Wenn reden Gold ist
von Toni Keppeler (Text) und Rainer Kwiotek (Fotos)
In Hinterstein im Oberallgäu stritten sich Jäger und Förster, wer Schuld sei am traurigen Zustand des Schutzwalds über dem Dorf. Getan wurde nichts. Eine Umweltmediation löste den Konflikt.
Im Grunde erscheint es ganz einfach: Man muss nur miteinander reden. Doch bisweilen ist das gar nicht so leicht; zumal in einem Dorf wie Hinterstein im Oberallgäu, wo nicht einmal 500 Menschen wohnen und wo man daran gewohnt war, Konflikte lieber Jahrzehnte lang vor sich hinschwelen zu lassen als sie offen und fair auszutragen. Dabei war das Problem offensichtlich: Das Dorf entlang der Straße auf der rechten Seite des Ostrachtals ist gefährdet. Gleich hinter den letzten Häusern am Ortsrand steht der Zipfelschrofen, steil fast wie eine Wand. Der Zipfelsbach stürzt in Kaskaden herunter. Der Wald links und rechts der Wasserfälle soll das Dorf im Winter vor Lawinen schützen, im Sommer vor Muren und Steinschlag. Er kann es nicht, licht wie er ist. So gut wie jeder dritte Baum ist dürr und ohne Ast, dazwischen immer wieder kahle Stellen. Die Forstverwaltung versucht, diese mit jungen Fichten zu füllen. Ein langwieriges Geschäft: In einer Höhe von um die 1500 Meter wachsen die Bäumchen nur ein paar Zentimeter im Jahr. Was da herunterstürzt, wird von nichts aufgehalten. Erst vor ein paar Wochen ist dem Biobauern Sepp Agerer ein Tonnen schwerer Steinbrocken in den Garten gefallen. Wenn an dieser Stelle ein Kind gespielt hätte?
Dass der Schutzwald über Hinterstein nicht mehr hält, was sein Name verspricht, ist lange bekannt. Schon 1954 kam eine Lawine herunter und hat ein Schwimmbad völlig zerstört und Schaden an etlichen Häusern angerichtet. Auf der anderen - unbewohnten - Talseite gingen immer wieder riesige Muren ab. Mehr als ein paar Heuschober konnten sie dort nicht mitnehmen. 1990 richteten die Stürme Wiebke und Vivian riesige Waldschäden an, danach kam der Borkenkäfer.
Zwar hatte das Wasserwirtschaftsamt schon in den sechziger Jahren damit begonnen, die gefährlichsten Schneisen im Schutzwald mit Stahlverbauungen abzusichern. Und seit 1988 hat die Forstverwaltung Jungpflanzen gesetzt, die zum Teil von Böcken aus Kastanienholz geschützt werden. Sie hat den Borkenkäfer bekämpft und besonders kritische Stellen so intensiv gepflegt, dass sogar einzelne Bäumchen einen eigenen Schutzzaun bekamen. Insgesamt rund 2,5 Millionen Euro wurden in den Wald investiert, und trotzdem ging es ihm immer schlechter. Die Hintersteiner aber schoben die Schuld am Problem nur vom einen zum anderen.
Die Förster sagten, die Jäger schössen nicht genügend Wild, weshalb in jedem Winter die aus dem Schnee lugenden Jungpflanzen abgefressen würden. Die Jäger wiederum zeigten auf die Tourismus-Veranstalter, die Skitouren-Gänger oberhalb des Schutzwaldes vorbei führen und damit das Wild erst in die heikle Fläche treiben würden. Oder auf die Eiskletterer, die im Winter die gigantischen Eiszapfen des Zipfelsbachs hinaufkraxeln, weshalb die Tiere nur noch tiefer in den Schutzwald hinein flöhen. Oder auf die Betreiber der Zipfelsalp, die immer wieder ein Stück Wald rodeten, weil die Europäische Union dort oben nur Weidefläche, nicht aber Wald subventioniert. Und als dann Jakob Adelgoß, der Erste Vorsitzende der Jagdgenossenschaft, tatsächlich einmal ernst machte und den Wildbestand drastisch reduzieren wollte, da bekam er Todesdrohungen. Die Lage war ernst ? und völlig verfahren. Es bedurfte einer Frau, um den Konflik zu lösen.
Forstoberrat Klaus Dinser ist auf diese Idee gekommen. Er ist ein geselliger Mann von 48 Jahren, der beim Gang durch den Schutzwald immer wieder stehen bleibt, sich auf seinen langen Wanderstab stützt und frei von der Leber weg plaudert. "Das ist mein Stil", sagt er. "Ich bringe gerne Menschen zusammen, um Probleme zu lösen." Doch im Fall des Problems in Hinterstein konnte er das nicht. Er ist Leiter der Funktionsstelle Schutzwaldmanagement und deshalb eine am Konflikt beteiligte Partei. Also rief er beim Lehrstuhl für Wald- und Umweltpolitik der Technischen Universität München an, und der dortige Lehrstuhlinhaber Michael Suda wusste eine Lösung: Eine Mediation, die alle Beteiligten an einen Tisch bringt. Als Leiterin des Verfahrens schlug er Gaby Müller vor, eine junge Forstwissenschaftlerin, die eben aus dem Entwicklungsdienst zurückgekommen war.
Das war 2002. Müller war gerade 29 Jahre alt. Es war ihr erster Job in Deutschland. Aber unerfahren war sie nicht. "Es ist ja nicht so, dass wir nur Bäumchen pflanzen im Entwicklungsdienst." In Kamerun, Südafrika und in der Mongolei hatte sie "auch schon mit Konfliktmanagement zu tun". Vom Wald versteht sie als Forstwissenschaftlerin ohnehin etwas. Dazu besitzt sie einen Jagdschein. Und sie kommt ebenfalls aus dem Allgäu und versteht den herben im Ostrachtal gesprochenen Dialekt. Lauter gute Voraussetzungen also. Aber da war ihr Alter, und da ist ihr Geschlecht. Beim Konflikt um den Schutzwald in Hinterstein musste sie mit lauter gestandenen Männern verhandeln. "Am Anfang habe ich mich gefragt, ob die das wohl hinkriegt", erinnert sich Herbert Wechs, der Zweite Vorsitzende der Jagdgenossenschaft. "Ich hätte nicht gedacht, dass sie so stark ist."
Müller und die Hintersteiner betraten damals Neuland. Zwar hatte es in Deutschland bereits rund hundert so genannter Umwelt-Mediationen gegeben: Außergerichtliche Verfahren, an denen die Beteiligten eines Konflikts freiwillig teilnehmen und unter der Leitung eines Mediators oder einer Mediatorin nach einer Lösung suchen. Meist handelte es sich dabei um Straßenbau-Projekte oder Bebauungspläne. An den Konflikt zwischen Forstwirtschaft und Jagd aber hatte sich noch niemand herangetraut. Und das, obwohl der nicht nur in Hinterstein, sondern in unzähligen Gemeinden der Alpen für Ärger sorgt. Vielleicht, weil dieser Konflikt ganz besonders emotionsbeladen ist. "Die Jagd im Gebirge hat den Flair von Freiheit", weiß Müller. "Das ist eine Ehrensache, eine Herzensangelegenheit. Da geht es schnell sehr deftig zur Sache." Und im Traditionen verpflichteten Hinterstein ganz besonders. "Der Prinzregent von Bayern war hier lange Jagdherr", erzählt Roman Haug, der Bürgermeister von Bad Hindelang, zu dessen Kommune Hinterstein gehört. "Die Jagd hat hier einen ganz besonders hohen Stellenwert." Zudem stand eine ganze Menge Geld auf dem Spiel: Betuchte Hobbyjäger aus der Großstadt legen bis zu 10.000 Euro auf den Tisch, wenn sie dafür einen starken Hirsch erlegen und sein Geweih mit nach Hause nehmen dürfen. Je größer der Wildbestand, desto leichter lassen sich solch potenten Jagdgäste locken.
Aber es ging ja nicht nur um die Jäger. "Ich wollte alle im Boot haben, auf die man irgend eine Schuld schieben konnte", erinnert sich Müller. Und so waren es dann 20 Männer, Vertreter von 13 am Konflikt beteiligten Gruppen: Natürlich die Jäger des Gebiets und die Jagdgenossenschaft Hindelang, in der die das Jagdrecht besitzenden Grundstückseigentümer zusammengeschlossen sind. Dazu der Hegering Hindelang und die Untere Jagdbehörde Oberallgäu. Von der Gemeinde Bad Hindelang waren der Jagdreferent und der Waldwart mit dabei, der Bürgermeister und zwei Gemeinderäte. Die Forstverwaltung wurde von der Funktionsstelle Schutzwaldsanierung und vom Forstamt Sonthofen vertreten, als weitere Behördenvertreter saßen je ein Vertreter des Wasserwirtschaftsamts Kempten und der Unteren Naturschutzbehörde Oberallgäu mit am Tisch. Die Sektion Allgäu-Immenstadt des Deutschen Alpenvereins vertrat die Tourismus-Seite. Die Alpgenossenschaft Zipfelsalp schickte einen Vertreter und die von Steinschlag und Lawinen bedrohte Bevölkerung von Hinterstein zwei.
Bezahlt wurde das etwa eineinhalb Jahre dauernde Verfahren mit Fördergeld vom Landwirtschaftsministerium in München. Es war ein Pilotprojekt, wissenschaftlich begleitet von der Technischen Universität. Gaby Müller hat die dabei gesammelten Erfahrungen später zu einer Doktorarbeit ausgebaut. Hätte es diese Unterstützung nicht gegeben, hätte die Gemeinde Bad Hindelang rund 40.000 Euro dafür ausgeben müssen. Ein Klacks im Vergleich zu den 2,5 Millionen Euro, die in den Jahren zuvor in den Schutzwald investiert worden waren. Und trotzdem wäre es fraglich gewesen, ob der Gemeinderat das Geld in die Hand genommen hätte. In Zeiten knapper Kassen, sagt Bürgermeister Haug, "finanziert der Rat lieber etwas, das man unmittelbar sieht". Bei einem Mediationsverfahren aber ist der Erfolg nicht garantiert. Unter den gegebenen Bedingungen jedoch mussten die Gemeindevertreter nur Zeit investieren, "und diese Zeit war gut investiert", resümiert Haug.
Das erste Treffen aller beteiligten Parteien fand am 21. Oktober 2002 statt. Da ging es zunächst nur um den Ablauf des Verfahrens und um das gegenseitige Kennenlernen. Danach nahm sich Müller jede Gruppe einzeln vor, um mit ihr den Konflikt zu analysieren. "Da hat es oft bloß Beschimpfungen gehagelt", erinnert sie sich. Beim zweiten so genannten Mediationsforum wurde ein Mediationsvertrag abgeschlossen, der die Regeln der Zusammenarbeit und das Abstimmungsverfahren festschrieb. Danach versuchte Müller, den Konflikt um den Schutzwald in verschiedene Diskussionsfelder aufzuteilen. "Ich wollte den Streit versachlichen, ihn weg bringen von den beteiligten Personen." Das war nicht immer einfach. Zum einen gab es zum Teil erhebliche Informationslücken: "Viele wussten gar nicht richtig, was ein Schutzwald eigentlich ist." Bei einer Waldbegehung wurde den Beteiligten das Problem drastisch vor Augen geführt. Und dann waren über den eigentlichen Konflikt im Lauf der Jahre persönliche Animositäten gewachsen. Viele redeten nicht oder nur noch das Nötigste miteinander. Vielleicht war es da von Vorteil, dass eine Mediatorin und nicht ein Mediator die Runde leitete. "Man ging ritterlicher miteinander um", sagt Bürgermeister Haug. Und Herbert Wechs von der Jagdgenossenschaft, glaubt: "Ohne sie wäre es sicher heftiger hergegangen."
Müller hatte in der Entwicklungsarbeit eine ganze Klaviatur von Methoden gelernt, mit der man eine Gruppe aus einer solch verfahrenen Situation herausführen kann. So ließ sie die Konfliktparteien ihre Sicht der Probleme auf Kärtchen schreiben, um die dann später gemeinsam hierarchisch zu ordnen. Den Männern in der Runde hat das nicht immer gefallen. "Das mit den Kärtchen, das war schon ein bisschen wie im Kindergarten", erinnert sich Jagdgenosse Adelgoß schmunzelnd. Doch die Methodik hatte Erfolg: "Nach einem halben Jahr haben wir begonnen, wie vernünftige Menschen miteinander zu reden." Genau das war das Ziel der Übung. Nach der ersten Hälfte des Mediationsverfahrens "hatten alle ihre ursprünglichen Forderungen vergessen und waren kooperativ", erinnert sich Müller. Dann ging es nur noch darum, einen detaillierten Maßnahmenkatalog auszuhandeln und diesen am Ende in einem für alle verpflichtenden Vertrag festzuschreiben.
Dieser Vertrag wurde am 9. März 2004 bei einer Pressekonferenz und noch am selben Abend bei einer Bürgerversammlung in Hinterstein vorgestellt. Verlierer gibt es in diesem Abkommen nicht. Die Jäger müssen zwar mehr schießen, sind aber gleichzeitig weniger Restriktionen unterworfen: Das Nachtschuss-Verbot wurde gelockert. Die Forstverwaltung verpflichtet sich, in bestimmten Gegenden keine Weißtannen mehr zu setzen. Die mag das Wild nämlich ganz besonders. Die Jagdgenossenschaft aber muss, werden sie abgefressen, höhere Verbiss-Bußgelder bezahlen als für andere Bäume. Im Tal wurden drei Wildfütterungen geschlossen, die im Winter eine Attraktion für Touristen waren. Dafür wurde eine andere abseits des gefährdeten Gebiets errichtet. Die Zipfelsalp stellte dafür den Grund zur Verfügung und verpflichtete sich, Erweiterungen ihrer Weidefläche zu Lasten des Waldes in Zukunft mit den anderen Gruppen abzusprechen. Die Eiskletterer werden auf Informationstafeln gebeten, nur noch zwischen 10 und 15 Uhr zu kraxeln. An der Bergstation des nahen Iseler-Lifts, dem Ausgangspunkt für Touren in der Gegend, werden Skitouren-Gänger auf einer Informationstafel darum gebeten, die Route oberhalb des Schutzwalds zu meiden. Der Deutsche Alpenverein bemüht sich darum, dass diese Routen aus den einschlägigen Führern genommen werden. Jeder gibt ein bisschen und am Ende gewinnen alle. Ein Kompromiss eben, einer von der guten Sorte.
Noch immer treffen sich die an der Mediation beteiligten Gruppen einmal im Jahr, um zu überprüfen, ob die Ergebnisse des Verfahrens auch umgesetzt werden. Beim ersten Mal war Gaby Müller noch mit dabei. Auch zum zweiten Treffen wurde sie eingeladen, aber da war sie gerade Mutter geworden und blieb zu Hause bei ihrem Sohn. Doch die ehemaligen Konfliktparteien kamen auch ohne sie zurecht. Niemand denkt daran auszusteigen. "Da spielt sicher auch der soziale Druck in so einer kleinen Gemeinde eine Rolle", sagt Forstoberrat Dinser. Es soll ihm recht sein. Der Schutzwald erholt sich ganz langsam. Zwei Waldbrände haben diesen Prozess zwar noch einmal zurückgeworfen. Aber "wenn die Situation so bleibt, wie sie jetzt ist", sagt Dinser, "sind wir in 15 Jahren auf der sicheren Seite."







