print 

Kein Reservat unter der Käseglocke

Von Helge Bendl (Text) und Uli Reinhardt (Fotos)

Wie im regionalen Naturpark Massif des Bauges die Erhaltung von Traditionen und Landschaft mit wirtschaftlicher Entwicklung kombiniert wird.

Abends ist es am schönsten. Wenn die Sonne ein letztes Mal Kraft schöpft und die schroff aufragenden Kalksteinfelsen zum Leuchten bringt und unten im Tal, das schon im Schatten liegt, Bauernhaus für Bauernhaus die Lampen angeknipst werden. Cocotte, Fanny und Vanette stehen dann in einer verlassenen Scheune und warten auf ihr Abendbrot. Das bringt ihnen Bernard Pascal. Der 58-Jährige geht immer zuerst bei seinen drei Eselinnen vorbei, dann führt er seine Ziegen zur Melkmaschine. Die Landschaft und das Leben von Allèves, auf 600 Metern Höhe am Rande des Naturparks Massif des Bauges gelegen, erscheinen Touristinnen und Touristen aus der Stadt wie unberührt.

Die Region war schon immer abgeschieden und hat nur wenig vom Massentourismus abbekommen, der andernorts die französischen Alpen heimgesucht hat. Es hat ihr gut getan: Die Kulturlandschaft aus Wald und Weiden hat sich seit Jahrzehnten nur wenig verändert. Um den Charakter der Landschaft zu erhalten und ihre Ressourcen zu nutzen, wurde vor zwölf Jahren ein Naturpark gegründet.

"Damit das klar ist: Wir wollen weder eine Käseglocke über das Massiv stülpen, noch sind wir ein Reservat, in dem Mensch und Natur zur Besichtigung durch Touristen freigegeben sind", sagt Olivier Claude, der Leiter des regionalen Naturparks Massif des Bauges. "Manchen Umweltschützern sind wir vielleicht zu lasch, manchen Politikern zu restriktiv. Diesen Konflikt müssen wir nicht nur akzeptieren, wir müssen ihn austragen: Der Park soll ein Raum sein, in dem man sich darüber auseinandersetzen kann, was die richtige Strategie für eine nachhaltige Entwicklung ist." Die Charta des Schutzgebiets, Ende 1995 von 58 Gemeinden der Départements Savoie und Haute-Savoie unterzeichnet, lebt deshalb weniger von Restriktionen als von Zielvorstellungen: die Erhaltung des Natur- und Kulturerbes, die Entwicklung der regionalen Wirtschaft und die Lenkung von Besucherinnen und Besuchern. Trotzdem sind ein paar der Gründungsgemeinden wieder ausgetreten, weil ihnen der Rahmen der Charta zu eng war. Aber es sind mehr neue dazugekommen.

Die Idee von Naturparks gibt es in Frankreich schon lange: Im Herbst 1966 kamen in Lurs-en-Provence gut 100 Menschen zu einer Studienwoche zusammen, um ein Konzept zu entwickeln. "Architekten, Künstler, Landwirte, Geographen, Biologen, Funktionäre, Politiker: Es war eine sehr bunte Mischung", erzählt Jean-Pierre Feuvrier. Der heute 71-Jährige war damals Förster und sollte den Park Vercors in der Region Rhone-Alpes aufbauen. Um auf seine zukünftige Arbeit vorbereitet zu sein, absolvierte er zunächst einen zweimonatigen Kurs, in dem er von Spezialisten aus den Bereichen Naturschutz, Landschaftsplanung und Wirtschaftsentwicklung unterrichtet wurde.

Dann begann eine zehnmonatige Reise über 100.000 Kilometer: Vor allem in Europa, aber auch in Japan, den USA und Kanada informierten sich die designierten Naturpark-Leiter darüber, wie ihre Kollegen in anderen Ländern Probleme lösten oder vor welchen Herausforderungen sie standen. "In Griechenland lag ein Schwerpunkt auf dem Schutz des Kulturerbes. In den USA haben wir im Yellowstone-Nationalpark viel über gute Besucherinformation erfahren.", gibt Feuvrier einige Beispiele. "Und wir haben gelernt, dass wir das Wissen der lokalen Bevölkerung nutzen und auf ihre Wünsche eingehen müssen. Im damals noch sehr zentralistisch geprägten Frankreich war dies etwas ganz Neues." Und noch einen Gewinn brachte die Reise: viel Motivation. "Wir haben gesehen, dass es irgendwo auf der Welt schon eine Lösung für ein Problem gibt, das uns zunächst als kaum lösbar erschienen war."

Wie im Yellowstone-Park gibt es heute auch im Massif des Bauges verschiedene Informationsstellen und Beschilderungen, die Touristen auf die richtigen Wege von den Seen Annecy und Bourget über die Pässe ins Bergland leiten und sie dort informiert ankommen lassen. Doch das ist nur der sichtbare Teil. Vieles von dem, was die Naturparkverwaltung mit ihren gut 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern leistet, geschieht im Verborgenen. "Die meisten Gemeinden im Park sind zu klein, um sich in der Verwaltung Experten für Naturschutz und Wirtschaftsentwicklung, für Bebauungspläne und Probleme der Landwirtschaft leisten zu können", sagt Naturpark-Chef Claude. "Wir beraten diese Gemeinden und helfen auch Unternehmen, wenn die Geschäftsziele ihres Betriebs mit denen des Parks übereinstimmen." Mit Hilfe des Naturparks können Fördermittel leichter abgerufen werden; auch im Marketing der typischen Produkte der Region ist vieles einfacher geworden.

Der Park hat die Initiative der Ziegenbauern aufgenommen und für Ziegenkäse und für den im Massif des Bauges seit Generationen hergestellten Kuhmilchkäse eine eigene geschützte Herkunftsbezeichnung erreicht, in Frankreich unter dem Begriff AOC (Appellation d?origine controllée) bekannt. Dank des Namens "Tome des Bauges" vermarkten die Molkereien und die Landwirte ihren Käse nun deutlich besser als früher. Touristinnen und Touristen nehmen gerne ein essbares Souvenir mit nach Hause und erinnern sich später im Supermarkt wieder an den Namen, wenn sie vor der Käsetheke die Qual der Wahl haben.

"Tja, die lieben Kühe", sagt Benoit Bonneton mit feinem Lächeln, "sie liefern Milch und Fleisch, aber sorgen manchmal auch für Probleme." Bauern haben berichtet, dass sich Neubürger, die aus dem Flachland zugezogen sind, über das Gebimmel der Kuhglocken beschwert hätten und darüber, dass die Tiere bisweilen störrisch wie Esel die Wege blockieren ? natürlich genau am Morgen und am Abend, wenn es die Autofahrer auf dem Weg zur Arbeit besonders eilig haben. Nur eine skurrile Lokalposse? Natürlich, doch für Bonneton liegt der Grund des Missverständnisses tiefer: "Man merkt immer wieder, dass es kaum Kommunikation gibt zwischen denen, die schon seit Generationen im Massiv wohnen, und denjenigen, die erst seit kurzer Zeit hier leben", sagt der 28-Jährige. Bonneton selbst ist relativ neu im Massif, jedenfalls nach den dortigen Maßstäben: Sechs Jahre gelten als ziemlich kurz. Doch auch Alteingesessene schätzten ihn als Organisator von Kulturprogrammen für die Kooperative Oxalis. Nun hat er zusammen mit anderen etwas Außergewöhnliches auf die Beine gestellt, um den Austausch untereinander zu fördern: Mitte 2007 ging "Radio Alto" mit einem 24-Stunden-Programm auf Sendung.

"Drei Jahre hat es gedauert, bis wir so weit waren. Niemand von uns hatte auch nur den Hauch einer Ahnung, wie man überhaupt Radio macht", erzählt Bonneton. Am Anfang stand nur eine Idee. In alle Briefkästen der Region wurden Fragebogen verteilt, um das Interesse an einem lokalen Radiosender abzuklären. Heute sind dreissig Helfer im Team, Frauen und Männer im Alter von 19 bis 72 Jahren, Alteingesessene wie Neubürger. Die meisten arbeiten ehrenamtlich, doch mit Hilfe von Fördergeldern konnten auch ein paar 50-Prozent-Stellen geschaffen werden. "Die internationalen und nationalen Nachrichten lassen wir uns zuliefern. Die Lokalnachrichten, das Musikprogramm, die Wortbeiträge und die Moderation machen wir selbst.", erklärt Bonneton. "Radio Alto soll zu einer Kommunikationsplattform für das ganze Massiv werden."

Künstler der lokalen Theater- und Musikgruppe La Gueudaine erzählen im Ein-Zimmer-Studio des Senders von ihrer neuen Produktion. Nebenan sitzt Bonnetons Kollegin mit Kopfhörern am Computer und schneidet einen Bericht über die Mühle von Monsieur Morand, wo man selbst gesammelte Walnüsse abgeben und zu Öl pressen lassen kann. Und Bonneton holt Mikrofon und Aufnahmegerät aus dem Regal, setzt sich ins Auto und fährt zum Vorsitzenden des Bauernvereins im Park. Die Irritationen um die Kühe und ihre Glocken ist für den Radiojounalisten ein Anlass für eine Reportage über die Rolle der Kühe für die nachhaltige Entwicklung des Massifs.

Cédric Laboret hat einen festen Händedruck. Man merkt ihm nicht an, dass er schon seit fünf Uhr früh im Stall bei seinen 60 Milchkühen arbeitet, sie gemolken hat und dann gefüttert mit dem Heu des vergangenen Sommers. Das Gehöft des 27-Jährigen liegt oberhalb von Lescheraines. Von hier hat man einen guten Blick ins Tal mit seinen hunderterlei Schattierungen in Grün. "Dort wäre jetzt Wald. Dort auch. Und dort, und dort", erklärt der Landwirt dem Journalisten, und zeigt in alle Himmelsrichtungen. "Überall würden Bäume wachsen, gäbe es nicht die Bauern mit ihren Kühen. Touristen lieben diese Landschaft, aber sie wissen nicht, dass wir sie geschaffen haben und Tag für Tag erhalten." Die Sache mit den Kuhglocken sei eine Nichtigkeit, lacht er, da werde man sich arrangieren. Wichtiger ist ihm das Verständnis für die besondere Rolle der Landwirte. "Wir haben hier schwieriges Terrain, sehr steil und mit viel Schnee im Winter. Es gibt wenig Platz: Wir können unsere Flächen nicht erweitern. Jedes neu gebaute Haus frisst ein Stückchen nutzbares Land."

Laboret hat nach Möglichkeiten gesucht, um den Landwirten ihre Arbeit besser vergüten zu können. "Dass wir etwas tun müssen, war besonders nach der Krise mit dem Rinderwahnsinn offensichtlich. Unser Fleisch war trotz seiner besonderen Qualität im Laden einfach nichts mehr wert. Zum Teil wurde es für einen Euro pro Kilo verschleudert." Nun hat der Park den Landwirten erlaubt, eine von den Naturparks entwickelte Marke auch für das Rindfleisch aus dem Massiv zu verwenden - das hilft bei der Vermarktung.

Die Idee, Produkte aus dem Gebiet eines Naturparks mit der Marke "Park" aufzuwerten, ist nicht neu. Andere französische Naturparks haben es vorgemacht. Stets geht es um Dinge, die typisch sind für die Region und bei deren Produktion die Umwelt keinen Schaden nimmt. Und es geht um die Menschen: Die besondere Auszeichnung soll dazu beitragen, dass bei Herstellung und Weiterverarbeitung der Produkte in strukturschwachen Regionen Arbeitsplätze erhalten und neue geschaffen werden.

So muss, wer Rindfleisch mit der Marke "Park" verkaufen will, nachweisen, dass die Tiere auf dem Territorium des Parks geboren, aufgewachsen und auch hier geschlachtet worden sind, erklärt Laboret. 80 Prozent ihrer Nahrung müssen aus dem Park stammen, und das Fleisch muss vor Ort vermarktet werden. Eine Reihe von weiteren Vorschriften und Einschränkungen soll sicherstellen, dass so nachhaltig und umweltschonend wie möglich produziert wird.

Marken für Rindfleisch, für von Hand geschlagenes und entrindetes Holz und inzwischen auch für naturnahe und authentische Gästehäuser: Solche Projekte sollen im Massif des Bauges dazu beitragen, dass Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region Bestand haben. Wie groß der wirtschaftliche Einfluss der regionalen Naturparks insgesamt ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Für das Leben im ländlichen Frankreich spielen sie jedenfalls eine große Rolle: 40 Jahre nach der Gründung des ersten regionalen Naturparks nehmen die Schutzgebiete heute 13 Prozent der Landesfläche ein; in den knapp 3500 beteiligten Kommunen leben drei Millionen Menschen. Zwischen 18.000 und 31.000 Arbeitsplätze seien durch die Aktivitäten der Parks entstanden, steht in einer Studie des französischen Umweltministeriums, vor allem in den Bereichen Tourismus, Handel und bei der Herstellung spezialisierter Produkte.

Doch nicht jede Geschäftsidee, die Arbeitsplätze schaffen könnte, findet die Unterstützung des Parks. So fahren Einheimische und Touristen vierrädrige Quads, geländegängige Motorräder, die von Firmen in der Region verliehen werden. "Menschen und viele Tierarten werden durch den Lärm gestört", sagt Naturpark-Leiter Olivier Claude. Die Gemeinden haben die Parkverwaltung gebeten, an einem runden Tisch mit allen Beteiligten Lösungen zu erarbeiten. Claude fordert eine fein abgestimmte Nutzungsordnung für die Straßen, wie sie im Gesetz bereits vorgesehen ist: Ihre Benutzung mit Motorfahrzeugen ist demnach nur zu beruflichen Zwecken gestattet. So dürften beispielsweise auch die Landwirte mit ihren Quads die Strassen nur für landwirtschaftliche Zwecke benützen, nicht aber zum Freizeitvergnügen.

Dabei da müssen die Gemeinden jedoch mitspielen. Anders als in einem Nationalpark, wo der Schutz der Natur im Vordergrund steht, haben die Verantwortlichen im Naturpark keine Möglichkeit, selbst Verbote oder Einschränkungen auszusprechen - das bleibt Sache der Kommunen. Indirekt kann die Naturparkverwaltung dennoch Einfluss nehmen. Als jüngst ein Unternehmer einen Motorschlitten-Parcours bauen wollte, empfahl die Parkverwaltung der betroffenen Gemeinde, zuerst nur für ein Jahr die Genehmigungen zu erteilen, und dann erneut zu beraten. Nicht immer ist die Parkverwaltung von anderen Behörden abhängig. Das Management von Flächen im Park, die nach den Kriterien der als "Natura 2000" bekannten Richtlinien der Europäischen Union besonderen Schutz verdienen, gehört genauso zu ihren Aufgaben wie die Inventarisierung der Artenvielfalt.

Mit ihrem Know-How stehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Parks auch denen zur Verfügung, die umweltverträglich wirtschaften wollen. So wurden mit einigen Landwirten Verträge zur nachhaltigen Nutzung bestimmter Almwiesen abgeschlossen, weil dort das Alpen-Mannstreu wächst und das Birkhuhn seinen Lebensraum hat. Nach der Besichtigung des Projektes "Blühende Wiesen" im Rahmen des Marktentlastungs- und Kulturlandschaftsausgleichs (MEKA) im deutschen Bundesland Baden-Württemberg entwickelte der Park ein ähnliches Programm. Danach bekommen Landwirte Finanzhilfen, wenn sie sich um die Artenvielfalt auf den von ihnen bewirtschafteten Flächen verdient machen. Und erst neulich erarbeitete die Parkleitung zusammen mit Kletterern einen Plan, welche Felsen für den Sport zur Verfügung stehen sollen und auf welchen die an den Kalkstein angepasste Flora und Fauna Priorität hat.

"Im Grunde genommen steckt hinter dem Konzept der Naturparks eine sehr alte Idee, die hier in der Region tief verwurzelt ist", sinniert Bernard Pascal, der Ziegenkäse-Produzent mit den drei Eselinnen aus Allèves. "Die Bauern hier haben ihr Land schon immer nachhaltig bewirtschaftet." So war es für die Menschen hier letzten Endes nicht unbedingt schlimm, dass es manche Neuerung aus dem Tal nie über die Pässe schaffte. Die Berge sind nicht zugepflastert mit Ferienwohnungen reicher Städter, die Skistationen klein und familiär, und man stellt immer noch die gleichen guten Produkte her wie früher. "Trotzdem darf niemand einer Region das Recht nehmen, sich zu entwickeln", sagt Pascal. "Ein regionaler Naturpark ist wahrscheinlich die beste Möglichkeit, im richtigen Tempo und in die richtige Richtung zu gehen - und dabei die alten Werte in die neue Zeit mitzunehmen."

> Wir Alpen!