print 

Jenseits des Kirchturms

Von Rainer Nübel (Text) und Frank Schultze (Fotos)

"Vision Rheintal": 29 Gemeinden zwischen Bregenz und Feldkirch planen gemeinsam die Zukunft - und arbeiten an einem neuen regionalen Bewusstsein

Helmut Leite trägt Verantwortung, aber lieber ein legeres T-Shirt als einen Maßanzug mit Krawatte. So kennen die Schwarzacher ihren Bürgermeister, den dienstältesten in ganz Vorarlberg. Seit 28 Jahren führt er die österreichische Rheintal-Gemeinde. Mit breitem Lächeln erzählt der 60-Jährige, wie er in der Vergangenheit so manches Projekt trotz anfänglicher Widerstände durchgeboxt hat. Ein Kommunalpolitiker vom alten Schlag, hemdsärmelig und volksnah. Doch Leite geht bewusst auch neue Wege: "Ich möchte das Wir-Gefühl in der Region stärken", betont er. "Starres Kirchturmdenken wird sich nicht bewähren. Es muss aufgebrochen werden, hin zu mehr Kooperation zwischen den Gemeinden."

Neue Töne im Vorarlberger Rheintal zwischen Bregenz und Feldkirch. Oder nur Lippenbekenntnisse? Leite, so betont er, will seine Ankündigung jedenfalls in die Tat umsetzen - zusammen mit seinem Kollegen Erwin Mohr, dem Bürgermeister der Nachbargemeinde Wolfurt. 320 Bürgerinnen und Bürger aus beiden Ortschaften sind ebenfalls mit dabei. So viele waren im März 2007 zum Start der "Bürger-Planungswerkstatt" gekommen. Dabei geht es um die Landesstraße Nr. 3, die schmale "Hofsteig-Ader", auf der täglich rund 13 000 Autos und Lastwagen durch die beiden Orte donnern. Sie durchschneidet den Ballungsraum zwischen Dornbirn und Bregenz, ist Zubringer in den Bregenzerwald. Und seit Jahren eine lärmende, stinkende Belastung für Schwarzach und Wolfurt.

Jetzt baut der Staat unweit von Schwarzach und Wolfurt einen Tunnel, der an den beiden Hofsteiggemeinden vorbeiführen wird. Er soll den Bregenzerwald mit dem übergeordneten Straßennetz im Rheintal verbinden. Ein fragwürdiges Projekt, denn neue Straßen bringen immer auch neuen Verkehr - im Bregenzerwald wird der Tunnel das Verkehrsproblem verstärken. Fakt aber ist: Der Tunnel wird Schwarzach und Wolfurt entlasten. Im Herbst 2008 soll er eröffnet werden. Bis dahin wollen die beiden Gemeinden ein wichtiges Stück ihrer Zukunft gemeinsam geplant haben: die Neugestaltung der Landesstraße - in Form eines ganzheitlichen Verkehrs-, Betriebs- und Gestaltungskonzepts.

Rund hundert Einzelvorschläge sind im März 2007 beim Bürger-Workshop eingebracht worden: Mehr Grün, größere Sicherheit für Kinder, Senioren und Radfahrer oder Tempolimit - die lange Liste erzählt von einer Vision: Die heutige Durchgangsstraße soll in beiden Gemeinden ein attraktiver Bereich werden. An dieser Vision wird nun engagiert weitergetüftelt. Kommunale Vertreter, Schulleiter, Mitglieder von Elternvereinen und anderen Organisationen sowie betroffene Bürgerinnen und Bürger beider Orte erörtern die Vorschläge der vom Land beauftragten Planungsfirma. Bürgermeister Leite sitzt in einer der Diskussionsgruppen, beugt sich mit über die Pläne und notiert eifrig Kritik und Anregungen der Bevölkerung. "Dieses gemeinsame Projekt ist eine Chance, unsere Lebensqualität zu erhöhen", sagt er. "Das ist ganz im Sinne der Vision Rheintal."

Vision Rheintal - dieser Begriff schwirrt seit 2004 durch die von Bergen eingerahmte Flussebene wie eine Verheißung. Tatsächlich aber ist damit ein ganz reales, hartes Stück Arbeit verbunden, die vom Land Vorarlberg und den Kommunen im Tal des Alpenrheins angegangen worden ist. Was in einzelnen Gemeinden wie Schwarzach und Wolfurt schon im Ansatz praktiziert wird, soll für die gesamte Region Wirklichkeit werden: Enge Kooperation in der Zukunftsplanung. Schritt für Schritt ist man in den vergangenen drei Jahren dem ehrgeizigen Ziel näher gekommen. Alle 29 Gemeinden im Vorarlberger Rheintal, bis dato weitgehend "Einzelkämpfer", haben gemeinsam Leitlinien eines regionalen Entwicklungskonzepts erstellt. Zentrale Zielsetzungen: mit der Ressource Grund und Boden soll künftig sparsamer umgegangen werden. Die grünen Freiräume werden vernetzt, der öffentliche Personennahverkehr wird ausgebaut. An den Siedlungsrändern sollen keine neuen Einkaufszentren gebaut, hochwertige Grünflächen also nicht weiter angegriffen werden. Neue Gewerbegebiete entstehen nur noch koordiniert auf Flächenreserven, soziale oder kulturelle Dienstleistungen werden in Unterzentren angeboten wie in einer großen Stadt. Und was für die Umsetzung der Vision entscheidend ist: die Kommunen arbeiten daran, dass ein regionales Bewusstsein entsteht.

Wer den Weitblick sucht, kann rasch erkennen, wie dringlich das Vision-Projekt ist. Hoch über dem Rheintal, auf den Hängen, sticht die enorme Zersiedelung des Tales ins Auge. Einzelne Gemeinden, in den sechziger Jahren noch klar abgegrenzte Räume, wurden aufeinander zugebaut, zerflossen unkoordiniert zu einem zähen Siedlungsbrei. Gewerbegebiete und Einkaufszentren fraßen sich an den Ortsrändern ins satte Grün des Rieds. Die letzten ökologischen Freiräume sehen wie zerzauste Inseln aus. Und der begradigte Rhein mit seinem kanalisierten, mit Dämmen eingefassten Bett gleicht von oben fast dem Betonband der Autobahn. Nur der geschlungene Arm des alten Rheins hat noch etwas Ursprüngliches.

Kritische Positionen hatten den Prozess der "Vision Rheintal" maßgeblich in Gang gesetzt. Im Jahr 2000 hatte ein geplantes Hochhaus-Projekt in Lustenau heftige Diskussionen ausgelöst. Die Vorarlberger Architekturszene griff das Thema in Veranstaltungen auf. Gleichzeitig gab es mehrere Verkehrsprojekte und Gewerbegebietsplanungen, die klar machten, dass nicht mehr jeder für sich, sondern dass man gemeinsam in einem größeren Raum denken muss. Denn: Kaum eine Rheintalgemeinde kann sämtliche Angebote für die Bürgerinnen und Bürger selbst stemmen und finanzieren. In Bereichen wie Wasserversorgung oder Schulen arbeiteten manche Kommunen bereits zusammen.

Es lag also etwas in der Luft überm Vorarlberger Alpenrheintal, in dem derzeit rund 240 000 Menschen leben und dessen Einwohnerzahl nach Berechnungen des Landes Vorarlberg bis 2031 auf 270 000 ansteigen wird. Die Landesregierung ließ 89 Schlüsselpersonen zum Thema Vision befragen und stellte das Ergebnis 2003 öffentlich vor. Unter anderem wurde das starke Konkurrenzverhalten von Gemeinden kritisiert, aber auch die Chancen auf ein Netz aus Grünflächen sind herausgehoben worden. Das sorgte für einen neuen Schub. Der politische Startschuss fiel schließlich am 4. Mai 2004: Die Landesregierung beschloss das Projekt "Vision Rheintal" und stellte zur Ausarbeitung der Planung rund 300 000 Euro pro Jahr zur Verfügung. Die Raumplanerin Sibylla Zech vom privaten Wien-Vorarlberger Büro stadtland wurde mit der Leitung beauftragt.

Zech, die aus Vorarlberg stammt, ist eine offene, kommunikative Frau. Eine wichtige Voraussetzung für ein visionäres Mammutprojekt. Immerhin ging es darum, die Bevölkerung, darunter 11 700 Betriebsleiter, 740 Gemeindevertreter und zahlreiche weitere Interessengruppen in Bewegung zu bringen. Und zu überzeugen. Der Projektleiterin der "Vision Rheintal" und ihrem Team war klar: möglichst viele müssen beteiligt werden.

Zunächst erarbeiteten rund fünfzig Fachleute die Grundlagen der Vision, darunter Vertreter von Land und Gemeinden, Architekten, Planer, Unternehmer und Landwirte. Sie bildeten einzelne Expertenteams zu den sechs Schwerpunkten "Siedlung und Mobilität", "Freiraum und Landschaft", "Sozio-kulturelle Entwicklung", "Wirtschaftsstandort", "Gemeindebedarfseinrichtungen" und "Kommunale Kooperation". Zunächst tauschten sich nur die Leiter der Fachteams aus. "Das war zu wenig", sagt Zech selbstkritisch und führte deshalb ein weiteres Element ein, den "Campus": Jetzt trafen sich die ganzen Fachteams. Alle mussten sich mit allen Themen beschäftigen.

Parallel zur Arbeit der Fachteams wurden von Anfang an auch interessierte Bürgerinnen und Bürger eingebunden: Acht Rheintal-Foren fanden bis zum Frühjahr 2007 in verschiedenen Orten statt - Großveranstaltungen, bei denen sie die Themen der Vision erörterten. Dazu kamen zahlreiche Inforunden mit Interessengruppen, gemeinsame Sitzungen der Gemeindevertreter, Exkursionen, Vorträge und Präsentationen. Mehr als 1200 Menschen beschäftigten sich auf diesem Weg mit der "Vision Rheintal". Auf politischer Ebene liefen und laufen Rheintal-Konferenzen ab, von Land und Gemeinden paritätisch besetzt. Ein Lenkungsausschuss koordiniert die einzelnen Projekte.

Sibylla Zech räumt es offen ein: Natürlich gab es auch Interessenkonflikte und Widerstände. "Da hat es schon geknirscht." Zwischen manchen Gemeinden bestehen historische Rivalitäten. Dazu kommt die Angst, dass große Kommunen wie Bregenz, Dornbirn und Feldkirch die kleinen dominieren könnten. Noch gravierender: Die Menschen im Rheintal leben längst in urbanen Verhältnissen, viele wollen dies aber nicht wahrhaben und versuchen weiterhin, ihre alte dörfliche Identität zu wahren. Das hat teilweise zur Abgrenzung der einzelnen Gemeinden geführt statt zu Kooperation. An diesem brisanten Punkt setzte die "Vision Rheintal" maßgeblich an: Gleich beim ersten Rheintal-Forum wurden mit den Teilnehmern "mentale Landkarten" entwickelt. Die Bürger bestimmten "Unorte" in der Region, an denen sie sich nicht wohl fühlen, aber auch positive Orte: solche mit besondern Ausblicken, Naturdenkmäler, religiöse und mystische Plätze, und solche, an denen man sich mit Freunden trifft. Dabei wurde sichtbar, wie stark die Verflechtungen in der Region sind. Jeder fühlt sich fast im gesamten Vorarlberger Rheintal irgendwie zu Hause. Und bewegt sich als Pendler durch den ganzen Raum. Die Karte war so etwas wie ein Durchbruch, erinnert sich Zech. Sie machte bewusst, dass die Dorfrealität gar nicht mehr existiert und die Leute in der Agglomeration verankert sind - also im Siedlungsband des Alpenrheintals. Es entstand ein erstes Wir-Gefühl.

Umso ungeduldiger warteten viele auf konkrete Ergebnisse. Doch zunächst erarbeiteten die Fachteams in Dutzenden von Sitzungen die Leitbilder der Vision Rheintal. "Das war eine harte Diskussion und ein Ringen um die Worte", erzählt Zech. Heute machen Broschüren und Schautafeln einer Wanderausstellung sichtbar, wie das Rheintal aussehen soll. Geplante Zukunft: Die letzten großen unzerschnittenen Naturräume bleiben erhalten. Grüne Verbindungen vernetzen Biotope und machen Erholungsgebiete zugänglich. Die Landwirtschaft deckt vorrangig die regionale Nachfrage. Die Siedlungen haben gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Die Bahn fährt in kürzeren Takten, im ganzen Tal gibt es überregionale Radwege. Rund um die Bahnhöfe sind neue Büros, Wohnungen, Geschäfte, Schul-, Sport- und Freizeiteinrichtungen entstanden. An besonders geeigneten Standorten sind Gewerbegebiete gewachsen, die sich durch Erreichbarkeit, gute Entwicklungsfaktoren und hohe Flächenreserven auszeichnen. Kommunen teilen sich Aufwendungen und Einnahmen.

Schöne neue Rheintal-Welt? Noch ist es eine Vision. Und sie hat ein gravierendes Defizit: Die interessierte Bevölkerung wurden zwar beteiligt, doch die große Masse der Rheintalbewohner weiß noch nichts von ihr. Der beim Land angestellte Raumplaner Martin Assmann, seit Sommer 2006 Projektleiter der "Vision Rheintal", räumt ein: "Es ist uns noch nicht gelungen, direkt in die Bevölkerung reinzugehen." Ein zwei Mal im Jahr erscheinendes Magazin, in dem vorbildliche Projekte dargestellt werden, soll mithelfen, das Defizit zu beheben. Genauso eine geplante "Road Show" zur großen Vision.

Mancherorts wird die Vision bereits konkret: Die Kommunen Dornbirn, Lustenau und Hohenems, bisher weit mehr Konkurrenten als Partner, haben 2006 das Projekt "Rheintal Mitte" begonnen. Ziel ist ein gemeinsames räumliches Entwicklungskonzept, das auf ein ausgewogenes Verhältnis von Freiräumen, Gewerbegebieten und Verkehr Wert legt. Ein gemeinsamer Zielkatalog ist bereits beschlossen.

An solchen Ansätzen zeigt sich, was pionierartig an der "Vision Rheintal" ist: Dass sich Vorarlberger Gemeindevertreter inzwischen trauen zu sagen, dass jeder, der glaubt, die gemeinsamen Probleme bei sich im Dorf lösen zu können, den Siedlungsbrei nur noch zäher macht. Ihnen ist bewusst geworden: Um die letzten zusammenhängenden Grünflächen zu retten, muss die Vision die Gemeindegrenzen überwinden und konsequent umgesetzt werden - und die Menschen in den Gemeinden motiviert werden, diese auch einzufordern.

Doch die Dringlichkeit des Großprojekts endet nicht an der österreichischen Grenze. Auf Schweizer Seite gibt es im Rheintal ähnliche Verhältnisse und Probleme. Es gibt zwar erste "Visions"-Kontakte zu den eidgenössischen Nachbarn, und Schweizer Raumplaner haben sich bereits über das Vorhaben und einzelne Projekte informiert. Doch von einer Kooperation ist man noch weit entfernt. Ein Manko. Es gibt noch sehr viel zu tun, bis die Vision Realität ist.

> Wir Alpen!