Die Mauern durchbrechen
Gerd Ruge, Jahrgang 1928, hat als Fernsehjournalist beim Nordwestdeutschen Rundfunk angefangen und als Korrespondent in Moskau und in den USA gearbeitet. Seine Reisen führten in immer wieder nach Russland, China, Afghanistan und Afrika. Überall dort tauchte er in die Alltagskultur ein, um dem heimischen Publikum das Fremde nahezubringen. Seine Bücher, unter anderem Sibirisches Tagebuch und Weites Land bescherten ihm Bestsellererfolge.
Sie sind ja in Hamburg geboren, haben dort aber seit 1948 nicht mehr gelebt. Sie hatten viele Wohnungen in vielen Städten, waren viel auf Reisen. Kennen Sie eigentlich so etwas wie Heimat?
Gerd Ruge: Nein, eine Heimat, an die ich mich gebunden fühle, eigentlich nicht. Ich fühle mich relativ schnell an einem neuen Ort zuhause. Vielleicht liegt es daran, dass ich als Kind nicht im Elternhaus, sondern in zwei Internaten aufgewachsen bin. Ich habe mich früh daran gewöhnt, mit neuen, fremden Situationen zurechtzukommen und einzutauchen.
War Moskau für Sie eine Heimat?
Gerd Ruge: Dort habe ich immerhin in drei Etappen insgesamt fast 15 Jahre gelebt und auch eine ganze Reihe guter Freunde gehabt. Einige von ihnen habe ich in extremen Situationen kennengelernt, das schafft auch Bindung. Als ich erstmals dorthin ging, Mitte der 50er-Jahre, war der Kontakt mit Ausländern für einen Russen eine gefährliche Angelegenheit.
Sie waren in vielen Ländern unterwegs und hielten den Menschen das Mikro hin mit der ganz einfachen Frage: "Und, wie ist Ihr Leben so?" Kostet es Sie Überwindung, auf diese Weise an wildfremde Menschen heranzutreten?
Gerd Ruge: Ich bin niemand, der leicht auf Unbekannte zugeht oder in ihren persönlichen Angelegenheiten wühlen will. Wenn man eine Kamera dabei hat und einen Film machen will, dann ist man dazu gezwungen. Ich muss mich einfach überwinden und an die Leute herangehen.
Sie haben mal gesagt, Sie benutzten die Kamera, um sich den Menschen aufzudrängen.
Gerd Ruge: Genau, die Kamera war für mich das Alibi, wenn ich diese Hemmschwelle überwinden musste, die ich eigentlich habe, um den Menschen auf den Leib zu rücken.
Ist diese Hemmschwelle besonders hoch, wenn Sie in fremden Ländern und Kulturen drehen?
Gerd Ruge: Dort fühle ich mich schon ein bisschen als Eindringling. Aber das muss man aushalten. Ich versuche die Menschen nach Dingen zu fragen, die sie selbst stark beschäftigen. Das ist eine gute Methode, um sich Türen und Herzen zu öffnen. Wichtig ist, dass mein Interesse echt und nicht geheuchelt ist. Außerdem imponiert es den Gesprächspartnern, wenn sie merken, dass man sich gut auf den Besuch vorbereitet hat. Aber das gilt nicht nur für ferne Länder. Mit der richtigen Mischung aus Neugierde und Sachkenntnis knackt man selbst deutsche Ministerialbeamte.
Wie hängen bei Ihnen Reiselust und Journalismus zusammen?
Gerd Ruge: Um ehrlich zu sein: Ich bin Journalist geworden, weil ich gerne reisen wollte.
Sind Sie in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem deutschen Schuldkomplex, den damals viele empfunden haben, ins Ausland gereist?
Gerd Ruge: Ich habe mich nicht belastet gefühlt. Ich wusste aus eigenen Erfahrungen in der Nazizeit, wie viele Deutsche anständig geblieben waren. Deshalb hatte ich auch nicht das Gefühl, für alle Deutschen, auch die schrecklichsten, im Ausland büßen zu müssen. Aber ich habe dennoch immer wieder Erfahrungen gemacht, wie groß die historischen Belastungen in den Augen meiner Gastgeber waren.
Haben Sie Ablehnung erlebt, nur weil Sie Deutscher waren?
Gerd Ruge: Als ich zum ersten Mal nach Amerika kam, mit gerade 22 Jahren, da wurde ich von linken Journalisten zu einer Cocktailparty eingeladen. Als ich der Runde vorgestellt wurde, kam eine Dame auf mich zu, schüttelte mir die Hand und rief aus: "I never saw a real Nazi alive." Das war für einen jungen Menschen wie mich damals schon sehr schockierend.
Gab es solche Erlebnisse auch in anderen Ländern?
Gerd Ruge: Wir drehten in Russland einmal auf einem Marktplatz. Hinten hörte ich, wie ein alter Mann seinen Freund fragte, was denn hier los sei. Der andere antwortete: Nichts Besonderes, die Faschisten machen einen Film. Das war womöglich gar nicht böse gemeint, denn ich habe Russen ansonsten sehr offen im Umgang mit uns Deutschen erlebt.
Wie erklären Sie sich diese Offenheit angesichts der Gräuel, die Nazideutschland in der ehemaligen Sowjetunion angerichtet hatte?
Gerd Ruge: Vielleicht war ein größeres Verständnis dafür da, wie Totalitarismus wirkt. Das habe ich bei Holländern und Engländern manchmal vermisst. Bei intellektuellen Russen, die sich mit den Schrecken des Stalinismus auseinandergesetzt hatten, habe ich weniger Berührungsängste Deutschen gegenüber erlebt.
Sind Sie bei Ihren Reportagen und Filmen einmal in eine Situation gekommen, wo Sie feststellen mussten: Jetzt verstehe ich überhaupt nichts mehr?
Gerd Ruge: Ja, einmal in China, bei einer großen Demonstration. Nach dem Tode des Ministerpräsidenten Tschou En-lai hatten die Leute Angst, dass Maos Frau die Grauen der Kulturrevolution wieder in Gang setzen würde. 80.000 Menschen versammelten sich auf dem Platz des Himmlischen Friedens und demonstrierten sehr still. Da war eine Gruppe, die anscheinend eine Trauerrede auf Tschou En-lai hielt, in Wirklichkeit zitierten sie die Rede, die Engels am Grab von Marx gehalten hatte. Der Protest wurde also so verschlüsselt, dass wir ihn zuerst gar nicht deuten konnten.
Konnten Sie sich in dieser Situation als westlicher Journalist einigermaßen frei bewegen?
Gerd Ruge: Nein. Irgendwann rief jemand: "Da ist ein Ausländer, der fotografiert", und schon kamen Soldaten auf mich zu. Sie wollten unseren Film haben. Wir konnten ihnen den Film aber nicht geben, weil die Menschenmenge uns so gegen eine Wand drängte, dass wir uns nicht bewegen konnten. Das war eine sehr gefährliche halbe Stunde, bis wir den Film herauskriegten und frei gelassen wurden. Zumindest Fotos hatten wir gemacht, besonders alle Sprüche, Gedichte und Plakate auf dem Platz. Erst mit Experten der australischen Botschaft bekamen wir heraus, was eigentlich der Inhalt dieser Proteste war.
Sie haben sowohl in China als auch in Russland oft gearbeitet. Mit welcher der beiden Kulturen kommen Sie besser zurecht?
Gerd Ruge: Die russische Kultur ist uns viel näher, deshalb fand ich dort leichter Anknüpfungspunkte.
Und was empfanden Sie als besonders fremd an der chinesischen Kultur?
Gerd Ruge: Nach der Kulturrevolution damals eigentlich alles. Das, was uns die Menschen sagten, kam oft verklausuliert rüber. Wir wussten selten, was sie wirklich dachten, vor allem auch, was sie fühlten. Emotionen werden in dieser Kultur eher unterdrückt. Die Menschen waren ungemein vorsichtig und Westlern gegenüber zurückhaltend. Sie zeigten uns eine Maske. Und wir konnten nur selten dahinterblicken. Wenn überhaupt, dann in Alltagssituationen.
Warum erschien Ihnen Russland weniger fremd?
Gerd Ruge: Klar, wenn man von Westen aus über Warschau nach Moskau fährt, kommt einem das Leben und die Mentalität sehr östlich vor. Wenn Sie aber von Peking her kommen und den Grenzfluss Amur gen Westen überqueren, haben Sie am Ende Sibiriens das merkwürdige Gefühl, wieder in Europa zu sein. Da gibt es dann alte Geschäftshäuser von deutschen und polnischen Kaufleuten im neogotischen Stil, Plattenbauten und Plakate, die La Traviata ankündigen.
Was zog Sie so oft nach Russland und Sibirien?
Gerd Ruge: Die Sprache gefiel mir, deshalb habe ich sie gerne gelernt. Und die Mentalität vieler Russen liegt mir ebenfalls. Hinter den ideologischen Mauern, die ich in den 50er- und 60er-Jahren erlebt habe, traf ich auf eine große Offenheit. Die Menschen gingen aus sich heraus, schimpften, feierten, weinten - diese ausgelebte Emotionalität gefiel mir.
Sie sprechen in der Vergangenheit. Ist das Kapitel Russland für Sie abgeschlossen oder haben Sie noch ein paar Bücher in Moskau?
Gerd Ruge: Nein, die Wohnung dort habe ich vor einem Jahr aufgegeben. Aber ich schreibe gerade ein Buch über das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen und fahre deshalb immer mal wieder nach Russland, um zu sehen, was sich unter Putin in dieser Hinsicht verändert.
Wie gehen Sie bei Auslandsrecherchen mit eigenen kulturellen Filtern und persönlichen Wertungen um - kann man die zurückhalten oder beeinflussen sie automatisch die Reportagen?
Gerd Ruge: Man muss versuchen, sich möglichst zurückzuhalten. Ich berichte ja nicht über meinen Seelenzustand, sondern über den der andern. Es ist eine Sache, über ein Geschehen zu informieren, und eine andere, es zu kommentieren. Wenn ich diese Ebenen klar auseinanderhalte, kann ich mit meinen eigenen kulturellen Filtern ganz gut leben.
Aber können wir die Werte anderer Kulturen überhaupt verstehen? Oder laufen Journalisten nicht Gefahr, alles, was sie sehen, stets durch die eigene Brille zu interpretieren - und damit der örtlichen Kultur und den Menschen nicht gerecht zu werden?
Gerd Ruge: Diese Gefahr ist tatsächlich groß. Ein Journalist muss versuchen, die Menschen im Kontext ihrer Situation, ihrer Geschichte von Literatur, Theater und Musik zu verstehen, muss den ganz eigenen Zusammenhang darstellen und respektieren.
Kann Journalismus Verständnis für die Andersartigkeit wecken und dadurch zur Völkerverständigung beitragen?
Gerd Ruge: Für mich ist das eine ganz wichtige Aufgabe. Journalisten können interessante, faszinierende und anschauliche Zugänge zu Menschen in der Fremde schaffen, zu deren Motiven, Verhaltensweisen und Gefühlen. Dieses Wissen schafft die Grundlage für Verständnis und Toleranz.
Heute reisen immer mehr Menschen ins Ausland. Braucht man Journalisten als Kulturerklärer vielleicht gar nicht mehr?
Gerd Ruge: Sicher, Reisen bildet, und das ist ein Segen, der heute viel mehr Menschen zugutekommt. Aber Auslandskorrespondenten leben längere Zeit in ihrem Gastland, dadurch bekommen sie viel tiefere Einblicke als jemand, der das Geschehen als Urlauber und nur vom Hotel aus sieht. Deshalb ist unser Beruf gerade in Zeiten der Globalisierung wichtig. Heute sind alle von allen abhängig, rund um den Globus. Da ist das Wissen über die Motive von anderen Völkern und Kulturen wertvoll wie nie.
Aber Medien verzerren das Bild auch. Wenn es zu Gewalt zwischen Christen und Muslimen kommt, dann hagelt es Schlagzeilen über den angeblichen Kampf der Kulturen. Bräuchten wir nicht mehr Berichte darüber, wo das interkulturelle Zusammenleben funktioniert?
Gerd Ruge: Das wäre sicher förderlich. Unsere Aufgabe ist es, die verborgenen Motive offenzulegen, die hinter Gewaltkonflikten liegen. Und das sind oft nicht kulturelle oder religiöse, sondern in Wirklichkeit machtpolitische. Oder schlicht pure Armut und Verzweiflung von Volksgruppen. Es wäre unklug, Konfrontationen zu leugnen. Aber das tägliche Gelingen im interkulturellen Zusammenleben, der funktionierende Frieden sollten ebenfalls Thema sein.
Auszüge aus dem ursprünglich einstündigen Gespräch, geführt von Peter Felixberger und Michael Gleich.
Foto: Christoph Püschner, Redaktion Zeitenspiegel







