuchen - eine Karriere vom Honigsammler zum Friedensboten.
Die Natur als Tüftler hat gegenüber dem Menschen einen entschei-denden Vorteil: Zeit. Sie betreibt ihr Experimentierlabor immer-hin schon seit drei Milliarden Jahren. Dabei schuf sie eine Komplexität von Genen, Molekülen und Biotopen, die der mensch-liche Geist noch lange nicht verstanden hat, geschweige denn nachbauen kann. Diese Vielfalt und Komplexität sind auch der Grund, weshalb mittlerweile auch Manager und Politiker fasziniert auf ökologische Prozesse schauen. Zunehmend ratlos bewegen sie sich in Systemen, ob Märkte oder Staaten, die immer komplizierter werden: eng vernetzt, mit chaotischen Wechselwirkungen und niemals im Gleichgewicht. Geradeso wie natürliche Lebensgemein-schaften. Es entwickelt sich so etwas wie "Business-Bionik" als der Versuch, den Erfolg der Blue Planet AG zu kopieren.
"Führungspersönlichkeiten, die von Ökologie und Evolution lernen", schreibt der amerikanische Wirtschaftsautor James Moore, "wappnen sich mit weisen Strategien, um die Zukunft zu meistern". Nach Meinung des Ökonomen Brian Arthur funktionieren Märkte kaum anders als Ökosysteme. Unternehmen sollten nicht länger als gut geölte Maschinen betrachtet werden, sondern als lebende Organismen, die nur beschränkt kontrollierbar sind, womit er einen herben Schlag gegen die Allmachtsgefühle mancher Manager austeilt. Eine weitere Lektion lautet: Beim "Survival of the Fittest" geht es nicht darum, Konkurrenten zu zerfleischen. Viel klüger ist es, Partner zu suchen und Netzwerke aufzubauen, die allen Beteiligten Vorteile bringen. Biologen nennen so etwas "Symbiose".
Der amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond hat noch eine andere Lehre der Natur für menschliche Wirtschaften parat. Seine Kernthese lautet, daß unterschiedlich geschnürte "Bio-Pakete", die Ausstattung jeder Großregion mit natürlichen Reichtümern, entscheidend die Menschheitsgeschichte gelenkt haben. In Eurasien waren die Grundlagen für Schritte die Entwicklung der Landwirtschaft und, darauf aufbauend, zur Hochkultur am günstigsten. Der Kontinent bekam einen gewaltigen zeitlichen Vorsprung.
Dagegen Amerika und Australien. Als weiße Kolonialisten hier eintrafen, fanden sie Ureinwohner vor, die größtenteils noch steinzeitlich lebten. Woher die Ungleichzeitigkeit? Die Antwort verweist wiederum auf das "Bio-Paket". Als die ersten Menschen Nordamerika und Australien besiedelten, starben dort in relativ kurzer Spanne die großen Säugetiere aus, entweder zufällig gleichzeitig oder aber gezielt durch Jagd. Jedenfalls verschwand mit ihnen die Chance, in die Landwirtschaft einzusteigen: Es fehlte schlicht das "Rohmaterial" für Zähmung und Zucht. Den weißen Eroberern hoffnungslos unterlegen, wurden die Ureinwohner fast ausgerottet.
Die Tragik dieses Geschichtsverlaufs liest sich wie ein Lehrstück für den Umgang des Menschen mit der Natur. Am weitesten kommen Kulturen offensichtlich, wenn sie ihr "Bio-Paket" nutzen, ohne es zu plündern. Aktionär der Blue Planet AG zu werden, zahlt sich aus: in Dividenden auf Dauer. Auch Edward O. Wilson, Soziobiologe und berühmter Erforscher der Artenvielfalt, plädiert für ein weises Bewirtschaften der Biodiversität: "Die unberührte Natur gleicht einem magischen Brunnen: Das Reservoir an Wissen und Nutzungsmöglichkeiten, die sie für uns bereithält, werden um so größer, je mehr wir daraus schöpfen."







