Protagonisten und Passagen von "Was ist deutsch?"
Norbert Lammert [12:00 bis 13:00]
Bundestagspräsident, ist ein Jahr älter als die Republik, deren zweithöchstes Amt er bekleidet. Seit 29 Jahren ist er Mitglied des Parlaments, in der Opposition, als Regierungsmitglied, seit 2005 als sein Präsident. Er sagt: "Eine Gesellschaft kann Multikulturalität nur ertragen, wenn sie über ein Mindestmaß an gemeinsamen Überzeugungen und Orientie-rungen verfügt, die im Konfliktfall auch gelten." Als Interessen gibt der Honorarprofessor der Ruhr-Universität Bochum "Musik, Fußball, Literatur" an. Nobert Lammert wird am 1. Mai um 12 Uhr der erste Gast beim Interviewmarathon "Was ist deutsch?" sein.
Alles ist nur vorläufig gültig
Es ist mal wieder fünf vor zwölf in Deutschland. Die Uhr tickt im Hintergrund. Im Berliner Radialsystem V sind drei Kameras auf einen Tisch gerichtet, an dem in den nächsten 24 Stunden 24 Gäste am Stück interviewt werden sollen. Doch nur die Gäste wechseln, die zwei Journalisten Michael Gleich und Hajo Schumacher, interviewen zu zweit rund um die Uhr. Was sich metaphorisch als Marathon aufdrängt und in Wirklichkeit an die Grenzen gehen will, nennt sich auch so: "24 Stunden Interviewmarathon". Die Interviewer nehmen nur eine Frage mit auf die Langdistanz: "Was ist deutsch?" Ganz einfach, ganz schlicht. Doch einfache Fragen sind nicht einfach. Gibt es so etwas wie das typische Deutsche überhaupt oder ist unsere Gesellschaft längst viel bunter, innerhalb der deutschen Grenzen eben nicht einfach nur deutsch? Das ist der Hintergrund, vor dem sich die Frage stellt. Zusammen mit den 24 Persönlichkeiten aus Kultur, Politik und Wissenschaft möchten Gleich und Schumacher sich dieser Frage nähern. Für die Antworten, die sich aus den jeweiligen Biographien der Gäste ganz individuell ergeben werden, sind sie offen.
Punkt zwölf, der Lauf beginnt. "Wir werden Sie heute durch die 24 Stunden führen", eröffnet Gleich. "Wir wollen uns fragen, ob wir zuversichtlich sein können, ob wir eine weltoffene Gesellschaft geworden sind. Denn unsere These ist: Deutsch ist Vielfalt." Und warum dieses Format? "Weil es so unberechenbar ist", sagt Schumacher. "Wir wollen von Anfang an von der Berechenbarkeit wegkommen und bestenfalls hin zu mehr Ehrlichkeit, Offenheit, Unverstelltheit. Und damit möchten wir unseren ersten Gast begrüßen: Bundestagspräsident Norbert Lammert."
Der 1. Mai lässt in Berlin-Kreuzberg wieder Krawalle erwarten. Ist das ein deutsches Phänomen? "Dadurch, dass es in Berlin passiert, ist es deutsch." Soviel wäre mal klar. Doch "60 Jahre Lammert sind auch 60 Jahre Deutschland", eröffnet Schuhmacher den weiteren, biographischen Horizont der Frage. Lammert ist ein Jahr älter als die Republik. Er hat die Nachkriegsjahre erlebt und erinnert sich, dass ihn ein Politiklehrer stark beeindruckt hat. "Durch sein hohes politisches Engagement gepaart mit parteipolitischer Distanz". Diese Distanz zu Moden im weiteren Sinne hat auch Lammert in sich gespürt. Er studiert Politikwissenschaften in einer Zeit, in der ideologische Färbungen in der Studentenschaft stärker hervortreten. Doch sein Vorbild ist nicht Adorno, sondern ein Dozent der Wissenschaftstheorie, der in theoretische Distanz zu Ideologien tritt. Lammert entdeckt Popper. "Nichts kann bewiesen werden. Alles ist nur vorläufig gültig", pointiert Lammert die Essenz. Denn es sind nur Vermutungen, die wir über die Wirklichkeit haben. Und es sind Mehrheiten, die diese Vermutungen als Tatsachen ausweisen. Obwohl sie letztendlich Vermutungen bleiben. Auch politische Mehrheiten sagten nicht, was wahr, sondern nur, was gültig ist. "Und da sehe ich doch, was vielleicht typisch deutsch ist", sagt Lammert. Es sei der unreflektierte Reflex, von einer Mehrheit auf Recht zu schließen. Diese Gleichsetzung erfahre man besonders als Minderheit, die eine alternative Position vertritt. Eine Erfahrung, die im politischen Alltag erhalten bleiben müsse, sagt Lammert. Denn es ist das Wesen des demokratischen Systems, mit Mehrheiten über das zu entscheiden, was gelten soll. Doch nur vorläufig. Weil keine Position wahr ist. (sh)
Thomas Reiter [13:00 bis 14:00]
geb. 1958, ist deutscher Astronaut. Nach einer Ausbildung zum Jetpiloten wurde er aus einer Gruppe von 22000 Bewerbern als Mitglied des Europäischen Astronautenteams ausgewählt. Als achter Deutscher startete Thomas Reiter am 3. September 1995 ins All und flog zusammen mit zwei Russen zu der russischen Raumstation "Mir". Für ihre erste Langzeitmission auf der Internationalen Raumstation (ISS) wählte die ESA 2005 Thomas Reiter aus, der am 6. Juli 2006 mit dem Spaceshuttle "Discovery" zur ISS flog und nach sechs Monaten zur Erde zurückkehrte. Thomas Reiter ist seit dem 1. Oktober 2007 Mitglied des Vorstandes des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und dort verantwortlich für Raumfahrtforschung und -entwicklung.
Erdenbürger aus dem All
Als Astronaut hat man nicht viel Platz für Souvenirs. Anderthalb Kilo Heimat hatte Reiter gewissermaßen im Gepäck, als er ins All startete. Deutschland im digitalen Handgepäck. Dafür hat man jedoch einen klaren, umfassenden Blick auf seine Heimat, den blauen Planeten. "Und man ist von der Schönheit der Erde beeindruckt", erinnert sich Reiter, der im All auch über Ereignisse auf der Erde informiert war. Die negativen Ereignisse, die ihn als Nachrichten in der Schwerelosigkeit erreichten, steigerten sich in ihrer Unsinnigkeit. Der Blick veränderte sich. Das, was wichtig ist, rückt aus der Ferne in greifbarste Nähe. "Die einfache Tatsache zum Beispiel, dass wir alle zusammen gehören", sagt Reiter. Genauso wie die Wahrung des Friedens und der Erhalt des Planeten. Alles, was auf der Erde so schwierig scheint, ist im All ganz einfach, einfach einleuchtend. Diese Erfahrung hat Reiter bei seiner Ankunft auf Erden mitgenommen. Als Souvenir aus dem All. "Sind Sie jetzt erleuchtet?", fragt Gleich mit einem Lächeln. "Nein, so möchte ich das nicht ausdrücken. Aber die Perspektive hat sich nachhaltig verändert." Diese Erfahrung, die Reiter als Astronaut im All gemacht hat, sieht er auch als Gewinn für die menschliche Gemeinschaft. Denn als Mensch kann er anderen Menschen davon berichten. "Und Erfahrungen treiben die Entwicklung voran." Ein ins All geschickter Roboter vermag das nicht. Und wie hat sich der Blick auf ihn selbst verändert? "Ich habe mich auch als Deutscher im All gefühlt. Aber es ist nicht zu leugnen, dass sich eine Erfahrung in den Vordergrund drängt: dass man in erster Linie ein Erdenbürger ist." (sh)
Benjamin von Stuckrad-Barre [14:00 bis 15:00]
geb. 1975, Journalist und prominentester deutscher "Popliterat". Als Zeitungsreporter aller Genres macht er Stichproben von Stadt, Land und Begegnungen. Er beobachtet, seziert, entlarvt, provoziert und schreibt - kontinuierlich an seinem Buch "Deutsches Theater", das dieses Jahr in einer erweiterten Neuauflage erschienen ist. In seinem Romanen "Livealbum", "Remix" oder "Blackbox" kratzt er an Oberflächlichkeiten der Medienwelt und führt mit scharfem Blick hinter die Kulissen eines vermeintlichen Lebensgefühls seiner Generation. Benjamin von Stuckrad-Barre arbeitete als Redakteur und freier Autor beim Rolling Stone, der Harald Schmidt Show, taz, stern und der FAZ, moderierte den Jugendsender "You FM" beim Hessischen Rundfunk und ist seit 2008 exklusiv für Zeitungen der Axel Springer AG tätig.
Land der Dichter, Denker und Dummen
Er ist immer vor Ort. Der Ort ist Deutschland. Und über sich selbst sagt er: "Ich bin mein Material." Ein versprengter und gebündelter Ansatz zugleich. Benjamin von Stuckrad-Barre ist Literat, die Kritik hat ihm das Etikett "Popliterat" verpasst. Aber was ist Popliteratur? Und ist das überhaupt eine Frage wert? "Ich habe mich jahrelang gefragt, wie Popliteratur definiert wird. Mittlerweile ist es mir ja völlig wurscht, wie man das nennt, was ich mache", sagt von Stuckrad-Barre. Wer keine Fragen hat, muss nicht unbedingt Antworten haben. Man kann sich auch einfach auf's Gefühl verlassen: "Ich gehe dahin, wo es weh tut. Das interessiert mich." Das heißt konkret: Von Stuckrad Barre schaut sich die Dummheit im Lande an. Deutschland hier, von Stuckrad-Barre da. Wo sich die beiden begegnen, ist Leiden. Das dokumentieren seine Bücher. Auch die, in denen Leiden auf den ersten Blick als falscher Begriff erscheint, weil der Autor in ihnen bis zur Unberührbarkeit ironisiert. Gleich fragt: "Ist es das Leiden des Landes oder Ihr Leiden?" Wieder so eine Frage. "Ich mag das Land unglaublich gerne." Wieder so eine Antwort. Fragen, Antworten. Wer schon sein eigenes Material ist, der ist manchmal die Rolle des Beobachters leid, ist also hin und wieder auch einfach gern er selbst. Nächste Frage an ihn selbst: Was ist Erfolg? "Bücher, Lesungen und dann noch eine positive Kritik in der SZ", karikiert von Stuckrad-Barre eigene Erfolgsvorstellungen. Doch die sind Geschichte. Denn wenn sich erfüllt hat, was man sich gewünscht hat, ist man auch gleich um eine Erfahrung reicher: "Und was kommt dann? Nix!" Von Stuckrad-Barre, der in seinen Büchern von eigenen Lebenskrisen berichtet, steckt in einer neuen Phase. Gewissermaßen in einer Phase der Materialermüdung. Er sei vorsichtiger und nachsichtiger im Umgang mit sich selbst geworden. Was jedoch weiterhin zählt, sind Musik, Bücher und enge Freunde, mit denen er täglich telefoniere. "Platten, Bücher, Freunde", resümiert Schuhmacher. Ein Titel für eine Biographie. Und Stuckrad-Barre hat eine Frage: "Darf ich mir das notieren?" (sh)
Marianne Birthler [15:00 bis 16:00]
geb. 1948 und aufgewachsen in Ostberlin. Sie studierte Außenhandel, arbeitete als Katechetin in der Evangelischen Kirche und war eines der Gründungsmitglieder der "Solidarischen Kirche". Vor und nach der Wende solidarisierte sie sich mit politisch Verfolgten, protestierte gegen Repressionen des SED-Regimes und arbeitete 1989/90 am Zentralen Runden Tisch mit. Für ihr bürgerrechtliches Engagement erhielt sie 1995 das Bundesverdienstkreuz. Marianne Birthler war in der DDR Volkskammer Sprecherin von Bündnis 90 und nach der Wende vom neuen Bündnis 90/ Die Grünen. Seit 2000 ist Marianne Birthler Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes.
Gespür für Würde
Deutschland ist Geschichte. Die Vergangenheit ruhen zu lassen, ist für die einen ein selbstverständliches Bedürfnis. Für andere ist dies überhaupt nicht denkbar, eben weil ihnen die unangetastete Vergangenheit keine Ruhe lässt. Die Geschichte Deutschlands hat zwei gezielte Aufarbeitungen von Vergangenheit erfahren: die Zeit des NS- und die des SED-Regimes. Als Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes arbeitet Birthler an der Aufarbeitung der planmäßig durchgeführten Spitzeltätigkeiten in der DDR. Sie kennt die Forderung vieler, diese Suche nach der Geschichte doch endlich aufzugeben. Sie aber sieht einen zukunftsfähigen Wert in ihrer Arbeit: "Ich kann den Menschen ihr Leben zurückgeben." Denn die SED-Zeit war von fundamentalem Misstrauen geprägt, einem Misstrauen, dass nicht nur das Regime selbst, sondern auch die in ihm lebenden Menschen betraf. Durch die Akteneinsicht könnten so bohrende Fragen beantwortet werden wie: "War mein Vertrauen einem bestimmten Menschen gegenüber gerechtfertigt?" Natürlich spiegelten Akten keine Wirklichkeit. Aber allein die Annäherung könne einer verunsicherten Biographie einen festeren Standpunkt wiedergeben. Nach den langjährigen Erfahrungen, die Birthler mit ihrer Arbeit gemacht hat, ergibt sich die Frage nach dem Menschenbild: "Ist der Mensch böse?", spitzt Gleich die Frage zu. Birthler verneint eindeutig. Sie habe im Gegenteil eher erleben dürfen, wie viel Charakterstärke sich gerade innerhalb des unmenschlichen Systems habe halten können. Und was muss man tun, damit sich in unserer Gesellschaft so etwas wie ein totalitäres Regime nicht mehr durchsetzen kann? Birthler setzt beim individuellen Menschen an: "Je selbstverständlicher Menschen lernen dürfen, ein Gespür für die eigene Würde, die eigene Integrität zu entwickeln, desto eher werden sie auch die Integrität anderer Menschen achten und schützen." (sh)
Dawit Shanko [16:00 bis 17:00]
geb. 1968 in Addis Abeba. Als Schuhputzer hat er sich seine Schulausbildung in Äthiopien selbst finanziert, kam 1985 mit einem Stipendium zur Ausbildung als Vermessungsfacharbeiter nach Eichwalde, DDR und im Sommer nach Westberlin, wo er bis 2000 Architektur studierte. Seine eigenen Erfahrungen als Schuhputzer in Addis Abeba ließen ihn nicht mehr los: 2001 gründete er den Verein Listros e. V., der sich zum Ziel gesetzt hat, diesen Kindern und Jugendlichen in Äthiopien für ihre Arbeit und ihren Unternehmergeist Anerkennung und Respekt zu verschaffen. Namhafte Künstler und Architekten haben sich Dawit Shanko seither angeschlossen und entwickeln in unterschiedlichsten Kunst- und Austauschprojekten neue Ansätze einer innovativen Entwicklungshilfe.
Es geht immer um Respekt
Von Deutschland kann man lernen. Shanko lernte, dass es einen Hang gibt, Sachverhalte in zusammengesetzten Wörtern auszudrücken. "Auf Wiedersehen" ist so ein Wort. "Ich habe erst nach und nach verstanden", sagt Shanko, "was dieses Wort bedeuten soll: Es ist der Ausdruck der Freude darüber, jemanden hoffentlich bald wiederzusehen. Was für ein Riesensatz!" Doch nachdem er die Bedeutung des Wortes verstanden hatte, wurde es nur noch verwirrender: "Denn auf der Straße sagen die Leute ständig 'Auf Wiedersehen', aber es ist ganz klar: Die wollen dich gar nicht wieder sehen!" Mit dieser Komplexität der Worte und ihrem widersprüchlichen Gebrauch hatte er am Anfang einige Schwierigkeiten. Gleichzeitig wurde ihm jedoch klar, dass er, wenn überhaupt, "das Deutsche nur im Deutschen" begreifen könne. Auch "Entwicklungshilfe" ist so ein Wort und die Hilfe zur Entwicklung ist sicherlich eine schöne Idee. Aber leider würden die so genannten Helfer diesem Anspruch selten gerecht. In der Regel kommen diese selbsternannten Helfer, lindern die akute Not, belassen jedoch die Menschen in ihrer Hilflosigkeit. Weil keine Hilfe zu Selbsthilfe stattfindet. Shanko, der sich in Deutschland über das verzerrte Bild Äthiopiens, mittlerweile einer erstarrten "Chiffre für Armut und Hungersnot", geärgert hat, fordert mehr respektvolle Offenheit: "Leute, geht doch da mal neugierig hin. Sprecht mit den Menschen, hört ihnen zu und versucht, die Situation aus ihrem Blickwinkel zu betrachten. Erst dann kann man sehen, ob und wie man helfen kann." Um Respekt geht es Shanko auch bei dem von ihm gegründeten Verein Listros e. V., der Kindern und Jugendlichen zu helfen versucht, indem ihrem Unternehmergeist als Schuhputzer Anerkennung verschafft wird. Shanko, der seine Schulausbildung als Schuhputzer finanziert hat, möchte, dass die Jugendlichen "aus dieser Zeit gestärkt hervorgehen". Von Listros könne auch Deutschland lernen, meint Shanko: "Den Deutschen fehlt die Demut, sich mit einer Situation abzufinden und kreativ damit umzugehen." Und darüber hinaus bietet Listros noch eine allgemeinere Lektion: "Es ist nicht schlimm, unten zu sein. Es ist einfach nur eine Ebene." (sh)
Sebastian Turner [17:00 bis 18:00]
geboren 1966, gründete unmittelbar nach der Wende mit zwei Partnern in Dresden die "kreativste deutsche Werbeagentur" Scholz & Friends. Turner gilt als Urheber des Slogans "Wir können alles - außer Hochdeutsch". Zu seinen bekanntesten Kampagnen gehört die Wiederbelebung des FAZ-Claims "Dahinter steckt immer ein kluger Kopf" sowie die Standortinitiative "Deutschland - Land der Ideen". Turner gehört dem Vorstand des Art Directors Club of Europe an und lehrt als Gastprofessor an der Universität der Künste in Berlin.
Ideen überall
Wer an Deutschland denkt, kommt an Hitler nicht vorbei. Gefragt danach, welche Persönlichkeit im Ausland besonders deutsch ist, antwortet Turner: "Das hängt natürlich vom Land ab. Doch Hitler ist die größte deutsche Figur." Allerdings hat sich die Wahrnehmung verändert. "Hitler wird immer mehr als Figur einer abgeschlossenen Geschichte betrachtet. Wir sollten damit jedoch vorsichtig sein." Deutschland hat jedoch noch andere Prägungen: Land der Dichter und Denker. Und: Made in Germany. Mit beiden Klischees hat sich Turner auseinandergesetzt. Ziel der Auseinandersetzung ist immer eine zündende Idee. Doch mit Ideen ist das so eine Sache. Sie kommen, wann sie wollen. "Die Idee haben Sie in der Regel nie dann, wenn Sie sie brauchen. Sie beschäftigen sich also mit etwas, suchen nach einer Lösung - und finden sie dann, wenn Sie etwas gänzlich anderes machen." Doch als Schuhmacher Turner fragt, ob sich Kreativität nicht deutsch organisieren lasse, zeigt er sich zuversichtlich: "Ja, das kann man wahrscheinlich." Wichtiger ist Turner jedoch, dass Kreativität nicht nur an einzelne Köpfe und Orte gebunden ist. "Wir müssen zeigen, dass Ideen überall möglich sind." (sh)
Titus Dittmann [18:00 bis 19:00]
geb. 1948, gilt als "Vater der deutschen Skateboard-Szene". Was 1978 mit der Leidenschaft fürs Rollbrett fahren beginnt, mündet in der europäischen Marktführerschaft. Die "titus GmbH" (Münster) versorgt die Szene mit Skateboards, Zubehör, Streetwear und dem dazugehörigen Lebensgefühl. Nach einem Beinahe-Bankrott vor einigen Jahren restrukturiert Dittmann sein Unternehmen und setzte noch mal alles auf eine Karte. Die eigene Krise hat den Blick des Unternehmers und Ex-Studienrats auf die Welt verändert: in Kabul unterstützt er u. a. das Projekt "Skateistan". Zwei Tonnen Skateboards mitsamt Zubehör hat Titus unlängst von Münster nach Kabul transportieren lassen, um dort die Basis für humanitäre Jugendarbeit zu leisten.
Wer skatet, schießt nicht
Wenn überhaupt jemand Deutschland ins Rollen gebracht hat, dann Titus Dittmann. Als angehender Lehrer entdeckte er das "pädagogische Potenzial" des Skateboardens. Seine "Prüfung" ergab, dass sich Skateboarden hervorragend als Schulsport eigne. Doch die Bretter fehlten. So reiste Dittmann mehrmals in die USA und kam mit Rollbrettern im Handgepäck zurück. Der Rest dieser ursprünglichen Beschaffungs-Kreativität ist Geschichte. Dittmann selbst beschritt jedoch mit der titus GmbH einen untypisch deutschen Karriereweg: "Erst Beamter, dann Unternehmer!" War sein mangelndes Profitstreben Grund für den Erfolg? Da ist sich Dittmann sicher. Apropos Geld: "Geld ist mir nur dann nicht scheißegal, wenn es nicht da ist." Solange Grundbedürfnisse wie ein Brett mit vier Rollen unter den Füßen zu haben gedeckt sind, geht's ihm gut. Und seine Skateboard-Familie ist weiterhin seine Heimat: "Ich hatte ja nie das Bedürfnis, in der Erwachsenenwelt heimisch zu werden. Mein zuhause sind die Skater." Ganz nebenbei ist das Skateboarden auch eine Lebensschulung: "Was den Skateboarder ausmacht, ist eine Gemeinschaft, in der Leistungsbereitschaft und Kreativität gefordert wird. Diese Werte werden geschult." Deswegen braucht auch Afghanistan Skateboards. Dittmann: "Wenn jemand ein Mann werden will, braucht er etwas, um sich abzugrenzen. Eine Kalaschnikow oder eben ein Skateboard." Schuhmacher fragt: "Wer skatet, schießt nicht?" Dittmann: "Naja, ich würde da vorsichtig sein. Aber im Grunde stimmt es schon." (sh)
Martin Sonneborn [19:00 bis 20:00]
geb. 1965, tritt vielen auf den Schlips und das meist medienwirksam. Er ist Mitherausgeber des "endgültigen Satiremagazins Titanic" und verantwortlich für "SPAM", die satirische Rubrik von Spiegel Online, dreht Filme, schreibt Bücher und macht Politik: als Bundesvorsitzender einer 2004 von ihm gegründeten Partei namens "Die PARTEI". Wenn man Rudi Völler, der "FAZ", den "Tagesthemen" Glauben schenken darf, waren es seine Bestechungsfaxe an FIFA-Komiteemitglieder, die die Fußball-WM-2006 nach Deutschland geholt haben. In seinem gerade erschienenen "PARTEI-Buch" erklärt Sonneborn, wie man "in Deutschland eine Partei gründet und die Macht übernimmt".
Wir suchen neue Inhalte, finden aber keine
Deutschland ist das Land der Ämter. Das Amt des Bundesvorsitzenden der PARTEI übt Martin Sonneborn aus. Ununterbrochen, ungebrochen. Und ganz bestimmt bis zur Bundestagswahl 2009: "Wir wollen die Wahl gewinnen!" Koalitionspartner? Favorisiert wird die NPD. "Aber eigentlich ist es ganz egal, wer uns zur Macht verhilft." Bis auf die Mauer, die die PARTEI wieder aufbauen will, steht nicht viel fest: "Wir suchen neue Inhalte, finden aber keine." Und der Maueraufbau sei eine "dialektische Idee". Denn: "Indem wir uns teilen, finden wir zusammen." Schumacher bringt die aktuellen Unruhen in Kreuzberg ins Spiel: auf der einen Seite Leute, die Steine werfen, auf der anderen Seite die Polizei. Wo steht da die PARTEI? Sonneborn: "Die PARTEI steht dazwischen und fängt die Steine auf." Gleich versucht das Gespräch mit dem Bundesvorsitzenden: Er schätze die satirischen Aktionen, bei denen Sonneborn den Mächtigen auf den Zahn fühlt, "aber bei manchen Aktionen habe ich das Gefühl, dass es nur um Ihre Ego-Show geht, oder?" Sonneborn: "Ich würde sagen, als Journalist, der sich vor Kameras herumtreibt, sollten Sie hier die Klappe halten!" Gleich hakt nach: "Ist das bei Ihnen so? Sie haben sich heute versteckt und Ihre satirische Performance gemacht. Aber wir haben nicht miteinander gesprochen! Ist Ihr Parteivorsitzenden-Gedöns eine Ego-Show?" Sonneborn: "Wenn ich aus reiner Egozentrik das machen würde, was ich mache, dann wäre ich Journalist geworden. Ich glaube, dass der Spaß an der Komik und an der satirischen Kritik eine größere Rolle spielt." Schumacher: "Jetzt mal ehrlich: Macht Ihnen das Spaß?" Sonneborn: "Im Moment nicht, weil es hier zu heiß ist." (sh)
Wolfgang Schmidbauer [20:00 bis 21:00]
geb. 1941 in München, ist Psychoanalytiker, Psychotherapeut und Supervisor, publizierte über vierzig Sachbücher, einige Romane und zahlreiche Zeitschriftenartikel, unter anderem in "Der Spiegel" und "Die Zeit". Bekannt wurde er mit seinem Bestseller "Die hilflosen Helfer", in dem er auch den Begriff Helfersyndrom prägte. Die großen Gefühle sind sein Thema: "Die sogenannte Aggression", "Die heimliche Liebe", "Das Buch der Ängste". Gerade erschien "Ein Land - drei Generationen. Psychogamm der Bundesrepublik" (Herder Verlag). Fasziniert ist er von einfachen Dingen und von Lebenskonzepten jenseits des Konsumrauschs.
Deutsche Angst
Bei diesem Gast geht es um ein ganz altes Gefühl. Angst gehört zu dem Schlimmsten, das einem Menschen geschehen kann, sagt Wolfgang Schmidbauer bedächtig.
Bei ihm legen sich die Menschen auf die Couch - manchmal scheint es, die ganze Nation.
"Aber Angst ist auch wichtig, überlebenswichtig", sagt er. Angst müsse einfach überprüft werden: Ob sie berechtigt warne oder ob sie einschränke.
Die Deutschen und die Angst - das ist für Schmidbauer eine lange Geschichte. Allein der Begriff "German Angst" ist international ein Selbstgänger. Das gehe eher auf die Umweltbewegtheit vieler Deutscher zurück, sagt Schmidbauer. Schweinepest, Baumsterben - das werde mehr in Deutschland wahrgenommen. Für Schmidbauer liegen viele Ängste in den Erfahrungen des so genannten Dritten Reiches begründet. Der Schock, aus den Versprechen des Adolf Hitlers in einem Alptraum aufzuwachen, der sitze noch tief. Wenn Schmidbauer das Verhalten vieler Deutscher in den ersten Generationen der Bundesrepublik beschreiben soll, fällt ihm ein Spruchwort ein, das seine Mutter früher oft bemühte: "Die Flügel die am Morgen am stärksten blühen, frisst am Abend die Katz." Immer aufpassen, nie aus der sozialen Kontrolle herausfallen; das habe die Generationen der Weltkriege und unmittelbar danach geprägt.
Heute ist es anders: Werden Passanten in Deutschland zufällig Zeugen einer Schießerei, rückt gleich ein ganzes Zelt von Traumatherapeuten an, um zu arbeiten. Früher waren ganze Generationen es gewohnt, sowieso traumatisiert zu sein.
Als Schnittpunkt dieser Entwicklung macht Schmidbauer die 68er-Bewegung aus: Die habe zuallererst das Klima der Angst in den Hörsälen der Universitäten bekämpft. "Ich hatte mein Studium kurz vorher beendet: Da siezte man noch den Professor und fürchtete ihn."
Überhaupt beherrsche heute die Leute eine andere Angst: die vor dem beruflichen Fehlstart oder Niedergang. Nach dem Studium, Mitte der Sechziger, habe er gewusst, dass ein Job schon auf ihn als Akademiker warte, sagt Schmidbauer. Da sei er erstmal für fünf Jahre nach Italien gegangen. "Das ist heute für viele undenkbar. Die müssen sich viel mehr Gedanken um die Berufsfindung machen."
Wirken die Schocks aus der Nazi-Zeit noch heute? Sind deutsch-ängstliche Menschen gefährdeter, sich selbst in Frage zu stellen und selbst zu entwerten? Oh ja, sagt Schmidbauer. Aber es würden immer weniger. Eine ähnliche Entwicklung nehme ebenfalls Italien. Auch dieses Land habe die aus dem Faschismus resultierenden Ängste zu verarbeiten.
Den Moderatoren wird etwas unwohl. Michael Gleich und Hajo Schuhmacher rücken auf den Stühlen herum. Etwas Freudigeres würden sie wohl gern hören. Da nennen sie das Stichwort "WM 2006" ? als die Deutschen von einem Sommermärchen sprachen und sich selbst als gute Gastgeber sahen, die neben gutem Fußball auch ordentliche Feiern bieten konnten: "Waren die Deutschen damals anders, waren sie freier und glücklicher?" "Das war ein Event", sagt Schmidbauer und relativiert die WM. Ein richtiger und lang andauernder Kompromiss für eine Gesellschaft sehe anders aus. Ein Event dagegen sei er singulär.
So ein Event sei auch die momentan grassierende Schweinegrippe. Eine kurzfristige Einigkeit - diesmal in der Angst -, die schnell verfliegt. Allerdings habe die Angst auch eine positive Seite: wenn die Gefahr vorüber ist. So würde sogar Schweinegrippe kurzfristig Erleichterung bringen; wenn die Leute merken, dass sie so gefährlich doch nicht sei.
Hat Deutschland seine Störungen ernst genommen? Ja, sagt Schmidbauer. Der Schock aus den Erfahrungen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs habe die Leute vorsichtiger gemacht. Sie hinterfragten mehr und würden populistischen Tendenzen mehr misstrauen als früher. Das helfe ihnen auch, die eigenen Störungen besser zu erkennen und anzugehen.
Aber hat Deutschland tatsächlich etwas gelernt aus den Gewalterfahrungen der vielen vielen Jahrzehnte? "Ich hoffe es", sagt Schmidbauer. Die Anlehnung an die großen Bündnispartner in der jüngsten Zeit sei auch problematisch; immerhin vermisse er eine eigenständige Politik, die sich um eine eigene Position bemüht. "Letztlich macht Berlin immer die Politik der Nato mit." Aber, und da ist Schmidbauer wieder ganz Therapeut, das sei halt so bei einem traumatisierten Land.
Das Interview nähert sich dem Ende. Er wolle nun mal etwas Nettes hören, sagt Moderator Hajo Schumacher. Jetzt wisse man, wie ängstlich die Deutschen sind. Gehe es auch ein bisschen positiver? Schmidbauer windet sich. Lacht. "Ich bin kein Trainer, sondern ein kritischer Beobachter", bescheidet er Schuhmacher. Draußen geht die Sonne unter. (jr)
Jörg Rheinboldt [21:00 bis 22:00] J
geb. 1971, gründete nach seinem BWL-Studium zunächst die Internet-Agentur denkwerk, anschließend 1999 mit fünf Freunden die Internet-Auktionsplattform Alando.de. Drei Monate später stimmten sie einem Kaufangebot von eBay zu. Als Managing Director von eBay Deutschland wurde er zu einer der Ikonen der New Economy. Nach seinem Rückzug aus der Geschäftsführung und einem Jahr Elternzeit unterstützt er in seiner Beteiligungsgesellschaft M10 GmbH junge Start-Ups. Rheinboldt ist Mitbegründer von betterplace.org, eine gemeinnützige Stiftungs-GmbH, die garantiert, dass 100% aller privaten Spenden ohne Abzüge weitergegeben werden und die im Gegenzug Unternehmen zu sozialem Engagement
Den Tag nutzen
Manchmal liegt der Anfang im Banalem. Die Gründung vom Arlando wurde besiegelt bei einem Nutellabrot. "Das war das einzige, was wir damals hatten", erinnert sich Rheinboldt. Dabei sei die Idee ganz klar und "gut" gewesen: "Wir wollten, dass alle sich gegenseitig helfen können." Ein Marktplatz habe her gesollt. Vier Wochen dauerte es noch nach dem Nutellabrot bis zu den Klicks - dann war die Online-Verkaufsbörse da. Später sollte sie von Ebay aus den USA aufgekauft werden und die Jungs mit dem Nutellabrot reich machen; aber dazu später mehr.
"Der Zeitpunkt war absolutes Glück", bilanziert Rheinboldt. 1999 war das Glücksjahr des Internets. Jeder wollte damals erstmals ins Virtuelle, dabei sein. Der Massenmarkt ward geboren. Ließe sich diese Geschichte heute wiederholen? "Das hängt davon ab. Es geht um das Aufspüren einer Nische, eines Bedarfs, der sich noch nicht artikuliert hat", sagt Rheinboldt.
Der Lackmus-Test damals war ein Ferrari. Der Freund eines Kollegen wollte seinen Wagen verkaufen - und wurde überzeugt, ihn ab einem Euro online anzubieten. Das half dem Start-Up, und auch dem Freund.
Dennoch war die Versuchung aus Amerika, von Ebay aufgekauft zu werden, sehr groß. Das große Geld lockte. "Wir Gründer fragten uns vorher, ob es uns verändern werde. Und wir beschlossen, das nicht zuzulassen." Aber eine Quatschsache wollte jeder machen. Rheinboldt kaufte einen Porsche. "Wir machten dann weiter und lernten die Unternehmerkultur in den USA kennen." Was sind die Unterschiede zur deutschen? Freundlicher und aufbauender sei man in Amerika. Kritik werde verdaulicher verpackt. "Wir hatten dann eine gute Mischung aus unserem direkten Ton und der amerikanischen Diplomatie."
Heute fährt er ein Klapprad. In der Zwischenzeit ist Rheinboldt Vater geworden. Er merkte, dass ihn vieles nicht glücklich machte. Der Porsche nicht richtig, auch nicht das neu gekaufte Grundstück. Was macht glücklich? "Nicht den ganzen Kram zu haben, sondern von guten Leuten umgeben zu sein, sich mit tollen Themen zu beschäftigen - den Tag nutzen können."
Heute beschäftigt sich Rheinboldt mit guten Ideen - anderer Leute, und investiert in junge Start-Ups. "Gründungsfieber ist toll", bekennt er und nennt den wichtigsten Grund für seine neue Tätigkeit: Er wollte zwischen sich und den Markt ein Unternehmen legen; ein nettes mit einer tollen Idee, welches das Geld gut brauche. "So hatte ich mehr Zeit für die Familie."
Zeit für das Internet bleibt auch. Rheinbolt bekennt, privat bei Facebook eingetragen zu sein. "Das ist super, so kann ich mit vielen amerikanischen Freunden leichter in Kontakt bleiben." Macht es auch Angst, im Internet Spuren zu hinterlassen? "Ja, das muss jeder für sich überlegen." Und grundsätzlich überwiegt bei Rheinboldt der Optimismus, einer, der ihn wohl auch in seinem Geschäftsleben angetrieben hat. "90 Prozent aller Leute führen Gutes im Schilde."
Nicht alle sehen das so. Untergangsstimmung in dem Medien ist en Vogue, wennes es um das Internet geht. "Internet macht doof", heißt ein Slogan, der die deutschen Feuilletons durchwandert - "das stimmt nicht, man muss einfach den Umgang erlernen", kritisiert Rheinbolt. Und wie macht er es mit seinen Kindern? "Allein sitzen die nicht vor dem Rechner." Viereinhalb Jahre alt sind sie, da dürften sie mit den Eltern Podcasts von der Sendung mit der Maus genießen - mehr noch nicht.
Am Ende geht es wieder um einen Marktplatz; um einen, auf dem Organisationen für ihre Projekte werben können. "Unser Gedanke bei 'Better Place' ist, dass gute Gedanken ihr Geld finden." In den vergangenen zwölf Monaten seinen hunderttausende Euro umgesetzt worden. So könnten Spenden transparenter und effektiver werden. Misstrauen und Trägheit, zwei menschliche Grundeigenschaften, werden so gut angegangen. "Was wir bauen, ist eine Organisation, die sich irgendwann selbst tragen soll."
Und wie hat das Internet Deutschland verändert? "Ich kann nur für mich selbst sprechen: Alles ist schneller und leichter für mich geworden. Und ich fühle mich viel mehr mit so vielen anderen Punkten in der Welt verbunden." Mittlerweile ist es stockduster draußen. Berlin ist in den Abend gerutscht. (jr)
Oona Horx-Strathern [22:00 bis 23:00]
geb. 1963 in Dublin, ist sowohl in Wien als auch in London zu Hause. Ihr Buch "A Brief History of the Future" machte sie weltweit als Trendberaterin und Zukunftsforscherin bekannt. Zudem schreibt sie den London Report für den Zukunftsletter, eine Kolumne, in welcher sie über neue Lebensstile und Konsumententrends aus der britischen Metropole berichtet. Mit ihrem Mann Matthias Horx betreibt sie das :zukunfts|institut in Wien und Kelkheim im Taunus.
Das Miteinander stärken
Diese Frau ist optimistisch. Ein richtiger Crash in der Wirtschaftswelt zum Beispiel, daran glaubt sie nicht. "In Deutschland zeigt man sich leicht stärker beeindruckt von den Zeitläuften", sagt Oona Horx-Strathern. In England zum Beispiel sei man weniger negativ eingestellt.
Überhaupt seien da viele Unterschiede. Die Insellage der Engländer beeinflusse auch das Gemüt. Vielleicht, so Horx-Strathern, bewirke die koloniale Vergangenheit eines ehemaligen Weltreichs eine gewisse Entspanntheit gegenüber Krisen wie der aktuellen Wirtschaftsrezession. Viele Engländer und auch Amerikaner spürten schon Optimismus: "Nächstes Jahr werde es noch schlimmer werden, aber in zehn Jahren sei der Aufschwung wieder da - so denken viele."
Multikulturalität begleitete sie seit ihrer Kindheit. In die Grundschule in London ging sie zusammen mit Kindern aus über 30 Kulturen. "Ich hatte echte Freunde aus unterschiedlichen Ländern. Erst später fiel mir das 'von woanders her' auf. Könnten die Deutschen von den Engländern lernen? "Von den Österreichern vielleicht", antwortet die Irin mit Wohnsitz in Wien. "In Wien gab es eine bilinguale Schule, wo bis zum Abitur alle Fächer in Deutsch und in Englisch unterrichtet werden. Das war genau das richtige für meine Kinder."
Ist die Mehrsprachigkeit denn wichtig? "Für die kulturelle Integration auf jeden Fall", antwortet Horx-Strathern. Auch mache Fremdsprachenwissen fit für das Leben in Zeiten der Globalisierung. Aber das wünsche sie sich auch für ihre Landsleute: Briten sollten sich mehr für andere Sprachen öffnen, wie zum Beispiel für das Deutsche. Noch immer würden Stereotypen über die Deutschen in England vorherrschen; wie bei den Deutschen über die Engländer. "Und es gibt Gemeinsamkeiten: Fremde aufzunehmen fällt den meisten Menschen in beiden Ländern schwer."
Dann wird es schwierig. Horx-Strathern soll ihren Beruf als Trendforscherin erklären. "Meistens erzähle ich auf Partys, ich sei Journalistin" - viele würden denken, Trendforscher würden in silbernen Kleidern herumlaufen und die Lottozahlen von morgen kennen. Als Beispiel erzählt sie von ihrer aktuellen Arbeit: der Suche in Österreich nach einem Getränk nur für Frauen. "Das ist zähe Arbeit. Noch warten wir auf eine Firma, die so etwas durchzieht."
Als Angelsächsin erkenne sie, dass viele Trends in Amerika entstehen, und dann später im traditioneller eingestellten Europa Fuß fassen. Und gab es auch mal einen umgekehrten Trend? "Die großen Zukunftsforscher seit den 40er Jahren kamen aus Deutschland und haben diesen Beruf in den USA groß gemacht." Aber Trends? Da fällt der Trendexpertin nichts ein. Armes Deutschland.
Die Wirtschaftskrise wecke auch Chancen, da ist sie sich sicher. Jetzt sei Kreativität stärker gefragt, neue Berufe könnten geschaffen werden. "Vor allem sollten die Möglichkeiten eröffnet werden, Frauen stärker ins Berufsleben einzubinden", das ist für Horx-Strathern eine wichtige Perspektive. Gerade in den Schulen müsse mehr Gefühl für Diversität gepflegt werden, das wecke den Respekt und die Neugierde für Anderes. Das würde sich auch später in einem flexibilisierteren Wirtschaftsleben bemerkbar machen.
Die Trendforscherin hat einen Traum. Dass das europäische Gefühl stärker werde, dass mehr Menschen sich auch als Europäer definieren würden.
Horx-Strathern grübelt ständig über die Zukunft nach. Ihr neustes Projekt: Wie sieht das Wohnen der Zukunft aus? Wird das Wohnen flexibler? "Ich plane, dass die Bereiche des Wohnens stärker voneinander getrennt werden." Heißt: Gewisse Wohneinheiten, wie zum Beispiel die für Gäste, sollten frei von Technologien wie Fernsehen und Computer sein, um das soziale Miteinander zu stärken." Das Gespräch ist zu Ende. Die Kameras schalten sich aus, die Scheinwerfer glimmen plötzlich nur noch. In der 15minütigen Pause verlassen Zuschauer, Gastgeber und Aufnahmeteam das Studio. Die ganze Technik liegt da, als hätte sie ihre Bedeutung verloren. (jr)
Zafer Senoçak [23:00 bis 24:00]
geb. 1961 in Ankara, lebt seit 1970 in Deutschland. Seit 1979 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Prosa in deutscher Sprache. In seinen Erzählungen widmet er sich dem Themenschwerpunkt Orient-Okzident sowie interkulturellen Fragen. In überregionalen Zeitungen provozierte er mit Überschriften wie "Der Terror kommt aus dem Herzen des Islam". In seinen Werken setzt er sich mit den Deutschen, der türkischen Kultur und damit auseinander, wie beides miteinander vereinbar ist. Aufenthalte als Writer in Residence führten ihn u.a. in die USA, wo seine Werke zum Kanon der Germanistik und Cultural Studies gehören.
Vorbild für Bescheidenheit
Zwei Sprachen leben in seiner Brust. Für den Schriftsteller Zafer Senocak gibt es zwei verschiedene Territorien; die deutsche und türkische Sprache haben da ihre eigenen Reviere. "Zum Beispiel kann ich auf Türkisch kein Essay schreiben."
Zwei Regale habe er innerlich gebaut für diese Sprachen, fein säuberlich voneinander abgetrennt. Doch jenes Thema, das sein Leben wie ein roter Faden durchläuft, bemüht immer beide Regale: "Die Einwanderung sollte in diesem Jahrhundert viel stärker diskutiert werden", fordert er. In den vergangenen 50 Jahren habe sich die gedankliche Einstellung der Deutschen zu Einwanderung kaum verändert. Das müsse sich endlich ändern. "Dieses Thema war eingefroren." Heute aber rege sich langsam die Frage, was deutsch sei, wohin die Fahrt gehen sollte und könnte.
Die Fahrt in Senocaks Leben war hingegen immer rasant. Als Kind kam er nach Deutschland, nach neun Jahren schrieb und veröffentlichte er auf Deutsch. "Ich kam in ein komplett deutsches Umfeld herein und musste Deutsch lernen, um sozial zu leben", erinnert er sich. Türkisch dagegen blieb Sprache in der Familie bis heute. Der Gang eines anatolischen Bauern nach Deutschland war damals ganz einfach und klar. "Er dachte, er komme in ein Land, wo alles funktioniert und wo er Geld verdienen wird für ein besseres Leben daheim." Dieser Gang sei eben ein ganz anderer gewesen als der von Bayern oder Friesen, die im 19. Jahrhundert auf Schiffe stiegen und in Amerika die Freiheitsstatue erblickten - mit der Überzeugung, dort sich etwas aufzubauen.
Die Einstellung der einstigen "Gastarbeiter" änderte sich schleichend. Für Senocak als Vertreter der zweiten Generation war das schon anders, für ihn war Deutschland schnell Heimat. Heute berät er Deutsche die Integration zu managen, wie den Bürgermeister Heinz Buschkowski in Berlin-Neukölln. "Das ist oft keine Integrationsproblematik, sondern ein Bildungsproblem." Die Dreistufigkeit im Schulsystem zum Beispiel definiere im vornherein, dass eine große Gruppe von Jugendlichen keine Chance auf dem Arbeitsmarkt erhalte. Hauptschule oder weniger in Neukölln, da komme wenig danach. Die Systemfrage werde leider kaum gestellt
Ist die Bereitschaft für Integration jetzt größer geworden in Deutschland? "Nein, es zerfranst sich immer mehr. Die Interessen und Erfahrungen werden immer vielfältiger, da atomisiert sich diese Frage in der Individualität." Insgesamt habe sich das Land gelockert, aber es gebe auch widersprüchliche Trends. Einerseits wolle man sich weltoffen geben, besonders in Berlin. Andererseits zeige sich die Hauptstadt recht provinziell. Es gebe einfach eine Grundsicherheit, das Erwartete immer wieder zu finden; eigentlich ein seltenes Phänomen für Hauptstädte und Metropolen. "Deutschland ist indes humorvoller geworden."
Von allen deutschen Städten sei Frankfurt am Main die Stadt, welche für das Zusammenleben im 21. Jahrhundert am besten gewappnet sei: "Da gibt es eine Zerrissenheit, die auch immer Antrieb für Impulse war. Frankfurt ist ungeschützter, mittendrin, herausgeforderter durch die Gemengelage aus Finanzwesen, Industrie und Arbeiterschaft."
Gibt es denn einen Gründungsmythos in Deutschland nach 60 Jahren Bundesrepublik wie einst die Frankfurter Paulskirche bei der Revolution von 1848? "Oh ja", sagt Senocak und lehnt sich zurück. "Deutschland kann Vorbild für Bescheidenheit sein. Unter diesen Vorzeichen ist vieles geschaffen worden."
Im Schatten der Bescheidenheit will der Schriftsteller auch einen "Dauerbrenner" sehen beim Zusammenleben der Kulturen in Deutschland. Die Deutschen und der Islam, das ist ein Thema, das Senocak wenig dramatisch sieht. Immerhin gebe es eine alte Tradition, wie zum Beispiel das angesammelte Wissen in Deutschland über den Islam, aus der Orientalistik kommend. Auf der Seite des Islam dagegen müssten sich die Muslime bewusst machen, dass die Sprache des Koran in Teilen Terror religiös legitimiere, ein Gewaltpotenzial in sich berge. "Mit dieser Denkweise sollten sich die Muslime auseinandersetzen. Religionen sind eben nicht Orte reiner Glückseligkeit." (jr)
Sung-Hyung Cho [00:00 bis 01:00]
geb. 1966 in Busan, Südkorea, ist Cutterin und Regisseurin. Sie studierte in Seoul Kommunikations- wissenschaft und kam 1990 nach Deutschland, wo sie Kunstgeschichte, Medienwissenschaften und Philosophie studierte. Seit 20 Jahren lebt sie auf dem Land in Hessen. Für ihren Dokumentarfilm "Full Metal Village" wurde sie mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. In ihren Filmen spürt sie dem schwierigen Begriff Heimat nach - zuletzt in "Endstation der Sehnsüchte", für den sie drei Frauen begleitet, die nach über 30 Jahren zurückkehren in ein Südkorea, das nicht mehr ihres ist.
Dynamische Heimat
Das Leben auf dem Dorf in Deutschland, das ist für Sung-Hyung Cho ein stetiger Antrieb für ihr künstlerisches Leben. "Diese Unterschiedlichkeit, das Erleben eines kulturell Anderen als früher in meiner Heimat Seoul, das hat mich inspiriert." In Südkorea werde das Thema kultureller Diversität noch nicht stark diskutiert, sagt sie. "Es gibt nicht so viele Ausländer."
In Deutschland erkennt sie viele Parallelen zu Korea. Den Mauerfall 1989 hätten viele Koreaner mit Tränen begleitet, ihn gefeiert. Schnell kommt im Gespräch eine kontroverse Frage auf: Ist der Nordkoreaner für die Leute im Süden etwa das, was gemeinhin in Zeiten des Kalten Krieges der "Ossi" für die Westdeutschen war? "Die Fronten waren viel verhärteter", erinnert sich Cho. "Im Unterricht lernten wir, dass Nordkoreaner eine rote Gesichtsfarbe tragen. Im Sportunterricht lernte ich, Granaten zu werden."
Seltsam finde sie indes, dass die Folgen von 1989 in Deutschland zu sehr bejammert würden. Die Empfindungen zwischen Ost und West nimmt sie recht unterschiedlich wahr. "Meine Erfahrungen mit so genannten Ossis waren, dass sie kollektiver denken. Die Wessis sind viel individualistischer." Es tue ihr weh, wie oft sich Wessis geringschätzig über ihre östlichen Landsleute äußern würden.
Bekannt wurde Cho durch ihren Dokumentarfilm "Full Metal Village" über ein Metalmusik-Festival in einem deutschen Dörfchen. Sie erkannte dort etwas, was für sie neu in Deutschland war: dass da zwei Kulturgruppen auf den ersten Blick unterschiedlich sind und auf dem zweiten sich doch ähneln - und respektvoll und friedlich miteinander umgehen. "Allein das Saufen verbindet sie", bilanziert sie.
Unfriedliches Miteinander kennt sie sonst zur Genüge. Während ihres Studiums in Marburg machte man ihr jeden Tag klar, dass sie als Fremde gelte. "Wir wurden im Studentenwohnheim lange nicht begrüßt." Besonders lernte sie, dass die Welt nicht in schwarz-weißen Farben gemalt werden kann: Gerade politisch links Eingestellte hätten sich kalt und distanziert gezeigt, sogar hart und unfreundlich. Und Burschenschaftler dagegen, also rechts Eingestellte, hätten sie viel freundlicher und offener empfangen. "Die Welt ist eben differenzierter als man denkt."
Anders herum, da ist sich Cho sicher, wäre die Reaktion gegenteilig. Ein Deutscher in einem südkoreanischen Studentenwohnheim hätte es viel leichter. "Da gibt es große Hochachtung vor der deutschen Kultur, da würde man mit offenen Armen empfangen." Kultur und Literatur habe in Korea einen hohen Stand. Das färbe ab.
Umso enttäuschter war Cho, als sie nach der Lektüre von Nietzsche und Goethe nach Deutschland kam und die "Bild"-Zeitung und Tutti-Frutti-Fernsehen kennenlernte.
Das hielt nicht lange vor. Deutschland wurde Cho zur Heimat. In Deutschland fand sie Nischen, zumindest mehr als in Südkorea. "In Deutschland kann man mit 30 Jahren noch studieren, in Südkorea wäre das ein großes Problem." Zuhause ist sie in beiden Ländern. "Ein Ort ist nie nur ein geografischer Ort, wichtig sind die sozialen und kulturellen Belange." Heimat dürfe auch nie als etwas Vergangenes angesehen werden, das sei gefährlich. "Heimat ist dynamisch."
Die Deutschen aber, die seien heimatlos - wegen ihrer Vergangenheit aus der Nazi-Zeit. Heimat könne man indes produzieren. Was rät sie also den Deutschen, um heimisch im eigenen Land zu werden? "Die Deutschen sollten den Begriff Heimat neu erfinden und nicht mehr mehrheitlich als negativ empfinden." Die Selbstkritik und eigene Fixiertheit, das könne sie kaum mehr hören. "In Südkorea kennen wir andere Umstände. Wir waren von Japanern kolonisiert und hören dafür bis heute keine Entschuldigung. Dann hier in Deutschland diese starke Beschäftigung mit der bösen Vergangenheit zu sehen, war schon sehr, sehr anders."
Und vielleicht auch ein wenig zuviel. Denn nur wer sich selbst möge und annehme, sagt Cho, könne gut zu anderen sein. (jr)
Eric T. Hansen [01:00 bis 02:00]
geb. 1960, US-Amerikaner, Mormone, Humorist, Journalist, Buchautor, Selbstdarsteller, Quizmaster (wer weiß eigentlich, woher die Weißwurst stammt). In seinen Büchern "Nibelungenfieber" und "Planet Germany. Eine Expedition in die Heimat des Hawaiitoasts" beschäftigt er sich mit deutscher Kultur. Und kommt zu überraschenden Erkenntnissen, etwa: "Die Deutschen sind zu gut versichert, um jemals anständige Cowboys abzugeben."
Die deutsche Seele sezieren
Irgendwann veschlug es Eric T. Hansen, einen Mormonen aus Hawaii, nach Wuppertal in Deutschland. Mission war sein Ziel, er sollte Menschen für seinen Glauben finden; doch dann fand er seine Liebe.
Eine Folge davon war der Schritt weg von der Kirche. "Es wurde zuviel reglementiert, ich musste für alles Erlaubnis von Gott einholen, mit 30 Jahren wollte ich dann meinen eigenen Weg gehen." Seine Missionsarbeit davor in Deutschland beschränkte sich meist auf das Klingeln an Haustüren und dem Aufsagen von "Guten Tag, wir sind von ...", und dann schlugen die Türen wieder zu. Einmal im Monat kamen sie mal in eine Wohnung rein. "Die Deutschen sind einfach ein Volk, das keine Zeit hat."
Ganz besonders die Berliner seien stolz darauf, unfreundlich zu sein. "Dabei sind sie nur schroff, aber sehr hilfreich." Dennoch kein gutes Klima für Missionare. Für jemanden, der die Frau seines Lebens hier gefunden und sie geheiratet hat, schon eher. Da machte Hansen die Deutschen zu seinem Hobby.
"Sie mögen sich nicht und hadern mit sich, da könnten sie ja mal einen Punkt machen." Die Deutschen würden auf Wissen und Besserwissen sowie Kritik Wert legen, so viel wie Amerikaner und Briten auf Humor, sagt er.
Und so nimmt Hansen seinen Humor und seziert die deutsche Seele. Da sei die Sehnsucht nach Neuem, gepaart mit der festen Idee, dass alles Bessere in der Vergangenheit liege. "Nehmen Sie zum Beispiel Hermann den Cherusker", sagt er und rückt seinen Cowboy-Hut gerade, "diese Neuentdeckung aus dem 19. Jahrhundert". Jetzt stippt er mit seinem rechten Zeigefinger einen imaginären Fussel vom original schwarz-weißen Hawaii-Hemd. "Hermann vertrieb die Römer und bescherte seinem Volk eine Isolation von Märkten und Analphabetentum." Darauf sei man stolz in Deutschland, sagt er und lacht dabei; und das verstehe er halt nicht.
Das Verhältnis der Deutschen zu Amerika gebe ihm ähnlich Rätsel auf. Zum einen sei da das ständige Bedürfnis der Deutschen, die eigene Kultur als höherwertig zu beschreiben und die der USA auf Burger und Bush zu reduzieren. Und dann würden 200.000 Leute zum Auftritt des damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Barack Obama in Berlin strömen. "Das gab es in Amerika im Wahlkampf nicht." Ist es die Begeisterung für sein Charisma? "Ja", sagt Hansen, und fügt ein langes "aber" hinzu: "Wenn man etwas toll findet, kann man nicht darüber nörgeln." Da passe eine Kanzlerin Angela Merkel mit ihrem nüchternen und wenig charismatischen Stil besser zu den Deutschen als Obama.
Zu all diesen politischen Analysen passt da einfach Hansens Cowboy-Hut nicht; tritt er als Ulknudel nun wahrlich nicht auf. Doch den pflegt er wie seinen Hang zum Understatement. "Äußerlichkeiten sind relativ", lächelt Hansen. Irgendwann würde immer der inhaltliche Wert eines Künstlers bei der Beurteilung seiner Person in den Vordergrund rücken. "Nehmen Sie Steven Spielberg zum Beispiel", sagt er, "in den Achtziger Jahren noch war er in Deutschland verpönt als Unterhaltungsfilmer. Heute verehren ihn die Deutschen, aber auch wegen 'E.T.' und 'Weißer Hai'."
Deutschland sei eben zweigeteilt, gern widersprüchlich. Auf der einen Seite das Hochhalten von Seriosität und Ehrlichkeit, Politiker, die niemals einen Witz erzählen würden - und auf der anderen Seite viele kleine Leute, die völlig verrückt seien, "so wie das Holzwurmmuseum in Quedlinburg zum Beispiel".
Deutschland wird ihm wohl noch lange als Spiel- und Studienfeld erhalten bleiben, wie eine Klaviatur. Still wird es nun. Draußen hat selbst das Kreisen des Polizei-Hubschraubers aufgehört. Die Krawalle, die Demonstranten sich auch rund um diesen ersten Mai mit der Polizei bis vor wenige Minuten geliefert haben, sind vorbei. Die Stille vom anderen Spreeufer, an dem Kreuzberg liegt, greift auf das Aufnahmestudio über. (jr)
Sung-Uk Bradden Hwang [02:00 bis 03:00]
geb. in Südkorea, ist Installationskünstler. Aufgewachsen im ländlichen Utah (USA), kam er 1989 kurz nach dem Fall der Mauer nach Berlin, wo er als Teil der Künstlerinitiative Tacheles das vom Abriss bedrohte Haus besetzte. Die Sanierungswelle vertrieb den Künstler aus dem inzwischen gentrifizierten Bezirk Mitte, wo in den 90er Jahren seine aus altem Schrott gebauten Phantasiemaschinen die Hinterhöfe belebten. Er wohnt seitdem in einem Hausboot am Landwehrkanal, das er als kontinuierliche Skulptur betrachtet und bearbeitet. Hwang studierte Kunst an der University of California und Los Angeles. Seine interaktiven Skulpturen, die sich häufig mit veränderten Wahrnehmungsbeziehungen auseinandersetzen, werden u.a. in New York und Amsterdam ausgestellt; seine "Zeitreisemaschine" war kürzlich im Martin-Gropius-Bau Berlin zu sehen.
Von Maschinen und Menschen
Um zwei Uhr in der Früh hat Brad Wang den richtigen Muntermacher ins Studio mitgebracht. "Alles wird gut", sagt er und montiert bei beiden Moderatoren Schulterklopf-Maschinen. Mechanische Hände aus Metall gehen auf und ab. Das baut auf, das macht Laune, und los geht es mit dem Interview.
Auch Wang könnte solch eine Maschine gut gebrauchen. Sein Hausboot, mit dem er in Berlin lebt, macht ihm nur Ärger, Lecks und andere Werftarbeiten haben Wang gerade ganz im Griff. Anfang zwanzig, da trieb es ihn nach Berlin. Wang war damals Künstler, in Utah/USA aufgewachsen. Beim Besuch der Eltern in Südkorea sah er 1989 den Mauerfall live im Fernsehen, nahezu Tag und Nacht. Da musste er hin. Wang buchte ein One-Way-Ticket nach Amsterdam. Er wollte die Menschen in dieser Wiedervereinigungsstimmung kennen lernen. Schon früher habe ihn Deutsches interessiert. "So hat mich zum Beispiel Joseph Beuys fasziniert. Er hat sein Leben zum Kunstwerk gemacht, das ist sehr beeindruckend."
Zurzeit baut Wang besonders gern Maschinen. Das machte er schon immer, das bringt Menschen zusammen. Eine Art Urform von Kunst: "Kunst ist die Avantgarde der Globalisierung. Hochkultur und Popkultur verschwimmen immer mehr miteinander. Deutsche, amerikanische und nigerianische Künstler werden oft gemeinsam ausgestellt." Sich selbst sieht Wang als Parameter setzend. Kunst entstehe in dem Moment, wenn sich ein Mensch damit auseinandersetzt. Als er zum Beispiel seine Schulterklopf-Maschinen in einem Museum in Deutschland ausstellte und Besuchern zur Verfügung stellte, bauten diese die Maschinen anderen Besuchern an die Schulter und sagten: "Alles wird gut." In Frankreich dasselbe. Da sagten die Besucher dabei "tout va bien".
Seit 20 Jahren lebt er nun in Deutschland. Und kennt die Vorzüge. Wenn Wang seinen Kollegen in den USA von der Künstlersozialkasse erzählt, dank der er eine günstige Krankenversicherung und gar eine Rente erhält, dann glauben die, er erzähle von einem anderen Stern. Andererseits sei Bequemlichkeit auch negativ für die künstlerische Entwicklung.
Leben kann Wang von seiner Kunst nicht. Oft ist er "auf dem Bau", arbeitet als Dachdecker. "Die Bauarbeiter-Szene in West-Berlin war sehr offen, das war ein subventionierter Bereich mit vielen Aufträgen", erinnert er sich. Viele junge Männer kamen nach Berlin, um den Wehrdienst nicht ableisten zu müssen - in diesem Milieu fühlte Wang sich wohl.
Auf dem Bau erwarb er Fähigkeiten für seine Kunst, wie das Löten. Und auch Ideen sowie die Unabhängigkeit für sein Schaffen. Was ist denn deutsch an Kunst? "Sich 24 Stunden lang damit zu beschäftigen, was deutsch ist - das ist schon sehr deutsch", bescheidet Wang die Frage der Moderatoren. Aber das Unerreichbare für Deutsche, an dem sie gerne arbeiten würden, das sei ein gutes Konzept für Künstler.
Es gab da eine offene Zeit für Wang, die dauerte von 1989 bis 1995. Dann verschlossen sich wieder die Menschen. "Vielleicht hatten wir auch einfach mehr Zeit", erinnert er sich. Es gab keine Telefone, man ging zu den Wohnungen und hinterließ Zettel an den Türen. Doch die Zeit verflüchtigte sich, man ging mehr seinem eigenen Leben nach. "Das lässt sich nicht wieder herstellen. Die DDR war eine ganze Kultur, die nicht deutsch, sondern ostdeutsch war. Diese radikale Veränderung ohne Gewalt war wie ein 1968 in Paris." Es habe da diese Aufbruchstimmung gegeben.
Wang nimmt einen tiefen Schluck aus seinem Glas Wasser. Die Unterschiede zwischen ostdeutschen und westdeutschen Künstlern würden immer mehr verschwimmen, viel sei adaptiert worden. In Berlin kam Wang damals im "Tacheles" an, jenem autonomen Kunstzentrum im Prenzlauer Berg. Doch auch das "Tacheles" habe die Ideen, die es in den ersten Jahren nach dem Mauerfall erfüllt hatte, nicht halten können, "das ist verpufft". Sein Glas auf dem Tisch ist nun leer. (jr)
Sven Marquardt [03:00 bis 04:00]
geb. 1962, ist Fotograf und Türsteher im "besten Technoclub der Welt", dem "Berghain", was ihm zu einem der bekanntesten Gesichter der Stadt machen dürfte. Der Ur-Berliner arbeitete zu DDR-Zeiten in einem Atelier, machte Auftragsarbeiten, Hochzeitsbilder und Modeaufnahmen. Als Punk hatte er damals Platzverbot im Bezirk Mitte, wo er heute seine Fotos ausstellt. Unter der Woche arbeitet Marquardt im Tätowierstudio "Blut und Eisen". Seine ganze Leidenschaft gilt der Fotografie, in der er Geschichten von Menschen und Orten festhält, von der dunklen Seite des Lebens sichtlich angezogen.
Düsternis und Leichtigkeit
Um drei Uhr in der Früh ist es nun an der Zeit, endlich der DDR stärker auf die Spur zu kommen. Sven Marquardt ist da guter Auskunftsgeber. "Dieses Leben in der DDR hat mich unheimlich geprägt." Da sei das Regime gewesen, die Überwachung. Aber auch viele Nischen. "Es gab da eine Bohème, heute weiß ich gar nicht, wie wir das mit dem wenigen Geld geschafft haben."
Fotograf, Türsteher, und immer Fotograf: Marquardts Leben im Zeitraffer. Vor kurzem habe er seine Stasi-Akte eingesehen. Eine schlaflose Nacht hatte er danach. "Ich las, dass sie in meiner Abwesenheit in der Wohnung waren." Damit hatte er damals nicht gerechnet.
Marquardt fällt auf. Sein Äußeres schreit nach Hingucken. Enge Röhrenjeans in Schwarz runden nur den breiten Oberkörper und Kopf ab, von Tatoos, Bart, nach hinten gekämmten langen Haaren geschmückt. An den Fingern dicke Ringe, an den Ohren noch dickere Ringe und gepiercte Lippen. "Schon damals fiel ich auf", sagt er. Termine als Fotograf im Berlin-Mitte der DDR vollzogen sich am besten so: Mit dem Taxi vorfahren und schnell wieder weg zum Prenzlauer Berg; wo sein Aussehen akzeptierter war.
Einmal, da durfte er raus. Es war ein halbes Jahr vor dem Mauerfall, Marquardt erhielt die Ausreisegenehmigung für ein Fotofestival in Südfrankreich. Als er dann hinterm Schlagbaum stand, da konnte er nicht Richtung Mittelmeer. Da musste er erst den Westteil seiner Stadt entdecken und ermessen. Und kam dann wieder zurück.
"Der Osten ist ehrlicher. Es wird weniger übertüncht." Seinen Frieden habe er mit dem Osten gemacht. In seinen Fotos gehe er dem nach. "Düsternis und Leichtigkeit, das sind meine Themen." Beides kennt er von seinem Beruf. Nach dem Interview wird Marquardt zu einer Disko fahren, dann fängt sein Job als Türsteher an, und bald wird auch die Sonne aufgehen. Ist der Wächter, muss entscheiden, wer rein darf und wer nicht. Was nicht geht, was man auf jeden Fall nicht machen und anziehen darf - das verrät er nicht. "Spaß macht es mir nicht, diese so genannte Macht zu haben. Ich mache meinen Job als Teil des Teams, meine Auswahl ist wichtig für den Klub." Vielfalt sei ihm sehr wichtig, die Kriterien für seine Entscheidungen über ein "Ja" oder "Nein" seien eher fließend.
In seiner Kunst, so hofft er, habe er sich weiter entwickelt. Fotografieren tut er stetig: Ähnlichkeit, Lust, Liebe und Trauer sind die Bojen, an denen entlang er das Leben auf Papier bannt. "Sie kommen mir vor wie ein heiterer Melancholiker", sagt Moderator Hajo Schuhmacher, "stimmt das?" Ja, diese Phasen habe er, sagt er. Es gebe da einen Satz, aus der Bohème-Zeit in der DDR: Wo wir sind, da ist New York. Der hänge immer nach. "Aber ein Stück weit definiert es mich. Ich bin bodenständig. Berlin, mein Kiez, da geht es mir gut." Und dann lächelt er breit, zeigt seine silbernen Zähne. Ob die Kunst in den Jahren nach der Wende anders sei, vielleicht kreativer? "Damals dachte ich das - aber ich irrte mich. Die Kunst ist eigentlich geblieben, wie sie war. Ist er ein glücklicher Typ? "Zeitweilig." Lächelt noch breiter. Und macht sich auf den Weg zur Arbeit. (jr)
Hans Narva [04:00 bis 05:00]
geb. 1968 in Ostberlin. Musiker, Nostalgiker, Kapitalismus-Verweigerer und echtes Berliner Urgestein. Mit 14 Jahren wurde Hans wegen Aufrufs zur Meuterei eingesperrt, seine Band "Herbst in Peking" bekam in der DDR Auftrittsverbot, mit 40 wird ihm ein Autoritätsproblem attestiert. Seine Musik war und ist sein Zufluchtsort und zugleich ein Dokument der jeweiligen Zeit, "Wir leben in der Bakschischrepublik" wurde 1989 zur Hymne der Wende. Heute spielt Hans Narva als Bassist in mehreren Berliner Bands und ist im deutsch-polnischen Jugendaustausch aktiv. Der Dokumentar- und Portraitfilm "Hans im Glück" war 2009 auf der Berlinale zu sehen.
Keine Cola, keine Burger
Einen Punk stellt man sich anders vor. Hans Narva, alias Hans Tomato, laut Pass Torsten Müller-Fornah, trägt beim Interviewmarathon dezentes Grau und einen braven Kurzhaarschnitt. Um die Attitüde mit den abgerissenen Klamotten und dem Irokesenschnitt habe er sich noch nie geschert, sagt das Berliner Urgestein. Und so erkennt man den ewigen "Troublemaker", der sowohl gegen die Enge des SED-Staates rebellierte als auch den mitleidlosen Kapitalismus verabscheut, eher in seiner Biografie als in seinen Klamotten: Als halbstarker Fan des Fußballvereins Union Berlin prügelte er sich mit rivalisierenden BFC-Anhängern und saß wegen aufmüpfigen Verhaltens er in den Achtzigern im DDR-Gefängnis. Als Bassist der Band Herbst in Peking rockte er in Opposition zur offiziellen Kulturpolitik mit kritischen Songs über die Bühnen. Zur Wendezeit wurde der Titel "Wir leben in der Bakschischrepublik" zur Hymne der Rockszene im Osten. Aber auch nach der Vereinigung wollte Hans Narva kein braver Staatsbürger sein. 1992 plante er mit seinen Kumpels, einen Geldtransporter zu überfallen. Wie er erzählt, sei der Coup nicht etwa an Narvas moralischen Skrupeln gescheitert, sondern weil einer der anderen Panzerknacker kalte Füße bekommen habe. Es war nicht zuletzt diese Haltung, die ihm den Ruf des absoluten Kapitalismusverweigerers eingetragen hat. Ob diese Zuschreibung passt, weiß Hans Narva nicht aber genau. Immerhin trinke er bis heute keine Cola und esse er keine Burger amerikanischer Fastfoodketten, weil er "nicht Teil dieser Globalisierungsgeschichte sein möchte." (sb)
Dr. Heiner Wember [05:00 bis 06:00]
Deutsche Kultur ist nicht deutsch
"Was deutsch ist, unterliegt dem Wandel der Zeit", sagt Heiner Wember. Um das zu belegen, blickt der Historiker und Autor der beliebten WDR-Radiosendung "Zeitzeichen" weit zurück. Um vier Uhr morgens erzählt er, wie der Kaiser Barbarossa im 16. Jahrhundert zum deutschen Nationalheiligen wurde und prüft neben bei die Geschichtskenntnisse der Moderatoren ab. Er erklärt, warum es historisch falsch ist, das Preußentum mit "Deutschsein" gleichzusetzen und erinnert sich daran, wie er selbst das kollektive Trauma der Nazizeit aufgearbeitet hat.
Derweil führt sein Parforceritt durch die deutsche Geschichte auf einen zentralen Punkt zu: Die deutsche Kultur, wenn es sie denn gibt, ist immer auch von nicht-deutschen Einflüssen geprägt worden. Man denke nur daran, sagt Wember, wie Friedrich der Große einst die Hugenotten aus Frankreich und die Juden aus Österreich in Preußen willkommen hieß, um mit ihrer Hilfe die Industrialisierung zu stemmen. Moderator Hajo Schumacher fragt sich daraufhin allerdings, ob es nicht menschenverachtend sei, wenn man Flüchtlinge für seine eigenen Zwecke missbrauche. "So wie in den Sechzigern, als man die Polen ins Ruhgebiet schickte, um dort die Kohle aus der Erde zu kratzen." Wember sieht das anders und schlägt damit den Bogen zum Hier und Heute: "Natürlich waren das rationale, interessengeleitete Entscheidungen, deshalb müssen sie noch lange nicht falsch sein". Und was antwortet Heiner Wember seiner Bekannten, die ihm aus dem fernen Australien live die Frage stellt, ob er stolz sei, ein Deutscher zu sein? - "Stolz reitet zum Dorf hinaus und kommt zu Fuß zurück." (sb)
Hans-Peter von Kirchbach [06:00 bis 07:00]
ist ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr. Sein verständnisvolles Vorgehen bei der Überführung von NVA-Truppenteilen in die Bundeswehr sicherte ihm viele Sympathien in den Streitkräften und der ostdeutschen Bevölkerung. Von 1999 bis 2000, als die Bundesregierung den Einsatz im Kosovo beschloss, war er der ranghöchste Soldat der Bundeswehr. In der Öffentlichkeit bekannt wurde von Kirchbach als "Held von der Oder", als er 1997 während der Oderflut den Einsatz von 30.000 Soldaten führte. Von Kirchbach ist seit 2001 Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe, dem größten Ordenswerk des evangelischen Johanniterordens.
Aus einem Krieg wieder rauskommen
Hans-Peter von Kirchbach hat den militärischen Rhythmus zumindest insofern beibehalten, als dass er immer noch gerne früh aufsteht. Sechs Uhr morgens ist also eine gute Zeit, um mit dem General a. D. über 60 Jahre Bundesrepublik zu reden. Denn von Kirchbach, ehemals ranghöchster Soldat der Bundeswehr und heute Präsident der Johanniter-Unfall-Hilfe, hat die politischen Wendepunkte des Landes vielleicht intensiver erlebt als andere. Als Befehlshaber der Truppen bei der Oderflut 1997 wurde er für viele zum Helden, bei öffentlichen Gelöbnissen flogen ihm Farbbeutel um die Ohren. Dazwischen lag der Kalte Krieg. "Für mich war es als 15-Jähriger ein entscheidendes Erlebnis, dass der Aufstand in Ungarn niedergeschlagen wurde, während ich selbst in einem Staat mit einem hohen Maß an Freiheit lebte. Da kam mir schon der Gedanke, dass ein Staat auch wehrhaft sein muss." Wenn er heute von Soldaten höre, die Machtverhältnisse während des Kalten Krieges seien doch stabil gewesen, erinnere er immer wieder an die Kuba-Krise von 1962: "Damals war ich mir nicht so sicher, dass das tatsächlich ohne Auseinandersetzung abgehen würde. Wir haben ein paar Tage in unseren Kampfanzügen geschlafen und die Munition war gestapelt." Waren wir eigentlich jemals näher an einem Kampf zwischen rot und blau? - "Das glaube ich nicht. In einer hohen Bereitschaftsstufe waren wir auch während des Prager Frühlings, aber das war nicht vergleichbar." Ist man in einer solchen Situation denn bereit, sich einfach totschießen zu lassen? - "Man denkt, vielleicht geht es ja gut aus", sagt von Kirchbach. Als er aber als Generalinspekteur der Bundeswehr Soldaten zum Kampfeinsatz in den Kosovo schicken musste, habe ihn die Situation menschlich doch belastet, "weil ich zum ersten Mal eigene Flugzeugführer losschicken musste, von denen ich nicht wusste, ob sie zurückkommen." Auf politischer Ebene sollte man aber in jedem Fall wissen, wie man aus einem Krieg wieder herauskommt, sagt von Kirchbach. Und so antwortet er auf die Frage seines Vorredners Heiner Wember nach der Exit-Strategie für den derzeitigen Afghanistan-Einsatz: "Keinesfalls sollte es einen deutschen Alleingang geben, man sollte das mit den Bündnispartnern abstimmen. Trotzdem ist ein Fahrplan von Nöten, der klarmacht, was man erreichen und wann man wieder raus will." (sb)
Türkiyemspor [07:00 bis 08:00]
wurde als bekanntester Migrantenverein der Bundesrepublik 2007 durch den ersten Integrationspreis des Deutschen Fussball-Bundes (DFB) ausgezeichnet. 1978 gegründet, spielten hier hauptsächlich Migranten türkischer Herkunft miteinander Fußball - inzwischen zieht der Verein Sportler verschiedener Herkunft an: in der Mannschaft des Vereins spielen 25 Nationalitäten. Nicht nur durch die vier Mädchenteams; auch durch den Anteil der Frauen im Vorstand hat der Verein eine ganz besondere Farbe bekommen. Damit Türkiyemspor auch in der zweiten Liga antreten kann, ohne aufgrund der geltenden Ausländerregelung auf einen Großteil seiner Spieler verzichten zu müssen, wurde vom DFB der rechtliche Begriff des "Fußballdeutschen" eingeführt.
Bälle kicken, Integration leben
"Wie ist es möglich, dass Frauen Vorstandsmitglieder eines türkischen Fußballvereins sind?" Diese Frage hatte General a. D., Hans-Peter von Kirchbach, an die Vertreter des Berliner Fußballvereins Türkiyemspor gerichtet, bevor er um Viertel vor sieben die Bühne verließ. Pressesprecherin Susan Dündar-Isik, elegantes schwarzes Kostüm, rote Nägel und rote Lippen, liefert nun eine klare Antwort: "Es gibt sehr viele Vorurteile über türkische Frauen. Wir sind aber sind emanzipiert, und unsere Familien unterstützen uns." Es passt zur Botschaft des Sportclubs, dass eine Frau den Verein nach außen vertritt. Denn bei Türkiyemspor werde niemand wegen seines Geschlechts diskriminiert, sagt Dündar-Isik. Und so bescheinigt auch Cihan Selçuk, einer der beiden A-Jugend-Kicker in dieser Runde, vielen Mädels fußballerisches Potential. Aber bekommen Sie dafür auch genauso viel Anerkennung von ihren Familien und Freunden wie die Jungs? - "Wenn es nicht so wäre, hätten sie nicht so viel Erfolg", sagt Cihan.
Über Berlins Stadtgrenzen hinaus bekannt ist Türkiyemspor jedoch weniger für seinen guten Frauenfußball als für die vorbildliche Integrationsarbeit im Jugendbereich. Vor 31 Jahren als türkischer Verein in Kreuzberg gegründet, kommen die Kicker heute aus 25 verschiedenen Nationen, mehr als die Hälfte hat einen deutschen Pass. "Wir sind keine Gastarbeiter mehr", sagt Dündar-Isik selbstbewusst. "Wir wollen zeigen, dass wir Integration längst leben." Cihans Mannschaftskollege Erdi Temel schwört jedenfalls auf den fußballerischen Zusammenhalt, der über Herkunfts- und Religionsgrenzen hinweggehe: "Bei uns spielt es keine Rolle, woher du kommst und was du glaubst. Wir sind eine Einheit." Funktioniert Integration im Sport also besser als in der Schule und auf der Straße? Cihan sagt: "Natürlich ist es im Sport leichter, weil man hier zusammenarbeiten muss, um erfolgreich zu sein, während in der Schule jeder seine eigenen Klausuren schreibt." Trotz seiner Reputation als Deutschlands bedeutendster Migrantenverein kämpft Türkiyemspor aber immer noch um Anerkennung. Manager Celan Bingöl erinnert etwa an die jahrelangen Querelen mit dem DFB und dem Berliner Senat um ein geeignetes Stadion und einen festen Trainingsplatz. Auch wenn der schnöde Mammon ins Spiel kommt, stoße der Verein häufig auf Desinteresse, so Bingöl: "Wir haben keinen einzigen deutschen Sponsoren, sondern nur türkischstämmige Unternehmer. Wir hätten gerne jemanden wie die Deutsche Bahn oder die Berliner Stadtreinigung dabei, aber wir bekommen ja nicht einmal die zuständigen Leute ans Telefon." (sb)
Jürgen Fliege [08:00 bis 09:00]
geb. 1947, Pfarrer und Talkshowmoderator. Mit seiner einfühlsamen Art der Gesprächsführung hebt er sich wohlfühlend von den "Brüll-Shows" im Privatfernsehen ab. Er ist das moderne Gesicht einer Spiritualität, in der Gottglauben und Menschsein zusammenfinden. Als Herausgeber von "Fliege. Die Zeitschrift" beschäftigt er sich mit körperlichen und seelischen Heilmethoden und präsentiert Vorbilder der Mitmenschlichkeit. Seine eigene Stiftung hilft Menschen, die in Not gerieten.
Was die Kirche nicht gibt
Zwischen acht und neun Uhr teilen sich Moderatoren des Interviewmarathons die Bühne mit einem TV-Star, an dessen Wirken sich die Geister scheiden. Für die einen ist Pfarrer Jürgen Fliege das moderne Gesicht einer Spiritualität, in der Gottglauben und Menschsein zusammenfinden. Die anderen halten ihn für einen Möchtegern, der sein Image als Menschenversteher über Fliege-TV, Fliege-Zeitschrift und Fliege-Bücher immerhin gut vermarktet. Was man ihm nicht absprechen kann: Mit seiner Fliege-Stiftung hilft er Menschen, die in Not geraten sind. Heute erzählt er zum Thema "Was ist deutsch?", warum er mit seinem Heimatland und seiner Kirche hadert: Nachdem Hitler die Fähigkeit der Menschen zur Hingabe missbraucht habe, ließen sich die Leute heute nicht mehr für dieses große Gefühl und damit auch nicht für die Religion begeistern. Wie kokett, wendet Hajo Schumacher ein. "Diese Hingabe bekommen Sie doch ohne Ende, vielleicht mehr als sie überhaupt bewältigen können. Die Leute öffnen ihnen das Herz und die Brieftasche. Meine Mutter zum Beispiel vertraute ihnen so was von grenzenlos!" Jürgen Fliegen entgegnet, er schließe eine Marktlücke. "Da ist eine alte Dame, die sagt: Mir fehlt etwas, das hat mir der Gemeindepfarrer nicht gegeben und auch nicht die Ver.di-Mitgliedschaft." Fliege spreche dieses große Gefühl an und sage auch mal, dass alles gut werde. Aber wird nicht immer wieder behauptet, dass derzeit eine Rückbesinnung auf die Kirche stattfinde? - Da lacht Fliege nur drüber: "Religion kann sich nur halten, wenn sie geteilt wird. Sie brauchen Menschen, mit denen Sie gemeinsam beten, singen, lachen können. Aber das kriegen die in Deutschland nicht hin. Der Tod der Kirchen ist programmiert", sagt er und erklärt, warum die Religionsgemeinschaften selbst daran schuld sind. (sb)
[09:00 bis 10:00] Ramazan Salman
1960 in Istanbul geboren, ist Medizinsoziologe. Er bildet erfolgreiche, gut integrierte Migranten zu Mediatoren aus, die Ausländer und Einwanderer in Moscheen und Gemeinden mit dem Thema Gesundheit erreichen. Und er schult deutsche Ärzte, damit sie besser auf die Bedürfnisse von Migranten eingehen können. Für den Aufbau des Ethnomedizinischen Zentrums in Hannover wurde er 2006 zum Ashoka Fellow und von der Schwab Foundation zum "Social Entrepreneur 2008" ernannt.
Identitäten vereinbaren
Während an Berliner Küchentischen gerade die ersten Frühstücksbrötchen geschmiert werden, sitzt Ramazan Salman, in Istanbul geboren und in Deutschland aufgewachsen, längst im Radialsystem auf dem heißen Stuhl. Als Geschäftsführer des Ethnomedizinischen Zentrums Hannover hilft der Medizinsoziologe Migranten, einen besseren Zugang zum Gesundheitswesen zu bekommen. Sein Verein schult Gesundheitsdolmetscher, vermittelt mehrsprachige Ärzte und bildet Migranten zu Mediatoren aus, die andere Einwanderer über Gesundheitsthemen aufklären.
Seinen Job versteht Salman als Graswurzelarbeit im Dienste der Integration, denn das Thema Gesundheit hält er für wichtiger als Sprachkenntnisse: "Man sagt ja leicht, Menschen sollen sich anpassen und in eine Gesellschaft einfügen", sagt er. In Wahrheit sei das ein belastender psychologischer Vorgang, weil man immer dual denken müsse, um die eigene Herkunft mit der deutschen Identität miteinander zu vereinbaren ? ein Prozess, der krank machen könne. "Wenn dir jeder ständig sagt, 'du sprichst aber nicht so gut deutsch', entsteht ein enormer Druck, der die Chance erhöht, dass man krank wird". Salman selbst jedoch scheint der seelische Spagat zwischen Lehrern der 68er-Generation, die ihn zur "starken Persönlichkeit" erziehen wollten und einem Vater, der Folgsamkeit und Respekt einforderte, gelungen zu sein. "Ich fand es immer gut, anders zu sein", erzählt er. Und wenn seine Zahlen stimmen, ist er damit natürlich nicht nur die rühmliche Ausnahme von der Regel: "Siebzig bis Achtzig Prozent der Migranten integrieren sich hervorragend." (sb)
Wibke Bruhns [10:00 bis 11:00]
geb. 1938. Ihr Vater zählte zur Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944. Bruhns war ab 1971 die erste deutsche Nachrichtensprecherin des ZDF, in den 80er Jahren arbeitete sie als Korrespondentin des "stern" in Israel und Washington. 1995 wurde sie Kulturchefin beim RBB. Für ihre Reportagen wurde sie mit dem prestigeträchtigen Egon-Erwin-Kisch-Preis ausge-zeichnet. Für die "Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie" erzielt sie den Friedrich-Schiedel-Literaturpreis.
Abgedrehter Anspruch auf ein eigenes Leben
Um 10 Uhr widmet sich Michael Gleich zunächst den Aufregern des Tages. "Pocher, was läuft da mit der Ex von Borris?", lautet die Bild-Schlagzeile am Samstagmorgen. Die kleine Presseschau ist ein guter Aufhänger, um mit der Journalistin und Bestseller-Autorin Wiebke Bruhns über den Kulturwandel in den deutschen Medien zu sprechen. Ihr Vater zählte zur Widerstandsgruppe des 20. Juli 1944, sie selbst war Nachrichtensprecherin beim ZDF, arbeitete in den Achtzigern als Auslandskorrespondentin für das Magazin "Stern" und wurde 1995 Kulturchefin des ORB, dem heutigen RBB. Für das Buch "Meines Vaters Land. Geschichte einer deutschen Familie" erhielt sie den Friedrich-Schiedel-Literaturpreis. Als sie jedoch 1971 als erste deutsche "Nachrichtendame" anfing, war es ein Skandal. "In die heiligen Hallen der Männerdomäne der Nachrichten vorzudringen, war damals, als wolle man als Frau in den Vatikan", beschreibt Bruhns den Zeitgeist. "Plötzlich gehörte ich zu den abgedrehten Frauen, die Anspruch auf ein eigenes Leben erhoben." Sie habe den medialen Gegenwind jedoch als sportive Herausforderung begriffen, obwohl es "der langweiligste Job der Welt" gewesen sei. "Andere Leute schrieben die Texte und ich war nichts anderes als eine Sprecherin. Und wenn ich irgendetwas nicht konnte, dann war das sprechen." Und heute? Haben es die Frauen in den Medien inzwischen geschafft? - "Schlagen Sie die Zeitungen auf, vor allem die seriösen, das sind alles Frauen. Aber es ist doch die Frage: Wer sitzt auf dem Geld?" In den Chefetagen seien die Frauen immer noch unterrepräsentiert. Ein weiteres Mal fielen die Medien übrigens über Wiebke Bruhns her, als sie Pressesprecherin der deutschen EXPO war. "Ich bin keine PR-Frau, ich habe manchmal Sachen gesagt, die die Medien erschreckt haben", so Bruhns. Aber war das nicht typisch deutsch, dass die Medien die Weltausstellung noch vor dem ersten Spatenstich kaputt geschrieben haben? - "Da ist sicher etwas dran, aber das ist nur die halbe Wahrheit", erklärt Bruhns in der Rückschau. Alle Beteiligten hätten nach außen am Ziel festgehalten, mit der Ausstellung Geld zu verdienen anstatt von Anfang an zuzugeben, dass es einen Verlust geben würde. "Das kann man den Medien nicht anlasten", so Bruhns. (sb)
Nike Wagner [11:00 bis 12:00]
geb. 1945, ist promovierte Publizistin und Dramaturgin. Als Urenkelin von Richard Wagner wuchs sie im Haus Wahnfried in Bayreuth auf. Seit 1975 ist Nike Wagner freischaffende Autorin, wirkte an zahlreichen Symposien über Musik und Literatur im In- und Ausland mit und hatte eine Gastprofessur in Oxford inne. 2003 trat sie als externe Sachverständige der Enquête-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestags bei. Nach wiederholter, scharfer Kritik am langjährigen Leiter der Bayreuther Festspiele, ihrem Onkel Wolfgang Wagner bewarb sie sich mit einem Plädoyer für strukturelle Veränderung und künstlerische Neudefinition von Bayreuth selbst für dieses Amt, das schließlich ihrer Cousine zugesprochen wurde. Seit 2004 leitet Nike Wagner das Kunstfest Weimar.
Mit der Bürde tanzen
Nike Wagner will nicht in die sterile Hochkulturecke abgeschoben werden. Die Leiterin des Weimarer Kunstfestivals und Urenkelin Richard Wagners sagt, wenn sie richtig abrockt, schüttelt sie Haupt und Glieder auch zu Popmusik. Doch zuerst muss die promovierte Publizistin und Dramaturgin - wie sollte es anders sein - über Familienbande sprechen. Ob sie nicht gerne in ein anderes, weniger belastetes Geschlecht hineingeboren worden wäre, wollen die Moderatoren wissen. "Nein. Da sind schon gewisse Glanzfaktoren, die unsere Familie romanhaft erscheinen lassen. Aber das ist auch ein Stück deutsche Kulturgeschichte und deshalb bin ich gerne in dieser Familie." Gleichzeitig will Nike Wagner vor schwierigen Kapiteln nicht die Augen verschließen. "Das entbindet mich nicht von der Pflicht, mich darüber zu informieren, dass die Familie politisch oft auf der reaktionären Seite stand." Gleiches gelte für die Verbindungen zu Hitlerdeutschland.
Aber ist sie nicht doch vor der Bürde der Geburt und auch vor dem "Deutschsein" geflüchtet? Immerhin hat sie lange in den USA und Frankreich gelebt und hat ihren Wohnsitz seit vielen Jahren in Österreich. "Mit Flucht hatte das nichts zu tun, sondern mehr mit Interesse am Fremden und an anderen Kulturen." So sei sie im Ausland stärker denn je mit ihrer deutschen Identität konfrontiert worden. "Erst im Ausland merkt man, wie anders man ist und dass man deutsch ist", sagt sie.
Doch was wäre ein Gespräch mit einer Wagner, ohne die alljährlichen "Glanzpackungen" der Bayreuther Festspiele anzuschneiden. Also fragen die Moderatoren nach, wie sich sechzig Jahre bundesrepublikanische Geschichte im Geschehen auf dem grünen Hügel widergespiegelt haben. Nike Wagner fasst zusammen: Die Trümmerlandschaft nach dem Krieg habe den abstrakten Inszenierungen vor leeren Tribünen entsprochen. Erst ab Mitte der Fünfziger habe sich das Haus mit dem Wirtschaftswunder wieder gefüllt, um dann in den siebziger Jahren modernistisch vor sich hinzudümpeln. Auch in den Achtzigern "war im künstlerischen Bereich nicht viel los", bis Heiner Müller in den Neunzigern wieder aufrüttelnde Impulse gegeben habe. Und wie steht es heute um die Bayreuther Festspiele? - "Das müssen Sie die Leiterin fragen", sagt Nike Wagner, "ich kann nur über das Festival von Weimar reden". (sb)
Text: Selina Byfield (sb), Sascha Hellmann (sh), Jan Rübel (jr)
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